Spricht man über die Kulturgeschichte des Gartens, könnte man wahrscheinlich bei Adam und Eva anfangen. Man könnte den Garten Eden als Projektionsfläche bemühen, den Sündenfall als Entfremdung zwischen Mensch und Natur interpretieren oder einfach ein paar flache Witze über sündhafte Apfelbaumschulen und FKK-Gärtner machen. Aber um die wechselhafte Rolle und den ästhetischen wie funktionalen Wandel des Gartens als Schnittstelle zwischen Natur und Kultur zu verdeutlichen, braucht es nicht unbedingt metaphorische Verrenkungen und einen kulturhistorischen Spagat bis zur Muskelzerrung. Da reicht ein Blick zurück auf die Trends und Entwicklungen der Privatgärten in den vergangenen 40 Jahren. Ist die hauseigene Freifläche noch das, was sie damals war? Gibt es in Anbetracht der popkulturellen Wiederbelebung der 80er und 90er auch im Garten Trends aus diesen Dekaden, die wieder auferstehen?

Nein. Das wäre die kurze Antwort. Aber wer will sich bei so einem blumigen Thema schon kurzhalten? Um zu verstehen, wohin die Reise im eigenen Garten heute geht, hilft es, sich anzusehen, welche Rolle er noch in den 80ern und 90ern innehatte: Überwiegend diente er als Ziergarten. Penibel getrimmte Thujenhecken sollten verhindern, dass einem die Nachbarn etwas wegschauen – das hätte sicher auch den FKK-Gärtnern aus der Genesis einigen Frust erspart –, die Beete möglichst einheitlich, der Rasen möglichst englisch.

Zeitgemäß ist das heute längst nicht mehr. Die dauerhafte Gartenschau der Garten Tulln widmet sich stattdessen seit 1999 dem ökologischen Gärtnern, das nach drei Prinzipien abläuft: keine Pestizide, kein Kunstdünger und kein Torf, dessen Abbau alles andere als umweltschonend abläuft. "Um das umzusetzen, braucht es zum Beispiel die Verwendung von Pflanzen, die ins Ökosystem passen, die auch entsprechend winterhart sind", sagt Geschäftsführer Franz Gruber. Man setzt nicht mehr auf Monokulturen, sondern vornehmlich auf Mischgärten. Das macht allein schon deshalb Sinn, weil Schädlinge so nicht gleich ganze Beete ausrotten, sondern nur einzelne Pflanzen befallen. Saisonale Diversität garantiert außerdem Beete, die praktisch das ganze Jahr über in Blüte stehen. Nicht kurzfristige Zierde, sondern langfristiger Nutzen, darum geht es letztlich. Und darum, die Natur sprießen zu lassen. "Das geht in Richtung der Mixed Borders aus dem englischen Raum. Im Cottage Garden werden auch gemischte Beete angelegt", sagt Gruber.

Selbermachen

Ökologisches Gärtnern ist aber keineswegs ein elitärer Spleen der Experten. Im Gegenteil: Sieht man sich in sozialen Netzwerken oder Lifestyle-Magazinen um, zeigt sich ein klarer Trend zum Natürlichen, Wuchernden, zur Vielfalt. Vom Schanigarten bis zum Balkon regiert nicht penible Perfektion, sondern unbemühtes Understatement. Das passt Vintage-Schick der vergangenen Jahre und erinnert weit darüber hinaus ein wenig an die Landschaftsgärten des 18. Jahrhunderts, die mit dem symmetrischen Grundkonzept ihrer großen, barocken Brüder bewusst brachen und – mehr vintage geht nicht – unter anderem künstliche Ruinen umwucherten. Aber nicht nur das ist ein alter Zeitgeist, der auch heute durch die Gärten spukt. Mit ihm Hand in Hand geht ein gewisser Hang zum Selbermachen, zum Sich-endlich-wieder-die-Hände-schmutzig-Machen – wortwörtlich.

