Die gute alte Jogginghose erlebt in Zeiten des Social Distancing ein Comeback, das Karl Lagerfeld die Haare wohl transparent geärgert hätte. Was für legere Couch-Outfits der schlaffe Siegeszug des Jahrtausends ist, sperrt die gepflegte Samstagabend-Toilette hingegen bis auf Weiteres in den Schrank. Wer braucht schon Cocktailkleider und Sportjackets, wenn es keine Möglichkeit gibt, sie standesgemäß auszuführen? Besonders jenes Accessoire, das geradezu gemacht ist für frühlingshaftes Flanieren oder abendliches Gesichtsbaden, ist momentan den Hausstaubmilben gnadenlos ausgeliefert: der Hut. Hatte er es vorher im Innenraum schon schwer – wenn Mann ihn beim Eintreten nicht umgehend abnimmt, würden manche Etikette-Pedanten den frevelhaften Benimmschüler gerne das Sitzenbleiben heißen –, scheint der Hut beim Dresscode Sofaknotzen schlichtweg handlungsunfähig. Dabei konnte die stilbewusste Kopfbedeckung noch bis vor Kurzem selbst ein sukzessives Comeback feiern.

Seit 1903 stellt die Hutmanufaktur Mühlbauer, ohne die man in Wien nur schwer über das Thema Hut sprechen kann, Kopfbedeckungen her, verlegte den Schwerpunkt allerdings nach und nach auf Bekleidung generell. Als Klaus Mühlbauer den Betrieb 2001 übernahm, drehte er den Spieß wieder um in Richtung Ursprung. Die Klamotten wurden ausgemistet, die meisten Geschäfte geschlossen. "Ich habe mich voll auf Hüte und deren internationale Vermarktung spezialisiert", sagt Klaus Mühlbauer. "Die Kleidung war austauschbar, die Hüte waren einzigartig." Sein Wirtschaftsstudium habe ihn gelehrt, wie wertvoll eine klare USP, die Unique Selling Proposition, heute ist. Und der Erfolg gab ihm Recht: Mühlbauer-Hüte sind nicht bloß in Wien ein Begriff, wenn man nach einer hochwertigen Kopfbedeckung sucht, auch auf dem internationalen Markt sind sie beliebt.

Generell sieht Mühlbauer die Branche in Wien aber eher abnehmen: "In Summe ist die Hutbranche massiv geschrumpft. Ich würde mir wünschen, dass auch die übrigen Geschäfte wieder frischer und attraktiver ausschauen, weil das für die ganze Branche gut wäre." An frischem Wind scheint es allerdings nicht zu fehlen. Einige junge Designer haben sich in den vergangenen Jahren auf Kopfbedeckungen spezialisiert.

Christina Lichy (Link: https://christinalichy.dk/) besuchte eine Schneiderschule in Kopenhagen. Während ihrer anschließenden Hutmacherlehre absolvierte sie Praktika in Wien bei Mühlbauer und Art for Art und beschloss schließlich, hierzubleiben. Ihre Werkstatt, eine umfunktionierte Wohnung im Fünften, teilt sie mit einer Schneiderin. Seit mittlerweile neun Jahren fertigt sie neben ihrem 30-Stunden-Brotjob im Lebensmittelhandel Hüte an, überwiegend für weibliche Kundschaft. "Für mich sind Herrenhüte nicht so spannend", sagt sie. "Das, was ich am Hutmachen mag, ist, dass es bunt und kreativ und freigängig ist. Herrenhüte sind oft sehr klassisch." Bunt und kreativ und freigängig, so könnte man Lichys Hutstil wohl am besten beschreiben. Deshalb würden ihre Hüte wohl auch besser nach Wien passen als nach Kopenhagen: "In Skandinavien hat man oft dunklere Farben, Naturtöne, schlichte Schnitte – das bin ich nicht", sagt sie. "Mir kommt es so vor, als würde man in Wien mehr zulassen." Sie selbst bleibt ihrem eigenen markanten Stil treu. Mit einem ledernen Cowboyhut würde sie sich etwa ziemlich schwertun und hätte dafür wahrscheinlich auch nicht das richtige Werkzeug. Kommen Kunden mit Wünschen, die ihrer Arbeitsweise so gar nicht entsprechen, vermittelt sie sie aber gerne an andere Kolleginnen weiter. "Besonders wir Hutmacherinnen sind in Wien relativ gut vernetzt", sagt Lichy.

