Seit etwa vier Jahren veranstalten Victoria Kanzian und Carina Hladik ihre Ausstellungen "Junge Kunst" in wechselnden Galerien und zeigen dabei Werke von unterschiedlichen aufstrebenden Künstlern. Weil das nun nicht mehr geht, haben sie ihre Vernissagen kurzerhand in die sozialen Medien verfrachtet. Auf Instagram bieten sie über die Story-Funktion regelmäßig eine Plattform, auf der die Kunstschaffenden sich und ihre Werke präsentieren können. Schnell auf neue Situationen und Angebote zu reagieren, sind sie gewöhnt: "Wir haben keinen Raum mehr, also müssen wir uns eben einen neuen Raum erobern." Dieser Raum ist für alle zugänglich, die einen Instagram-Account besitzen.

Und das ist besonders in der jungen Szene gefühlt so ziemlich jeder Zweite. Auch die "Junge Kunst" war schon vor der Krise in den sozialen Medien aktiv. Jetzt kommt aber doch eine neue Dimension dazu. Bei ihren üblichen Vernissagen kümmern sich Kanzian und Hladik selbst um Auswahl und Anordnung der Kunstwerke, auf Instagram lassen sie ihren Künstlern völlig freie Hand darüber, wie sie sich und ihre Bilder präsentieren. Manche zeigen bloß Fotos ihrer Kunst, andere schicken Videos ein oder sprechen auch mal selbst in die Kamera. Dadurch entsteht ein buntes Durcheinander an medialen Darstellungsformen, das erstaunlich schlüssig ist. Man könnte es sogar als eine Art nächstes Level der Mischkulanz interpretieren, die die "Junge Kunst"-Ausstellungen eben ausmacht.

Mit der Handkamera

Auch dass sich die Künstler selbst auf Social Media präsentieren, ist bei Weitem kein Symptom der Corona-Krise allein. Längst fungiert vor allem das bildgetragene Medium Instagram in vielen Sparten als eine Art öffentlich zugängliches Portfolio, als persönliche Ausstellung, die jeder User selbst kuratiert. "Der Künstler wird immer autonomer", sagt Florian Appelt von der Galerie für zeitgenössische Kunst "Die Schöne". "Das ist ein wichtiger Paradigmenwechsel, durch den sich auch Dinge wie Exklusivverträge zwischen Künstlern und Galerien stark verändern werden." Um den Trend auch als Galerie zu nutzen, ging 2019 die Website www.kunstabhinterhof.at online, die mit der Schönen lose zusammenhängt und einen Online-Shop betreibt. Dabei soll es allerdings nicht um die reine Kommerzialisierung der Kunst gehen, wie sie große Online-Anbieter mit ihrem unübersichtlichen Wildwuchs an Kunstwerken und ihren Dumping-Preisen oft vorantreiben. Das Ziel sei vielmehr eine Art Hybridform. "Man muss sich der Parameter, die sowohl ein physischer Schauraum als auch ein Online-Archiv mit sich bringen, im Klaren sein und die Vorteile aus beiden Bereichen für sich nutzen." Der Sinn dahinter sei, dass man die Datenbank im Internet nutzt wie eine Art Bibliothek, in der man sich erst einmal Gusto holt, bevor man das Original in der Galerie anschauen geht.

Gerade das ist in den vergangenen Wochen aber weggefallen. Also setzt auch Florian Appelt zusammen mit Richard Petz auf eine virtuelle Alternative. In einem Video präsentieren sie auf der Website gemeinsam die Ausstellung CoWir20, die aktuell in der Galerie aufgebaut ist. Mit wackeliger Handkamera führen die Kuratoren selbst von Bild zu Bild, erklären Motive und Techniken. Die Werke, die sich lose mit einzelnen Aspekten der Corona-Krise von Homeoffice bis Fledermäuse auseinandersetzen, können als Original im Webshop gekauft oder gratis ausgedruckt werden. Da ist sie also doch wieder, die Hybridform. Ganz im Sinne des Do-it-yourself-Trends, der momentan ohnehin von Bananenbrot bis Makramee die sozialen Medien flutet, kann man sich so also zu Hause eine Kunstschau nachbasteln. "Grundgedanke dabei ist, dass wir Kunst zugänglich machen wollen", sagt Appelt.

