Nordisches Design – das sind praktische, zeitlose Möbel und Wohnaccessoires aus Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland. Auch wenn die vier Länder im Rest der Welt gerne über einen Kamm geschoren werden, haben sie alle eine eigene Designgeschichte und Formsprache, ausgehend von den natürlichen Rohstoffen und den Handwerkstraditionen.

In Schweden geht die Erfolgsgeschichte von Ikea und Co auf Bestrebungen nach sozialem Wohnbau und leistbaren, schönen Dingen für den Alltag in den 1930er Jahren zurück. Im dünn besiedelten Norwegen, das sich bis 1905 über Jahrhunderte in Unionen mit Dänemark und Schweden befand, waren Handwerk und Architektur wichtige Ausdrucksformen einer nationalen Identität auf dem Weg in die Unabhängigkeit. Das Königreich Dänemark hatte zwar Macht, aufgrund seiner geringen Größe aber nur wenig Rohstoffe, weswegen das Möbeldesign besonderen Wert auf Funktionalität und Langlebigkeit legt. Und in Finnland, dessen Fläche zu einem Drittel über dem Polarkreis liegt, vermischen sich skandinavische und baltische Traditionen.
"Nordisches Design hat eine starke Identität", fasst Innenarchitektin Hanna Kucera Wengelin zusammen. "Die neue Generation der Architekten und Designer bleibt dem Funktionalismus zwar treu, aber sie verleihen ihm eine raffiniertere Ästhetik. Heute können Dinge gleichzeitig avantgardistisch und praktisch sein. Wir leben in einer spannenden Zeit für nordisches Design in ganz Skandinavien."

Auf der Stockholm Furniture & Light Fair, der größten Messe für skandinavisches Möbeldesign, kamen im Februar zum 70. Mal Designer und Möbelmarken aus Schweden, Dänemark und Norwegen zusammen, um neue Produkte zu präsentieren. Imke Janoschek, Designexpertin und Redakteurin der schwedischen Einrichtungszeitschrift "Residence", hat aus der Vielfalt aktuelle Wohntrends abgelesen.

Während das klassische skandinavische Design für gerade Linien und Zurückhaltung bekannt ist, setzen einige Designer derzeit Akzente mit ungewohnt aufgeblähten Formen. "Wie ein Teig, der aufgeht", beschreibt Imke Janoschek den Trend hin zu rundlichen Sitzhockern und pilzförmigen Beistelltischen mit dicken, kurzen Beinen, die fast wie kleine Lebewesen wirken. Das traditionelle Möbelhaus Svenskt Tenn hat mit der fluffigen Famna-Serie, entworfen vom schwedischen Designerduo TAF, seit mindestens 40 Jahren erstmals ein neues Sofa auf den Markt gebracht. "Seit einigen Jahren schon stehen vor allem Esstische auf Elefantenbeinen", sagt Imke Janoschek. "Darin sehe ich einen Wunsch nach Sicherheit und Stabilität, nach etwas Solidem. Der Trend drückt sich nicht nur in Möbeln aus, sondern auch in wuchtigen Vasen, grobem Dekor aus Keramik und Schalen, die an die Steinzeit erinnern."

Auch die Textilien nehmen zu: "Vor ein paar Jahren hatte fast niemand Gardinen. Alles sollte kahl sein – die Fenster, die Wände, der Boden. Jetzt sieht man mehr üppige Teppiche, gerne mit abstrakten, grafischen Mustern oder unregelmäßigen Formen, zum Beispiel von der Marke Kasthall. Wer richtig trendy sein will, hängt einen asymmetrischen Teppich an die Wand. Das gab's schon lange nicht mehr!"
Im Gegensatz zu diesen Statement-Objekten kann Einrichtung auch unsichtbar sein: Viele Designmarken setzen auf eigene Duftkerzen, mit denen man seine Persönlichkeit ausdrücken und eine Wohnung gemütlicher gestalten kann. "Der Trend bei Düften geht hin zu immer schöneren, kostbareren Gefäßen. Außerdem werben die Designer damit, dass die Essenzen natürlicher Herkunft sind", beobachtet Imke Janoschek.