"In den 80ern brachte man den Garten meist mit Arbeit in Verbindung", sagt Ludwig Starkl von der Gärtnerei Starkl. "Heute ist der Garten eher Erholungsfläche und Ertüchtigungsbereich zugleich." Obwohl einem diese Ertüchtigung durchaus einige Gimmicks abnehmen, wie etwa automatische Bewässerungsanlagen, Mähroboter, die auf eigene Faust durch so manchen Vorgarten strawanzen wie äußerst pflichtbewusste Haustiere, Laubsauger oder Laubbläser, wobei die wohl eher geschäftiger wirken wollen, als sie sind. "Die Ikone der Unnedigkeit im Garten" – so nennt sie Franz Gruber spöttisch. Immerhin bestehe ihre einzige Funktion darin, Laub von A nach B zu blasen. Heiße Luft.

Rückzug ins Private

An der einen Hand hat man also technische Helferlein, die andere ist voller Blumenerde. Trends besitzen nun einmal nicht Allgemeingültigkeit, sie sind eben nur Tendenzen. Eine weitere ist nicht nur das selber Garteln, der bewusstere Umgang mit den richtigen Pflanzen für den richtigen Boden, sondern auch das selber Ernten. Wo man etwa in den 60ern, als Unkraut noch nicht zum Beikraut upgegradet war, mechanische Uhren möglichst kunstvoll in Beete einfasste, sprießen heute immer öfter Nutzpflanzen querbeet. Der Garten ist nicht mehr nur Zier-, sondern auch Nutzgarten. Sich selbst versorgen, das ist schon seit einigen Jahren großes Thema. Wenn die Paradeiser im Supermarkt eine Reise quer über den Globus hinter sich haben und man sich nicht sicher ist, ob die Schale der angeblichen Bio-Zitrone auch wirklich genießbar ist, zieht man sie sich lieber selbst oder gemeinsam mit anderen in geteilten Selbsterntefeldern am Stadtrand.

Dieser Do-it-yourself-Trend erlebte besonders während des Corona-Shutdowns seinen vorläufigen Höhepunkt. Das "neue Biedermeier", nennt man den isolationsbedingten Rückzug ins Private gerne. Und dafür ist der Garten prädestiniert. Seine Rolle in der Krise ist allerdings nicht erst seit Corona eine tragende. Kleingartensiedlungen trugen in vielen europäischen Städten während des Zweiten Weltkriegs aufgrund der Nahrungsknappheit zur Ernährung der Bevölkerung bei.

Man pflanzt also wieder Obstbäume. Kräuter sind auf dem Balkon und im Garten ebenfalls sehr beliebt, genauso wie Gemüsepflanzen. Da kommt es vielen allerdings nicht nur darauf an, einfach nur Tomaten, Paprika oder Chilis selbst zu ziehen. Das sollen am besten seltene oder alte Sorten sein wie etwa die etwas unappetitlich klingenden, dafür umso aromatischeren Ochsenherztomaten. Dass auch Zitruspflanzen sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen, ist übrigens ein alter Sonnenhut: Schon im Barock standen sie aufgrund des teuren Imports für Reichtum und Status, man denke nur an die barocken Orangerien.

Das Hochbeet

Einen Garten oder eine Freifläche zu besitzen, das ist immer auch ein Stück weit Luxus. "Die Gartenflächen werden durch steigende Grundstückspreise kleiner", sagt Ludwig Starkl. "Die Kunst ist es jetzt, auf kleinem Raum dennoch mögliche Erträge zu erwirtschaften." Besonders in der Stadt, wenn das Eigenreich Balkonien nur vom Fenster bis zur Feuermauer reicht. Dennoch setzt sich gerade das junge, urbane Publikum verstärkt mit ökologischem Gärtnern und bewusstem Pflanzen auseinander. Das habe man in den Garten Tulln schon bemerkt. "Inzwischen kommen 25- bis 30-Jährige aus der Stadt, die sich bei uns zum Beispiel Hochbeete anschauen", sagt Franz Gruber.

