Niederösterreich spielt die Hauptrolle. Kein anderes Bundesland leistet sich sommers so viele Spielstätten, flächendeckend von Ost bis West, von Nord bis Süd. Niederösterreich wird für gewöhnlich von Mitte Juni bis Mitte September mit sommerlichem Spiel förmlich geflutet: Von Oper bis Musical, von Klassik bis Zeitgenössisches und Unterhaltsames ist für jeden Geschmack etwas dabei. "Das Sommertheater ist für unsere Besucher alljährlich ein Fixpunkt, fast so etwas wie Weihnachten und Ostern", sagt Werner Auer im Gespräch mit dem "Wiener Journal". Seit zehn Jahren ist Auer Vorsitzender und Obmann des "Theaterfest Niederösterreich", eines Zusammenschlusses der größten Sommerspielstätten. Der erfahrene Impresario und Kulturmanager hat vieles erlebt, Höhen und Tiefen verbucht. Der Lockdown 2020, der das öffentliche und soziale Leben über Monate hinweg praktisch zum Erliegen brachte, ist auch Auer noch nie untergekommen.

"Wir erleben einen Ausnahmezustand", sagt er: "Die ganze Welt steht still, eine einzigartige Erfahrung. Für den Sommertheaterbetrieb ist das ein massiver Einschnitt, es gibt nahezu einen Gesamtausfall." Die Misere ist flächendeckend; fast alle Bühnen des Bundeslandes haben ihre Spielpläne zur Gänze in das Jahr 2021 verschoben. Als renommiertestes Festival Niederösterreichs setzten die Festspiele Reichenau als erste Institution diese außergewöhnliche Maßnahme; andere Veranstalter behalten sich noch vor, Lesungen, Konzerte und Programme im kleinen Rahmen abzuhalten; einige wenige Kinderstücke haben sich auf dem Spielplan gehalten – aber nur fünf der 20 Bühnen des "Theaterfest Niederösterreich" werden in diesem Sommer mit jeweils nur einer Premiere bespielt werden. Aufführungen finden zwischen August und September statt, sie waren entweder ohnehin für diesen Zeitraum vorgesehen oder wurden – wie in Perchtoldsdorf – aufgrund des Corona-bedingten Aufführungsverbots verschoben. "Es war richtig, nicht zu früh aufzugeben. Zieht man sich vorschnell zurück, wird man leicht marginalisiert, im schlimmsten Fall irrelevant", sagt Perchtoldsdorf-Intendant Michael Sturminger: "Wir müssen spielen." Die Regisseurin Veronika Glatzner wird "Romeo und Julia" inszenieren (Premiere 5. August). "Außerdem sind wir es dem Publikum und den Künstlerinnen und Künstlern schuldig. Wer zahlt sonst die Gagen?" Sturminger spricht einen äußerst wunden Punkt an. Lukas Johan wäre diesen Sommer beispielsweise voll gebucht gewesen, die Proben hätten am Tag des Lockdown beginnen sollen – doch statt rund um die Uhr zu arbeiten, ist der Tenor nun zur Untätigkeit verdammt. Johan sagt: "Die Sommerfestivals sind für freischaffende Künstler die beste Zeit des Jahres, während dieser Wochen verdienen wir einen Großteil unseres Einkommens. Heuer wird das für uns ein finanzieller und karrieretechnischer Riesenverlust."
Imageschaden

Spielen oder Nicht-Spielen? Das war dieses Frühjahr tatsächlich die Frage. Zwei Monate lang herrschte Aufführungsverbot, das Gros der Sommerbühnen hätte spätestens ab Mitte Mai die Probenarbeit aufgenommen. "Wir wollen kein kulturelles Ischgl provozieren", sagt Werner Auer und gibt zu bedenken, dass sich das Virus bevorzugt in Gruppen ausbreite und gerade das Theater zu viele Übertragungsmöglichkeiten biete. Abstandhalten im Theaterleben? Kaum machbar. Unter welchen Bedingungen und Sicherheitsvorkehrungen sollen da Proben ablaufen? Die Regierung setzt bekanntlich auf die Eigenverantwortung der beteiligten Künstler und Institutionen. "Als Veranstalter tragen wir Mitverantwortung", sagt Auer. Bei sechswöchigen Proben mit rund 50 Akteuren und drei Aufführungswochen, rechnet Auer vor, seien Infektionen nicht auszuschließen. "Wenn dann etwas passiert, wird eine Lawine losgetreten. Die gesellschaftlichen Risiken und der Imageschaden wären einfach zu hoch."

Er wolle das Risiko keineswegs verharmlosen, sagt Michael Sturminger am Telefon gegenüber dem "Wiener Journal", mit Verweis auf die sinkenden Infektionszahlen schätze er die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung aber dennoch eher gering ein. "Wir Künstler müssen gerade jetzt selbstbewusst auftreten. Wir wurden in der Corona-Krise von der Politik anfangs übergangen, dabei tragen wir mit unserer Arbeit immens viel zur Wirtschaftsleistung des Landes bei." Kultur ist auch in Niederösterreich Wirtschaftsfaktor und Tourismusmotor. Einer gängigen Rechnung zufolge fließt jeder in die Kultur investierte Euro vierfach ins Land zurück.

Wie wird Sturminger also Proben organisieren? An einem möglichst sicheren Ablauf wird derzeit getüftelt. Vermutlich werden die Schauspielerinnen und Schauspieler vorab getestet werden; wenn möglich, soll in Kleingruppen und vorwiegend im Freien geprobt werden, um so das Risiko einer Ansteckung zu minimieren. "Wenn sich alle vernünftig verhalten, müsste das ganz gut umsetzbar sein."

