Kaum jemand kennt sich mit der Marke Thonet und ihren Möbeln so gut aus wie Sammler, Geschichtsforscher und Autor Wolfgang Thillmann aus Vallendar, 30 Kilometer rheinaufwärts von der Thonet-Geburtsstätte Boppard. Es gab Zeiten, da hatte er die größte Thonet-Privatsammlung Europas, vielleicht sogar weltweit, in seinem Besitz. Er ist gefragter Leihgeber und hat Thonet-Ausstellungen mitgestaltet, zuletzt "Bugholz, vielschichtig" im Wiener MAK, die noch bis 6. September 2020 zu sehen ist. Die Retrospektive wurde 2019 eröffnet, als die Designwelt das 200. Jubiläum des Thonet-Möbelimperiums feierte, das Designklassiker aus Holz und auch aus Stahlrohr hervorgebracht hat.

Kultsessel der ersten Stunde: Der "Nr. 14" wurde erstmals 1859 gebaut. - © MAK/Georg Mayer
Kultsessel der ersten Stunde: Der "Nr. 14" wurde erstmals 1859 gebaut. - © MAK/Georg Mayer

Vom Rhein an die Donau

Alles beginnt 1819 mit einer Schreinerwerkstatt in Boppard im deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz. Dort experimentiert der 23-jährige Michael Thonet (1796-1871) mit Arten der Holzverarbeitung und Möbelherstellung. 1842 wandert er auf Empfehlung des österreichischen Fürsten Klemens von Metternich mit seiner Gattin Anna und den fünf Söhnen nach Wien aus. Alle sechs Herren Thonet arbeiten in Wien für Schreiner und gestalten unter anderem das Stadtpalais Liechtenstein mit, bevor sich Michael Thonet 1849 wieder in die Selbständigkeit wagt. Die Firma nennt er zwar "Gebrüder Thonet", bleibt aber bis an sein Lebensende der Chef.

Michael Thonet  (M.) und seine fünf Söhne. - © Thonet
Michael Thonet  (M.) und seine fünf Söhne. - © Thonet

In Wien verfeinert Thonet die Technik, die das Markenzeichen der Firma wird: das Biegen von Stäben aus massivem Buchenholz, die in heißem Wasserdampf formbar gemacht und zum Erstarren in eine gusseiserne Form gezwungen werden. Diese sogenannte Bugholz-Technologie ermöglicht ein schnelleres, wirtschaftlicheres Arbeiten als beispielsweise das Schnitzen und Hobeln aus dem vollen Holzblock.

Thonets bekanntestes Produkt ist – der typisch sachlichen Nomenklatur folgend – der Stuhl "Nr. 14", auch bekannt als "Consumsessel" oder "Wiener Kaffeehaus-Stuhl". Die Lehne bilden zwei gebogene Stäbe, die Sitzfläche ist rund. Dass dieser "Stuhl der Stühle" in seine Bestandteile – sechs Bauteile, zehn Schrauben und zwei Muttern – zerlegt und verschickt werden kann, macht ihn für seine Zeit einzigartig. Ganze 36 Exemplare passen in einen Kubikmeter. Er hat sich zwischen der Premiere 1859 und 1930 über 50 Millionen Mal verkauft, seitdem bestimmt noch einmal so viel.

Um die Jahrhundertwende umfasst der Thonet-Katalog rund 300 Modelle, und die Thonetstühle sind in der Wiener Gastronomie und auch im Rest von Europa allgegenwärtig. Im Café Griensteidl sitzen Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler auf dem Stuhl Nr. 4 mit herzförmigen Schnörkeln als Rückenlehne. Der französische Maler Henri de Toulouse-Lautrec bildet in seinem Gemälde "Im Moulin Rouge" Bugholzstühle ab.

Bis heute werden die Bugholzmöbel auf die ursprüngliche Weise von Hand gefertigt. Ein "Nr. 14" kostet etwa 150 oder 740 Euro pro Stück, je nachdem, ob man ihn von der deutschen Firma Thonet GmbH oder der tschechischen Firma TON bezieht. Bereits ab 1856 arbeitet Thonet nämlich nicht mehr nur lokal in Wien, sondern gründet innerhalb von 33 Jahren sieben Möbelfabriken: sechs in Osteuropa und eine in Frankenberg/Eder im deutschen Bundesland Hessen. Um 1930 fertigen die Thonet'schen Fabriken zusammen 18.000 Sessel pro Tag. Aus dem Einzelunternehmen ist ein Imperium geworden, das Typisierung vorlebt und namhafte Architekten und Gestalter als Designer anzieht.

Vom Sammler zum Forscher

Wie Thonets unzählige Privat- und Geschäftskunden erlag auch Wolfgang Thillmann einst spontan der schlichten Eleganz der Möbel. Frisch verheiratet, zog er um 1990 mit seiner Frau über Flohmärkte, um das neue Heim auszustatten, und fand die Stühle aus Bugholz schlicht ansprechend. Als das Paar alles Nötige zum Wohnen beisammen hatte, war die Faszination für das Thonet-Handwerk so groß, dass sie mit System weitersammelten: Mindestens ein Exemplar aus jeder Entwicklungsphase sollte dabei sein, um eine durchgehende Chronologie zu schaffen. Obwohl Thillmann studierter Deutschlehrer ist, war ihm als Enkel von zwei Schreinern die Arbeit mit dem Werkstoff Holz vertraut. Wie man Thonetstühle restauriert, hat er sich schon am Beginn der Sammelkarriere selbst beigebracht.

