Schon der Comedy-Trupp Monty Python hat es festgestellt: "Die Menschen tragen nicht genug Hüte", heißt es in ihrem Film "Der Sinn des Lebens" aus dem Jahr 1983. Der Satz fällt in einem denkbar skurrilen Zusammenhang. Die "Very Big Corporation Of America" hält ein Meeting ab, auf Punkt sechs der Tagesordnung harrt der Sinn des Lebens seiner Klärung. Ein gewisser Harry trägt zwei Antworten vor, die sein Team dazu erarbeitet hat. Punkt eins ist – warum auch immer – der erwähnte Hutmangel unter den Menschen. Punkt zwei ist eine Suada über den Zusammenhang von Energie, Materie und das Geistige an sich, von dem sich die Menschheit nur allzu gern durch Trivialitäten ablenken lässt. Worauf ein Sitzungsteilnehmer fragt: "Öh, was war das wohl mit den Hüten?"

Symbol auf dem Kopf

Aber Spaß beiseite. Es ist eine Tatsache, dass die Menschen kaum noch Hüte tragen, und das hat sich seit der Premiere dieser britischen Filmkomödie nicht mehr geändert. Haube? Im Winter stark präsent. Kappe? Bei den Jüngeren. Die klassische Modistenware ist im Stadtbild aber zu einer Mangelware geworden. Nur noch Redewendungen belegen den einstigen Gebrauch. "Den Hut heben", ihn "nehmen", "draufhauen", "herumgehen lassen", "in den Ring werfen", allerlei "unter einen Hut bringen", mit jemandem "nichts am Hut" haben, "so klein mit Hut" sein, "einen alten Hut" langweilig finden oder davonlaufen, wenn "der Hut brennt": Das alles sagen sich die Leute auch noch in barhäuptigen Zeiten. Selbst wenn der Hut nicht mehr auf dem Schopf der Menschen sitzt: Er ist ihnen doch im Kopf geblieben nach all den Jahrhunderten der Verwendung.

Schon die Antike kannte Kopfbedeckungen. Die Handwerker des alten Griechenlands trugen Kappe, standesbewusste Zeitgenossen schützten sich auf Reisen mit einem breitrandigen Petasos oder mit der Kausia, einer flachen Mütze, vor der Sonne. Die Römer gingen schon etwas weiter: Sie strömten mit runden und spitzen Hüten zu Festen und Schauspielen. Und das Kleidungsstück wurde bereits mit Symbolgehalt aufgeladen: Ein freigelassener Sklave bekam eine Kappe mit auf den Weg ins selbstbestimmte Leben.

Napoleons Zweispitz

Der eigentliche Hut – keine Kappe oder Haube, sondern ein fest geformtes Produkt mit einer Krempe rundum – bürgerte sich knapp vor 1600 ein. Hohe, spitz zulaufende Modelle eroberten den Markt und bescherten den Modisten steigenden Absatz. Es folgte die Glanzzeit der großen Herrenhüte – dramatische Kopfbedeckungen, die auf den Bildern Vermeers Raum greifen und üppig verziert sein wollten. Diese wiederum beerbte das Folgemodell mit den vielbesungenen drei Ecken, also der Dreispitz. Der Vorteil seiner Form: Der Regen lief an den Ecken ab, was auch in der Armee für Zuspruch sorgte. Dort wurde das kantige Utensil zwar allmählich durch den Zweispitz ersetzt (der dann etwa Napoleon um einiges stattlicher erscheinen ließ), hielt sich aber im Zivilbereich bis ins 19. Jahrhundert und geriet auch in der Moderne nicht in Vergessenheit: Manuel de Falla setzte dem Dreispitz 1919 mit einem gleichnamigen Ballett ein Denkmal. Sein Tanzspiel machte allerdings nicht gerade Werbung für den betagten Regenschutz: Der Dreispitz wird hier von einem ältlichen Provinzstatthalter mit Neigung zu MeToo-Delikten getragen. Das einstige Symbol schneidiger Männlichkeit hatte schwere Image-Dellen erlitten.

Freilich – vor einem Bedeutungswandel ist kein Kleidungsstück gefeit. Er hat auch ein schmales Stofffabrikat getroffen. Und das aus einem Irrtum heraus: Weil die französischen Revolutionäre glaubten, die befreiten Sklaven der Antike hätten Hauben bekommen, erhoben sie diese zu ihrem Symbol – voilà, die Jakobinermütze war geboren. Der Maler Eugène Delacroix hat sie wohl am heroischsten dargestellt: Hoch oben auf dem Kopf von Marianne, der barbusigen Barrikadenkämpferin der Julirevolution, thront sie rot. Dass den deutschen Umstürzlern 1848 nicht der gleiche Erfolg beschieden war, spornte einen Karikaturisten zu einem Vergleich an: Er setzte dem "deutschen Michel" eine Schlafmütze aufs Haupt.

