Italienischer kann ein Name gar nicht sein: Mario Testino, das gleitet über die Zunge wie cremiges Gelato, kühl und doch voller Feuer. Dabei ist der Mann gar kein waschechter Italiener, sondern lediglich seine Vorfahren – Testinos Urgroßeltern wanderten Mitte des 19. Jahrhundert nach Argentinien aus, um sich 1885 mit Marios Großvater Michele in Peru niederzulassen. Klein-Mario wurde am 20. Oktober 1954 in Lima, der Hauptstadt des südamerikanischen Landes, geboren. Dass er einmal einer der bedeutendsten Modefotografen werden würde, ahnte damals freilich noch niemand.

Mit 22 Jahren zog er nach London, um dort zu studieren, doch erst eine Reise nach Rom und Florenz, wo er Freunde aus Lima besuchte, brachte ihn auf den Weg, der ihn zu Ruhm und Bekanntheit führte. Zurück in England widmete er sich der Fotografie und stellte gleichzeitig fest, dass es mehr als ein gutes Auge brauchte, um in diesem Bereich Karriere zu machen: Er änderte seinen Kleidungsstil und fuhr immer öfter nach Italien, um in Mailand und Rom Kontakte zur Modeszene zu knüpfen. Seinen ersten großen Auftrag landete er zwar letztendlich in New York, doch sein Herz gehört bis heute Italien und den Italienern. Er liebt die Landschaft, das Licht, die Farben, die Menschen, das Essen, die Mode, die Partys und die Lebensweise und was sonst noch alles zu Italien gehört.

All das hat er immer wieder mit der Kamera eingefangen und auf Bildern verewigt, die in Ausstellungen auf der ganzen Welt zu sehen waren. Berühmte Models und Menschen auf der Straße, großartige Säle in einem Palazzo und ein verfallendes Schwimmbad, gestellt oder ein rasch eingefangener Moment – eine Hommage an Italien ist jedes einzelne. Dass manche von seinen Fotos grobkörnig sind, als ob er altes Filmmaterial verwendet hätte, oder verschwommen wie mit unruhiger Hand fotografiert, ist bewusst und absichtlich. Ja sogar rote Augen dürfen sein. Im Gegensatz zu den großen Shootings für "Vogue", "Vantiy Fair", "Harper’s Bazaar" oder "GQ" sind seine "Schnappschüsse" zwar kunstvoll, aber trotzdem natürlich. Alle haben jedoch eines gemeinsam: Testino gelang es stets, die Quintessenz des Fotografierten einzufangen, ohne bloßzustellen. Man hat das Gefühl, die Personen berühren zu können, ihnen ganz nahe zu sein, sie zu kennen – eine Kunst, die vom britischen Modefotografen Cecil Beaton inspiriert ist.

Simone Susinna, 2018 - © Mario Testino
Simone Susinna, 2018 - © Mario Testino

Auch die berühmt-berüchtigte Chefin der US-"Vogue", Anna Wintour, erkannte das und sagte: "Modefotografie ist eine schwierige Mischung zwischen Kunst und Kommerz und ich denke, dass niemand das besser versteht als Mario Testino." 2011 zeichnete ihn die Royal Photografic Society mit einer Ehrenmitgliedschaft aus. 2017 ließ er einen Großteil seiner Kunstsammlung bei Sotheby’s versteigern, um den Erlös seinem in Lima gegründete Kunstmuseum Mate zur Verfügung zu stellen.

Um Testino ist es seit einiger Zeit allerdings still geworden. Als er im Zug der #MeToo-Bewegung 2018 mit Vorwürfen konfrontiert wurde, 13 männliche Models sexuell belästigt zu haben, verlor er Aufträge von etwa Burberry, Michael Kors oder der "Vogue". Er begab sich daraufhin auf eine Weltreise – das Fotografieren hat er währenddessen aber bestimmt nicht verlernt. Und wenn daraus vielleicht ein Buch entsteht wie die eben erschienene Hommage an Italien, dann umso schöner.

In "Ciao!" zeigt der Starfotograf eine Reihe unveröffentlichter Bilder aus seinem Archiv: In einem Kaleidoskop, das rund 40 Jahre umfasst, gibt es Schnappschüsse von Modelegenden wie Valentino oder Dolce & Gabbana, das nächtliche Kolosseum in Rom, Messdiener, das Treiben am Strand von Amalfi, Maskenbälle und Prozessionen. Die scheinbar unzusammenhängende Zusammenstellung (obwohl das Buch in drei Kapitel unterteilt ist) hat etwas Mitreißendes, Wildes – so wie Testino die Italiener und das Leben in Italien eben sieht. Und gerade in Zeiten wie diesen ist es ein wenig wie Urlaub – wir können zwar nicht dort, aber trotzdem dabei sein. Besser geht’s gar nicht!