Bordeaux hat in den letzten Jahrzehnten einen gewaltigen Wandel durchlaufen. Ein Dornröschen wurde wachgeküsst, den Part des Prinzen übernahm Alain Juppé, ehemals Langzeitbürgermeister und Premierminister. Unter seiner Ägide erstrahlte das klassizistische Altstadtensemble in neuem Glanz, es rangiert auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes. Auf den restauratorischen folgte ein städteplanerischer Kraftakt. Man verbannte die Autos aus dem Zentrum, legte ein weitläufiges Straßenbahn- und Radnetz an; verödete Viertel wurden zu Geschäfts-, Kultur- oder Forschungszonen aufgewertet, die Quais de Garonne zu Sport- und Flaniermeilen umgestaltet. Der Hafen Port de la Lune (benannt nach dem mondsichelförmigen Mäander der Garonne) ist heute primär von touristischer Bedeutung; die Handelsaktivitäten haben sich flussabwärts verlagert.

Ein Lebenstraum

Wie nebenbei hat sich die "Welthauptstadt des Weines" auch zu einer Hochburg der Erinnerungskultur entwickelt. Seine generell beachtliche Museumslandschaft wurde in jüngster Vergangenheit gleich um drei eindrucksvolle Institutionen erweitert: das Naturkundemuseum, das Meeres- und Marinemuseum – und die Cité du Vin, eine hippe Kultstätte für Weinpilger.

Die 2016 eröffnete Cité du Vin verbindet Museumskonzept und Freizeitwelt. Der hypermoderne Tempel im ehemaligen Hafenviertel Bacalan wurde nach Plänen des Pariser Architektenduos Anouk Legendre und Nicolas Desmazières (Agentur XTU) errichtet. Alles ist rund, der 55 Meter hohe Turm wie die Anlage zu seinen Füßen. Die Form bilde die Schwenkbewegung des Weins im Glas nach, erklärt uns Solène Jaboulet, Kommunikationsdirektorin des Hauses. Der fließende Baustil spiele auch auf die vorbeiströmende Garonne an. Die Glas- und Alu-Platten der Fassade wiederum reflektieren das atlantische Licht auf magische Weise.
Das neue Wahrzeichen von Bordeaux lädt zum multimedialen und sinnlichen Parcours durch die internationale Weinwelt. Man bekommt Einblicke in An- und Ausbau, Kulturgeschichte, Wirtschaft und religiöse Bedeutung des Rebensaftes. Auch ökologische und medizinische Aspekte werden thematisiert. Eine Mediathek, Workshops und Vorträge runden den instruktiven Part ab; den Weg zum praktischen Weinkult ebnen ein Concept Store, eine Vinothek, die Weinbar und das Panoramarestaurant "Le 7", ein beliebter Treff der Bordelaiser.

Nur einen Steinwurf vom Weintempel entfernt hat im Vorjahr das Musée Mer Marine seine Tore geöffnet. Der Entwurf für den Betonbau stammt vom Bordelaiser Architekten Olivier Brochet. Die Textur der Fassade ist dem gewellten Boden des Watts nachempfunden. Mit diesem Privatmuseum hat sich Norbert Fradin, Immobilienunternehmer in Bordeaux, einen Lebenstraum verwirklicht. Seit er denken kann, sammelt er alles, was mit Meer beziehungsweise Schifffahrt zu tun hat. Nur den eigenen Seemannsdrang konnte der Hobbysegler nicht ausleben, gesteht er uns beim Rundgang durch sein Haus – und bezeichnet sich augenzwinkernd als "marin frustré".

Die Sammlung wird in einem Kontext von Geschichte, Wissenschaft, Umwelt, Kunst und Mythologie präsentiert. Das sogenannte "théâtre antique" etwa setzt eine ägyptische Totenbarke, phönizische Amphoren oder Meeresgottheiten in Szene. Die vielen Schiffsmodelle erzählen von Kriegen, Handelsrouten, legendären Meeresabenteurern oder Dramen wie jenem der Titanic. Ihre ganz eigenen Geschichten haben die Galionsfiguren, Votivgaben – und die Kunstwerke: Gleich am Eingang zieht die Metallskulptur eines ausgestorbenen Riesenhais (Megalodon), ein Werk des französischen Künstlers Philippe Pasqua, den Besucher in den Bann. Im Erdgeschoß baumeln goldene Sirenen von der Saaldecke; es sind mythologisch veredelte Barbie-Puppen der franco-schweizerischen Künstlerin Flore Sigrist. Und mit den Installationen der temporären Ausstellung – zuletzt etwa ein in Netzen und Plastik verheddertes Schildkrötenskelett – setzt Monsieur Fradin ein klares Statement: Ozeane sind fragile Biosphären, ihr Schutz ist ein Gebot der Stunde.

Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind – natürlich – auch zentrale Anliegen des Muséum de Bordeaux. Das Naturkundemuseum stellt sein Öko-Engagement sowohl bei der Präsentation der Sammlung wie auch bei der Gebäudetechnik unter Beweis: Ein Wärmerückgewinnungssystem reduziert den CO₂-Ausstoß für Heizung und Klimatisierung um 75 Prozent. Das Museum wurde 2019 nach umfassender Renovierung neu eröffnet. Das noble Sandsteingebäude im eleganten Jardin public war einst ein Adelspalais. Es wurde 1857 von der Stadt erworben und zum Museum umgebaut. Bordeaux war damals ein bedeutender Umschlagplatz für Wein und Kolonialwaren, was der Anschaffungspraxis des Museums höchst dienlich war. Mit den Handelsflotten trafen Exponate aus allen Kontinenten ein.

Sammeln heißt auswählen, lautet ein didaktischer Ansatz des Hauses. Nathalie Mémoire (welch schöner Name für eine Museumsdirektorin!) erläutert: "Die Exponate geben auch Aufschluss über die Sammler. Ihre Auswahlkriterien sind Ausdruck des jeweiligen Zeitgeistes." Ähnliches gelte für die Gültigkeit von Klassifizierungen, denn auch die Ordnung der Natur unterliege historischen Sehweisen. Madame Mémoire: "Wir stellen die zentrale Frage nach dem Platz des Menschen in der Natur und nach den Auswirkungen seines Handelns auf die Umwelt. Darüber wollen wir einen gesellschaftlichen Dialog führen."

Die Museumsdidaktik setzt bei den ganz Kleinen an. "Musée des tout-petits" heißt der Bereich, wo Kinder die Wunderwelt des Heranwachsens entdecken: Welche Spezies legt Eier, welche bringt Kleinstwesen zur Welt? Was passiert im Bauch von Mama, was im Hühnerei? Wie schnell kommen Tierbabys auf eigene Füße? Das Prinzip des spielerischen Vergleichs begeistert Jung wie Alt. Eine Vitrine etwa illustriert anhand von Alltagsgegenständen die Mechanismen tierischer Fresswerkzeuge: Ein Handbesen bildet das Gegenstück zu den Barten eines Grönlandwals, eine Spritze das Pendant zum Saugstift der Stechmücke. Insgesamt eine Million Exemplare umfasst die Sammlung des Hauses, der Großteil lagert im neuen Depot an der Stadtgrenze. Natürlich rückt man auch die Ökosysteme der Region ins Licht. Die Flora und Fauna der Dünen, des Watts oder des lagunenartigen Bassin d’Arcachon zeugen von der reichen Biodiversität der Küsten Aquitaniens.

Wallfahrtsorte

Der wahre Museumsfan verfügt bekanntlich über ein
enormes Durchhaltevermögen. Das kann er in Bordeaux noch an vielen Stätten unter Beweis stellen, zum Beispiel im Museum für dekorative Kunst und Design, im Nationalen Zollmuseum oder im Musée de la Création Franche, einem Mekka der Art brut. Welche Spuren die Geschichte in der Stadt und Region hinterlassen hat, erfährt man im Musée d’Aquitaine. Viel Raum wird dort dem alten Seehandelsplatz Bordeaux gewidmet – bei durchaus kritischer Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus. Das Musée des Beaux-Arts wiederum bietet Skulpturen und Gemälde vom Spätmittelalter bis zur frühen Moderne, mit einem Akzent auf dem 19. Jahrhundert. Unter den Schätzen dieses Hauses finden sich sogar ein "Sterbender Mozart" aus weißem Marmor, gemeißelt von Rinaldo Carnielo, oder Oskar Kokoschkas Ansicht der Kirche Notre-Dame von Bordeaux.

Unsere Expedition endet im 1973 gegründeten CAPC, dem Museum für zeitgenössische Kunst, wo wir gerade Werke der japanischen Fluxus-Künstlerin Takako Saito zu sehen bekommen. Die Exponate bilden einen imposanten Kontrast zur historischen Architektur: Der Kunstraum ist im Entrepôt Lainé eingerichtet, einem kolossalen Warenlager aus der Kolonialzeit.

Mit seiner expansiven Museumspolitik liegt Bordeaux im internationalen Trend. Überall erfreuen sich diese Wallfahrtsorte der Moderne regen Zustroms. Der deutsche Kulturwissenschafter Hartmut Böhme erklärt das so: Die neoliberale und digitale Globalisierung beschleunige das Veralten der Dinge. Diese Rasanz des Verschwindens nähre eine Sehnsucht nach "zeitstillen Zonen", in denen die Dinge "eine Sphäre der Zeitlosigkeit erhalten".

Die Reise wurde von Atout France und
Bordeaux Tourisme unterstützt.

Info
Atout France unter 01/503 28 92 – oder www.at.france.fr
Tourismusbüro von Bordeaux: 12 Cours du XXX Juillet.
www.bordeaux-tourisme.com
Cité du Vin: 1, Esplanade de Pontac. www.laciteduvin.com
Musée Mer Marine: Rue des Étrangers.
www.mmmbordeaux.com
Muséum de Bordeaux: 5, Place Bardineau.
www.museum-bordeaux.fr
Musée d’Aquitaine: 20, Cours Pasteur.
www.m.musee-aquitaine-bordeaux.fr
Musée des Beaux-Arts: 20, Cours d’Albret.
www.musba-bordeaux.fr
CAPC: 7, Rue Ferrère.
www.capc-bordeaux.frichtet.