Heimito von Doderer hat einem Wasserfall einen ganzen Roman gewidmet: "Die Wasserfälle von Slunj". Darin versucht er, das Naturschauspiel mit Worten zu erfassen: "Hier auch stäubten schon die Wasser allenthalben hoch auf, fielen in Schleiern nässend auf die Stege, unter welchen anderwärts wieder die Strömung in dicken Schlangen zwischen den Mühlen durchschoss, glatt und glashart aussehend infolge ihrer Geschwindigkeit. Der Lärm schien viele Lagen oder Schichten zu haben, höhere und tiefere, Donnern sowohl wie helles Pfauchen, dumpfes Mahlen ebenso wie schneidendes Gespritze; und darunter, als das eigentlich Schrecklichste, war ein ununterbrochenes Heulen hörbar."

Vielleicht sind diese Zeilen eine der schönsten Beschreibungen eines Wasserfalls in der Literatur. Doderer nimmt das Naturschauspiel zum Anlass, eine Familiengeschichte in der österreichischen Monarchie zu entwickeln. Das Liebespaar, das am Anfang des Romans steht, besucht während der Hochzeitsreise die Wasserfälle und ist ganz benommen von dem Erlebnis. "Wie auch immer – das Ganze drängte sie zueinander", heißt es, "und sie machten den Weg zurück Arm in Arm längs des Flusses; und waren glücklich, abends in der Wirtsstube, und glücklich in ihrem Schlafzimmer."

Doch leider liegen die Wasserfälle von Slunj, die in dem Roman so eine starke Wirkung auf das Gemüt der Liebenden haben, in Kroatien in der Nähe des Nationalparks Plitvicer Seen und sind in Corona-Zeiten nicht so leicht erreichbar. Aber das "stäubende" und "in Schleiern fallende" Wasser, das Pfauchen, Mahlen und das Gespritze, das das Paar in dem Roman so sehr beeindruckt, kann man auch im Wiener Umland in prächtigen Varianten und ganz ohne Reisebeschränkungen entdecken.

Am nächsten zur Stadt liegt die Hagenbachklamm, nicht weit von Klosterneuburg entfernt. Dort hat der Hagenbach sein Bett durch schmale Sandsteinschluchten gegraben. In einem ausgedehnten Eichenwald, eingezwängt von schroffen Felsen, schäumt der Bach an dieser Engstelle der Donau entgegen, in die er bei Greifenstein mündet. Der Eingang zur Klamm ist nicht weit von Sankt Andrä-Wördern entfernt, die Klamm selbst mit ihren Wasserfällen und Tümpeln erstreckt sich über etwas mehr als einen Kilometer, ein gut gesicherter Spaziergang.

Bei den Druiden

Weiter nach Nordwesten zu, etwas mehr als hundert Kilometer von Wien entfernt, gibt es im Waldviertel die Ysperklamm, die größten Wasserfälle Niederösterreichs. Dort stürzt das Wasser der Ysper in einem einzigartigen Naturschauspiel über wuchtige Granitwände in die Tiefe. Dabei überwindet der Fluss auf einer Strecke von zwei Kilometern gut 300 Höhenmeter und setzt gewaltige Energien frei. Dort soll Kaiser Franz Joseph I. nach einem Sturz ins Wasser beinahe ums Leben gekommen sein, hätte nicht ein Holzknecht eingegriffen und der Hoheit das Leben gerettet. Holzknechte waren dort überhaupt immer zugange, weil über die Ysper geflößt wurde und in noch älteren Zeiten sollen sich dort keltische Druiden versammelt haben. Zumindest hat der Fremdenverkehrsverband entsprechende Wanderwege eingerichtet und für den Marsch zu einem angeblich heiligen Platz allerlei Geschichten aufbereitet.

Wenn man sich von Wien aus nach Südwesten wendet, dann denkt man wahrscheinlich zuerst an die Myrafälle in der Nähe von Pernitz, knapp 70 Kilometer von der Großstadt entfernt und auch gut mit der Bahn zu erreichen. Dort wurde bereits vor mehr als hundert Jahren, im Jahr 1898, um genau zu sein, ein dramatischer Kampf um die Erhaltung der Umwelt ausgetragen. Der Österreichische Touristenklub widersetzte sich damals den Plänen zum Bau eines Elektrizitätswerks, erfolglos allerdings, weil das Werk auf Beschluss des Gemeinderats von Wiener Neustadt doch 1912 errichtet wurde und bis 1974 in Betrieb blieb. Das ehemalige Turbinenhaus ist heute eine Gaststätte.

