Die Polizeiinspektion Kitzbühel ist in einem modernen, nüchternen Betonbau untergebracht. An einem Sonntag um sechs Uhr früh ist dort normalerweise nicht viel los. Doch an diesem einen besonderen Sonntag im Oktober des Vorjahres öffnet ein Mann, fünfundzwanzig Jahre alt, die Glastür, geht an den Tresen und legt dort dem Wachhabenden eine Pistole und ein Messer hin. "Ich habe soeben fünf Menschen ermordet", soll er ruhig und sachlich erklärt haben.
Für die Polizisten war rasch klar, dass das Geständnis den Tatsachen entsprach. Kurz nach Mitternacht hatte sich Andreas, so der Name des Täters, in der Kitzbüheler Bar "The Londoner" aufgehalten und war dort Nadine begegnet, seiner früheren Freundin, seiner einstigen Verlobten, um genau zu sein. Nicht allzu lange vor dieser tragischen Nacht hatte sie ihn verlassen und war an diesem Abend in Begleitung ihres neuen Freundes erschienen. Nur durch das Einschreiten anderer Gäste war zunächst eine Schlägerei verhindert worden.

Nach dieser Szene soll Andreas noch weinend in der Bar gesessen sein. Danach ging er nach Hause, holte die Pistole seines Bruders und machte sich auf den Weg zum Haus, in dem Nadine und ihre Eltern wohnten. Gegen vier Uhr früh betätigt er die Klingel und erschießt den Vater seiner früheren Verlobten, der die Tür öffnet. Weitere Schüsse töten Nadines Mutter und Nadines Bruder. Danach steigt Andreas über den Balkon in die Wohnung ein, die er selbst für Nadine umgebaut hat und in der sie nun mit ihrem neuen Freund schläft. Dort erschießt er auch seine frühere Verlobte und den Nebenbuhler. Ein Massaker wie aus einer Tragödie von Shakespeare.

Wenn es um das Motiv für die Tat geht, fällt immer ein Schlüsselwort: Eifersucht. Was ist das für eine Kraft, die so verheerende Folgen haben kann? Gut ein Drittel aller Mordfälle sind sogenannte Intimizide, das heißt Tötung durch einen Partner, mit dem eine intime Beziehung bestand, ganz wie im Beispiel Kitzbühel.

Der störende Bruder

Zunächst scheint Eifersucht eine Emotion zu sein, die jeder kennt. Im Jahr 1922 notiert Sigmund Freud im Hinblick auf die Erfahrungen, die er in den Jahrzehnten davor mit seinen psychoanalytischen Patientinnen und Patienten gesammelt hatte: "Die Eifersucht gehört zu den Affektzuständen, die man ähnlich wie die Trauer als normal bezeichnen darf. Wo sie im Charakter und Benehmen eines Menschen zu fehlen scheint, ist der Schluss gerechtfertigt, dass sie einer starken Verdrängung erlegen ist und darum im unbewussten Seelenleben eine umso größere Rolle spielt." Dabei unterscheidet er allerdings zwischen der "normalen" Eifersucht und "Fällen von abnorm verstärkter Eifersucht, mit denen die Analyse zu tun bekommt".