Einnahmenverlust

Ein weiteres Argument für die Schließung der Bühnen ist der drohende Einnahmenverlust: Viele Theater könnten selbst mit gelockerten Abstandsregeln nicht gewinnbringend operieren. Für Freiluft-Unternehmungen dürfen bei entsprechender Schachbrettbestuhlung, die einen Meter Abstand gewährleistet, ab 1. Juli 500 Personen, ab 1. August 750 und mit Sondergenehmigung bis zu 1250 Menschen Kulturereignissen in Häusern mit fixer Bestuhlung beiwohnen; Indoor-Veranstaltungen müssen die Outdoor-Obergrenzen jeweils um 250 Personen unterschreiten.

Die meisten Bühnen Niederösterreichs bieten 500 bis 1200 Zuschauern Platz – die Gewinnzone wird jedoch erst bei voller Auslastung erreicht, ohne Sitzplatzlücken durch den erforderlichen Sicherheitsabstand. "Mit den Subventionen bestreiten wir die Fixkosten, Gagen und Gewinne werden über den Eintritt erspielt", sagt Auer – und beschreibt damit ein gravierendes Dilemma: Der Fortbestand vieler Bühnen ist durch die Krisenförderung zwar abgedeckt, die Künstlerhonorare sind es nicht. Derzeit verhandle man mit Bund und Land, ob zusätzliche Mittel frei gemacht werden können; möglich seien auch Akontozahlungen auf die Gagen des kommenden Jahres, was das Problem jedoch nur verschiebt, aber nicht löst. Sollten die Bezüge der Künstler in voller Höhe ausbezahlt werden müssen, könnte das für manche Bühne den Ruin bedeuten. Da Verträge meist kurzfristig unterzeichnet werden, steht im Gegenzug nur wenigen Künstlern die rechtliche Grundlage zu, um Gagen einzuklagen. Trotz der strukturell prekären Situation fühlt sich Lukas Johan keineswegs im Stich gelassen: "Innerhalb der Branche gibt es eine große Solidarität. Wir sitzen ja alle im selben Boot." Der Tenor bringt zugleich Verständnis dafür auf, dass im Jahr der großen Ausfälle womöglich keine vollen Gagen gezahlt werden können. Er selbst kommt mit Reserven und Nebeneinkünften über die Runden. "Jede Krise hat ihre Chance", zeigt sich der junge Sänger optimistisch. Er jedenfalls habe die freie Zeit dazu verwendet, um neue Projekte zu entwickeln, die er sonst vielleicht nicht angepackt hätte. "Viele Kreative stecken ihre Energie in andere, vielleicht unkonventionellere Vorhaben." Wichtig sei, sagt Johan abschließend am Telefon, dass es weitergehe, wenn auch vielleicht erst kommenden Sommer. Der Theatersommer 2020 fällt mit hoher Wahrscheinlichkeit ins Wasser.

"Wenn man die Auflagen genau durchliest, ist im Freilufttheater viel möglich", stellt Michael Sturminger fest. In Perchtoldsdorf wird man daher ausschließlich unter freiem Himmel spielen, die Tribünen werden umgebaut, um den nötigen Abstand im Zuschauerbereich einhalten zu können, das Personal wird für den Abenddienst aufgestockt, ein gestaffelter Einlass überlegt. "Ich setze auf die Eigenverantwortung der Zuschauer." Den Einbruch der Einnahmen nimmt der Intendant in Kauf: "Es ist besser, weniger als gar nichts einzunehmen. Ich werde darum kämpfen, meine Leute bezahlen zu können."

"Sehnsucht nach Theater"

Neben Perchtoldsdorf hat auch das Sommertheater in Retz seine Aufführung von "Das verlorene Paradies" in den August hinein verschoben; die Bühne Baden hält an ihrer Operette "Die blaue Mazur" fest (Premiere 31. Juli). Von 13. bis 30. August formiert sich wiederum die Truppe um Intendant Bruno Max im Mödlinger Bunker und bringt das in Eigenregie verfasste Stück "Utopia. Schöne Neue Welt(en)" heraus. Bühne frei heißt es auch bald bei Marcus Strahl in Weißenkirchen: Dort wird am 4. September "Der Wachauer Jedermann" gezeigt – frei nach Hugo von Hofmannsthals berühmtem Mysterienspiel wird der Ruf "Jeedermaaan" in Wachauer Mundart ertönen. Womit in Weißenkirchen diesen Sommer auch an eine lange Historie erinnert wird: In der Chronik des Niederösterreichischen Landesarchivs ist nachzulesen, dass mit dem "Wachauer Jedermann" dereinst überhaupt das Sommertheater in Niederösterreich initiiert wurde; 1949 trat erstmals eine beherzte Laientheaterformation im Stift Melk auf. Da kann wohl auch eine Corona-bedingte Spielpause nicht an der jahrzehntelangen Aufbauarbeit und Expansion des sommerlichen Spiels rütteln.

Bleibt die Frage nach dem Unsicherheitsfaktor Publikum. Werner Auer ist skeptisch: "Für mich ist die Gastronomie der Gradmesser. Bis dato ist der große Ansturm ausgeblieben. Ich fürchte, das wird im Kulturbereich ähnlich sein. Nach dem kollektiven Lockdown sind die Menschen vorsichtig." Michael Sturminger ergänzt: "Natürlich wissen wir nicht, wie die Zuschauer reagieren werden." Jede Institution müsse das Risiko für sich selbst abschätzen, jede müsse alles daransetzen, dieses möglichst gering zu halten. "Ich glaube aber fest daran, dass es eine Sehnsucht nach dem Theater gibt."