Rund 100 Jahre ist es her, da kam der Feminismus allmählich in die Welt. Heute, so scheint’s, stemmt sich nur noch ein Bollwerk resolut dagegen – das italienische Staatsfernsehen. Dort dreht man weiterhin TV-Shows mit so viel Frauenbein, wie es wohl nur das Paris der Cancan-Zeit gesehen hat. Dabei müssen sich Roms Grazien weniger abstrampeln: Manch eine wird schlicht am Bühnenrand drapiert – und lächelt dort im Escort-Look so stumm vor sich hin, dass es jedem Frauenrechtler die Zornesröte ins Gesicht triebe. Doch auch Männer verströmen hier wenig Würde: Wahlweise als untersetzter Hanswurst oder überdrehter Gockel dabei, plärren sie ihre Gags so laut in die Nacht hinaus, dass dies der Rom-Tourist wohl auch ohne TV-Gerät verstehen würde. Wobei, "verstehen": Das größte Vergnügen an diesem grotesken Gebrabbel und Gehampel hat vermutlich der Italienisch-Unkundige. Der Sinn des Lebens dürfte ihm mangels Sprachkompetenz jedenfalls kaum entgehen.

Vintage illustration of Travel Poster for the Lido, Venice, Italy, 1950s. (Photo by Found Image Holdings/Corbis via Getty Images) - © Found Image Holdings / Getty
Vintage illustration of Travel Poster for the Lido, Venice, Italy, 1950s. (Photo by Found Image Holdings/Corbis via Getty Images) - © Found Image Holdings / Getty

Christoph Irrgeher

Als die Welt noch kein Dorf war, galt schon der Sommerurlaub an der oberen Adria als Fernreise. Die Fahrt über die Alpen im roten Käfer-Cabrio. Der Fahrwind, der lauter sang als Paolo Conte im Kassettendeck des Autoradios. Erste Gehversuche in Sachen Fremdsprachen, ein Eis bestellen, mille grazie. Schon der Versuch ein Abenteuer. Der Stolz über die väterliche Sandskulptur, ein mit Muscheln verziertes Käfer-Cabrio, in dem ein Kind sitzen konnte. Eine Attraktion im Lignano der 1980er. Mittagsruhe unterm aus Treibholz gebauten Sonnensegel, das bunte Tuch weht im Wind, die Eltern gehen derweil am Strand spazieren. Abends in den Luna-Park, mit Motorradshow. Das Taschengeld, unglaublich hohe Summen in Lira, sorgsam über den Urlaub eingeteilt. Die nächtlichen Gelsen hätten ruhig exklusiv in der Erinnerung und damit in Italien bleiben dürfen. Alles andere darf weiter mitreisen.

Judith Belfkih

Das Chaos. Aber so findet man es nur in Italien. Hemdsärmelig. Breites Grinsen. Erstauntes "Allora?!" – Wo liegt das Problem? Lösung? Ordnung? In Rom kommt das eine ohne das andere aus: Es ist heißester Sommer in Rom. Der Straßenverkehr stockt. Autos von rechts und links schneiden haarscharf in den Fahrstreifen, der keiner ist, denn in Reih und Glied fährt niemand. Fahrräder schlängeln sich durch die stehenden Pkws, Flüche fliegen durch die Luft. Fahrer springen aus den Autos und gestikulieren wild in alle Richtungen. Die Autos bewegen sich noch ein paar Zentimeter. Jetzt geht nichts mehr. Hupen. Schreien. Schimpfen. In die Kreuzung fährt man hier immer ein. Egal ob grün oder rot. Egal ob es sich danach staut oder nicht. Im Zentrum dieser Auto-Minestrone springt einer auf sein Autodach. Er zeigt, wer wo weiter- und wegfahren soll. Er entwirrt den Verkehr und alle folgen den Anweisungen. Zehn Minuten später ist alles vorbei. Man staut sich weiter durch die flirrende Hitze Roms.

Verena Franke

Gar nicht so wenige Österreicher sind mit keinem Land so innig verbunden wie mit Italien. Das liegt wohl an der frühkindlichen Prägung. Kaum jemand, der keine Erinnerungen aus der Kindheit vom Strand von Lignano, Grado oder Jesolo mitgenommen hat: Muscheln sammeln am Strand. Quallen und Seesterne im Wasser und dieser warme, feuchte "Duft" von Meer, der einem in die Nase steigt, spätestens, wenn man die Staatsstraße von Latisana in Richtung Lignano herunterfährt. Vorbei an Bootswerften, gastronomischen Touristenfallen und Hotel-Ruinen aus besseren Tagen sind es dann nur mehr wenige Minuten, bis der große, mit bunten Blumen bepflanzte Kreisverkehr die Gewissheit einläutet: angekommen, wieder mal da. Nicht ganz zu Hause, aber fast. Sagen wir: im zweiten Zuhause, weitergegeben von Generation zu Generation. Jetzt kann der Urlaub beginnen.

