Aus der Vitrine grüßt ein Byssolith, dem die moosgrünen Kristallfäden zu Berge stehen wie eine schräge Punk-Frisur. Daneben filigrane keilförmige Sphene, die sich wie die Decks eines futuristischen Raumschiffs ineinander verzahnen. Konkurrenz machen ihnen Dutzende Kilogramm schwere Rauchquarze und Bergkristalle. Mineralien sonder Zahl, raue und glatte, poröse und ultraharte, schneeweiße und pechschwarze, transparente und farbenfrohe, glitzern in der Sammlung des Museums in Bramberg. Keine haben jedoch einen größeren Nimbus als die leuchtend grünen Smaragde, die im Habachtal vor den Toren der Pinzgauer Gemeinde bis heute – mit viel Sitzfleisch und einer Portion Glück – gefunden werden können.

Die nach Süden reichenden Täler im Salzburger Oberpinzgau zählen zu den Schmuckstücken des Nationalparks Hohe Tauern. Themenwege und Führungen bringen den Besuchern die Attraktionen des größten Schutzgebiets der Alpen näher. Ganz im Westen erschließen Aussichtskanzeln die tosenden Krimmler Wasserfälle. Im Obersulzbachtal veranschaulicht der Gletscherweg die dramatischen Folgen des Klimawandels auf die Eis-Majestäten am Alpenhauptkamm. Nirgendwo ist das Erlebnis jedoch abenteuerlicher inszeniert als auf dem mit Schautafeln, Spielplätzen und Hörstationen ausgestatteten Smaragdweg ins Habachtal, wo zum großen Finale die letzten Edelstein-Reste aus der einzigen Smaragdmine Mitteleuropas sozusagen zum Aufklauben bereit liegen.

Schönheit aus den Tiefen der Erde

Ihren Reichtum an edlem Gestein verdanken die Tauerntäler einer geologischen Anomalie, erläutert Nationalpark-Ranger Stefan Altenberger zum Auftakt einer geführten Wanderung. Auf einem 160 Kilometer langen Streifen der Zentralalpen, vom Brenner im Westen bis zum Katschberg im Osten, wurden bei der Gebirgsbildung Gesteinsschichten aus dem tiefsten Stockwerk der Alpen an die Oberfläche gepresst. Diese sogenannte Tauernfenster-Formation entpuppte sich als Hort von wertvollen Erzen und Edelsteinen. Pionierarbeit bei der Erschließung leisteten vor etwa 500 Jahren Prospektoren aus Oberitalien, die bis heute als "Venedigermandl" durch den Sagenschatz der Tauern geistern. "Über 300 Arten von Mineralien sind aus dem Nationalpark bekannt. Smaragde, Bergkristalle, Rauchquarze, Epidote, Sphene… ", beginnt Altenberger aufzuzählen. Schon der Klang dieser Namen, der die Phantasie anregt. Was der nahe Großvenediger für die Bergsteiger ist, sind die vor Urzeiten unter enormen Drücken und Temperaturen von bis zu 500 Grad Celsius entstandenen Kristalle für die "Stoanarrischen" – wie man sie im Pinzgau zuweilen nennt.

Ein Tal in allen Schattierungen
von Grün

Das Besondere am Habachtal: Ist die Suche nach den Pretiosen aus dem Bauch der Erde in der Regel mit gefährlicher Kletterei verbunden, so sind die Ausläufer dieser Fundstelle auf einem etwas ausgedehnteren Spaziergang erreichbar. Da kann, besonders für Familien, gar nichts mehr schiefgehen. Mit türkisgrünen Gumpen stimmt der Habach auf das Erlebnis ein. Bald machen die Wälder blumenreichen Almwiesen Platz. Es bimmeln die Kuhglocken, es gellen die Pfiffe der Murmeltiere, und von himmelhohen Felswänden stürzen fächerförmige Wasserfälle herab. Schon grüßt der Habach-Gletscher, der wie ein Wächter am Talende hockt. Seine im Frühjahr noch blütenweiße Weste büßt er im Hochsommer ein, dann legt sich ein Schleier in Grau über Eis und Firn.

Und grau ist trotz aller Erklärungen auch vorerst noch die Theorie des Smaragdsammelns, bis die Wanderer nach knapp zwei Stunden den Berggasthof Alpenrose erreichen. Die Wiege der grünen Edelsteine liegt hoch oben am Berg und ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, so der Ranger. Doch durch einen großen Murenabgang und das beständige Arbeiten des Leckbachs ist viel Material von der Minen-Abraumhalde zu Tal gerutscht – und hier, auf dem hunderte Meter langen Schotterkegel einen Steinwurf hinter dem Gasthof, ist die Schatzsuche für jedermann gestattet. Professionelles Gerät wie Pumpen darf nicht eingesetzt werden, aber mit einfachem Werkzeug können auch Anfänger den ein oder anderen "Rest"-Fund machen.

