"Wir leben in einer Zeit, in der man die Köche schwierigeren Prüfungen unterwirft als die Schreiber und Zeichner von Büchern", beklagte Francesco Petrarca und bis auf das Medium Buch, das heute neben dem Computer eine Parallelexistenz verteidigt, stimmt es noch. In den 700 Jahren seither haben sich die Akademien und der Zeichenunterricht für alle etabliert, trotzdem verdrängen wir längst, dass das griechische Wort "graphein" beides beschreibt: zeichnen und schreiben. Handschrift ist in aktuellen Kunstwelten nicht von so großer Wichtigkeit wie noch am Anfang des 20. Jahrhunderts, als die psychologische Aufladung nervöser Linien die Fans von Gustav Klingt, Egon Schiele oder Oskar Kokoschka als Meisterzeichner anfeuerte.

Wenn auch zuletzt Biennalen und Internationalen als spezielle Ausstellungen von Zeichnungen aus der Mode kamen, gibt es immer noch Kunstmessen und Sammler, die sich besonders Studien in Bleistift, Tusche oder Kreiden auf Papier widmen und nicht der Malerei. Dabei zu bedenken: Der "Pictor" war von der Antike bis zu Petrarcas Zeiten weniger Maler als Illuminator und Kalligraph von Handschriften.

Von Alexander Calder über Karel Malich bis Constantin Luser übernehmen Drahtgeflechte die Linie in plastische Objekte im Raum oder es wird heute mit Licht gezeichnet in Fotografie, mit und ohne Kamera. Trotzdem galt die Zeichnung etwa bei den Aktionisten neben der körperlichen Performance noch als unmittelbarste Äußerung, die spontan die Idee des Künstlers und seine persönliche Handschrift wiedergibt. Daneben liebten vor allem Architekten von Hans Hollein, Günther Domenig bis Zaha Hadid die experimentelle Skizze; Gustav Peichl führte eine "spitze" Linie mit Tusche meisterlich in die Karikatur. Zum psychologisch aufgeladenen Liniennetz von Alfred Kubin über Paul Klee bis Wols (Alfred Otto Wolfgang Schulze) oder Henri Michaux kam nach 1945 das linkische Kritzeln in besonderer Perfektion bei Cy Twombly oder Unica Zürn. Die sogenannte "automatische Handschrift" der Surrealisten, die auf ein komplett ausgeschaltetes Bewusstsein spekulierte, gelang in den 1970er Jahren speziell der Dreifachbegabung Gerhard Rühm.

Die Geschichte der Meisterzeichnung, die auch in unseren Maßstäben noch Ausnahmetalente hervorbringt, ist nicht abhängig von einer reinen Konzentration auf die Linie. Martha Jungwirth zeigt zwar in ihren ersten Jahrzehnten eine außerordentliche zeichnerische Begabung, danach gelingt ihr aber die gleiche Ausdruckskraft auch in Aquarell und Malerei.

Das gilt auch für Herwig Zens, der eigentlich Maler und begabter Zeichenpädagoge an Universität und Gymnasien war und wie der Bildhauer Walter Pichler als außerordentlicher Zeichner gilt. Selbst in der Minimal- und Konzeptkunst dient das Zeichnen dem Niederlegen des Konzepts, hier geht es ohne die persönliche Note, denn die liegt in der Richtlinie des erforschten Projekts. Renate Bertlmann verwendet neben ihren Performances seit 1970 eine Art wissenschaftliche Tafeln, um ihre feministischen Inhalte zu vermitteln, ihre verstorbene Kollegin Birgit Jürgenssen hat die Zeichnung in ihrer gesamten Bandbreite genützt und dabei den poetischen Grundton mit einer Orientierung am französischen Strukturalismus unterstrichen.

