Das malerische Dorf Vietri sul Mare klebt wie ein Schwalbennest an der steilen Klippe. - © Andrea Comi/Getty
Das malerische Dorf Vietri sul Mare klebt wie ein Schwalbennest an der steilen Klippe. - © Andrea Comi/Getty

In Coronazeiten ist das jetzt ein großes Plus: Genügend Platz am Strand, in den Restaurants und in den Geschäften – das ist der Luxus, den Orte wie Amalfi oder Positano nicht so großzügig zur Verfügung haben! Auf dem kilometerlangen Strand stehen die Liegen und Schirme im Respektabstand voneinander. Man achtet peinlichst auf Sauberkeit, reinigt jeden Morgen nicht nur den privaten, sondern auch den frei zugänglichen Strandabschnitt. Luca D'Ambra, Tourismussprecher der Region Campanien, kündigt rigorose Gesundheitskontrollen auf dem Flughafen und in den Hotels an. "Campania è sicura!", verspricht er.

Nützlich und geliebt: Der Esel

Auf dem Hauptplatz, direkt neben dem öffentlichen Telefon, das noch immer funktioniert, steht er: der blaue Keramikesel, das Maskottchen von Vietri, das von allen Vietresi geliebte Tier. Mit aufgestellten Ohren, kindlichen Augen und dem kläglich aufgerissenen Mäulchen hat er etwas von einem Kindchenschema an sich. Um den Hals hängt eine kleine Glocke. Auf dem Rücken trägt er zwei Weinbutten, die fast bis zur Erde reichen. Jeder Keramiker, der etwas auf sich hält, schafft "seinen" Esel als Visitenkarte seiner künstlerischen Arbeit.
Als Lastentransporter ist er nach wie vor im Einsatz. Er könnte auch gut als Maß für "social distancing" herhalten, meint Benvenuto Apicella, einer der bekanntesten Keramikkünstler von Vietri. "Hast du einen Esel, bist du wer. Hast du einen Mercedes, wirst du belächelt. Die Protzkarre nützt dir nichts im Weinberg und auf der schmalen Küstenstraße ist sie nur hinderlich", philosophiert Benvenuto gern über den kleinen Grauen.

Esel sind die Visitenkarte von Vietri sul Mare und überall zu finden. - © Silvia Matras
Esel sind die Visitenkarte von Vietri sul Mare und überall zu finden. - © Silvia Matras

In den Gassen, in den Innenhöfen – überall, wo nur Platz ist, sind die Wände mit Keramikbildern geschmückt. Die meisten von unbekannten Künstlern. Sie erzählen von einem Leben in der Vergangenheit, das gar nicht so weit weg zu sein scheint: von den Fischern, den Frauen am Brunnen, die den Dorftratsch austauschen, von der Weinlese, von Straßenmusikern, von Kindern, die Luftballons steigen lassen, von Prozessionen durch das Dorf. Mitten drin Christus, der eine fatale Ähnlichkeit mit Buddha hat, dahinter die Honoratioren mit aufgezwirbeltem Schnurbart, den Bauch stolz vor sich hertragend. Es ist eine heitere Welt, die diese "Wandgemälde" abbilden. Mit viel Liebe zum Detail. Und immer steht irgendwo ein Esel in einer Ecke.

È una passione! (Es ist Leidenschaft)

