Zugegeben, wer den Ybbstalradweg an einem Tag schaffen will, muss früh aufstehen. Per Bahn oder dem eigenen Auto nach Waidhofen an der Ybbs, dann befördert einen der erste Radtramper-Bus des Tages taleinwärts nach Lunz am See. Die Marktgemeinde mit der Patina vergangener Sommerfrischezeiten liegt noch etwas im Halbschlaf, wie auch viele der Radler.

Doch spätestens nach der kurzen Aufwärmrunde zum See sind alle Sinne geschärft. Den Augen präsentiert sich eine berückende Wasser-Schönheit. Wiesen, Wälder und Schilfpassagen verweben sich zu einem Fleckerlteppich in allen Grünschattierungen, der sich auf der Oberfläche verdoppelt. An zwei, drei Stellen lassen die Ybbstaler Alpen rund um den Dürrenstein silbrig-grauen Kalk aufblitzen und machen Werbung für die Wanderqualitäten im "Bergsteigerdorf" Lunz – doch die werden ein anderes Mal ausgetestet.

Dass Schickimicki und Rambazamba am Lunzer See wenig zu melden haben, spürt man sofort. Die Ufer sind weitgehend unverbaut, ein nostalgisches Seebad und ein Bootsverleih bilden die Drehscheiben zum Wasservergnügen. An der Nordost-Ecke wartet ein kostenfreies Mini-Bad auf alle, die ihr Radabenteuer mit einem Köpfler beginnen wollen. Aber aufgepasst: Die Ouvertüre zum Ybbstalradweg ist nicht nur panorama-, sondern auch temperaturmäßig ein Tusch, zumindest bis die Sonne den einzigen natürlichen See Niederösterreichs aufgeheizt hat.

Eine krumme Tour

Jetzt aber auf den Sattel und los. 107 Kilometer lang ist der Radweg, der der Ybbs auf ihrem krummen Weg ins Alpenvorland und zur Donau folgt. In seinem 55 km langen Herzstück nach Waidhofen nutzt er weitgehend die ehemalige Trasse der Ybbstalbahn, die vor zehn Jahren vom Schicksal vieler Nebenbahnen ereilt und aufgelassen wurde. Mit 2,5 Metern Breite, durchgehendem Asphaltbelag und vorbildlicher Absicherung an heiklen Stellen gehört er zu Österreichs Radler-Prachtstraßen.

Schautafeln informieren über Sehenswürdigkeiten, allen voran die Reminiszenzen an das eiserne Zeitalter. Vom steirischen Erzberg kam der Rohstoff, der in Hammerwerken und Schmieden etwa zu Sicheln und Sensen weiterverarbeitet wurde. Vor allem in den feudalen Anwesen ihrer Betreiber, der Hammerherren, klingt die Ära nach, als die Eisenwurzen im Dreiländereck Steiermark, Niederösterreich und Oberösterreich eng mit Europas Wirtschaft verflochten waren.

Das Ybbstal und das Eisen – das ist ein 500-jährige Liebesgeschichte mit vielen Aufs und Abs. "Erbaut vom Hammerherrn Martin Ofner, 1551", steht über dem Eingang zum Amonhaus in Lunz zu lesen. Nicht ganz korrekt – es war ein italienischer Renaissance-Baumeister, der Herrn Ofners Taler in ein Architektur-Statement Marke "Klotzen, nicht kleckern!" umsetzte. Auf der Fassade springen Delfine und ranken sich Lilien, unter dem Dach des Amonhauses erzählt heute ein Museum von Unternehmergeist und von jenen, die die tatsächliche Arbeit verrichteten: hochspezialisierten Schmieden, Köhlern, Holzknechten und Fuhrleuten.

In Eisen gegossen

Zwei Kilometer flussabwärts passiert man die Töpperbrücke, die von vier düster wirkenden Heiligenfiguren aus Eisenguss bewacht wird. Gestiftet hat sie der Industrielle Andreas Töpper. Anfang des 19. Jahrhunderts stieß er mit innovativen Fertigungsmethoden an Erlauf und Ybbs eine weitere eiserne Blütezeit an und stieg zu einem der größten Privatunternehmer der Donaumonarchie auf. Doch auch diesem Boom ging die Luft aus, als die Produktion endgültig in zentralere Räume abwanderte. Von den Hammerwerken an den Nebenbächen der Ybbs sind einige restauriert worden. Ein paar Mal im Jahr gehen sie in Schaubetrieb über, dann glüht die Esse, stieben die Funken und klingen die Hämmer hell wie einst.

Auch die Orte entlang der Strecke geizen nicht mit Attraktionen. Etwa Göstling, elf Kilometer von Lunz entfernt. Kunstvolle Sgraffiti schmücken den Pfarrhof, davor sticht ein Wegweiser ins Auge. Lunz, Lassing, Gaming und Hieflau sind ausgeschildert. Ein Sinnbild dafür, dass die große Welt weit entfernt ist und das Leben hier langsameren Rhythmen folgt – für eine Radpartie ideale Voraussetzungen. "Zeit für s'ich", so der Slogan des Ybbstalradweges, findet vor allem, wer eine oder zwei Übernachtungen einplant. Frühbucher sind im Vorteil. Da die Route im Südwesten Niederösterreichs auch bei Gruppen populär ist, geraten die Beherbergungsbetriebe an Wochenenden mit Kaiserwetter rasch an ihr Limit.

