Mit dem Tod des Malers Raffael am Karfreitag des Jahres 1520, dem 6. April, setzt die Kunstgeschichte bis heute das Ende der Hochrenaissance und den Beginn des Manierismus an. Obwohl er ab 1514 auch leitender Architekt im Vatikan war sowie Verwalter der Antiken von Rom, galt er als Maler der Grazie, mit hoher Sensibilität für das Schöne begabt. Als Mensch galt er als gutaussehend, "Vorzüge des Herzens" machten ihn liebenswert, im Gegensatz zu Konkurrenten wie Michelangelo Buonarotti und Leonardo da Vinci, die bei ihren Auftraggebern als schwierig galten – so seine Biografen. Anmut und Leichtigkeit statt schwerer Melancholie sprechen zwar aus Raffaels schwungvollen Feder- und Rötelzeichnungen und zahlreichen Madonnenbildern, vor allem seiner so leichtfüßig auf der Wolke tänzelnden "Sixtinischen Madonna" (Dresden, Gemäldegalerie) mit den beiden keck im Vordergrund agierenden Engeln. Er war jedoch nicht ohne Ehrgeiz in künstlerischer Hinsicht, konnte sich offenbar auf neue Eindrücke gut einstellen durch Erziehung und hohe Bildung eines künstlerischen Elternhauses.

Von den frühen Kunsthistorikern Giorgio Vasari und Johann Joachim Winckelmann wurde seine klassische Stilprägung hochgelobt, aber im 20. Jahrhundert hatte es Raffael schwer, außerhalb der Spezialisten-Kreise der Kunstgeschichte, die vor allem seine virtuosen Handzeichnungen und die ausgewogenen Kompositionen schätzen, vom Publikum so geliebt zu werden wie sein Nachruhm an Akademien es eigentlich verlangte. Süßliche Nachempfindungen seiner Madonnen vom Barock bis um 1900 stellten ihn sogar unter Kitschverdacht, seine Porträts galten neben den Sphinx-Frauen eines Leonardo als zu wenig psychologisch, die starke Farbigkeit in geometrisch ausgemessenen Kompositionen mit Idealfiguren gegenüber Michelangelos Muskelpaketen als weniger innovativ.

Lehrling in Perugia

In der gegenwärtigen Nachmoderne ist sein Antikenvorbild wieder gefragt, auch die Gabe von Meistern seiner Umgebung, Dinge perfekt neu zu gestalten, und so gibt es einen neuen Zugang zum Phänomen Raffael, der im großen Trio mit Leonardo und Michelangelo als Leitstern der klassischen Renaissance aufscheint. Er hat einiges an Raum- und Figurenideal von Barock und Klassizismus vorweggenommen wie seine Ausmalung der Papstgemächer (Stanzen) im Vatikan oder die Sibyllen über dem Grab Agostino Chigis in Santa Maria della Pace beweisen. Die in Rom hoffentlich über den 2. Juni hinauslaufende Ausstellung zum Jubiläum gilt als die größte bisher und wurde im Rückwärtsgang von seinem Tod und Zeiten höchsten Ruhms im Vatikan nach Urbino und Perugia konzipiert, wobei die Bildnisse Leitlinien bilden.

Der Sohn des Malers Giovanni Santi aus Urbino kam 1495 zu Pietro Perugino nach Perugia in die Lehre, ging 1504 nach Florenz, wo er die beiden älteren Konkurrenten bei ihrem Wettstreit im Ratssaal des Palazzo Vecchio erlebte, und trotz Scheitern Leonardos am Fresko "Schlacht von Anghiari" und Michelangelos aufgegebener "Schlacht von Cascina", als Inspiration nutzte. Er nahm die Anregungen auf, eine Zeichnung imitiert Leonardos "Leda mit dem Schwan" in Sepia-Tusche und Feder, sie befindet sich im Besitz von Königin Elisabeth II. in Windsor. Raffael war ab 1509 in Rom ein Aufsteiger am päpstlichen Hof, machte sich bei Michel-angelo unbeliebt, und diente sich bis zum Hofkämmerer und Baumeister von Neu St. Peter 1514 bei den Päpsten Julius II. und Leo X. hoch, die er auch porträtierte.