Bernhard Baumgartner

Ein Loblied auf Italien? Dio mio, wo beginnen? Vielleicht beim wichtigsten Bindeglied von Strand und Sonne, Mode und Madonna. Das Kaffeetrinken ist in Italien nämlich die erste Lektion in Sachen Lebensqualität und Lässigkeit. Ob in der Trattoria ums Eck oder im römischen Luxusrestaurant: Espresso oder Cappuccino (niemals nach dem Abendessen!) sind Italien! Liegt es an den Bohnen? An den koffergroßen Kaffeemaschinen? Gar am Wasser? An der jedes Mal wieder umwerfenden Nonchalance der Menschen hinter der Theke? Man muss nicht jedes Rätsel lösen. Fakt ist: Man trifft seine Wahl in Italien nicht, in dem man aufwendige Kaffeemenükarten studiert, sondern man ordert schlicht caffè und bekommt, zwei kostbare Schlucke lang, Italien. Als Besucher des Landes bleibt man beim Espresso-Trinken wohl ein Leben lang Amateur. Die Espresso-Grandezza bleibt den Italienern vorbehalten.

Petra Paterno

Vor endlos vielen Jahren: Mein erstes italienisches Wort war "elecotteri". Er flog von Neapel nach Ischia, dann ging es mit dem Ape, dem Allzweck-Motordreirad, nach Sant‘ Angelo, damals ein Fischerdorf. Der Calzolaio macht Schuhe nach Maß, der Dottore heißt Zunta und hat eine wunderschöne deutsche Frau, in die sich auch ein Sechsjähriger verlieben kann. Il Pároco, der Pfarrer, hat ein Faible für Fußball und Kommunismus. In der Erinnerung duftet der ganze Ort nach Ginster und Oregano, nur vor der Pizzeria mischt sich brennendes Holz dazu und unten, am kleinen Hafen, in dem noch keine Yachten liegen, sondern nur Fischerboote, der Geruch des Meeres. Kein Auto im Ort. Was transportiert werden muss, tragen die Maultiere. Es ist Liebe auf den ersten Blick, Liebe auf den ersten Atemzug. Erste Versuche, Italienisch zu sprechen. Unter Kindern kommt es nicht auf Herkunft und Grammatik an.
Jahre später dann das Bewusstsein: Diesen Stein könnte Kaiser Nero berührt haben, vielleicht ein Sklave des Cicero, vielleicht eine Kurtisane auf dem Weg zu Kaiser Elagabalus. Italien, wo der Campari auf der Terrasse nach Geschichte schmeckt. Wo man sein Herz lässt und immer wieder zurückkehrt, um es zu suchen.

Edwin Baumgartner

Draußen, auf dem Meer, türmten sich in der Nacht die Wellen schwarz auf. Lange sind die Lichter von Venedig weit entfernt. Und dann im Morgengrauen die Einfahrt in die Lagune. Hinter dem Lido beruhigt sich das Wasser, in der Dämmerung zeigt sich traumhaft der Markusplatz. Venedig ist ganz auf das Meer ausgerichtet und beeindruckt jeden, der von See kommt. Der Campanile und der Dogenpalast erscheinen wie Wunder, die sich aus der Nacht erheben, majestätisch und unwahrscheinlich grazil zugleich. Der Anblick ist so unfassbar schön, dass es wohl niemanden geben kann, der davon nicht berührt wird.
Aber zugleich bricht der venezianische Frühverkehr los. Wassertaxis, Vaporetti, offene Motorboote kommen aus allen Richtungen mit maximaler Geschwindigkeit und ohne erkennbare Ordnung. Es ist gar nicht so leicht, ein Segelboot in diesem Durcheinander zu manövrieren. Der Hafen vor der Kirche San Giorgio Maggiore ist heillos überfüllt, doch ein wenig nördlich findet sich ein Platz im Hafen von St. Elena, im "Diporto Velico Veneziano". Hier ist das Leben unglaublich entspannt, da sind die Venezianer unter sich.
Und von dort kann man durch die "Giardini Della Biennale" zum Markusplatz spazieren und sich ins Caffè Floriani setzen. Das ist dann ein großer Kontrast zwischen ruppigem nächtlichen Meer und der eleganten Ruhe, durch die Kellner im weißen Jackett schweben. Die einzigartige Welt von Venedig.

Christian Hoffmann

Dieses verführerische Rot, die klimpernden Eiswürfel, diese prickelnde Unentschiedenheit zwischen bitter und süß: Ein Aperol Spritz ist italienische Spirituosenkultur vom Feinsten. Wem der Campari Soda zu bitter ist und der Negroni zu schnell die Lichterl ausknipst, der kommt an diesem Aperitif nicht vorbei. Eines ist ja klar: Er schmeckt daheim natürlich nie so gut wie auf der venezianischen Piazza, auf der man ihn zum ersten Mal in der nachlassenden Hitze mit schmerzenden Füßen getrunken hat. Oder bei der Gondelwerft mit den schwer erkämpften Aperitivo-Häppchen. Das liegt auch daran, dass sich hierzulande das Prosecco-Aperol-Gemisch durchgesetzt hat, während die Originalvariante eine erfrischende Kombination von Weißwein, Spirituose und dem Spritz verleihenden Soda ist. Aber egal, wie er daherkommt, wichtig ist, wo er einen hinbringt: Zumindest im Kopf reist man vom Sofa direkt auf die Piazza und an die Gondelwerft – Venedig-Sehnsucht schmeckt einfach bitter-süß.

Christina Böck