Die ganze Familie Massimino arbeitet mit: Die Söhne Tiziano und Ugo sind für die Formen, das Brennen und das Bemalen verantwortlich, Jolanda für Objekte wie Schmuck, Tassen und kleine Figuren, der Vater Giovanni entwirft, prüft und koordiniert. "Il padre è il maestro del orchestra!" (Der Vater ist der Dirigent des Orchesters), meint Tiziano lachend. Humor ist das Salz ihrer Kunst, der Antrieb ihres Handwerks. Das Geschäftsportal in der Hauptstraße von Vietri ist umrahmt von Fliesenbildern voll von Figuren, die fast von Deix entworfen sein könnten: Kugelrunde Männer mit überdimensionalen Händen und Füßen, einem Kugelbauch und großen Nasen tragen mit Gefäßen vollbepackte Tabletts zum Brennen, einer sitzt an der Töpferscheibe und formt eine riesige Vase. Ganz unten im rechten Eck – ein kleiner Esel. Das Atelier mit den Brennöfen und dem Lager liegt etwas außerhalb des Zentrums. Dass sie alle ihre Produkte aus dem wertvollen Töpferton von Salerno formen, selbst brennen und bemalen, darauf sind sie besonders stolz. Denn das ist in Vietri nicht mehr selbstverständlich. "In einigen Läden werden auch Waren, die irgendwo anders billig produziert wurden, angeboten. Das ruiniert unsere Berufsehre", empört sich Tiziano. "Nur wer wie wir den Titel ‚maestro d’arte ceramica‘ erworben hat, dürfte sich ‚ceramista‘ nennen und seine Ware als "Handarbeit" anbieten."

Auch Benvenuto Apicella und sein Vater Raffaele tragen diesen Titel. Benvenuto wusste von Kindheit an, was er werden wollte, und drehte in der Werkstatt seines Vaters schon mit acht Jahren seine ersten Vasen auf der Töpferscheibe. Die Liebe zu Vasen in allen Formen und Varianten, ob traditionell oder kreativ-neu, ist ihm geblieben und hat ihm den Titel "Il Vasoio" (der Vasenmeister) eingebracht. "Alles, was ich weiß und kann, habe ich von meinem Vater gelernt. Ich habe zwar in Salerno den ‚maestro d‘arte‘ gemacht, aber im Grunde war mein Vater der wichtigste Lehrer", erzählt Benvenuto, während er zugleich hochkonzentriert auf einem Blumentopf das Grundmuster malt. Ohne auch nur einmal abzusetzen, führt er den Pinsel zügig über die weiße Oberfläche. Seine Fantasie und die Erfahrung lenken die Hand. "Maschinen und Vorlagen brauche ich keine. Muster und Formen entstehen in meinem Kopf. Traditione con un pizzico di innovazione (Tradition mit einem kleinen Schuss Innovation) sind die Elemente meiner Kreativität." Und natürlich Humor! Seine Eselskulpturen ähneln den Bremer Stadtmusikanten und seine Red-pepperoni-Stinkefinger gegen den bösen Blick sind voller Witz und Verkaufsschlager Nummer eins.

Von Passion spricht auch die ehemalige Politikwissenschafterin Patrizia Malanga immer wieder, wenn sie Gäste durch ihr Weingut führt. Einige Straßenkehren oberhalb von Vietri liegt dieses Gut mit Blick über das Meer und auf das Dorf Raito, das zur Gemeinde Vietri gehört. Ein paar Kilometer weg von der Küste und weitab vom Massentourismus, wie er Amalfi und Positano bedrängt – und schon bekommt man eine Ahnung von dem, was Schriftsteller als "italianità" preisen – ein Hauch von Italien, wie es vielleicht in Kindheitserinnerungen existiert: Uralte Pinien neigen sich über Ziegeldächer, Weinterrassen und Wiesen. Das Dorf ruht in sich, als hielte ein Gott seine schützende Hand darüber. Als Patrizia Malanga 2002 das erste Mal nach Raito kam, wusste sie, hier wollte sie bleiben. Ohne Fachwissen über Weinbau begann sie, das alte Haus und die verwachsenen Terrassen zu restaurieren.

Gegen die allgemeine Sitte und Meinung baut sie Rotwein an. "Il vino rosso fa sangue", meint sie. Ihr jedenfalls ist er ordentlich ins Blut gegangen und verleiht ihr einen unbeugsamen Willen gepaart mit Optimismus. Beides braucht sie tagtäglich, um Missernten und Rückschläge zu überstehen. 2011 stand sie vor der Frage: aufhören oder weitermachen? Sie entschied sich fürs Weitermachen und begann, Interessierte durch das Gut zu führen und ihnen die Grundlagen des biologischen Weinbaus zu erklären. Danach gibt es auf der Terrasse des Hauses Kostproben. Bukolik wie zu Vergils Zeiten!