Seit es das Schachspiel gibt, verbringen Schachspieler nicht nur viel Zeit an dem Brett mit den 64 Feldern, sondern stecken auch viel Energie in das Vergnügen, rätselhafte Schachstellungen zu erfinden. Eines der ältesten dieser Rätsel findet sich in der Stambuler Handschrift, einer arabischen Sammlung von mathematischen und astronomischen Theoremen. Konstruiert wurde das Rätsel von einem Gelehrten mit dem klingenden Namen Abu Bakr Muhammad bin Yahya as-Suli. Er kam im Jahr 880 in der iranischen Stadt Gorgan zur Welt und starb 946 in Basrah, heute im Irak gelegen.
As-Suli war nicht nur als Lyriker berühmt, sondern galt zu Lebzeiten als der stärkste Spieler der Welt. Zu jener Zeit wurde allerdings noch nicht Schach im heutigen Sinn gespielt, sondern eine Vorläuferversion, die Schatrandsch hieß und sich in einigen Details der Regeln vom heutigen Schach unterschied. Trotzdem lassen sich die Rätsel auch mehr als tausend Jahre später noch nachvollziehen.
Zur Lebzeiten des As-Suli war es außerdem üblich, Schachprobleme mit Geschichten zu verbinden, die Mansuben genannt wurden. Im Mittelpunkt der Mansube aus der Stambuler Handschrift steht Dilaram, die Ehefrau eines spielsüchtigen arabischen Wesirs. An einem Spielabend soll dieser Wesir bereits alles verspielt haben und bietet in der allerletzten Partie seine Ehefrau als Einsatz an. Die Partie verläuft dramatisch und gegen Ende sieht es ganz so aus, als würde der Wesir auch dieses Mal verlieren. Doch da greift seine Frau ein, die offenbar mehr von dem Spiel verstand als ihr Mann, und gibt ihm einen Rat: "Opfere nicht mich, opfere die beiden Türme!"
Um nachvollziehen zu können, was Dilaram mit dieser Bemerkung ihrem Mann sagen wollte, muss man wissen, dass die Figur auf dem Schachbrett, die wie ein Läufer aussieht, zu jener Zeit nicht Läufer, sondern Alfil genannt wurde und sich vom modernen Läufer insofern unterschied, als der Alfil diagonal ein Feld überspringen konnte. Wenn man diesen Unterschied berücksichtigt, dann sollte man enträtseln können, was Dilaram seinerzeit ihrem Ehemann sagen wollte.