Weil Thillmann die Erforschung der Thonet-Geschichte und der handwerklichen Techniken mittlerweile mehr Freude macht als das Sammeln und Deponieren der Objekte, hat er im vergangenen Jahr die Hälfte seiner 250 Möbel versteigert: "Die Objekte waren ausgeforscht, sie hatten mir nichts mehr zu sagen. Früher habe ich wild gesammelt: Alles, was gebogen war, musste ich haben. Aber mit der Zeit ist mir die wissenschaftliche Arbeit wichtiger geworden. Außerdem bin ich mit 68 in einem Alter, in dem ich mir überlege, was einmal aus der Sammlung wird. Ich wollte nicht, dass sie in die falschen Hände gerät."

Dass der Großteil der Lose von Museen erstanden wurde, überrascht Thillmann wenig: Die jüngere Generation wolle keine Antiquitäten, sondern lieber modernes Design. Obwohl er generell nicht zurückschaut, war ein Objekt dabei, dessen Verkauf er bereut: eine frühe Ausführung der Schaukelliege Nr. 7500 ohne Armlehnen aus der Zeit vor 1879. Mit etwa 9000 Euro habe sie mehr eingebracht als erwartet, aber weil das Modell so selten ist, wird Thillmann sentimental: "Sie ist nach Wien gegangen. Ich könnte sie mir bestimmt noch einmal anschauen, wenn ich das möchte."

Vom Schnörkelstuhl zum Freischwinger

Heute finden sich im Haus der Thillmanns weniger Bugholzmöbel, sondern mehr Möbel aus Stahlrohr – auch diese von Thonet. In der Zwischenkriegszeit haben Architektur und Möbeldesign einen radikalen Wandel durchgemacht: 1919 entsteht in Weimar das Bauhaus, das Gestalter und Hersteller zusammenbringt. Auf der Suche nach zeitgemäßen Ausdrücken hinterfragen die "Bauhäusler" die Formensprache und Materialwahl und rechnen mit überflüssigen Ornamenten ab. Die neue Sachlichkeit im Bauen und Einrichten bringt viele Ideen und Produkte hervor, die sich bis heute halten.

Dazu gehört der sogenannte Freischwinger: ein markanter Stahlrohrsessel ohne Hinterbeine, dessen Form von der Seite wie ein S ausschaut und der beim Sitzen nachgibt. Sowohl der Erfinder Mart Stam als auch Ludwig Mies van der Rohe und Marcel Breuer haben für Thonet Stahlrohrmöbel entworfen, die bis heute gefertigt werden. Ihr Preis liegt bei gut tausend Euro pro Stück. Genauso solide wie der Preis ist auch die Machart: In der Nationalbibliothek in Leipzig sind Sessel des Modells S 43 aus den 1930er Jahren bis heute in Verwendung.

Und dann kommt der Zweite Weltkrieg und alles wird anders. Die sechs Thonet-Werke in Osteuropa werden enteignet, aus dem Werk in Bistritz am Hostein wird später die unabhängige Firma TON. Ein Bombenangriff zerstört die siebente Fabrik im deutschen Frankenberg. Urenkel Georg Thonet baut sie neu auf, und wo ab 1953 wieder Buchenstäbe zu Stühlen gebogen werden, liegt heute der Firmensitz von Thonet GmbH mit der Produktionsstätte für Holz- und Stahlrohrmöbel. Auch in Österreich geht die Produktion bis 2006 weiter, und zwar im steirischen Friedberg.

Dort durfte Wolfgang Thillmann selbst einmal Hand anlegen und Holz für eine Stuhllehne biegen: "Das ist ganz schwierig. Zwei Männer halten die Holzstange, und während sie sie in die Form biegen, müssen sie das Holz leicht drehen, um die dreidimensionale Form hinzubekommen. Einerseits ist es eine feinfühlige Arbeit, aber man übt auch Gewalt aus, um das Holz in die Form zu zwängen."

Derzeit schreibt Thillmann eine Biografie über Michael Thonet, die in drei Jahren erscheinen soll. "Mich interessieren die historischen und politischen Rahmenbedingungen der Thonet'schen Erfolgsgeschichte. Jedes Jahr während der Sommerferien saß ich wochenlang in Archiven." Laut Thillmann werde die Geschichte der Firma Thonet oftmals falsch wiedergegeben: "Es heißt überall, dass das Unternehmen Thonet 1819 gegründet wurde, aber das stimmt so nicht. Michael Thonet hat in diesem Jahr die Werkstatt seines Vaters übernommen. Der war eigentlich Gerber, sattelte aber 1815 auf Holz um. Und das wiederum war nur möglich, weil das Rheinland von Franzosen besetzt war, die das Zunftwesen aufhoben. Ansonsten hätten wohl weder der Vater noch der Sohn jemals Schreiner werden können."

Das Verstehen der Umstände schmälere nicht Thonets Leistung. Thillmann geht es vielmehr um ein vollständigeres Bild und die Einbettung in die historischen Ereignisse des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: "Michael Thonet war weniger ein vorausschauender Planer, sondern vielmehr ein Mann, der zur richtigen Zeit die richtigen Entscheidungen getroffen hat."