"Besten Dank, und gute Fahrt", hatte ich bloß gesagt und es gar nicht so gemeint. Auf der winzigen Hebrideninsel Tanna können sich fix vereinbarte Fahrpreise rasch vervierfachen, und der Fahrer des ältlichen Toyota-Pickup hatte plötzlich einen hervorragenden Einfall gehabt. "Taxi-Money" wollte er, oder so ähnlich. Eine lange Stunde war es quer über die schwarzen Lava-Schlammpisten am Fuß des Yasur-Vulkans gegangen, mit langen Palavern unter mächtigen Bäumen um den Preis von Maniok und Taro. Gemeinsam mit zwölf Menschen und zwei Schweinen, auf der Ladefläche, geduckt unter schmutzigen Planen gegen die Regengüsse Melanesiens. Taxis sehen anders aus. Und auf Tanna gibt es übrigens gar keine. Dafür viel Zeit für Verhandlungen.

Dreißig Minuten später war er immerhin noch um den doppelten Fahrpreis reicher und kurz darauf um vier Reifen ärmer – geplatzt, ohne jeden Grund. "Du musst ein böser Zauberer sein", sagte Mary von Johnson’s Guest House, nachdem die böse Kunde rasch die Runde gemacht hatte. Sonst tut sich schließlich nicht gar so viel hier, und Fremde kommen höchstens alle paar Wochen. Deswegen ist man besonders freundlich zu den einzigen Gästen in den drei neuen Bambus-Bungalows, fegt den Sandboden täglich und besorgt auch Zusatzkerzen für die nächtliche Wanderung zur Klohütte am Abhang zum Meer. Wasser gibt es keines, auch keinen Strom, dafür das nächtliche Knirschen von Kakerlaken in den Bastmatten hinter dem Moskitonetz und den grollenden Vulkan gleich hinter den struppigen Banyanbäumen. 13 Euro kostet die Nächtigung, wer es soweit schafft – billig ist anderswo, jedenfalls nicht im Südpazifik, und Feilschen müßig.

Nicht nur Autobesitzer sind mächtig im Inselreich von Vanuatu, vor allem auf Tanna, wo es kaum mehr als ein paar Dutzend Fahrzeuge gibt, die sich anstandslos starten lassen. Und ohnmächtig ohne die einzige Werkstatt in der Nähe des Flugfeldes, das seit einigen Jahren asphaltiert ist und die einzige Verbindung zur Hauptinsel Efate bildet. "Das Frachtschiff kommt höchstens alle paar Wochen", sagt Mary und stillt ihr viertes Baby, "Van Air täglich" – zumindest wenn die australischen Piloten der beiden Dash-Propeller-Maschinen ihre Zustimmung geben und die Regenwolken nicht gar zu tief hängen.

Jenseits von Korallenmeer und Barriereriff

Die Ripablik blong Vanuatu, wie der Inselstaat in der Landessprache Bislama (ni-Vanuatu-Pidgin) heißt, liegt zwar bloß drei Flugstunden östlich von Australien, doch eigentlich einige Welten weiter. Einige der 37 Hauptinseln des Landes, dessen Staatsgebiet sich über knapp 1000 km im melanesischen Archipel erstreckt, sind schon seit Jahrtausenden bevölkert: Pedro Fernández de Quirós, ein portugiesischer Seefahrer, erreichte 1606 die Insel Espíritu Santo - im Glauben, den "verlorenen" südlichen Kontinent gefunden zu haben, nannte er die Insel nach dem Heiligen Geist Terra Australis del Espiritu Santo und vereinnahmte sie (und alles bis zum Südpol liegende Land), im Namen der spanischen Krone und der katholischen Kirche. Doch dieses ist schon lange her: Das britisch-französische Kondominium Neue Hebriden, das 1906 in Leben gerufen wurde, ist seit 1980 unabhängig und heißt seither Vanuatu.
Der pazifische Archipelstaat ist kleiner als die Steiermark und besteht aus spärlich bewohnten Inselchen – jeder sechste der 250.000 Einwohner lebt in und um Port Vila, der Landeshauptstadt auf der Insel Efate. Dort ist es gar nicht übel, wie auch hunderte Franzosen, Briten und Australier finden, die sich in dem Städtchen beim niedlichen Bauerfield Airport recht wohl zu fühlen scheinen, wenn nicht gerade ein Wirbelsturm in der Luft hängt. Liliput lässt grüßen: Entlang der Avenue Charles de Gaulles reihen sich einträchtig Kathedrale, Parlament, Gerichtshof, Chinarestaurant, Nationalbibliothek, Goodie’s Wechselstube, Videothek und Fernsehstation. Zu sehen gibt es seichte australische Serien, nur selten unterbrochen von zwei Minuten Lokalnachrichten, Werbeinschaltungen der lokalen Pizzeria und einer Minute Weltnachrichten. Europa und Amerika sind weiter weg als man denkt. Und um 22 Uhr ist Sendeschluss.