38 Millionen Dollar

Sein Stil war beliebt, auch die reichen Bankiers der Stadt, Agostino Chigi oder Altoviti Bindo, der aus Florenz nach Rom ging und auch Michelangelos Konten verwaltete, waren Auftraggeber. Das Porträt von Bindo ist lebendiger als das frühe Selbstbildnis aus den Uffizien 1509, ein spätes zeigt Raffael mit schweren Augenlidern hinter einem Freund, vielleicht Timoteo Viti, mit dem er die Chigikapelle ausgestaltete (1517/19, Louvre, Paris) und er malte die Bäckerstochter Margherita Luti, die legendäre Geliebte, "La Fornarina", die offenbar die angestrebte standesgemäße Heirat des Meisters verhinderte. In der Villa Farnesina soll sie nobilitiert im "Triumph der Galatea" wie in anderen Werken auftauchen, an sich verwendete er aber viele Modelle, um einen Idealtyp zu kombinieren. Der Künstler hatte sein Atelier voll mit Altertümern, übernahm die antiken Grotesken der Domus Aurea und als Vorbild für Schüler hingen Druckgrafiken Albrecht Dürers an der Wand. Seine Korrespondenz mit dem deutschen Kollegen beweist eine Aktzeichnung der Albertina mit Widmung von Raffael aus Dürers Nürnberger Nachlass.

Um 38 Millionen Dollar ist Raffaels Studie eines Apostelkopfs auf Papier für Raffaels letztes Gemälde, die "Transfiguration" der Vatikanischen Sammlungen, zuletzt an einen Sammler versteigert worden. Der Wettstreit um das Altarbild der Kathedrale von Narbonne mit Sebastiano del Piombo, der auf Entwürfe Michelangelos zurückgreifen konnte, schloss sein kurzes Leben fulminant ab. Dieser "Paragone" wertete auch die Zeichnung auf, die sich bei Raffael schon in den Ideenskizzen als virtuos erweist, oft gibt es eine Kette, die den Arbeitsprozess über die Anlage von Details aller Figuren und Hände sowie der ganzen Komposition in Akten bis zum Karton zeigt, wobei dieser zum Teil durchstochen und mit Raster zur direkten Übertragung auf Wand oder Leinwand diente. Auch für Gewandstudien verwendete der Künstler Rötel, Silberstift, Kreide, Tusche, lavierte Schatten und höhte mit Weiß. Beispiele gibt es in der römischen Ausstellung etwa mit Gegenüber zu den Gemälden von Madonnen, einem Hauptthema Raffaels.

Im Kunsthistorischen Museum ist Raffaels "Madonna im Grünen" von 1505 eine besondere Zeugin seiner ausgewogenen Dreieckskompositionen mit ideal proportionierten Menschen in einer paradiesischen Landschaft – seine antiken Vorbilder waren Pythagoras und Vitruv. Die Verbindung von Antike und Theologie zeigt sich als revolutionäre Neuerung in den Stanzen, besonders in der "Schule von Athen" (Philosophie), der "Disputa" (Theologie) oder dem "Parnass" (Dichtkunst). Heute unsichtbar sind damals skandalöse Details wie das Spielen des Jesusknaben mit dem Granatapfel – diese Lässigkeit hat Baldassare Castiglione dem durch seine Malerei geadelten Raffael im Buch als Verhalten des idealtypischen Hofmanns zugeschrieben, heute würde er wohl als "cool" gelten. Die außerordentliche Karriere wird verständlicher durch sein besonders Kunststück in der Ausmalung der Papstgemächer mit der nächtlichen "Befreiung Petri". Es vereint alle möglichen Lichter im Dunkel: Mond, Laterne und göttliches Strahlen des Engels, und alles so, dass es ganz selbstverständlich leicht anmutet, was er in der "Transfiguration" wiederholte, weil er sich dieser Lichtwirkungen bewusst war.