Großgeschrieben wird auch das Thema Nachhaltigkeit. Umweltfreundliches Design an sich ist längst kein Trend mehr, doch es lassen sich Tendenzen ableiten, wie Gestalter sich dem Anspruch nach Umweltfreundlichkeit nähern und welche Probleme sie konkret lösen. Von der Materialwahl über die Produktion bis hin zu Transport und Auslieferung – vom Anfang bis zum Ende der Wertkette kann nachhaltiger gearbeitet werden.

Kann denn Leder Sünde sein?

Die schwedische Gestalterin Emma Olbers, vom Magazin "Elle" zur Designerin des Jahres ernannt, gehört zu den Galionsfiguren des umweltfreundlichen Wohnens. "Für mich bedeutet Design vor allem das Lösen von Problemen", sagt Emma Olbers. "Will ich die Klimaerwärmung aufhalten, muss ich mich mit dem Kohlenstoffdioxid-Ausstoß beschäftigen. Fertigungsbetriebe verursachen nämlich ein Drittel des weltweiten CO2-Ausstoßes."
Kleider verbrauchen die meiste Energie beim Waschen, Autos beim Fahren und Möbel bei der Herstellung. Deswegen ist die Kaufentscheidung bei der Einrichtung ausschlaggebend für die Umwelt. Steht das Sofa erst einmal im Wohnzimmer, kann man für das Klima nichts mehr tun, außer vielleicht die Bezüge mit Bio-Waschmittel zu waschen.

"Die Hälfte des bei der Möbelherstellung verursachten CO2-Ausstoßes geht wiederum auf die Materialien zurück", sagt Emma Olbers. Als Indikator für den Umwelteinfluss eines Werkstoffs gilt das Verhältnis zwischen einem Kilogramm gewonnenem Material und dem dabei verursachten CO2-Ausstoß. Schnell wachsende Fasern wie Bambus, Hanf, Rattan oder Seegras verursachen am wenigsten CO2 und regenerieren sich innerhalb von sieben Jahren. Auch Holz ist einer der nachhaltigsten Rohstoffe im Möbelbau, obwohl das Nachwachsen länger dauert.

Am anderen Ende der Skala, mit zehn bis 30 Kilogramm CO2 pro Kilogramm Material, sind Leder und Wolle angesiedelt. Die "Umweltsünder" verursachen 300 Mal so viel CO2 wie Bambus und Hanf. "Tierische Produkte haben, neben Beton, rein rechnerisch die höchsten CO2-Werte, aber wo sie Neben- oder gar Abfallprodukte sind, ist die Verwendung weniger bedenklich", räumt Emma Olbers ein.
Mit diesem Wissen designt Emma Olbers ihre Produkte. Für das 2018 wiedereröffnete Nationalmuseum in Stockholm hat sie Lesestühle aus Eichenholz mit Sitzfläche und Lehne aus Hanfgeflecht sowie einen Teppich aus der Cellulose-Regeneratfaser Lyocell entworfen.
Für Emma Olbers ist das Sofa jenes Möbelstück, dessen Kauf man am gründlichsten abwägen sollte, weil in die Produktion – im Vergleich zu mageren Stühlen oder Tischen – viele verschiedene Materialien einfließen: "Ein Sofa ist wie ein Lebenspartner: Im Idealfall kommt man mit einem aus, das Material ist hochwertig, und es altert würdevoll." Wenn die Beziehung doch nicht hält, sollte man sich beim nächsten Versuch überlegen, ob man etwas Gebrauchtes nehmen kann – ein Kauf aus zweiter Hand ist immer nachhaltig.

Von Ledersofas rät Emma Olbers grundsätzlich ab, auch wenn sie lange halten: "Es reicht aus, wenn Leder an den Stellen sitzt, wo sich das Möbelstück am meisten abnutzt, etwa auf den Armlehnen. Gezielt eingesetzte Materialien sind nicht nur schön anzusehen, sie verlängern auch die Lebensdauer eines Möbelstücks."

Für Emma Olbers hat nachhaltiges Kaufen auch mit Recherche zu tun. Bei einer Essgruppe aus Holz kommt es beispielsweise weniger auf die konkrete Holzart an, sondern mehr um den Ursprung des Materials und ob der Möbelhersteller neue Bäume pflanzt. "Das Vergleichen ist anstrengend, aber als Konsumenten haben wir eine Mitverantwortung für die Umwelt."