Verstehen können das die wenigsten, nicht nur wegen einer Analphabetenrate von 25 Prozent. Vanuatu hat die höchste Sprachendichte (Sprachen pro Einwohner) der Welt, etwa drei Viertel der Bevölkerung geben insgesamt 110 verschiedene Sprachen als Muttersprache an. Bislama, eine in der britisch-französischen Kolonialzeit entstandene Kreolsprache, wird nur von knapp 23 Prozent als erste Muttersprache angegeben. Mit Englisch und Französisch sind gerade drei Prozent groß geworden, Mary zum Beispiel. Man versteht sich trotzdem.
Bei aller Trägheit, langweilig wird es dennoch nicht. Rasentennis im White Sands Country Club, Regenwaldausritte des Club Hippique, geführte Bushwalks oder schlicht Tauchtrips vor Iririki und Erakor, kleinen Resortinseln vor dem örtlichen Yachthafen – zumindest in Port Vila ist für Unterhaltung gesorgt, dafür sorgen geschäftstüchtige Aussteiger aus aller Welt. Die melanesischen Heimatabende (Dinner-Buffet, Kava-Zeremonie und Tanz zu lieblicher Südseemusik inklusive) sind legendär. Und neckische Baströckchen und BHs aus halben Kokosnüssen vom Markt ergeben wahrlich unvergessliche Souvenirs für Tante Mildred in Melbourne. Idylle pur? Die holzgeschnitzten Menschenfresser-Gabeln nebenan haben heute nur mehr dekorative Zwecke, sagt zumindest der ehrwürdige Father Luke, stolzer Besitzer des Luron Guest House, dessen Zimmertüren wie meist in Melanesien unversperrbar sind – der frühere Boxchampion der Salomonen und nunmehrige christliche Prediger muss schließlich wissen, was gut für die paar Gäste ist, die manchmal auch per Internet buchen können, falls sein Modem funktioniert. Und das kommt vor.

1797 schon wurde dem bösen Heidentum jedenfalls der heilige Kampf angesagt – mit Erfolg, denn Christen sind reich und klug und im übrigen untätowiert, wie die ersten Missionare nur langsam glaubhaft machen konnten. So mancher Pater landete daraufhin im Kochtopf, doch längst hat man auf bekömmlicheres Dosenfleisch umgestellt. Inzwischen scheinen auch die Pfingstler und die Mormonen ihre Liebe zu Melanesien entdeckt zu haben, so lassen zumindest die serienmäßigen Fertigteilkirchen mit angeschlossenem Basketballplatz schließen.

Kava und Cargo-Kult: Warten auf Jon Frum

Dabei ist Rugby immer noch der Nationalsport, und die schwarzen Team-Dressen der All Blacks, des neuseeländischen Nationalteams, sind beliebt bei jung und alt. Daneben existieren weiter merkwürdige Lokalkulte wie die Jon Frum-Bewegung auf der Insel Tanna, die seit dem Zweiten Weltkrieg auf die Rückkehr des mysteriösen Jon Frum wartet: 20 Prozent der Bevölkerung dort gelten als Anhänger dieses Cargo-Kults, der sich 1957 als Religionsgemeinschaft ganz offiziell formiert hat und ein rotes Kreuz in einem Kirchenbau besonders verehrt. "I’m John from America" soll ein versprengter GI in den Wirren des Zweiten Weltkriegs gesagt und den verdutzten Melanesiern Cola und Kaugummi geschenkt haben – aus "John from" wurde irgendwann Jon Frum. Zum Jahrestag Mitte Februar gibt es immer noch barfüßige Paraden mit US-Flaggenhissung, doch Jon scheint verschwunden und will einfach nicht aus dem Krater des Yasur-Vulkans hervorsteigen, um neue Geschenke zu bringen.