Symbole von Macht und Reichtum

Jahrhundertelang galten die "Habachtaler" als Nonplusultra der Smaragdwelt. 51 Karat – etwas mehr als zehn Gramm – bringt der St. Louis-Smaragd auf die Waage, der im Mittelalter Eingang in Frankreichs Thronschatz fand. Ein lupenreiner Habachtaler, wie eine Isotopen-Untersuchung ergab. Als Symbole von Reichtum und Unvergänglichkeit begehrt waren die Tauern-Schätze schon bei den Römern, später bei den Habsburgern sowie bei Salzburgs Fürsterzbischöfen, die etwa Monstranzen mit Smaragden aus dem Hochgebirgstal bestücken ließen. Klimatische Kapriolen machten die Quelle oft für lange Zeit unerreichbar, doch Ende des 19. Jahrhunderts waren die Voraussetzungen wieder günstig. Erstmals wurden Stollen in den Berg getrieben, und die Minenbesitzer, der Wiener Juwelier Samuel Goldschmidt, gefolgt von einem englischen Bergbauunternehmen, fuhren reiche Ernte ein. Ein besonders schönes Stück wurde zu einem Klunker von 42 Karat geschliffen und kam nach London. "Er gehört heute zu den Kronjuwelen der Königin von England", erzählt Altenberger.

Smaragde in Selbstbedienung, aber mit Mühe

Das Vorkommen an schleiffähigen und damit wertvolleren Exemplaren ist aber längst erschöpft – heutzutage geben Smaragde aus Südamerika oder dem südlichen Afrika den Ton an. Dies tut dem Erlebnis aber keinen Abbruch. Viele Wanderer marschieren gleich zur Leckbachrinne weiter, wo Familien und Einzelkämpfer, Junge und Alte bereits an der Arbeit sind. Der Habach-Zufluss verzweigt sich in Rinnsale – das ergibt Schürfplätze mit viel Abstand zu den Nebenleuten. Siebe und Kellen stellt der Berggasthof bereit, das Einmaleins hat man sich bald abgeschaut. Etwa von Philipp, der schon als Kind im Pinzgau urlaubte, wie er erzählt, und seither ein bisschen dem Edelstein-Fieber verfallen ist. Er schaufelt eine Ladung Schotter auf eine Blechrinne, sortiert grob vor und lässt Wasser darüber strömen. Der Schlamm wird weggespült, dann heißt es Augen offen halten. "Einen schönen Habachtaler sieht man normalerweise gleich, der hat ein grünes Feuer", erklärt der junge Burgenländer. Glimmerschieferbrocken klopft er mit einem Hammer auf – denn auch sie verbergen mitunter manchmal Kostbares.

Während die Gelegenheitsschürfer das Werkzeug bald zur Seite legen und sich Kasnocken und Kaiserschmarren nebenan zuwenden, sind Mineralienfreunde wie Philipp ernsthafter bei der Sache. Manche beziehen gleich in der Alpenrose Quartier, um keine Schürfminute zu verschwenden. Doch für eine kleine Erfolgsschau bleibt Zeit. Bald purzeln aus Glasröhrchen leuchtende Smaragdkörnchen. Und obwohl von geringem Wert, ergeben die Splitter Souvenirs, wie man sie in Europa kein zweites Mal finden kann. Unter den Hobby-Sammlern wird beklagt, dass die Ausbeute am Murenkegel immer weniger wird. Deswegen versuchen manche eine Etage höher am Berg ihr Glück. Die Mine an der 2000 Meter-Marke ist an den örtlichen Sammler Andreas Steiner verpachtet – nur er darf sie bewirtschaften. Steiner war es auch, dem vor geraumer Zeit ein Fund mit Seltenheitswert gelang: Eine mit kleinen Smaragden gespickte Gesteinsstufe, die wegen ihrer Form den Namen "Smaragd-Madonna" verliehen bekam und die heute im Museum Bramberg die Blicke auf sich zieht.

Erst vergangenes Jahr habe er eine ähnliche Stufe mit 25 bis 30 kleinen Smaragden gefunden, erzählt er. Wie er die Chancen am Murenkegel einschätzt? Wer sich ordentlich dahinter klemme, der könne sich am Ende des Tages fast sicher über ein paar Smaragd-Körner in seiner Schatulle freuen. "Und einer von 300 Sammlern macht einen tollen Fund". Vom großen Coup träumen natürlich alle – auch Philipp. Ein paar schönere Exemplare habe er schon entdeckt. "Aber man kann einmal Glück haben, und dann kann was Großes auch dabei sein", sagt er und befördert die nächste Schaufel Gatsch auf seine Rinne.

Wer partout nicht ohne Kristall das Feld räumen will, kann sich in den Mineralien-Shops der Region eindecken. Und wen das Funkeln von Smaragden und Co. völlig kalt lässt, der wird auf der Suche nach einem originellen Mitbringsel vielleicht im Wollstadel fündig, gleich ums Eck vom Bramberger Museum. Hier haben örtliche Bäuerinnen altes Filz- und Strickhandwerk wiederbelebt. Herrlich warme Hausschuhe, modische Hüte und schicke Accessoires aus Wolle und Filz künden von einer Pinzgauer Tradition, die wohl genauso alt ist wie die Jagd nach Kristallen und Edelsteinen.