Das Profil des Geliebten

Gezeichnet wurde schon am Anfang der Menschheitsgeschichte, denn die in den Steinzeithöhlen mit Kohlestiften tätigen Künstlerinnen und Künstler haben sich zwar dem magischen Bannen der Tiere ihrer Umgebung aus völlig anderen Voraussetzungen gewidmet, aber künstlerisch gesehen ist ihre große Leistung zu Recht immer wieder mit Leonardo da Vinci und Michelangelo verglichen worden. Zeichnen zu Ehren der Götter gilt auch für das Alte Ägypten mit vielen erhaltenen Papyri und Grabmaler-Vorzeichnungen, und dabei ging es nach Jan Assmann vor allem um Erinnerungskultur als Praktik des Überlebens nach dem Tod. So beschreibt auch der römische Schriftsteller Gaius Plinius II. in seiner berühmten Legende zum Ursprung der Kunst, die Tochter des Töpfers Butades/Dibutades aus Korinth hätte das Profil ihres Geliebten nach seinem Schatten an der Wand gezeichnet, bevor er in den Krieg zog. Der Vater machte dann eine Maske daraus, aber Viktoria Schmidt-Linsenhoff konnte damit die "Kindheit" der Zeichenkunst für die Künstlerinnen reklamieren.

Antike Zeichnung ist außer in den Höhlenmalereien und in manchem unvollendeten Pharaonen- oder Hofbeamtengrab Ägyptens, auch in dort gefundenen Papyrusrollen, nur durch die griechische Vasenmalerei nachvollziehbar. Das Mittelalter sah die Zeichnung als Vorstudie für Buchmalerei, Wand- und Tafelmalerei, aber auch die Architektur. Im Bereich der Bauhüttennachlässe gibt es die meisten erhaltenen Zeichnungen, meist Baurisse von Kathedralen wie St. Stephan in Wien von Laurenz Spenning und Anton Pilgram – seit 2005 gehören die großen Blätter des Kupferstichkabinetts der Akademie dem Unesco-Weltkulturerbe an. In Frankreich war im 13. Jahrhundert Villard de Honnecourt aus der Picardie ein besonderer Bauhüttenzeichner, der in gewisser Weise Figuren "nach dem Leben" und Grotesken bereits im Sinne einer Frührenaissance entwarf – wissenschaftlich dokumentiert er auch ein Perpetuum mobile, kann also als Vorläufer der Maschineninteressen Leonardos gelten.

Nach der Natur

Die Renaissance galt als Wiederbelebung des Zeichnens nach der Natur, wenn auch mit persönlichen Einfällen bereichert, die als Eingabe einer göttlichen Idee galt; der italie-nische "Disegno" besteht aus einem "interno", dem der äußerliche am Papier folgt. Ab dieser Zeit bewahrten die Künstler einzelne Zeichnungen als selbständige Kunstwerke auf, auch um den Gedanken einer Lehrwerkstatt in die Akademien von Mailand, Florenz und Rom überzuführen. Erste Meisterzeichner waren Giotto, der sich nach einer Legende mit einem frei gezogenen Kreisstrich ohne Zirkel beim Papst empfohlen hat, aber auch der bald nach 1400 naturalistische Tiere und Akte zeichnende Antonio Pisanello, der für die Gonzagas und an anderen Höfen bis Neapel arbeitete.

Durch Künstlerreisen beeinflusst waren in den Niederlanden die Brüder Van Eyck, Hieronymus Bosch und die Brue-ghels, um sie entfaltete sich ein regelrechter Kunstmarkt um Arbeiten auf Papier, das Interesse an der Zeichnung erweiterte sich in die vervielfältigbare Druckgrafik. Es ging auch von den Künstlern selbst aus, wie man am Austausch von Albrecht Dürer und Raffael in einem Albertina-Blatt sehen kann, das der Nürnberger Künstler stolz als Geschenk des Italieners beschriftet hat.

Die Großmeister waren neben Raffael die Mehrfachbegabungen Michelangelo und Leonardo, wobei Letzterer zwar die Malerei in einem Paragone (Wettstreit der Künste nach dem Vorbild der Antike) als die höchste der künstlerischen Techniken beschrieb, aber viel mehr an Zeichnungen hinterlassen hat. Seine Versuche im Alter, diese in einige Lehrbücher zusammenzufassen, ist am späteren Marktinteresse gescheitert, durch ihre Vereinzelung bleibt manches Blatt rätselhaft und viele Motive wurden wie die Gemälde in der Werkstatt vervielfältigt.