Da haben wir es also endlich: Wer Garten sagt, muss seit einigen Jahren ziemlich bald auch Hochbeet sagen. Auch das ist allerdings nichts Neues. In seinem Ursprung ist das erhöhte Gärtnern eine uralte Kulturtechnik. Der klare Vorteil des Evergreens unter den Blumenkisteln: Gärtnern auf sehr kleinem Raum. Und ein weiterer: Man muss sich nicht bücken. "Eigentlich kommen die Hochbeete, wie wir sie heute verwenden, aus dem Therapiebereich und sind etwa für Menschen gedacht, die im Rollstuhl sitzen", sagt Landschaftsarchitektin Karin Zwerger. Sie hat sich auf das Planen und Bepflanzen von Innenhöfen und Dachterrassen im urbanen Raum spezialisiert. Vor allem am Dach stehe der Lifestyle viel stärker im Fokus als in ruraleren Gärten. Vor einigen Jahren waren Bambuspflanzen hier noch ganz stark im Trend, mittlerweile sind es die japanischen Fächerahorne mit ihren feinen, geschlitzten Blättern und ihrem filigranen Austrieb. Hortensien seien mittlerweile wieder in, genauso wie ausgiebig blühende Sträucher. Dazwischen findet man auch hier immer wieder Gemüsepflanzen und Kräuter. Gerade auf Extremstandorten wie Dach oder Balkon müssen die Pflanzen aber einiges aushalten können. "Auch eine Pflanze kann einen Sonnenbrand kriegen", sagt Zwerger.

Die extremeren Wetterlagen, die die Klimakrise mit sich bringt, schlagen sich im Garten generell nieder. Heute gedeihen in Mitteleuropa Pflanzen, von denen man in den 80ern nur träumen konnte; Feigenbäume schaffen es hier mittlerweile locker über den Winter. "Wir haben in unseren Geschäften eigene Tische, auf denen ausschließlich trockenheitsresistente Pflanzen stehen", sagt Ludwig Starkl. Dass Pflanzen längere Zeiträume ohne Niederschläge oder andere Bewässerung überleben können, spielt eine immer größere Rolle. Auch der nachhaltige Umgang mit der Umwelt selbst treibt die Hobbygärtner um. Nicht umsonst stehen etwa die ökologisch wenig sinnvollen Schottergärten momentan in der Kritik. In Baden-Württemberg sollen sie etwa im Sinne der Biodiversität verboten werden. Aber auch auf den ersten Blick weniger drastische Eingriffe in die Natur wie die altbekannte Thujenhecke sind aus nachhaltiger Perspektive ein No Go. In den Garten Tulln boykottiert man sie regelrecht. "Die Thuje saugt den Boden aus", sagt Gruber. Sie wächst zwar schnell und ist genügsam, bietet als Nadelgehölz aber keinen Mehrwert für Insekten.

Denn schließlich ist der Garten Lebensraum. Nicht nur für Mensch, auch für Tier. Statt Thujen pflanzt man daher auch in privaten Gärten zum Sichtschutz lieber Kirschlorbeer. "Der blüht, da freuen sich die Insekten", sagt Gruber. Übernachten können sie dann ja im Insektenhotel nebenan. Und nicht nur sie haben Grund zur Freude: In den Garten Tulln lässt man statt bewässerungsintensivem englischen Rasen lieber die Wiesenblumen blühen und überlässt das Mähen ein Stück weit einer Schafherde, was laut Franz Gruber wiederum den Artenreichtum der Insekten gesteigert hat. In der Produktionsstätte der Gärtnerei Starkl in Tulln sind hingegen Pferde mit Pflügen im Einsatz. Anders als bei schwerem Gerät verdichten sie den Boden nicht, sondern lockern ihn mit ihren Tritten sogar auf. Was sie zwischendurch fallen lassen, ist Dünger.

Auch wenn sich das Garteln seit den 80ern also stark gewandelt hat, revolutionär sind diese Entwicklungen freilich nicht. Das Motto lautet auf allen Ebenen: Back to the roots, und zwar nicht nur ein paar Jahrzehnte zurück, sondern gleich ein bisschen weiter. Aber mit der eigenen Freifläche Verantwortung für Artenvielfalt und Klima zu übernehmen, ist nicht bloß Vergangenheitsfetisch, sondern allem voran zukunftsweisend. Und diese Verantwortung reicht sogar bis zum allerletzten Garten. In der Bestattungsanlagenordnung der Friedhöfe Wien steht: "Die Flächen der Friedhöfe stellen einen beträchtlichen Anteil der städtischen Grünflächen dar und bilden somit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt des Lebensraums für die städtische Tier- und Pflanzenwelt." Und weiter: "Bei Gräbern neuzeitlicher Art soll die gärtnerische Gestaltung mit Pflanzen im Vordergrund stehen." Man sieht also nicht nur die Radieschen von unten wachsen – und davon haben alle etwas.