Was die "normale Eifersucht" betrifft so kann Birgit F., die ihren wirklichen Namen natürlich nicht gedruckt wissen möchte, Freud nur zustimmen. Sie erinnert sich sehr gut an die Zeit in ihrer Kindheit, in der ihr kleiner Bruder ­plötzlich erschienen ist und aus ihrer Sicht das Familienidyll, das bis zu diesem Zeitpunkt bestanden hatte, zu stören begann. Sie erinnert sich daran, wie sie in der Tür des Badezimmers stand und den Wickeltisch beobachtete, auf dem der kleine Eindringling lag. Und sie erinnert sich daran, wie sehnlich sie sich damals wünschte, der Kleine möge von dem Wickeltisch fallen, ein Wunsch, der zum Glück nie in Erfüllung ging und irgendwann in Vergessenheit geriet.
Auch wenn Birgit heute errötet, wenn sie an diese kindlichen Vorstellungen zurückdenkt, so ist es doch ein weiter Weg, ein sehr weiter Weg, der von solchen mörderischen Gedanken eines Kindes zu einer Tragödie wie der in Kitzbühel führt. Aus Birgits Erfahrung kann man jedoch die Feststellung ableiten, dass Eifersucht ein so elementares Gefühl ist, dass es schon Kindern vertraut ist und dass sich dieses Gefühl offenbar auf ein soziales Gefüge von Zuneigung und Aufmerksamkeit bezieht. Sie ist auch der Kern der Geschichte, die im Alten Testament der Bibel von den Brüder Kain und Abel erzählt wird.

Außerdem scheint offensichtlich zu sein, dass Eifersucht nicht nur Menschen erleben, sondern dass Hunde, Katzen und Affen ganz ähnliche Regungen zeigen. Karen Bale ist Professorin an der University of California in Davis, nahe Sacramento. Sie betreibt dort ein neurobiologisches Labor und befasst sich systematisch mit Fragen der Monogamie. Im Jahr 2017 standen Rote Springaffen im Mittelpunkt ihrer Versuche, eine Spezies unter den Säugetieren, die normalerweise in lebenslanger Monogamie lebt. Balen und ihr Team schufen eine Situation, die entfernte Parallelen zu der Szene in der Kitzbüheler Bar aufwies: Männliche Springaffen wurden in Sichtweite ihrer Partnerin eingesperrt und mussten zusehen, wie sich andere Affen dem Weibchen näherten. Dabei wurden die Gehirnströme der eingesperrten Beobachter aufgezeichnet und es war ganz eindeutig, dass in den Gehirnen der Affenmännchen extreme Spannungen in einer Gehirnregion nachzuweisen waren, die cingulärer Kortex genannt wird, einem Bereich, in dem sowohl Affen als auch Menschen sozialen, emotionalen Schmerz wahrnehmen.

Im Dschungel

Nun scheint es aber auch noch einmal einen Unterschied zu geben zwischen einfacher sozialer ­Zurücksetzung, wie sie schon Kinder erleben, und dem Erlebnis einer sozialen Niederlage, wenn sexuelles Begehren im Spiel ist. Thomas Junker von der Fakultät für Biologie an der Universität Tübingen geht in seinen Vorlesungen mit dem Titel "Die Evolution des Menschen" auf den biologischen Sinn von Eifersucht im Rahmen der prähistorischen Entwicklung der Hominiden ein. "Sexuelle Eifersucht gibt es in allen Kulturen, und analoges Verhalten findet sich auch bei anderen Säugetieren", schreibt er und fügt hinzu: "Der biologische Sinn dieses Verhaltens ist offensichtlich. Neben den Anpassungen, die das Überleben des Individuums sichern, sind solche, die auf Reproduktion zielen, absolut zentral."

Aber zugleich weist Junker darauf hin, dass sexuelle Eifersucht, die er definiert "als leidenschaftliches Streben, einen Sexualpartner ausschließlich zu besitzen", um sozusagen das eigene Erbmaterial zuverlässig weitergeben zu können, sehr viele verschiedene Formen annehmen kann. Er erwähnt in diesem Zusammenhang Formen "kunstvollen Werbeverhaltens" bei vielen Säugetieren und den "weiten Bereich der Anlockung und Verführung", kommt aber auch auf negative kulturelle Folgen der sexuellen Eifersucht zu sprechen, die in der Geschichte der Menschheit von Einkerkerung und Genitalverstümmelung bis zum Mord reichen, wie das Beispiel aus Kitzbühel zeigt.

