Eigentlich gehört es beim Fortgehen ja zum guten Ton, möglichst spät aufzukreuzen. Je später, desto verwegener. Heißt es, die Party steigt um 21 Uhr, kann man mit routinierten Nachteulen nicht vor 23 Uhr rechnen. Das ist bei einer vorverlegten Sperrstunde während der Corona-Krise natürlich eher ungünstig, ganz zu schweigen von Sicherheitsabstand und dezimierter Gästeliste. Das Fortgehen hat sich angepasst – in St. Martin bei Linz wurde es vorübergehend zum Fortfahren. Schon um 20 Uhr fädeln sich die ersten Autos brav auf dem staubigen Parkplatz hinter der Großraumdisco Empire auf, der etwa 200 Autos fasst. Platzanweiser mit Mundschutz und Warnwesten ordnen sie den Reihen zu, die auf dem Boden markiert sind. Das DJ-Duo Harris & Ford ist am 6. Juni für etwa 21 Uhr angekündigt, davor wärmt ein hauseigener DJ das fahrende Feiervolk auf. In manchen Autos flimmern bunte Lichterketten. Die Stimmung ist ausgelassen, die Bierflaschen ploppen, und wer als Fahrer auserkoren wurde, hat bei den anderen sicher etwas gut.
Autodisco heißt das Spektakel, das mittlerweile an mehreren Standorten in Österreich zum Franchise-Produkt wurde. Die DJs legen von einer erhöhten Bühne aus auf, ausgespielt wird sie den Autos zu ihren Füßen ausschließlich über das Radio. Das kennt man doch von wo. Denkt man sich die aufwendige Pyro-Show auf der Böschung und den Hauch von aufgeheizter Festival-Stimmung in der Luft weg, wäre man wohl in einem Autokino. Darauf gehen diese Hybrid-Formen der Drive-In-Events ja letztlich auch zurück. Was längst zusammen mit nostalgischen Teenie-Filmen ins Regal gestellt wurde, feiert in der Corona-Krise quer über den Globus ein Comeback. So auch das legendäre Autokino Wien. Das weckt wohl vor allem bei der Disco-Feierei weit entwachsenem Publikum verschmitzte Erinnerungen. Doch was vor einigen Jahrzehnten noch beliebter Anlass war, zwischendurch auch mal die Rückbank warmzukuscheln, bediente im Frühjahr 2020 ein ganz anderes Bedürfnis: jenes nach ein wenig kultureller Abwechslung trotz Shutdown.
Am 15. Mai um 00:01 Uhr nachts öffnete das Autokino Wien seine Pforten, nachdem es 2015 bankrott gegangen war und danach nur rudimentär für einige kleinere Veranstaltungen bespielt wurde. Im ganzen Land sind inzwischen unzählige weitere aus dem Boden geschossen. Markus Cepuder und Hannes Schwarzecker haben das in den 1960ern erste Autokino Öster-
reichs neu übernommen. Bislang schien der große Aufwand dahinter das ebenso große finanzielle Risiko nicht wert. "Als wir gesehen haben, dass die Autokinos während der Corona-Krise international wieder gut gehen, haben wir gesagt: Wenn, dann jetzt", sagt Cepuder. Dass das wahrscheinlich eine kluge Entscheidung war, bewies schon das Crowdfunding vorab. Bereits vor der angesetzten Frist von 25 Tagen hatten sie die angepeilten 15.000 Euro in der Tasche. Film ab. Bei der Premiere gab es den "Aufbruch zum Mond" und ein Welcome-Package inklusive Sicherheitsanweisungen, Desinfektionsmittel und Kondomen. Saftey first, auf allen Ebenen.