Der Weg der Street Art

Und Zugänglichkeit ist tatsächlich ein großer Vorteil des Virtuellen. Fragt man sich vor dem Betreten einer Galerie vielleicht, ob man auch distinguiert genug wirkt oder einen schon die Schuhe als wenig kaufkräftig enttarnen, kann man so bequem vom Sofa aus ein bisschen Kunst schauen, dabei gemütlich Chips essen und die Finger in die Jogginghose schmieren, ohne gleich eine Unterlassungsklage zu riskieren. Die Hemmschwelle ist geglättet, die Berührungsängste sind verflogen. Das merken auch Victoria Kanzian und Carina Hladik bei ihren Instagram-Vernissagen: "Durch die Möglichkeit des Kommentars entsteht eine ganz neue Form von Dialog." Feedback – das kennt man ja von sozialen Medien in positiven und leider oft auch negativen Ausprägungen – geht direkt an die Veranstalterinnen und ihre Künstler. So bestimmen die Zusehenden in gewisser Weise mit, wie die folgenden Vernissagen ablaufen. Zum Beispiel wurde die Anzahl von sechs bis acht Künstlern in einer Ausgabe auf drei bis vier reduziert, weil eine zu dichte Flut an Kunstwerken die ohnehin von virtuellen Inhalten müdebombardierten User schlichtweg überfordert.

Denn eines steht fest: Online sieht man momentan viel. Enorm viel. So viel, dass es immer schwerer wird, den Überblick zu behalten. "Natürlich ist es wichtig, dass man online viel zeigt", sagt Colin Linde, der die Street-Art-Galerie "Oxymoron" und die dazugehörige Website inklusive Online-Shop (https://oxymoron-shop.at/) betreibt. "Aber in den vergangenen Wochen sind so viele auf diesen Zug aufgesprungen, dass der Höhepunkt des Interesses wahrscheinlich schon erreicht ist." Gerade für eine Sparte wie die Street Art birgt die Tatsache, dass viele Künstler der Szene nun vermehrt ihre Werke als Drucke oder Originale anbieten, weil größere Aufträge ausbleiben, aber auch eine emanzipatorische Chance. Denn dass Street Art abseits von pubertären Schmieragen an Häuserwänden längst eine ernstzunehmende und oft auch gut dotierte Kunstform ist, ist in manchen Köpfen noch nicht angekommen. Online wird die Straßenkunst verstärkt als solche sichtbar, vom öffentlichen Raum abstrahierbar und – das ist nun einmal eine Komponente, die vor allem für Laien oft ausschlaggebend ist – kaufbar.

Bemalte Keramik

Einige Sprayer waren in den ersten Tagen der Krise zwar noch im öffentlichen Raum aktiv, aber das habe sich laut Colin Linde mittlerweile gelegt. Sich in kleinen Gruppen zu treffen und gemeinsam zu sprayen, wie in der Szene üblich, ist zurzeit nicht möglich. "Außerdem bleiben die meisten Künstler aus Solidarität zu Hause."

Eine andere Sparte muss momentan schon allein aufgrund ihres Mediums aussetzen: der menschlichen Haut. Auch in der Tätowierer-Szene setzt man jetzt stattdessen verstärkt auf Drucke und andere nicht dermatologische Kunstformen, um die monetäre Talfahrt zu überbrücken. Das Tattoostudio "Vienna Electric" betrieb schon lange vor der Krise einen Online-Shop (https://viennaelectrictattoo.bigcartel.com/), über den die Tätowierer des Studios ihre Kunstwerke immer mal wieder vertreiben. Momentan ist er ihre einzige Einnahmequelle. Tätowierer Foerdl malt etwa Bilder und bemalt Keramik, seine Frau mit dem Künstlernamen Sam Rulz fertigt kleine Büsten von Haustieren aus Plastisol nach Fotos an, die ihr die Kunden schicken. "Dadurch, dass wir das in den vergangenen Jahren schon gemacht haben, ist das nicht wirklich Neuland für unsere Kunden. Viele, die jetzt Sachen bestellen, haben früher schon öfter bei uns gekauft", sagt Foerdl.

