Vieles von dem, was Franz Hofbauer und Michael Linke im vergangenen Jahrzehnt getan und geleistet haben, war extrem. Mit kargen Mitteln haben sie im Jahr 2014 begonnen, extreme Steillagen mit zum Teil extrem kargen Böden im Spitzer Graben urbar zu machen. Im abschüssigen Gelände, wo ein Traktoreinsatz unmöglich ist, setzten sie mit extremem Arbeitseinsatz – per Hand, mit Hauen, Schubkarren und Kübeln – alte Weingärten instand, aus deren Erträgen sie extrem feine Gewächse kelterten. Die Vinifizierung erfolgte unter extrem beengten Verhältnissen, nämlich in der adaptierten Garage eines Wohnhauses und in einem ehemaligen Kartoffelkeller. Nun wird neu gebaut. Die heurige Ernte soll bereits im neuen Weingut verarbeitet und eingelagert werden.

Die Betriebsgeschichte des noch jungen Weinguts ist höchst bemerkenswert. Michael Linke, 35 Jahre alt und aus der Pfalz stammend, begann zunächst in Mainz ein Lehramtsstudium der Geschichte und katholischen Theologie. Bereits nach einem Semester wusste er, dass die angestrebte Tätigkeit seine Lebensgeister nicht in erwünschtem Maße erquicken würde. Seine Schwester hatte gerade einen Winzer geheiratet, der ihn für das Weinthema begeisterte und ihm den Rat gab, ein Weinstudium an der Hochschule Geisenheim zu machen. Nach kurzer Schnupperzeit vertiefte er sich ins Studium, dann verließ er die Institution als graduierter Önologe.

- © Grabenwerkstatt
© Grabenwerkstatt

Franz Hofbauer, 39 Jahre alt, stammt aus Trandorf im Spitzer Graben in der Wachau. Obwohl er selber nicht mit Weinbau sozialisiert war, erwuchs seine vinophile Passion im Zuge einer Ausbildung zum Restaurantfachmann, weshalb er bei Wein & Co anheuerte und die Österreichische Weinakademie absolvierte. Als er schließlich bei der Domäne Wachau arbeitete, lernte er Michael Linke kennen, der dort nach diversen Engagements ein Praktikum machte. Alsbald brachen beide nach Australien und Neuseeland auf, um gemeinsam in die dortige Weinszene einzutauchen. Besonders prägend war im Jahr 2012 ein Aufenthalt in Neuseeland, wo sie bei Pyramid Valley Vineyards die Prinzipien des biodynamischen Weinbaus verinnerlichten.

2014 wagten Hofbauer und Linke den gemeinsamen Sprung in die Selbstständigkeit. Anknüpfungspunkt war die Heimat von Franz Hofbauer: der Spitzer Graben. "Das Wilde und Raue dieser kleinbäuerlich strukturierten Umgebung, die ganz klar im Schatten der allgemein bekannten Wachau mit ihrer von der Donau geprägten, pittoresken Kulturlandschaft steht, hat uns fasziniert", sagt Michael Linke. Im Elternhaus von Franz Hofbauer wurden der alte Kartoffelkeller und die Garage ausgeräumt, wo fürs Erste gewirtschaftet werden konnte. Der allererste, 14 Ar umfassende Weingarten, den sie sich zulegten, war total verwildert und wurde ohne maschinellen Einsatz auf Vordermann gebracht.

Es war für die neuen Partner, die ihr Unternehmen als GesbR mit gemeinsamer Haftung gegründet hatten, klar, dass in dieser Gegend (auch ihren Vorlieben entsprechend) Riesling und Grüner Veltliner im Fokus stehen würden, so Franz Hofbauer. Ob sie denn angesichts der Tatsache, dass sich doch schon viele Gesellschafter zerstritten, nicht etwa Sorge hätten, sich so eng aneinander gebunden zu haben, möchten wir von den beiden wissen. "Och, ich vertraue ihm mehr als mir selber", meint dazu Michael Linke in einer sprachlichen Mischkulanz aus Pfälzerisch und Niederösterreichisch.

Es ist tatsächlich augenfällig, wie sehr die beiden bürgerlichen Gesellschafter miteinander harmonieren. Mit erstaunlicher Energie und Gelassenheit gehen sie ihrer beschwerlichen Arbeit nach. Mittlerweile bewirtschaften sie 3,5 Hektar. Alles wird händisch bearbeitet, eine Haue ist im Auto ständig mit dabei. Als Weingartenhelfer fungieren hauptsächlich Familienmitglieder. Wie es in alten Zeiten in der Wachau üblich war, gibt es zum Abschluss der Lese eine "Valedifeier" mit opulentem Mahl und eigenem Zeremoniell. Als neues Brauchelement dieses bäuerlichen Freudenfestes haben Franz und Michael die Verleihung der "Goldenen Leseschere" eingeführt. Diese Auszeichnung wird alljährlich an jene Arbeitskraft verliehen, welche die meisten Arbeitsstunden absolvierte. Für jene, die sich im Zuge der Erntearbeiten in den Finger gezwickt haben, gibt es als Trostpreis ein kleines Verbandspäckchen.

Gewirtschaftet wird strikt nach biodynamischen Grundsätzen. Mittelfristig soll die "Ganzheitlichkeit" im Sinne der Biodynamie, mit weitgehend autarker Eigenversorgungswirtschaft inklusive Viehhaltung, ausgebaut werden. Bei der Ernte werden, um bestmögliche Finesse und Bekömmlichkeit der Weine zu generieren, ausschließlich botrytisfreie Trauben eingebracht. Der Ausbau der Gewächse erfolgt ausnahmslos mit Spontanvergärung (ohne Einsatz von Reinzuchthefe) sowie ohne Filtration und Schönung. Die beiden "Hauer" haben sich der renommierten Vereinigung "Vinea Wachau" angeschlossen, deren Wirken der Wachauer Weinbau viel zu verdanken hat, wie Franz und Michael unisono erklären. Der Betriebsname "Grabenwerkstatt", der freilich auch auf die Topografie ("Spitzer Graben") anspielt, geht auf die Überlegung zurück, "dass wir jeden einzelnen Wein als ein besonderes Werk betrachten", sagt Michael Linke. "Wir streben danach, geerdete noble Weine zu machen, die eine Seele und einen prägnanten Ausdruck haben", fügt Franz Hofbauer hinzu. Der rasche – und anhaltende – Erfolg gibt ihnen Recht.

Aus dem Sortiment der "Grabenwerkstatt":

2019 Grüner Veltliner Wachauwerk (12,5 % Alk., 15 Euro)
Gelbfruchtig, Ananasanklänge, kräuterwürzig, charmant, süffig und zugänglich, quicklebendig, gute Substanz.

2019 Riesling Ried Bruck Smaragd (13,5 % Alk.), 47 Euro)
Dezentes, sehr elegantes Bouquet, kühlfruchtig, bringt die "kleinen Dinge" zum Swingen, ausgesprochen fein strukturiert, saftig und dicht, von schiefriger Mineralik durchzogen, präzises Zusammenspiel aller Komponenten, verspielte und zugleich ernsthafte Prägung, vital und trinkvergnüglich, hervorragendes Potenzial.

Bezugsquellen: Wagners Weinshop (www.wagners-weinshop.com), Pub Klemo (www.pubklemo.at), The Wine Rebellion (www.mtrw.at)

Print-Artikel erschienen am 31. Juli 2020
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 22–23