Als Kind habe ich mich einfach mit einem Blatt Papier und einem Bleistift oder Buntstiften hingesetzt und gezeichnet. Bäume, Blumen, Tiere, Menschen, Häuser, die Sonne, der Mond, Wolken, Sterne, Regen, ein See oder Fluss – egal was, ich habe es aus meinem Kopf und meiner Fantasie heraus zu etwas für mich und andere Sichtbarem gemacht. Meine Familie hat dann bewundernd "oh wie schön" oder "ja das ist aber toll" ausgerufen, obwohl mich die unauffällig gestellten Zwischenfragen wie "und das ist die Oma, oder?" vielleicht schon damals stutzig hätten machen sollen. Aber in meinem kindlichen Eifer, die Welt für die Ewigkeit und alle Nachkommen auf Papier festzuhalten, maß ich diesen Kleinigkeiten keine weitere Bedeutung bei und beantworatete derartige Fragen großmütig mit "na aber das sieht man doch". Der erste Satz Ölkreiden und Wasserfarben ließen meinen Drang, Gemälde höchster Güte zu kreieren, wahrlich ausufern und ich beglückte jeden, der mir irgendwie nahestand, mit meinen Kunstwerken.
In der Schule wurden meinem kreativen Schaffensdrang ebenfalls keine Grenzen gesetzt, wenn auch andere Fächer wie Deutsch oder Mathematik mir etwas von der Zeit stahlen, die ich lieber fürs Zeichnen und Malen verwendet hätte. Aber so ist er halt, der Ernst des Lebens…

Und dann war Schluss

Im Gymnasium hatte ich eine Freundin, die mich langsam, aber sicher an meinen Fähigkeiten zweifeln ließ. In meinen Augen war sie ein Genie, kannte sich aus mit Perspektive, Licht und Schatten, Tiefe und allem, was einen wahren Zeichenkünstler eben ausmacht. Und dann waren da noch die Werke von Dürer, Leonardo da Vinci, Raffael, Michelangelo, Picasso und Dali, Ironimus und Walt Disney (ja auch der…), die ich entdeckte und bewunderte – je älter ich wurde, desto weniger zeichnete ich, nahezu beschämt von der Größe und dem Können anderer. "Die haben bestimmt nicht einmal als Kinder solche dilettantischen Zeichnungen gemacht wie ich", dachte ich, "da muss ich weder Papier noch Stift noch Zeit verschwenden." Und ließ das Zeichnen künftig sein.

Ein neuer Versuch

Meine Begeisterung und Bewunderung für die Zeichnung sind allerdings bis heute ungebrochen und vor einigen Monaten hatte ich plötzlich Lust, mich selbst wieder einmal in dieser Kunst zu versuchen. Aber weil zwischen meiner Kindheit und jetzt viele Jahre liegen, sind auch mein Ehrgeiz und meine Ansprüche an mich selbst gewachsen – und weil sich der Perfektionist nicht einfach hinsetzt und macht, wird überlegt, wie man es am besten und richtig angeht. Die Zeit für einen Kurs fehlt, aber da gibt es ja jede Menge Bücher, mit Hilfe derer man zeichnen lernen kann (zumindest wenn es nach den Autoren geht). Hm, kann man das? Kann ich das? Am besten schauen, was in diesen Büchern denn so drinsteht…
Oh ja, ein Schnellkurs!

Da gibt es eines von Mark Kistler, der verspricht, dass man "Einfach zeichnen lernen" kann, und zwar in 30 Tagen. Das klingt verlockend. Dass er gleich mit den neun goldenen Regeln, die bereits aus der Renaissance stammen, beginnt, setzt meinem Elan zwar einen kleinen Dämpfer auf, aber ja, ohne Theorie geht scheinbar nichts und wenn sogar Leonardo diese Regeln befolgt hat, na wer bin ich dann, das nicht zu tun! Dass es nicht auch gleich um die Vor- und Nachteile verschiedener Stifte geht, vereinfacht die Sache jedenfalls. Ich beginne mit Kugeln und bin erstaunt, was man daraus alles machen kann. Es ist tatsächlich nicht so schwer, wie ich es mir ausgemalt habe… Die weiteren Lektionen hebe ich mir aber für ein anderes Mal auf.
Ich habe nämlich die beiden Faksimile-Ausgaben der Zeichenbücher von E. G. Lutz entdeckt. Die stammen aus den Jahren 1913 und 1921 und der Mann hat schließlich Walt Disney inspiriert! Sein Zeichenstil ist ganz anders als der von Kistler, aber so eine süße Maus kriege ich bestimmt auch hin…

Besser mit Grundformen?