Andere vermarkten ihre Werke in Eigenregie direkt über Instagram, wie etwa Mario Grimm vom Tattoostudio "Happy Needles". Bei seinen Drucken bleibt er seinem Tätowierstil meistens treu, hält sich an das Oldschool-Genre mit harten Konturen und kräftigen Farben. Aber diese Möglichkeit haben bei Weitem nicht alle Tätowierer: "Ich habe Glück: Ich habe mir vor Kurzem einen guten Drucker gekauft, weil ich ohnehin mehr Prints machen wollte", sagt Grimm. Zusätzlich postet er auch immer wieder Bilder von Mandalas aus Holz, die er sonst nur zu Weihnachten im Tattoostudio anbietet. "Wirklich rentabel ist das nicht. Aber es hilft mir und ist ein gutes Taschengeld."

Aber kaufen die Menschen in einer Krise, die bei vielen an der finanziellen Existenz rüttelt, überhaupt Kunst? Erstaunlicherweise ja. Im Online-Shop von Vienna Electric wird zurzeit tatsächlich mehr bestellt als vor der Krise. Das könne zum einen daran liegen, dass die Kunden statt einem Tattoo eben zur Überbrückung einen Print kaufen, zum anderen spüre man aber den Zusammenhalt in der Community, die ihre Tätowierer in dieser schweren Zeit über Wasser halten will. Florian Appelt und Colin Linde haben zwar in den ersten Wochen in ihren Webshops einen harten Rückgang der Bestellungen gespürt, aber auch hier geht es wieder aufwärts. "Nachdem sich die Leute nach den ersten zwei Wochen mit der Situation arrangiert haben, haben sie sich offenbar wieder mehr mit Kunst auseinandergesetzt", sagt Appelt. "Denn inzwischen konnten wir unsere Verkäufe wieder ganz schön anheben." Linde berichtet mittlerweile ebenfalls von einem Haufen neuer Bestellungen.

Doch Kunst ist auch in der Krise eben nicht nur Konsumgut, sondern vorrangig ein Stück Zeitgeschichte. So schlägt sich die aktuelle Situation nicht nur in veränderten Darstellungsformen nieder, sondern natürlich auch inhaltlich. Colin Linde hat etwa das Online-Projekt #sketchthefuckhome ins Leben gerufen: Jeden Tag postet er über Instagram ein Wort des Tages, das jeder, der Lust hat, als Graffiti-Skizze verarbeiten und ihm zuschicken kann. Diese Sketches veröffentlicht er dann tagebuchartig auf der Website – ohne Bewertung, ohne Preis, das ist ihm wichtig. Es geht allein um den Austausch und das Sichtbar-Bleiben. Die Corona-Krise kommerziell zu plakativ auszuschlachten, damit würde man es sich zu leicht machen. Zugleich herrscht längst Übersättigung: "Ich glaube nicht, dass das hundertste Graffiti mit Corona-Virus-Motiv wirklich viel mit den Leuten macht", sagt Linde. Auch Florian Appelt ist es wichtig, dass die Kunstwerke in seiner Ausstellung das Thema eher peripher und aus verschiedenen Blickwinkeln verarbeiten, die den Betrachtern das allgegenwärtige Thema nicht auch noch motivisch aufs Aug‘ drücken sollen.

Könnte der momentane Online-Hype die analoge Kunstschau vielleicht irgendwann ganz von der Bildfläche verjagen? Nicht besonders wahrscheinlich, findet Appelt: "Das Live-Erleben von Kunst ist immer noch wahnsinnig wichtig und nicht zu ersetzen." Aber wer weiß, vielleicht entstehen dadurch neue Misch- und Hybridformen, die sich gegenseitig zuspielen. Die Hoffnung ist jedenfalls groß, dass das Engagement online später auch offline Früchte trägt und die Menschen nach der Krise wieder verstärkt in Galerien, Tattoostudios und vor besprühte Wände lockt.