Die Malaria

Nach den Stanzen beschäftigten Raffael die Teppichkartons für die Sixtinische Kapelle, die Leo X. für die Sockelzone bestellte. Sie wurden in Brüssel in Teppiche umgesetzt und beeinflussten dort später auch Rubens und Rembrandt. Es war nicht nur die fortgeschrittene Figurenordnung, sondern auch die Steigerung von strenger Zentralperspektive zur mulitperspektivischen Ansicht des Raumes. Mit 30 hatte er bereits Schüler in seiner Werkstatt wie den Grafiker Marcantonio Raimondi, der seine Ideen in Stiche umsetzte. Nach den Loggien des Vatikans und der Farnesina kam der Auftrag für die Villa Madama, seine Studien aus der antiken Mythologie und Literatur haben die Schüler Giulio Romano, Baldassare Peruzzi und Giovanni Francesco Penni vollendet.

Raffael war wohl durch die Aufnahme von antiken Funden, einer Art frühem Denkmalschutz, in den sumpfigen Gründen am Tiber an Malaria erkrankt. Zudem forderte das Multitasking von vielen Mal- und Teppich-Aufträgen neben Bauaufgaben seinen Tribut. Jedenfalls starb er mit 37 Jahren nach einem jahrelangen, offen ausgetragenen Konkurrenzkampf um die "Transfiguration" durch Fieber und wurde zuerst im Atelier unter diesem großformatigen Gemälde aufgebahrt und nach einer Prozession als erster Maler im Pantheon beigesetzt. Dieses von dem späteren Papst Clemens VII. (Giulio de Medici) für die Kathedrale von Narbonne beauftragte Gemälde ist in seiner komplex beleuchteten Zweiteilung der Erzählung, die sich theologisch auf die Zweinaturenlehre Christi bezieht, bis heute Inhalt von gelehrten Texten. Für Rudolf Preimesberger verweist das Gnadenbild auf die bevorstehende Heilung des Knaben durch den am Berg Tabor darüber in göttlichem Licht schwebenden Christus, wobei die Spiegelung des Mondes in der Pfütze vor dem links sitzenden Apostel mit dem Buch auch auf die Kämpfe der Päpste gegen den türkischen Halbmond und den Islam hinweist.

Eine zweite Deutung Gregor Bernhart-Königsteins macht aus dem Apostel mit rötlichem Mantel und Zeigegestus als Hinweis zum oberen Geschehen in der unteren Hälfte einen zweiten, irdischen Christus zum oben göttlich Schwebenden. Damit wird das Bild zur zeitlosen "Weltverklärung", die auch die Auferstehung und andere Erlösungsszenarien durch Christus als Medicus mit einbezieht. Davor hat Konrad Oberhuber das komplizierte Resultat in zwei Ebenen als raffinierte Änderung durch Raffael erklärt, die erst nach Sichtung des Konkurrenzbildes "Die Erweckung des Lazarus" Sebastiano del Piombos vorgenommen wurde, um aus der Konkurrenz als Sieger hervorzugehen. Das ist ihm gelungen, obwohl die Figuren im Lazarusbild von Zeichnungen Michelangelos stammten, der versuchte, sein jugendliches Feindbild Raffaels über Sebastianos Werk zu schlagen. Raffaels Bild kam nicht nach Narbonne, Papst Leo X. soll über seinen Tod geweint haben und später ließ Papst Clemens VII. es in San Pietro in Montorio und später in Neu St. Peter aufhängen.

Info
Die Ausstellung in der "Scuderie del Quirinale", Rom, die bis 2. Juni offen sein sollte, ist derzeit wegen des Corona-Virus geschlossen. Nähere Informationen und ein kurzes Video im Internet: www.scuderiequirinale.it
Trösten kann man sich inzwischen bei einer Online-Ausstellung auf der Plattform Musement:
www.musement.com/
de/raffael-virtuelles-museum
oder bei den
"Museen zu Berlin",
die den Katalog
"Raffael in Berlin" gratis zum Download anbieten:
www.smb.museum