Die Wandergruppe aus Deutschland ist sichtlich irritiert, sogar ein wenig verunsichert. Die drei schwarz gekleideten Security-Muskelmänner stürmen wild gestikulierend auf sie zu, schneiden ihnen den Weg ab. Die Wanderer bleiben wie erstarrt stehen. Einer der Männer bittet die Urlaubergruppe energisch, das Filmset sofort zu verlassen. "Filmset?", fragt eine ältere Frau. Man sei doch nur zum Wandern in der Peñitas-Schlucht.
Das sogenannte "Palmental" auf Fuerteventura ist tatsächlich ein beliebtes Wanderparadies. Aber auch Hollywood-Regisseure lieben die malerische Felsenschlucht und gerade dreht Marvel mit Angelina Jolie, Salma Hayek und Richard Madden aus "Game of Thrones" hier den Superhelden-Blockbuster "The Eternals". Natürlich haben auch die Wanderer von weitem die Nachbildung des prachtvollen Ischtar-Tors des antiken Babylonien gesehen. Aber man kann es ja mal versuchen. Auch Ridley Scott drehte hier vor einigen Jahren bereits Szenen für seine Bibelverfilmung "Exodus – Götter und Könige". In der Peñitas-Felsenschlucht baute er das Dorf von Moses' Frau auf.
Der Kultregisseur war fasziniert von den ursprünglichen Wüstenlandschaften der spanischen Ferieninsel. Er drehte gleich an mehreren Orten wie dem Tindaya-Berg, am Strand von Punta Agua sowie in den Schluchten Buen Paso und Los Canarios. Am Cofete-Strand im Naturpark von Jandía an der Südspitze Fuerteventuras fand er den perfekten Ort, damit Hollywoodstar Christian Bale als Moses sein Volk von Ägypten ins Heilige Land führen konnte. Kilometerlange Dünen, schwarze und weiße Sandstrände, bizarre Vulkanlandschaften, menschenleere Weite, kaum Niederschläge. Das perfekte Filmset.

Mexiko liegt in Fuerteventura

Nicht weit entfernt befindet sich die Schlucht Los Cuchillos de Vigán: einsame Stille. Kein Mensch ist zu sehen. Kein Haus, keine Straße, nicht einmal Strommasten. Der Wind treibt ausgetrocknete Buschzweige vor sich her. Geier kreisen am Himmel. Ein Western-Szenario wie aus dem Bilderbuch. Die wildromantische Wüstenlandschaft könnte Mexiko sein, oder Arizona. Eigentlich wäre die Gegend perfekt für Wanderer oder Biker, die hier am Ende der Schlucht sogar riesige Strände ganz für sich alleine hätten. Doch nur wenige Touristen verirren sich in diese Ecke Fuerteventuras. Zur Freude der Filmindustrie. "Regisseure lieben diese ursprüngliche, menschenleere Naturlandschaft auf den Kanaren", versichert auch Location-Scout Roberta Martino.

Generell haben Regisseure auf Fuerteventura einsame Wüstenlandschaften im Visier. Einige Gegenden erinnern an die Sahara-Wüste, Irak, Afghanistan oder sogar an andere Planeten oder biblische Landschaften. Im Norden der Insel wurden in den schneeweißen Sanddünen am Corralejo-Strand die neusten Abenteuer von "Wonder Woman" gedreht. Hier standen auch Sacha Baron Cohen und Ben Kingsley in "Der Diktator" vor der Kamera. Im abgelegenen Pecenescal-Tal, wo Wanderer heute nur ein paar Ziegen begegnen, trieben vor drei Jahren noch Han Solo und sein Co-Pilot Chewbacca in "Solo: A Star Wars Story" ihr Unwesen.

Spektakuläre Lavalandschaften

"Die meisten Regisseure drehen auf verschiedenen Inseln. Die Kanaren sind wie ein Miniatur-Kontinent. Hier hast du alles auf kleinstem Raum. An einem Tag kannst du in der Wüste drehen, am nächsten im Dschungel", erklärt Sebastián Álvarez von Volcano Films, der für Ridley Scott "Exodus" auf den Kanaren produzierte. Lanzarote und Teneriffa seien mit ihren bizarren Lavalandschaften perfekt für Science-Fiction-Filme, in denen Planeten in fernen Galaxien dargestellt werden müssen. "Auf Teneriffa und Gran Canaria kann man wegen der Landschaften und Kolonialstädte auch gut Geschichten verfilmen, die in Lateinamerika spielen", so der Produzent.

Location-Scout Roberta Martino zeigt hoch über Teneriffas Inselhauptstadt einen solchen Ort. Touristen kommen so gut wie nie ins Barrio Nuevo. Dabei hat man von hier aus den schönsten Panoramablick auf Santa Cruz de Tenerife. Das kann Silvester Stallone bestätigen, der hier vor zwei Jahren seinen neuen Rambo-Film drehte. Das kunterbunte, am Hügel liegende Viertel stellte eine mexikanische Stadt dar, in welcher Rambo von den Bösewichten verfolgt wird. Vor vier Jahren war auch schon Matt Damon im fünften Teil der Bourne-Saga in Santa Cruz unterwegs. Natürlich sieht man neben der Plaza de España in einer der Filmszenen auch das futuristische Auditorium von Santiago Calatrava.