Meine Recherchen ergeben, dass es sehr viele Bücher gibt, die rasche Erfolge in Sachen Zeichenkunst versprechen. Alle kann ich zwar nicht ausprobieren, aber ein paar mehr dürfen es schon sein. Da gibt es nämlich eines von Lise Herzog, das mit Grundformen arbeitet. Und sie beteuert, dass man zum Zeichnen weder eine besondere Begabung noch spezielle Fähigkeiten braucht, sondern nur Geduld, Ausdauer und Motivation – und Beobachtungsgabe. Ich wusste doch, die Sache hat einen Haken… Tiere, Menschen, Pflanzen, Objekte, alles besteht aus Kreisen, Würfeln, Dreiecken oder Ellipsen, die nach und nach die Form des gewünschten Endergebnisses annehmen sollen. Nach ein paar Versuchen gelingt es mir tatsächlich, ein hundeähnliches Wesen zu Papier zu bringen. Da muss ich jedenfalls noch viel üben. Über einen Menschen traue ich mich jedenfalls bestimmt noch lange nicht drüber.

Perspektive, Farben - puh

Vielleicht ist ja Architektur einfacher? Obwohl, die Sache mit der Perspektive, den Größenverhältnissen und den Schatten – egal, ein weiteres Buch verspricht, in 15 Minuten "Die Kunst des Zeichnens Architektur" lernen zu können. Nach einer Stunde muss ich allerdings feststellen, dass das nicht in einer Viertelstunde funktioniert, zumindest nicht bei mir. Die Ansätze sind da, der Feinschliff braucht eben noch etwas…
Noch schwieriger wird es, wenn Farben zum Einsatz kommen. Aber ein Kolibri ohne bunte Federn? Ist möglich, klingt aber nicht so ansprechend. Doch ich stelle bald fest, dass es noch einmal eine andere Ebene ist, eine Bleistiftskizze mit Farbe zu füllen – da ist wohl wieder üben, üben, üben angesagt. Und beobachten. Darum komme ich offensichtlich nicht herum.

Abwechslung gefällig?

Zur Abwechslung und zum Entspannen der verkrampften rechten Hand werfe ich einen Blick in "Sketchnotes" von Nadine Roßa. Visuelle Notizen, also grafisch angereicherte Texte, das klingt witzig. Vielleicht kann ich damit meine eigene Zeichensprache kreieren, künstlerische Stenografie oder moderne Hieroglyphen sozusagen? Der Autorin geht es darum, die Bilder, die man im Kopf hat, so weit wie möglich zu vereinfachen. Oh, das ist Musik in meinen Ohren, damit kann ich etwas anfangen! Keine Perspektive, keine Schatten, kein gar nichts außer Figuren und Dinge ganz nach meiner eigenen Vorstellung. Die kann dann vermutlich zwar nur ich deuten und "übersetzen", aber das ist im Moment Nebensache. Ein Kopfhörer, eine Kaffeetasse, eine Schnecke, eine Klopapierrolle – ich rocke die Zeichenwelt!
Nach so viel Simplizität ist es wieder an der Zeit, mich seriösen Dingen zu widmen. Einem Delfin vielleicht? Weil die anderen Tiere, die als Beispiele in "Sooooo viele Tiere zeichnen" dienen, schauen recht kompliziert aus. Und schließlich will ich mir mein Erfolgserlebnis von vorhin nicht verderben. Aber ein Delfin sollte sich machen lassen… Nach einer Weile betrachte ich mein Werk kritisch: Sieht das aus wie ein Delfin? Noch ein prüfender Blick: Doch, das ist eindeutig ein Delfin.