Das ist bei den zahlreichen Drive-In-Formaten generell die oberste Prämisse, und letztlich auch ihre Daseinsberechtigung: Die Karten werden vorab online gekauft, Snacks und Getränke kann man sich per App direkt ans Fenster liefern lassen und die Gäste werden immer wieder dazu angehalten, das Auto nur zu verlassen, wenn die Blase drückt. "Auch weil ich Politiker bin, achten wir besonders darauf, dass alles korrekt zugeht", sagt Fabian Grüneis. Er ist Bürgermeister von Waizenkirchen (ÖVP) und geistert mit seinen 23 Jahren dann und wann als jüngster Bürgermeister Oberösterreichs durch die Medien. Zu diesem Image passt sein Job als DJ Greenice im Empire gut. Im vergangenen Jahr gründete er mit zwei weiteren DJ-Kollegen eine Event-Agentur, die gemeinsam mit der Disco-Dachgruppe Nach(t)leben in St. Martin vor einigen Wochen die erste Autodisco Österreichs veranstaltete. "Wir schicken am Tag der Veranstaltung eine Mail mit detaillierten Spielregeln aus." Darin sei auch noch einmal ausdrücklich betont, dass man den Motor nach dem Einparken abstellen soll. Hat man sich erst einmal eingereiht, kann man das Gelände auch nicht einfach so wieder verlassen. Ob es einem gefällt, oder nicht – das geht erst, wenn die Veranstaltung vorbei ist.
Und wenn es nicht geht, geben die Veranstalter Starthilfe. Auch das haben die verschiedenen Auto-Formate gemeinsam. Genauso wie die Tatsache, dass zum Thema Umweltschutz bei den meisten erstaunlich wenig Kritik laut wurde. Ja, die Veranstaltungen würden zwar bewusst Autos anziehen, aber nein, zu einer größeren Umweltbelastung würde es nicht unbedingt kommen. Die Motoren seien ja während der Aufritte bewusst abgeschaltet. "Wir befinden uns hier an einer Landstraße. Da fahren in der Minute so viele Autos vorbei", relativiert Fabian Grüneis den Einwand. Sicher kommt es dabei auch auf die Zielgruppe an. In weniger dicht besiedelten Gebieten sind die meisten ohnehin auf ihr Auto angewiesen, um flexibel von A nach B zu kommen. In einer Großstadt wie Wien sieht sie Sache schon anders aus. Viele besitzen hier gar kein eigenes Auto und ein Fahrrad-Drive-In würde doch etwas an der ursprünglichen Idee vorbeigehen. Urban sind die Auto-Formate nicht unbedingt. Immerhin liegt sogar das Autokino Wien in Groß-Enzersdorf und damit außerhalb der Stadtgrenze.
Kurz bevor der Hauptact der Autodisco die Bühne einnimmt, donnert es hinter dem Empire los. Nur ist es nicht das Gewitter, das langsam am Horizont aufzieht und dem Gebot des Im-Auto-Bleibens wahrscheinlich sogar in die Hände spielen würde. "Um fünf vor neun ist es ein Mal erlaubt, dass alle hupen", sagt Grüneis. "Dann muss Ruhe sein, um unsere Anrainer nicht zu sehr zu belasten." Einmal darf man sich also kollektiv akustisch austoben, für den Rest des Abends ist dann zuhören angesagt. Es dauert etwas, bis es auch die letzten Protesthuper begriffen haben. Aber es gibt ja schließlich auch andere Möglichkeiten, Anteil zu nehmen. "Ich will eure Lichthupen sehen!", ist hier das Äquivalent zu: "Und jetzt alle Hände hoch!" Mal sollen alle Scheinwerfer im Takt wedeln, mal alle bunten Leuchtstäbe. Linker Blinker, rechter Blinker. Und wenn schon das Tanzen flachfällt, bringt man eben das Auto zum Wackeln. Das geht zwar nicht im Rhythmus, aber wer will hier schon Erbsen zählen. Beim Feiern geht es ja auch nicht ums Tanzen allein. Bei manchen Events geht eine Kiss-Cam durch die Autoreihen und animiert dazu, sich küssend auf die Leinwand neben der Bühne projizieren zu lassen. Außerdem gibt es einen Link zu einem Video-Chat, an dem alle Gäste teilnehmen können. Und schon nach wenigen geremixten Dauerbrennern schunkeln dann doch die ersten entblößten Oberkörper aus einem Dachfenster.
