Ich treffe Fritz Wieninger am späteren Nachmittag eines lauen Sommertages auf dem Steinberg, wo er im Juli seine neue Buschenschank eröffnet hat. Nach allen Seiten grüßend und herzliche Gespräche führend, bewegt sich Wieninger langsam durch die Reihen der Buschenschanktische auf meinen Platz zu. Man hat den Eindruck, dass ein Wiener Bürgermeister an ihm verlorengegangen ist. Wer Wieninger einmal in seiner Funktion als Präsident der renommierten WienWein-Gruppe erlebt hat, weiß, wie eloquent und soigniert er aufzutreten vermag. Seine Persönlichkeit ist gar facettenreich. Bei passender Gelegenheit hat Fritz Wieninger stets ein Augenzwinkern parat, nicht selten hat er einen pfiffigen Schmäh auf den Lippen. Im mittleren Alter angekommen, hat seine Persönlichkeit ausgeprägte Konturen angenommen. Wieninger wird seinem Namen als Vertreter eines Urwienertums mit zeitgemäßen Zügen mehr als gerecht, längst darf er als ein Wiener Original gelten.

In einer Stunde, so erfahre ich, wird Wieninger über "Zoom" an einer von Holland aus organisierten Online-Wein-Verkostung teilnehmen, und zwar direkt zwischen den Rebzeilen am Rande der Buschenschank. Bis dahin ist noch Zeit, degustierend miteinander ein paar Weine zu besprechen. Hier, am Steinberg, in der Buschenschank "Hans & Fritz", werden vornehmlich Weine der Linie "Hajszan Neumann" ausgeschenkt. Wie berichtet, hat Wieninger dieses Weingut im Jahr 2014 übernommen. Sowohl in diesem Betrieb als auch in jenem, der unter seinem eigenen Namen firmiert, wird biodynamisch gewirtschaftet.

Fritz Wieninger mit dem Fass auf dem Weg in den Weingarten zur holländischen Zoom-Online-Verkostung. - © Johann Werfring
Fritz Wieninger mit dem Fass auf dem Weg in den Weingarten zur holländischen Zoom-Online-Verkostung. - © Johann Werfring

Der "Nussberg Grüne Veltliner 2019" präsentiert sich zart gelbfruchtig mit spürbarer Kräuterwürze, zart nussig und leicht salzig, ein kräftiger Klassiker mit Niveau. Als dicht und stoffig ist "Weißleiten Gemischter Satz 2018" zu charakterisieren. Er ist zugleich mit sehr gutem Trinkfluss ausgestattet. Bei der Richtung Nordosten ausgerichteten Weißleiten handelt es sich gewissermaßen um die "Rückseite des Nussbergs, die angesichts der Klimaverschiebung zunehmende Bedeutung erlangt", so Wieninger. Ausgesprochen erfrischend, vielschichtig und harmonisch habe ich den "Nussberg Gemischten Satz 2019" erlebt – ein Edelklassiker mit Esprit. Gravitätisch und gediegen, mit reichlich Tiefgang ausgestattet, präsentiert sich der "Riesling Steinberg 2018", er stammt aus dem Weingarten direkt unterhalb der Buschenschank.

Fritz Wieninger bei der holländischen Zoom-Online-Verkostung auf dem Wiener Steinberg. - © Johann Werfring
Fritz Wieninger bei der holländischen Zoom-Online-Verkostung auf dem Wiener Steinberg. - © Johann Werfring

Nach diesen Formaten aus der Linie "Hajszan Neumann" verkosten wir noch zwei Gewächse aus dem unter "Weingut Wieninger" firmierenden Betrieb. Absolut hinreißend ist "2019 Wiener Gemischter Satz DAC", der nicht am Steinberg, sondern in der anderen Wieninger’schen Weingarten-Buschenschank am Nussberg (Eichelhofweg 125) ausgeschenkt wird. Dieser wohlfeil ab Hof und in Wieningers Online- Shop um 12,50 Euro erhältliche Wein mit gelbfruchtiger Dominanz und vielschichtigem Fruchtspiel nebst passender Würze sowie salzig-pikanten Nuancen ist ein trinkvergnüglicher Klassiker wie aus dem Bilderbuch, man kann sich stundenlang an seiner Grandezza delektieren und wird nicht müde ihn zu trinken. Als "feierlicher Wein" der Oberliga darf schließlich "2018 Ried Kaasgraben Grüner Veltliner 2018" gelten. Er ist kühlfruchtig, süffig auf Top-Niveau und zeichnet sich durch vibrierende Mineralik aus (ab Hof 21 Euro).

Das Speisenangebot in der Buschenschank am Steinberg, die nach den Vornamen der beiden Kompagnons "Hans & Fritz" heißt (wobei Hans die deutsche Version von Juan ist), besteht einerseits aus typischen Heurigenschmankerln wie Fleischlaberln (à 2,50 Euro), Butterbrot mit Radieschen und Schnittlauch (3 Euro) oder Brot mit Beinschinken und Kren (5 Euro) und darüber hinaus aus einem wöchentlich wechselnden Angebot an kalten Speisen aus Juan Amadors Sterne-Küche wie "Tatar vom Alm-Ox mit Wasabi-Mayonnaise und Wildkräutern (14 Euro), Matjessalat mit Apfel-Jalapemo Espuma (12 Euro) oder Cheescake im Glas (8 Euro). "Hans und Fritz" kooperieren mit bewährten Partnern wie Öfferl (Brot), Schmidl (Wachauerlaberl), Dormayer (Blunzn), Höllerschmid (Fleisch) und Eishken (Fisch).

Die Aussicht am Steinberg ist – ebenso wie in Wieningers Buschenschank auf dem Nussberg beim Eichelhofweg – hinreißend. Noch bis Anfang Oktober ist geöffnet. Wieninger und Amador haben mit dieser erfreulichen Innovation (auch) auf die aktuelle Krise reagiert. Angestellte, für die ansonsten bloß "Kurzarbeit" möglich gewesen wäre, können dadurch in Vollbeschäftigung verbleiben.

Ob die Familie Wieninger heuer Urlaub gemacht hat? "Ja, zwei Tage Österreich- Urlaub", sagt Fritz Wieninger. Er selber brauche gar keinen Sommerurlaub, weil er die Weingärten und sein Wiener Umfeld ganzjährig wie einen Urlaub empfände. Wenn er wegfährt, dann deshalb, um seinen Kindern ab und zu ein anderes Ambiente zu bieten. Der Tag beginnt für Fritz Wieninger täglich (auch sonntags) um 6 Uhr morgens. Er macht dann seine Runde zu den beiden Buschenschanken, holt dort das Leergut ab und fährt dann weiter zum Bäcker, wo er frisches Brot und Gebäck für das Frühstück mit seiner Familie holt.

Nach unserer vinophilen Plauderei in der Freiluft-Buschenschank holt Fritz Wieninger eine Scheibtruhe herbei, hebt mit verblüffender Leichtigkeit ein neben der Ausschank platziertes Barriquefass hinein und fährt damit in den Weingarten, um sich seiner holländischen Zoom-Verkostung zu widmen. Als er sich einloggt, haben die Online-Teilnehmer bereits den entsprechenden Wieninger-Wein im Glas. Fritz Wieninger erscheint mit seinen Weinen, direkt im Weingarten am Fass stehend, auf dem Monitor. Die Holländer dürfen sich nicht nur über die Gewächse, sondern auch über das herrliche Panorma freuen, das sich ihnen vom Steinberg aus auf Wien und den Donaustrom bietet…

Print-Artikel erschienen am 28. August 2020
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 22–23