Obwohl Baldassare Castiglione behauptete, er erkenne den Meister (Raffael) an einer Linie, ist das natürlich bis heute Streitpunkt von Experten. Der Disegno ist jedenfalls Grundlage für das Lernen an den Kunstakademien, die sich von frühen Laienclubs an den Höfen – wobei auch später noch kaiserliche Kinder wie die Töchter Maria Theresias zeichneten – zu Kunstakademien weltweit entwickelten, aber auch im bürgerlichen Zeitalter die Kunstpädagogik an den Schulen durch Zeichnen nach antiken Gipsen und nach der Natur (Porträt, Akt und Stillleben) begründete.

 

"Kleinkunst"

Im Barock war Zeichnen ebenso beliebt wie Malerei, es bildeten sich sogar zwei akademische Richtungen heraus, wobei eine, wie später im Klassizismus, das Zeichnerische höher schätzte. Es gab aber natürlich auch besondere Zeichner unter bekannten Malern wie Guido Reni oder die Carracci in Bologna, in Frankreich Antoine Watteau und in den Niederlanden vor allem Rembrandt van Rijn, der bis ins 20. Jahrhundert wirkte, insbesondere auf Edvard Munch oder den Meisterzeichner Horst Janssen aus Oldenburg. Im Klassizismus wurde das Zeichnen auch neben der Akademielehre vorrangig gegenüber der Malerei: John Flaxman, Jacques-Luis David, Jean-Dominique Ingres oder Jakob Asmus Carstens waren vor allem mit antiker Mythologie zeichnerisch beschäftigt. Carstens hat als Autodidakt (er verließ die Akademie in Kopenhagen) mit Johann Wolfgang Goethe die Weimarer Preisaufgaben zur Förderung der Kunst als hauptsächlich zeichnerischen Wettbewerb geprägt. Seine einem Renaissance-Karton als Vorlage für ein Fresko ähnliche Zeichnung der "Nacht mit ihren beiden Kindern" von 1795 gilt als sein Hauptwerk.

Auch im Symbolismus gab es subtile Zeichner wie Odilon Redon, James Ensor oder Georges Seurat und Paul Gauguin, wie auch der Laie Victor Hugo, der die Zeichenkunst der Dilettanten als einer von vielen so steigerte, dass von einer bleibenden Einflussnahme jener "Kleinkunst" auf die "Hochkunst" die Rede sein muss. Da sind auf einer Seite Doppelbegabungen wie die erwähnten Hugo oder Rühm, aber auch Kunsthistoriker wie Philipp Fehl, Günther Heinz oder Hans Belting. Auf der anderen Seite stiegen die Patienten von Nervenheilanstalten mit früher zu Therapiezwecken gezeichneten Werken durch die Art-Brut-Bewegung des französischen Künstlers Jean Dubuffet zu einer der wichtigsten Kunstströmungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf. Die "Kunst des Verlernens" zu betrachten, hat bereits Joshua Reynolds als Akademiedirektor propagiert; das wirkt immer noch nach und wird bereichert von einer neuen Richtung der Street-Art-Künstler, die mit ihren Graffiti im öffentlichen Raum zurückkehren zur frühen Mischung aus Schreiben und Zeichnen.

Den Abschluss meiner kleinen Geschichte der Zeichnung bilden zwei Künstler, die den Bogen zurückschlagen in die Prähistorie: zum einen Joseph Beuys, der sich selbst als wiedergeborenen Höhlenzeichner beschrieb und wunderbare Konvolute auf Papier hinterließ, die er auch "Secret Blocks" betitelte. Zum anderen der erst kürzlich verstorbene Bernhard Hollemann, ein Hildesheimer in Niederösterreich, der Heerscharen fantastischer Mischwesen in roten und grünen Linien über Fotos bronzezeitlicher Kultplätze wie Großmugl bei Stockerau jagte.