Das ist nicht weiter verwunderlich, denn der Vulkan ist einer der aktivsten des Pazifiks. Der Aufstieg ist in eineinhalb Stunden machbar, je nach Route durch Asche und Geröll. Wegmarkierungen oder Absperrungen gibt es keine am Kraterrand, wo es tief drunten dunkelrot brodelt und immer wieder Steinbrocken bis zur Kante eruptiert werden. Ein archaisches Schauspiel, vor allem abends. "Zehn Dollar", sagt der junge Mann, der uns aus dem Dorf am Fuß des Berges nachgeschickt wurde, weil er Englisch kann: "Das ist die Sicherheitsgebühr für unseren Vulkan, sagt der Chief". Sonst ist keiner da. Und Ticket gibt es keines. Zumindest das ist sicher.
Zumindest 60.000 Touristen kommen jährlich nach Vanuatu, viele davon auf Pazifik-Kreuzfahrt mit eintägigem Zwischenstop in Port Vila: Hinterstoder allein hat mehr Besucher als der pazifische Kleinstaat, der mit seinem Status als internationale Offshore-Steueroase gut leben gelernt hat: keine Einkommenssteuern, Körperschaftssteuern oder Kapitalertragssteuern, das macht nicht nur den australischen Auswanderern Freude. Auch der Verkauf von ".vu", die Top-Level-Domain von Vanuatu, brachte dem Staat bereits mehr als 42 Millionen Euro.
Außer Kava, der zeitgeistigen Kultpflanze der ozeanischen Ureinwohner, lässt sich auf den Tausenden Inselchen sonst wenig zu Geld machen – auch wenn die ursprüngliche Euphorie der westlichen Pharmafirmen über das vermeintliche Wundermittel langsam abebbt. Kava sieht aus wie schlammiges Wasser, und es schmeckt wie schlammiges Wasser. Augen zu, schlucken und lächeln. Denn alle lächeln. Die stundenlangen Kava-Zeremonien der Big Men im Schatten mächtiger Kokoswedel zwischen Espiritu Santo, Tanna und Epi gehören jedenfalls länger zur Tradition als die fröhlichen australischen Gelage im Le Flamingo, der trendigsten Disco in Port Vila.

Andere gibt es ohnedies keine. Mary hat davon gehört und Father Luke war sogar schon dort, der Vulkanmann aus Tanna eher noch nie. Bekreuzigen kann nicht schaden, auch wenn Jon Frum noch ein wenig brauchen sollte. Bis dahin ist der sonntägliche Umu vielleicht schon fertig, der traditionelle Gemüseeintopf, wozu wirklich jedes Fleisch passt. Die paar Besucher bleiben heute jedenfalls lieber zum Essen als die Pater früher, Corned Beef sei Dank. Der melanesische Zauber der Südsee hat es nicht eilig.

INFO
National Tourism Office of Vanuatu
Internet: www.vanuatutourism.com
South Pacific Tourism Organisation
Internet: www.spto.org

Die Bundesrepublik Deutschland, Österreich und die Schweiz unterhalten keine diplomatischen Vertretungen in Vanuatu. Zuständig sind die jeweiligen Botschaften in Canberra (Australien). Kein Visum für EU-Bürger erforderlich.

Geographie: Vanuatu (vormals Neue Hebriden) besteht aus einer unterbrochenen Doppelkette von Inseln, die sich über 900 km in nord-südöstlicher Richtung erstreckt. Mit den Banks- und Torres-Inseln umfasst die Kette 80 Inseln und Inselchen. Die dichtbewaldeten, bergigen Inseln sind vulkanischen Ursprungs, und es gibt fünf aktive Vulkane. An den Küsten werden schmale Landstreifen landwirtschaftlich genutzt.
Klima: Subtropisch. Vanuatus Jahreszeiten sind denen der nördlichen Hemisphäre entgegengesetzt. Der Passat weht von Mai bis Oktober, von November bis April ist es warm, feucht und schwül. Wirbelstürme können zwischen Dezember und April auftreten.