Der etwas unorganische Kontakt zum Publikum stimmte die deutsche Comedienne Tahnee am Anfang eher skeptisch, als die ersten Anfragen für Auftritte bei Drive-In-Kleinkunstbühnen in Deutschland bei ihr eintrudelten. Immerhin wäre gerade die Interaktion mit den Zuschauern im Kabarett das A und O. Schließlich hat die Neugierde aber doch gesiegt. Bei zwei dieser Veranstaltungen ist sie in den vergangenen Wochen aufgetreten, einer auf einem früheren Ikea-Gelände in Kaarst und jener vom Theater Talbahnhof in Eschweiler in Nordrhein-Westfalen. Und anders als bei der Autodisco war es dort durchaus erlaubt, ja sogar erwünscht, Beifall zu hupen. "Du fühlst dich erst einmal wie ein unseriöser Autoverkäufer", scherzt Tahnee über das gewöhnungsbedürftige Setting. "Das ist ein irrer Sound, das Gehupe ist wirklich laut, aber es gibt einem doch diese Energie." Anders als üblich kommt das Feedback auf die Pointen auch nicht direkt, sondern etwas zeitverzögert aufgrund der Radio-Übertragung. Das muss man auch erst mal bedenken. Dennoch ist Tahnee überrascht über die unerwartet festivalmäßige Atmosphäre. "Die Leute haben Schilder gebastelt. In Kaarst haben manche sogar ihre Scheibenwischer mit Handschuhen ausgestattet, damit es aussieht, als würden sie winken."
Solche Kleinkunst-Drive-Ins sind oder waren in Österreich ebenfalls in Planung. Die Initiative "Künstler für Österreich" kündigte Anfang Mai etwa einen mobilen Kultur-Drive-In an, der im Sommer durch Österreich tingeln soll. "Grundsätzlich finde ich das Konzept super. Vor allem, weil die Idee dahinter ist, jungen Künstlerinnen und Künstlern eine Bühne zu geben", sagt Kabarettist Thomas Stipsits. Er selbst könne sich aber nicht vorstellen, vor einer Horde Autos aufzutreten. Der direkte, enge Draht zum Publikum sei zu wichtig für seine Kunst. "Kabarett ist ein Gemeinschaftsding zwischen Künstler und Publikum. Wir machen uns gemeinsam einen Karl." Getrennt durch Autos, ist das natürlich deutlich schwieriger. Außerdem sei es seiner Ansicht nach dafür schon etwas spät. Schließlich waren solche Formate ja auch eher zur Überbrückung gedacht, als noch nicht klar war, wann Veranstaltungen – wenn auch nur in kleinem Rahmen – wieder möglich sein werden.
Dafür boten die Autokino-Variationen also die ideale vorübergehende Bühne. Das zeigt schon alleine die Bandbreite des Angebots. Die Kleinkunstbühne Talbahnhof in Eschweiler eröffnete den zweiwöchigen "Kleinkunst im Auto"-Zyklus etwa mit einem ökumenischen Gottesdienst. "Ältere Menschen durften nicht zur Kirche und wir wollten auch ihnen etwas bieten", sagt Agnes Danz vom Talbahnhof. Auch wenn der Zulauf am Anfang enorm war, stockte er nach und nach. Am 11. Mai war auch schon wieder Schluss. "Wir haben genau zum richtigen Zeitpunkt angefangen und genau zum richtigen Zeitpunkt wieder aufgehört." Mittlerweile konnte die Spielstätte ihren Betrieb wieder aufnehmen.
Auch Fabian Grüneis sieht in seiner Autodisco kein längerfristiges Format: "Wir erwarten, dass der Hype in den nächsten Wochen wieder vorbei sein wird." Einerseits, weil es immer heißer werde, andererseits, weil die Verlockung, sich in größerer Besetzung zu Hause zu treffen oder im Wirtshaus irgendwann doch überwiege. Das Verständnis der Gäste für die strengen Sicherheitsmaßnahmen schwinde von Woche zu Woche. Auch da geht man nun einmal lieber auf Nummer sicher. Auf Dauer würde sich das Konzept finanziell sowieso nicht rentieren. Eine andere Alternative zeichnet sich für Clubs wie das Empire aber auch nicht ab.
Zumindest draußen bahnen sich im Sommer einige Alternativformate an, die ohne Autos auskommen, wie in Wien etwa die Pop-Up-Konzerte des Donauinselfests ab 1. Juli oder die geplante Eventserie "Kultursommer 2020". Allein beim althergebrachten Autokino selbst besteht die Chance, von der Übergangsbespaßung doch wieder zum Dauerbrenner zu werden. Immerhin besitzt es nicht nur den Vorteil der Kontaktlosigkeit, sondern auch etwas, das heutzutage in der Popkultur längst harte Währung ist: Es ist schon ziemlich retro.