Was dem Freiheitsdrang außerhalb Frankreichs allerdings Unrecht tat. Immerhin hatte sich die Märzrevolution glücklos, doch entschieden gegen die herrschende Ordnung aufgebäumt. Auch diese Umstürzler schmückten ihre Stirn übrigens mit einem markanten Requisit. Wer den sogenannten Kalabreser trug – breitkrempig, schwarz und davor schon bei italienischen Freiheitskämpfern beliebt –, wurde in Deutschland polizeilich gesucht. Das Modell saß auch auf den Feuerköpfen der Wiener Studenten, als sie sich 1848 vergeblich gegen die konterrevolutionäre Armee stemmten. Die bürgerlichen Feinde des Umbruchs erkannte man dagegen an ihrem Zylinder – der "Angströhre", wie sie damals spöttisch hieß.

Das Wagenrad

So despektierlich ging aber erst das 19. Jahrhundert mit dem gerundeten Produkt um. Davor war es selbst ein Zeichen des Aufbegehrens gewesen. Der Zylinder, so heißt es zumindest in manchen Quellen, habe bereits 1789 einen ersten großen Auftritt in Frankreich gehabt: Als das Bürgertum in der Nationalversammlung einzog, trugen die stolzen Vertreter des dritten Standes schwarzen Frack und die hochragende Novität – und insistierten angeblich darauf, diese vor dem Adel nicht abzulegen.
Mit dem Siegeszug des Bürgertums aber verpuffte die revolutionäre Wirkung des Zylinders. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts galt er als Kennzeichen von Saturiertheit, und spätestens mit Beginn des 20. als Erkennungsmerkmal für Großkapitalisten. Es kommt nicht von Ungefähr, dass Dagobert Duck, der steinreiche Enterich aus der Feder des Disney-Zeichners Carl Barks, mit einem Zylinder in seinem Geldspeicher haust.

Mittlerweile hat die rüstige Röhre aber auch diese Bonzen-Bedeutung eingebüßt. Man sieht den Zylinder allenfalls noch in Zaubershows als Kaninchenbehälter, auf Rauchfangkehrer-Figuren beim Jahreswechsel und bei jenen Menschen, die damit beim Wiener Opernball ihre Körpergröße erhöhen: ein kurioses Schauspiel aus heutiger Sicht.
Denn in den 60er-Jahren war ein neuer Wind aufgekommen, und er fegte die Hüte von der menschlichen Leibesspitze; die honorigen Herrenmodelle genauso wie die Artenvielfalt, die die Damenmode hervorgebracht hatte, vom schelmischen Schlapphut über den filigranen Fascinator bis zum wuchtigen "Wagenrad". Warum es so kam? Dafür gibt es viele Erklärungen. Manche geben der Hippie-Bewegung die Schuld, andere einem insgesamt sportlichen, ungezwungenen Lebensstil. Vielleicht, so könnte man spekulieren, ist der Hutschwund auch das Ergebnis einer jahrhundertelangen Bewegung – ein letzter Sieg des zweckmäßig-bürgerlichen Denkens über die Verspieltheit des Adels. Sei’s, wie’s sei: Die Modisten-Branche ist gewaltig geschrumpft, und der Hut in geballter Form fast nur noch in Ausstellungen zu besichtigen, wie im Wien Museum 2016 unter dem Titel "Chapeau!".

Wobei: Ganz verschwunden ist der stilvolle Witterungsschutz nicht. Was die Masse verschmäht, eröffnet Individualisten eine Bühne. Mit Fedora oder Melone geschmückt, stechen sie aus der Menge hervor, und wenn Bühnenkünstler Mut zur Krempe beweisen, steigen sie mitunter zu Stil-Ikonen auf. Immerhin sind einige Schauspieler des 20. Jahrhunderts mit Bildern ins kollektive Gedächtnis eingegangen, auf denen sie Hut tragen. Marlene Dietrich mit Zylinder im "Blauen Engel", Audrey Hepburn mit Riesen-Rennbahn-Modell in "My Fair Lady", Liza Minnelli mit Melone in "Cabaret", Sylvester Stallone mit Porkpie als Rocky Balboa – ganz zu schweigen von chronischen Hut-Aficionados wie John Wayne und Humphrey Bogart. Auch den Wiedererkennungswert manchen Sängers hat der Hut gesteigert: Michael Jackson, Roger Cicero, Udo Lindenberg und Gregory Porter sind Beispiele solchen Marketings mit Köpfchen. Es sind heute oft Bühnenerscheinungen, die Hut tragen – und Solitäre des guten Geschmacks wie die in Modebelangen unübertreffliche Queen Elizabeth II.

Der mausgraue Homburg-Träger ist jedenfalls Vergangenheit – und damit auch der einst so gefürchtete "Autofahrer mit Hut". Der verdankte seine schlechte Nachrede übrigens Erwin Ringel. Der Spezialist für die "österreichische Seele" hatte behauptet, dass sich Hutlenker in ihrem Gefährt nicht zuhause fühlen würden, folglich gestresst wären und darum unberechenbar in ihrem Fahrverhalten. Immerhin – diese Gefahrenquelle ist heute gebannt.