Verfremdet

Ich komme ins Grübeln: Muss es immer naturalistisch sein? Picasso hat es geschafft, Tiere mit nur einer einzigen durchgezogenen Linie zu zeichnen – sie sind eindeutig als Dackel, Pferd, Flamingo oder Pinguin zu erkennen, aber nicht naturgetreu. Nicht dass ich jetzt versuche, auf Picassos Spuren zu wandeln, aber vielleicht ist das auch für mich eine Möglichkeit? "Modern Drawing" ist das Zauberwort und Christin Stapff hat den Schlüssel, um hinter das Geheimnis zu kommen: kein naturgetreues Zeichnen, keine Regeln, keine Genres und keine "langweiligen" Motive. Was mich aber am meisten motiviert, ihre Technik zu versuchen, ist folgende Aussage: "In diesem Buch geht es vor allem um den Prozess des Zeichnens und nicht so sehr um das Ergebnis. Die Zeichenprojekte sollen keine perfekten Nachzeichnungen aus diesem Buch sein, sondern sie sollen inspirieren, überhaupt wieder mit dem Zeichnen zu beginnen und in die Übung zu finden." Na wenn das nicht motivierend ist! In "Workshop Zeichnen" geht es zwar auch um Materialien und Grundtechniken, doch vor allem um Fantasie und Freude. Und dank des beigelegten dunklen Papiers und weißen Stiftes kann man auch einmal andere Effekte ausprobieren. So zu zeichnen ist ein Erlebnis und macht Lust auf mehr, Cartoons zum Beispiel. Jack Hamm hat dazu jede Menge Anregungen. Auf fast 240 Seiten findet man 1000 Motive und jede Menge Schritt-für-Schritt-Anleitungen – mir bleibt der Mund offen. Selbst komplizierte Figuren wirken so einfach, die entscheidenden Faktoren, die er beschreibt, logisch. Ich versuche es zuerst mit einem Kopf, das ist fürs Erste Herausforderung genug. Es erinnert mich an "Punkti, Punkti, Strichi, Strichi, fertig ist das Mondgesichti", aber das Ergebnis ist doch ein anderes als jenes aus Kindertagen – erstaunlich!

Den eigenen Stil finden

Viele Stunden, etliche Blatt Papier und elf Bücher später komme ich zum Schluss, dass man tatsächlich einiges lernen kann, wenn man sich in Ruhe hinsetzt, tief durchatmet, sich nicht von Material- und Technikkunde sowie den tollen Bildern abschrecken lässt und einfach unbekümmert den Anleitungen folgt. Und nicht sein strengster Kritiker ist. Und sich nicht von dem einen Buch abschrecken lässt, das einen sofort wieder verunsichert. Bei mir ist das "Mit Skizzenbuch und Bleistift unterwegs". Das ist mir noch zu viel und zu kompliziert. Was nicht heißt, dass das Buch nicht faszinierend ist, im Gegenteil. Aber es wird noch dauern, bis ich mich traue und versuche, Georg Klebers Spuren zu folgen. Aber es gibt ja noch so viele andere Bücher, die einem die Kunst des Zeichnens vermitteln wollen, da finde ich bestimmt eines, das im Moment besser passt…
Leonardo wird aus mir wohl keiner mehr, aber das geht auch gar nicht – ihn gab es nur ein einziges Mal, er war einzigartig, so wie ich es bin und jeder andere es ist. Jeder kann ein Künstler eigenen Ranges sein, wenn er will, seinen persönlichen Stil kreieren und vielleicht genau deshalb berühmt werden – träumen darf man ja! Und außerdem, wer bestimmt eigentlich, was künstlerisch wertvoll ist und was nicht?

Buchinfos:

Georg Kleber: "Mit Skizzenbuch und Bleistift unterwegs", EMF-Verlag, 20,60 Euro

Jack Hamm: "Richtig gut Cartoons zeichnen", EMF-Verlag, 20,60 Euro

Christin Stapff: "Workshop Zeichnen. Moderne Motive einfach Schritt-für-Schritt zeichnen", Topp-Verlag, 20,60 Euro

Mary Woodin: "Die Kunst des Zeichnens – 10 Steps Natur", Topp Kreativ/Frech-Verlag, 13,40 Euro

"Die Kunst des Zeichnens – 15 Minuten Architektur", Topp Kreativ/Frech-Verlag, 10,30 Euro

Lise Herzog: "Einfach gezeichnet. Mit Grundformen zum Erfolg", Topp Kreativ/Frech-Verlag, 15,50 Euro

E. G. Lutz: "Wie wir zeichnen was wir zeichnen", Knesebeck-Verlag, 13,40 Euro

E. G. Lutz: "Zeichnen leicht gemacht", Knesebeck-Verlag, 13,40 Euro

Mark Kistler: "Einfach zeichnen lernen. Der 30-Tage-Workshop", EMF-Verlag, 20,60 Euro

Murray Zak: "Sooooo viele Tiere zeichnen", EMF-Verlag, 13,40 Euro

Nadine Roßa: "Sketchnotes. Die große Symbol-Bibliothek", Topp Kreativ/Frech-Verlag, 20,60 Euro