Schlicht und naturnah

Nordisches Design – abseits der ausdrucksstarken Trends – ist schon in seiner Formsprache nachhaltig: Es bringt zeitlose, minimalistische Möbel hervor, an denen man sich nicht sattsieht und die man deswegen auch nicht so bald austauscht.
Jenny Andréen vom AußenwirtschaftsCenter der WKO in Stockholm betreut österreichische Unternehmen aus der Möbel- und Modebranche bei ihrer Expansion nach Schweden und kennt sich mit dem Geschmack der Skandinavier aus. "Es gibt viel gutes, junges Design in Österreich, das auch in Schweden ankommen würde. Im Gegensatz dazu haben Traditionsunternehmen, bei denen schwere, dunkle Holzmöbel überwiegen, kaum eine Chance", sagt sie. "Die Skandinavier wollen es schlicht und modern. Wenn man Schweden und Dänemark vergleicht, sind die Schweden zurückhaltender und die Dänen mutiger. Auch sind die Skandinavier weniger bereit, für Möbel viel Geld auszugeben, während man in Österreich noch mehr für gute Qualität verlangen kann. Wohlhabende Skandinavier leisten sich däni-sche Designklassiker wie den Ei-Sessel von Arne Jacobsen."

Auch Schweden hat seine exklusiven Ikea-Alternativen. Ein Designer, der den nordischen Designschatz um Hunderte Stoffmuster und Möbelklassiker bereichert hat, war der gebürtige Österreicher Josef Frank (1885-1967): Der Architekt jüdischer Abstammung wanderte 1933 nach Schweden aus und entwarf für das Einrichtungsgeschäft Svenskt Tenn Möbel und Textilien, die noch heute in gutbürgerlichen Heimen zu finden sind.

Ein Leitmotiv im Sortiment von Svenskt Tenn – und in der schwedischen Inneneinrichtung generell – sind Naturmotive: Blüten auf Kissen, Ranken auf Gardinen und Äpfel auf Lampenschirmen. "Mein dänischer Partner wundert sich, was wir Schweden immer mit Blumen und Blättern haben", lacht Jenny Andréen. "Es hat wohl mit unserer Verbundenheit zur Natur zu tun und damit, dass Schweden so viel Wald hat." In Schweden gibt es das Jedermannsrecht, das buchstäblich jedermann den freien Zutritt zur Natur, das Sammeln von Beeren und Pilzen und wildes Campen erlaubt – und Dänemark hat das nicht.

Wer wissen will, wie es bei den Nordländern zu Hause aussieht, kann online Blicke hinter "schwedische Gardinen" werfen. Das virtuelle Designmuseum (www.swedishdesignmuseum.com) zeigt eine Schau namens "The Home Viewing Exhibitions", die Immobilienanzeigen auf ihren Gehalt an Designklassikern abklopft. Vom roten Häuschen auf einer einsamen Insel bis hin zur hippen Stadtwohnung sind 16 Inserate dabei, die Einblicke in den nordischen Wohngeschmack geben.
Designredakteurin Imke Janoschek empfiehlt allen, die ihr Zuhause schwedischer einrichten möchten, generell helles Birkenholz sowie zwei konkrete Modelle von Sitzgelegenheiten: den Sprossenstuhl "Lilla Åland" von Carl Malmsten und den Sessel "Lamino" von Yngve Ekström.
Laut Jenny Andréen hat das Heim für die Skandinavier eine andere Bedeutung als für Österreicher – einerseits, weil die Leute wetterbedingt mehr Zeit in Innenräumen verbringen (Stichwort Polarnacht: 17 bis 24 Stunden Dunkelheit im tiefsten Winter), und andererseits, weil die Wohnung auch ein Treffpunkt ist: "Im Freien ist es zu kalt, und die Kneipen sind zu teuer." Sie schaut auf ein Austauschjahr in Österreich zurück, in dem sie die regelmäßigen Besuche im Gasthaus mit der Gastfamilie überrascht haben: "Das haben meine Eltern mit mir nicht gemacht. Schwedische Familien laden sich gegenseitig nach Hause ein. Aber in erster Linie machen die Leute ihr Zuhause für sich selbst schön, nicht zum Herzeigen."