Vom Dschungel an die Küste

In den dschungelartigen Lorbeerwäldern Las Mercedes im Norden Teneriffas kämpfte Gal Gadot in "Wonder Woman 2". Unterdessen gaben Vin Diesel und Paul Walker in "Fast and Furious 6" auf der spektakulären Küsten-Panorama-Straße von Garachico zum Teno-Leuchtturm richtig Gas. Vielen dürfte der Leuchtturm mit seiner bizarren Lava-Küste aus "Zorn der Titanen" bekannt sein. Hier lieferten sich Ralph Fiennes und Liam Neeson als Zeus und Hades vor den imposanten Klippen Los Gigantes eine Seeschlacht.

"Planet der Affen", "Star Wars", "Rambo" – alle haben sie am Teide-Vulkan auf Teneriffa gedreht.

- © Manuel Meyer
"Planet der Affen", "Star Wars", "Rambo" – alle haben sie am Teide-Vulkan auf Teneriffa gedreht.
- © Manuel Meyer

Teneriffas Touristenattraktion Nummer 1, der Teide National Park, ist mit seinen skurrilen Vulkanlandschaften und Kratern auch der Lieblingsdrehort für Hollywood. Hier siedelte "Star Wars" Han Solos Heimatstern an. Der Teide-Vulkan diente auch als "Planet der Affen". Wonder Woman und Rambo wollten auch nicht auf die spektakuläre Vulkanlandschaft verzichten.

Kolonialstil auf Gran Canaria

"Forrest Gump"-Regisseur Robert Zemeckis fand hingegen auf Gran Canaria alles, was er für seinen romantischen Spionage-Film "Allied – Vertraute Fremde" mit Brad Pitt und Marion Cotillard brauchte. Er musste kaum etwas verändern, um die koloniale Altstadt von Las Palmas ins Casablanca der 1940er-Jahre zu verwandeln. Die Kolonialgebäude waren aber auch perfekt für den Horrorfilm "Down A Dark Hall" mit Uma Thurman.
Gran Canaria verzaubert Hollywood seit Jahren mit seiner landschaftlichen Vielfalt. Netflix drehte vor zwei Jahren vor der Bergkulisse des emblematischen Felsfingers Roque Nublo Szenen für die Serie "The Witcher". Hier siedelte der deutsche Regisseur Robert Thalheim auch "Kundschafter des Friedens" mit Henry Hübchen, Michael Gwisdek und Jürgen Prochnow an. Am Fuße der Berglandschaft liegt Tejeda, eines der schönsten Dörfer der Kanaren, in dem Netflix 2016 auch Szenen für die Science-Fiction-Kultserie "Black Mirror" aufnahm.

Steuerliche Anreize

Die beliebteste Film-Kulisse ist auf Gran Canaria aber das Dünenmeer von Maspalomas. Alleine im vergangenen Jahr wurden auf den Kanaren 71 Filme gedreht. Regisseur Andy Tennant schickte in "Wild Oats" auch Demi Moore, Jessica Lange und Shirley MacLaine durch die beeindruckenden Stranddünen von Maspalomas im Süden der Insel. Neben der beeindruckenden Landschaft, die immer wieder für Sahara-Darstellungen benutzt wird, befindet sich auch das filmreife Hotel Lopesan Costa Meloneras, in dem Penélope Cruz und Ana de Armas im Spionagefilm "Wasp Network" nicht nur vor der Kamera standen, sondern hier auch die drei Wochen der Filmaufnahmen verbrachten. Das Hotel wird von zahlreichen Filmcrews benutzt. Hollywood goes Kanaren. So viel steht fest! Und wer genau hinschaut, kann in einem der bald erscheinenden Blockbuster vielleicht Orte aus dem letzten Kanaren-Urlaub entdecken.
Wo heute sonnenhungrige Urlauber auf Gran Canaria den Canteras-Strand genießen, waren 1956 Gregory Peck und Orson Welles "Moby Dick" auf der Spur. Am Nachbarstrand El Confital stand Hollywoodstar Emma Roberts in "Paradies Hills" vor der Kamera. Am Arinaga-Strand drehte unterdessen der deutsche Regisseur Lennart Ruffs Szenen seines Science-Fiction-Thrillers "Titan – Evolve or Die" mit Sam Worthington ("Avatar"), Taylor Schilling ("Orange Is The New Black") und Tom Wilkinson ("Michael Clayton") in den Hauptrollen.

Der Reiz der Kanaren liege aber nicht nur in den abwechslungsreichen Landschaften und der Schönwettergarantie, versichert Ricardo Martínez Cedrés von der Tenerife Film Kommission. "Die Kanaren bieten neben Sicherheit und guter Infrastruktur auch steuerliche Anreize für Filmproduktionen", erklärt Martínez. Bis zu 40 Prozent der Produktionskosten können auf den Kanaren abgeschrieben werden.