Da geht also ein Schüler zur Bibliothek. Es ist Anfang der siebziger Jahre und der junge Mann, der in einer Kleinstadt lebt, ist durch und durch von Pubertät gequält und möchte sich daher mit dem Existenzialismus vertraut machen. Da steht er also vor den dicken Bücherrücken der Schulbibliothek und nimmt das Buch eines Urvaters des Existenzialismus zur Hand: Martin Heideggers "Einführung in die Metaphysik".
Vielleicht sind solche Bücher ja viel jugendgefährdender als die wildesten Pornofilme. Auf jeden Fall schlägt der junge Mann das Buch auf, für das es keine gültige Jugendschutzbestimmung gibt, und liest folgenden Satz: "Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?"
Ab diesem Augenblick ist es um Jim Holt geschehen. Die Frage, schreibt er später, "sei so tiefsinnig, dass sie nur einem Metaphysiker einfallen könne, aber auch so einfach, dass nur ein Kind auf sie zu kommen vermöge". Da er aber kein Kind mehr ist, stellt er sich sofort die kritische Frage, warum er als Kind nicht auf diese Frage gekommen war.
Die Antwort ist relativ einfach. Holt besuchte eine christliche Schule, in der solche Fragen nicht gestellt werden konnten, weil feststand, "dass Gott die Welt erschaffen habe". Und die Frage, warum Gott überhaupt existiere, führte bestenfalls zu der Erklärung, dass er selbst die Ursache seiner Existenz sei. Es gab also kein Rätsel, es konnte kein "Geheimnis der Existenz" geben. Basta.
Für Nichtgläubige wird es aber bedeutend schwieriger, eine halbwegs vernünftige Antwort auf eine solche Frage zu bekommen. Holt studierte Mathematik und Philosophie, arbeitete als Journalist für die "New York Times", den "New Yorker" oder "BBC" und brachte als Sechzigjähriger dann endlich ein Buch heraus, das den Titel trug: "Gibt es alles oder nichts? Eine philosophische Detektivgeschichte." Darin trägt er auf mehr als dreihundert Seiten Spuren zusammen, die helfen könnten, das Rätsel zu lösen, Zeugenaussagen von Philosophen, Theologen, Physikern, Mathematikern und Mystikern.
Wer also Freude an Rätseln hat, kann seine eigenen Antworten mit denen aus Jim Holts Gesprächsprotokollen vergleichen. Aber Vorsicht: Es handelt sich um ein schwieriges Rätsel und hartnäckiges Nachdenken kann den Seelenfrieden ernsthaft gefährden.