Das gehen Nuriel und Audrey Molcho etwas anders an. Seit drei Jahren fertigen sie unter dem Namen Nomade Moderne (Link: http://www.nomade-moderne.com/) in ihrer Werkstatt im Neni am Naschmarkt individuelle Hüte an, die man wohl am besten mit einem Wort beschreiben könnte: instagrammable. Das kommt nicht von ungefähr. Immerhin folgen Nuriel Molcho auf seinem Instagram-Kanal über 30.000 Menschen, und auch die Hauptvertriebsader ist für die beiden das virtuelle Bilderbuch. Und wenn man schon von einer gewissen Instagram-Ästhetik spricht, spricht man ganz schnell von Vintage-Schick und Do-It-Yourself-Mentalität. Vor allem Letztere hat Nuriel Molcho darauf gebracht, es doch einfach selbst mit dem Hutmachen zu probieren: "Ich wollte mir selbst einen coolen Hut kaufen, habe aber nichts gefunden, was meinem Zeitgeist entsprochen hätte", sagt er. Also habe er sich durch Tutorials auf Youtube gestöbert und bei mehreren Hutmachern Workshops gemacht, unter anderem auch bei Mühlbauer.

Vintage und handgemacht

"Wir haben auf Flohmärkten Werkzeuge gekauft, gesucht und experimentiert", sagt er. So wurde die Kunst der Laien zu ihrer ganz persönlichen, heute so wertvollen USP: "Einige Fehler, die wir am Anfang gemacht haben, sind mittlerweile zu Markenzeichen geworden." Die Form, nach der Molcho ursprünglich gesucht habe, war eine Art lässige Vagabunden-Form – große Krempe, schlichtes Design, gerne mit rauem Look. Vintage eben. Vintage und Nachhaltigkeit sind für die beiden generell großes Thema bei der Herstellung ihrer Hüte. Sie arbeiten mit gebrauchten Materialien, verwenden außer Nähmaschinen und Bügeleisen kein schweres Gerät, weder Trockenöfen noch Pressmaschinen. Die Hüte sind handgemacht und sonnengetrocknet. Eine Praxis, die auch Christina Lichy bei ihren Hüten anwendet. Deshalb ist die Wartezeit für ein bestelltes Stück, so seltsam es klingen mag, auch stark vom Wetter abhängig. Sowohl bei Nomade Moderne als auch bei Lichy beträgt sie je nach Auftragslage und Sonnenstunden drei bis sechs Wochen. Und in beiden Fällen sind Terminvereinbarungen, Beratung und Maßanfertigung das A und O – Hüte von der Stange gibt es weder im Fünften noch am Naschmarkt, oder nur selten, wenn glücklicherweise gerade ein ausgestelltes Werkstück ideal passt.

Doch anders als Lichy setzen Audrey und Nuriel Molcho nicht vorrangig auf einen ganz bestimmten Stil, obwohl natürlich viele gerade deshalb auf sie aufmerksam werden – besonders jene, die die Hüte auf Instagram entdeckt haben. "Unsere größte Marketingplattform sind unsere Kunden", sagt Nuriel Molcho. Bei Nomade Moderne nimmt man jede Herausforderung an, die einem vor die Nähmaschine kommt, sei sie noch so exzentrisch. Für einen Uhrensammler in Miami fertigten sie etwa einen Hut mit Uhren-Einzelteilen und einer Landschaft aus Lederstücken an und einen weißen Hut, der überall Lippenstiftspuren und amouröse Notizen trägt. Nichts scheint also unmöglich, auch nicht ein Hut, der aussehen soll "wie ein One-Night-Stand".

Doch wer kauft denn heutzutage Hüte – außer Uhrensammler mit ausgeprägtem Faible für flüchtige Affären? Die Kundschaft reicht bei Mühlbauer, Lichy und den Molchos gleichermaßen von Jung bis Alt, wobei die Klientel bei Nomade Moderne alleine schon aufgrund der starken Instagram-Präsenz eher jünger ist. Das Bedürfnis nach Individualität, die auch die sozialen Medien heutzutage verstärkt suggerieren, scheint dabei ein wichtiger Faktor zu sein: "Der Hut sitzt an der sichtbarsten Stelle des Körpers. Deshalb ist er extrem stilgebend und identitätsstiftend", sagt Klaus Mühlbauer. Alle drei eint die Tatsache, dass Menschen bei ihnen Hüte kaufen, die entweder zur kaufkräftigeren Klientel gehören oder sich gerne etwas Besonderes gönnen wollen und extra darauf sparen. Denn ein handgefertigter, maßgeschneiderter Hut, das ist allem voran ein Luxusgut. So viel ist klar.