Aber natürlich ist die Menschheit ihren archaischen Instinkten nicht hilflos ausgeliefert. Sigmund Freud hat seinerzeit, insbesondere mit Blick auf die Jahre des Weltkriegs, in denen für ihn die zerstörerischen Seiten der Menschheit erschreckend deutlich geworden waren, die Aufgabe von Zivilisation und Kultur darin gesehen, solche Urkräfte zu bändigen. Wobei ihm, weil er im Jahr 1939 starb, die Erfahrung der folgenden Jahre der Barbarei sogar noch erspart blieb.

Die Idee aber, dass es eine kulturelle Aufgabe sei, archaische Empfindungen wie die Eifersucht zu überwinden, ist auch mit einer Bewegung verbunden, für die in den letzten Jahren gerne das Wort "Polyamorie" verwendet wird. Aus diesem Blickwinkel sind monogame Beziehungen Teil einer veralteten kulturellen Tradition und der modernen Lebenswirklichkeit nicht mehr angemessen. Das Psychologenpaar Christopher Ryan und Cacilda Jethá stellen ihrem Buch "Sex – die wahre Geschichte" die Frage voran: "Ist sexuelle Eifersucht ein unvermeidlicher, unkontrollierbarer Teil der menschlichen Natur?" Sie schildern ausführlich die Sitten und Gebräuche verschiedener Naturvölker, für die der Zwang zur Monogamie nicht existiert und die daher (angeblich) die mörderischen Formen der Eifersucht nicht kennen. "Die von uns beschriebenen Kulturen", fassen sie ihre Darstellung zusammen, "die in den unterschiedlichsten Weltregionen vom schwülen brasilianischen Dschungel bis zu den Seeufern am Fuß des Himalayas beheimatet sind, haben Mechanismen entwickelt, um Eifersucht und sexuelle Besitzansprüche zu minimieren."

Sex gegen Eifersucht

Eines der Beispiele, die da ins Treffen geführt werden, sind die Canela, ein indigenes Volk im Nordosten Brasiliens. So berichtet Anthropologe William Crocker in seiner im Jahr 2003 veröffentlichten Studie von den Männern dieses Stammes, dass sie "zusammen mit den anderen Stammesangehörigen ihre Ehefrauen darin bestärken, die Gebräuche zu ehren und im Rahmen der allgemeinen Feierlichkeiten mit zwanzig oder mehr Männern rituellen Sex zu haben." Obwohl sich der Forschungsreisende in diesem Fall auch nicht ganz sicher ist, ob das völlige Fehlen von Eifersucht bei solchen Anlässen nicht vielleicht auch nur eine kulturelle Maske ist.
Gut, wer aber nicht aus dem Dschungel von Maranhao kommt, in dem das Volk der Canela lebt, verfügt wahrscheinlich nicht über deren soziale Mechanismen, um Regungen der Eifersucht unter Kontrolle zu halten. Eine einzige Suchanfrage bei Google zeigt, wie es dicht unter der Oberfläche der entwickelten Industrieländer brodelt. Abertausende Ratgeber und Therapieangebote beschäftigen sich mit Fragen wie: "Was tun gegen Eifersucht?", oder: "Eifersucht überwinden! So bleiben sie gelassen".

Einen der vernünftigsten und wahrscheinlich einfachsten Tipps gibt übrigens der Paartherapeut Wolfgang Krüger. Er weist darauf hin, dass nach seiner Erfahrung Eifersucht in Paarbeziehungen nur in einem von vier Fällen tatsächlich begründet ist und dass seiner Erfahrung nach die wichtigste Gegenmaßnahme darin besteht, sich für die eigene Beziehung zu engagieren.
Vielleicht kann man sich ja in manchen Fällen mit solchen Tipps weiterhelfen. Eine Tragödie wie die von Kitzbühel ist ja wirklich nur die äußerste Form der Steigerung eines Gefühls, das ansonsten allgegenwärtig zu sein scheint.