"Zeitreisewaggon" als Mini-Museum

Nach dem alpin angehauchten Auftakt nehmen die Ybbstaler Alpen sanftere Formen an und schlüpfen in einen dichten grünen Pelz. Mancherorts bummelt die Ybbs, Schleifen formend, durch ihr breiter werdendes Tal. Brücken mit DNA aus der Dampfross-Ära und weitere Bahn-Relikte säumen den Weg. Der einstige Bahnhof Groß-Hollenstein dient mittlerweile als schmuckes Feriendomizil, jener in Kogelsbach hat ein neues Leben als Labestation begonnen. In Hollenstein beschwört der "Zeitreisewaggon" das einstige Fahrerlebnis mit der Schmalspurbahn herauf.

1898 in Betrieb genommen, stimmte sie in gemächlichem Tempo Generationen von Sommerfrischlern auf ihr Urlaubserlebnis ein. Das Dienstabteil der Post ist in dem Mini-Museum ebenso originalgetreu in der Gegenwart angekommen wie die Radaufhängungen von anno dazumal. Die Beförderung von Biker und Sportgerät hat der Radtramper übernommen – ein Bus mit Anhänger, der zwischen Waidhofen an der Ybbs und Lunz pendelt und Teil der perfekten Infrastruktur am Ybbstalradweg ist.

"Keep it simple"

Wie der Lunzer See steht auch die Ybbs für ein herrlich abgespecktes Badeerlebnis. Durch das Unterholz blitzen Schotterbänke, gefolgt vom kristallklaren Wasser. Wo der Alpenfluss zur Ruhe kommt, lässt er durch flüssiges Grün bis auf den Grund blicken. Schilder weisen die schönsten Wildbadeplätze aus. An heißen Sommertagen lautet die Devise: Nichts wie hinein! Mehr Komfort verheißen die von den Gemeinden unterhaltenen Flussbäder, etwa in Hollenstein, wo eine Freizeitoase aus Urgroßmutters Zeiten revitalisiert worden ist. Ein hölzernes Badehaus mit Blumenschmuck, eine Liegewiese, ein Pool für Schwimmer und ein seichter Badebereich für Kinder, dazu kommen ein ausrangierter Sautrog als Expeditions-Schinakel, Riesenschach und ein Buffet. Was braucht es mehr zum kleinen Urlaubsglück?

Waidhofen – die Radtour als Zeitreise

Kilometer 55 naht – schon stimmen die Türme von Waidhofen auf eine ordentliche Portion Geschichte ein. Das Ybbstor geleitet die Radwanderer in das Zentrum der 11.000 Einwohner-Stadt, wo stattliche Bürgerhäuser, Kopfsteinpflaster, Schwibbögen und Kleindenkmäler das Rad der Zeit um Jahrhunderte zurückdrehen. So manche Glanzstunde der Stadtchronik hat auf den Fassaden ihren Niederschlag gefunden. Riesenlettern am Stadtturm künden vom Jahr 1532, als beherzte "Bürger, Schmiede und Bauern" einen Osmanentrupp in die Flucht schlugen und einen Schatz erbeuteten. Der floss umgehend in den Bau des 50 Meter hohen Ausguckpostens ein. Anderorts werfen Infotafeln Schlaglichter auf kuriose Facetten der Ortsgeschichte – so etwa auf den Ursprung des Mohrenkopfs, der Waidhofens Wappen ziert. Den habe man von der ehemaligen Herrschaft Freising aus Bayern "übernommen", wird erläutert.

Nachschlag gefällig? Eine Brücke zwischen Alt und Neu schlägt das Rothschild-Schloss. Seinen Namen hat es vom Wiener Bankier Albert Freiherr von Rothschild, der einst als der reichste Mensch Europas galt. 1875 erwarb er das mittelalterliche Gemäuer und beauftragte den Architekten des Wiener Rathauses, Friedrich von Schmidt, mit der Umgestaltung im neugotischen Stil. Sein romantisches Flair blieb erhalten, als Schloss Rothschild um die Jahrtausendwende zum modernen Kultur- und Veranstaltungszentrum der Stadt avancierte. Mit dem gläsernen Zylinder, der der keck auf dem Bergfried sitzt, bekam Waidhofen eine moderne Visitenkarte, und ein Besuch im 5 Elemente-Museum lohnt sich für alle, die mehr über die schillernde Vergangenheit an der niederösterreichischen Eisenstraße erfahren wollen.

Entdeckungen am Wegesrand

Auf den 14 Kilometern bis nach Amstetten schlägt das Mostviertel ein neues landschaftliches Kapitel auf. Wiesen, Äcker und Hügel mit den Silhouetten von Obstbäumen begleiten die Pedalritter. Einmal verfahren – und schon wieder eine Entdeckung gemacht, die jeder Bäder-Geheimtippliste weit über Niederösterreich hinaus zur Ehre gereichen würde. In einen Altarm der Ybbs schmiegt sich das Naturbad von Allhartsberg. Ein Streifen Wald schirmt das Idyll vom Fluss ab, das Wasser weist angenehme Temperaturen auf. "Das ist ein kostenloser Service", lautet die Auskunft am Buffet. Ein Tipp: Die schönsten Abschnitte hat man schon hinter sich, so spricht wenig dagegen, den Ybbstalradweg bereits hier und jetzt entspannt ausklingen zu lassen.