Hut braucht Mut

Obwohl man ihn längst nicht nur mit Altherren-Spazieroutfits und englischen Pferderennen assoziiert, ist der Hut aber für einige doch ein sensibles Thema. Man brauche eben ein passendes Hutgesicht, nehmen viele an. Ganz so visagenelitär ist das aber keinesfalls. Natürlich gebe es ein ideales Hutgesicht, räumt Klaus Mühlbauer ein. Das wäre eine kleine bis durchschnittliche Kopfgröße, eine kleine Nase wäre auch von Vorteil, genauso wie ein eher schmäleres Gesicht, anliegende Ohren und ein überschaubares Haarvolumen. Aber Gesichtsbesitzer, die diesen Eckdaten nicht entsprechen, müssen jetzt noch nicht die Kopfbedeckung werfen. Deshalb gebe es ja die Hutmacher. Wichtig ist vor allem der Wohlfühlfaktor. Der Hut dürfe nicht wie ein unliebsamer Fremdkörper wirken, den man auf dem Kopf balanciert wie ein rohes Ei. Und mit Selbstbewusstsein trägt sich ein Hut auch gleich viel ansehnlicher. Hut braucht also auch ein Quantum Mut.

Das Allerwichtigste sei aber das ungehemmte Ausprobieren. Gerade das ist die Krux, mit der die Hutbranche momentan konfrontiert ist. Hemmungsloses Durchprobieren ist bei geschlossenen Geschäften denkbar schwer. Mühlbauer betreibt zwar schon seit fünf Jahren einen Online-Shop (Link: https://www.muehlbauer.at/de/shop/) nebenher, aber die Einnahmen machen bloß um die vier Prozent des Umsatzes aus. Und das hat sich auch in den vergangenen Wochen nicht geändert. Man habe alles probiert: Youtube-Videos, die Optimierung der Website für Google, Social Media. Nichts greift. Auch der hohe Export-anteil der Firma bricht nach und nach aufgrund der globalen Krise weg. "Das, was wir momentan erleben, ist ganz einfach gesagt eine Katastrophe", sagt Klaus Mühlbauer. Mit Ach und Krach könne sich das Geschäft noch etwa zwei bis drei Monate über Wasser halten, dann wäre Schluss. Von den momentan entwickelten Finanzierungsmodellen für Unternehmen in der Krise sieht sich Mühlbauer nicht ausreichend abgesichert. "Bei Betrieben unserer Größe wird immer nur von Garantien, Krediten und Stundungen gesprochen. Ohne nicht rückzahlbare Zuschüsse sind wir innerhalb weniger Wochen kaputt."

Anders als Mühlbauer ist das Hutgeschäft für Christina Lichy und Nuriel und Audrey Molcho nicht ihre Haupteinnahmequelle. Lichy hat die Produktion voraussichtlich bis Ostern eingestellt, weil sie als Angestellte im Lebensmittelhandel, die nicht zu einer Corona-Risikogruppe zählt, momentan mehr als ausgelastet ist. Sie stellt allerdings Gutscheine aus; generell eine gängige Möglichkeit, lokale Betriebe in der Krise zu unterstützen.

Und auch die Molchos haben ihre Werkstätte in den ersten zwei Wochen der Krise stillgelegt, um sich auf ihre anderen Standbeine wie das Familienunternehmen Neni zu konzentrieren. Sie planen allerdings, die Produktion bald wieder aufzunehmen. Denn Nuriel Molcho sieht gerade in dem starken Shift in Richtung online auch eine Chance. Video-Tutorials, Instagram-Storys und Live-Streams wären eine Möglichkeit, die Kunden jetzt stärker an die eigene Marke zu binden, um sie nach der Krise wieder ins Geschäft zu holen. Für Unternehmen wie Mühlbauer ist das aber vermutlich bloß ein schlecht klebendes Trostpflaster. Ein Symptom, das sich momentan generell durch die sozialen Medien zieht: Was den einen Zeit verschafft, um sich neu zu erfinden und selbst zu verwirklichen, ist für die anderen existenzbedrohendes Vakuum. Aber wer weiß, vielleicht zieht ja doch noch jemand eine Lösung aus dem Hut.