Bei der Ortschaft Muggendorf betritt man die Klamm und kann über 26 Brücken entlang der wilden Fälle des Baches Myra wandern. Fünf Millionen Liter Wasser sollen dort an einem normalen Tag über die Felswände stürzen, in der Zeit der Schneeschmelze entsprechend mehr. Das Tosen und Gespritze, um noch einmal Doderer zu zitieren, ist entsprechend laut.

Ein wenig weiter im Süden kann man bei Würflach durch die Johannesbachklamm gehen, in der die Felswände aus Kalkstein bis zu sechzig Meter hoch aufragen und eine einzigartige Atmosphäre der Kühle schaffen. Ursprünglich diente der Weg durch die Klamm Bergarbeitern, die in einem Steinkohlebergwerk bei Grünbach arbeiteten, das es längst nicht mehr gibt. Vor mehr als hundert Jahren wurden erstmals Stege und Brücken für Touristen errichtet und am 3. August 1902 berichtete die Zeitschrift "Der Naturfreund" stolz von der Eröffnung der Wanderwege durch die Klamm. Brücken und Stege wurden allerdings in den späteren Jahren immer wieder bei Unwettern weggerissen. Heute wird die Klamm, die man in dreißig Minuten durchqueren kann, als besonders "familienfreundlich" angepriesen.

Das Wildererversteck

In derselben Gegend findet man auch die weniger bekannte Steinwandklamm. Manche bezeichnen die tosenden Wasserfälle des Klammbachs auf mehr als fünfhundert Metern Seehöhe als einen der schönsten Wasserfälle im östlichen Österreich. Darüber kann es natürlich kein objektives Urteil geben und man bildet sich am besten selbst eine Meinung. Dabei sollte man berücksichtigen, dass der Klammbach, der auf dem Almesbrunnberg in einem Karstgebiet entspringt, nicht zu jeder Zeit Wasser führt, und dass daher die Klamm ihre Reize nicht beliebig zeigt, sondern abhängig vom Wetter. Am aufregendsten ist ein Besuch im Frühjahr nach der Schneeschmelze. Aber auch im Mai oder Juni kann das Wasser, ausreichende Regenfälle vorausgesetzt, stürmisch über die Kaskaden jagen und spritzen.

In den Wänden der Klamm wurde außerdem eine Höhle entdeckt, die offenbar in früheren Zeiten Wilderen als Versteck diente. Im Juli 1927 wurde zu dieser abgelegenen "Wildschützenhöhle" ein Weg angelegt, genannt Rudolf-Decker-Steig, den auch durchschnittliche Wanderer bewältigen können, sofern sie sich nicht scheuen, stellenweise über steile Metallleitern hochzuklettern. Im anderen Fall kann man sich auch sehr gut mit dem normalen Weg bescheiden.

Ein ganzes Stück weiter im Westen, nördlich von Mariazell, befinden sich dann die Ötschergräben, für die man sich beim Tourismusmarketing den geschmacklosen Beinamen "Grand Canyon von Österreich" ausgedacht hat. Dessen ungeachtet bieten der Ötscherbach und die Erlauf ein großartiges Schauspiel, wie sie sich da durch ein enges Schluchtensystem ihren Weg bahnen und dabei steil über die Felsen stürzen. Auf den Wegen, die früher einmal Holzfäller benützt haben, kann man (zum Beispiel von Purgstall aus) sowohl kurze Touren als auch lange Wanderungen mit Übernachtung im Schutzhaus Vorderötscher unternehmen. In der Gegend gibt es übrigens auch einen Mirafall, der mit den Myrafällen bei Muggendorf nicht identisch ist.

Neben dem Mirafall gehören auch der Lassingfall und der Schleierfall zu den drei großen Ereignissen der Gegend.

INFO

Hagenbachklamm
www.wienerwald.info/a-hagenbachklamm

Ysperklamm
www.ysperklamm.info

Myrafälle
www.myrafaelle.at

Johannesbachklamm
www.wieneralpen.at/a-johannesbachklamm-wuerflach-1

Steinwandklamm
www.steinwandklamm.at

Ötschergräben
www.naturpark-oetscher.at/die-oetschergraeben