Dumme Gans, faule Sau, falsche Schlange, sturer Esel, eitler Pfau – wenn wir unser Missfallen einem anderen Mensch gegenüber ausdrücken oder ihn gar beschimpfen wollen, vergleichen wir ihn gerne mit einem bestimmten Tier, dem wir eine menschliche – meist negative – Eigenschaft zugewiesen haben. Doch woher wissen wir, dass Gänse dumm, Esel stur oder Schlangen falsch sind? Warum sind nicht Schlangen dumm, Gänse stur und Esel falsch?

Seinen Anfang genommen hat alles mit Fabeln, kurzen Erzählungen, deren Protagonisten hauptsächlich Tiere, aber auch Pflanzen oder Dinge sind, denen menschliche Eigenschaften zugewiesen wurden, und deren Zweck war, eine Moral zu vermitteln ("und die Moral von der Geschicht‘, …"). Die ältesten Fabeln stammen aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. aus Vorderasien, in Europa gilt Äsop als Urvater der Fabel. Er dürfte ein thrakischer Sklave gewesen sein, der um 600 v. Chr. in Griechenland lebte. Sein Leben ist legendenumrankt, belegbare Daten gibt es keine. Sein Name allerdings ist bis heute untrennbar mit der besonderen literarischen Gattung der Fabel verbunden.

Die Eigenschaften, die er den Tieren zuwies, waren auch für damalige Zeiten keine ungewöhnlichen: Geiz, Neid, Gier, Dummheit, List, Stolz – die Liste lässt sich fortsetzen. Warum ist allerdings der Wolf böse, die Gans dumm oder die Schlange falsch? Wir wissen es nicht. Vermutlich entstanden diese Zuweisungen aus Tierbeobachtungen, die wohl nicht im Sinn der heutigen Verhaltensforschung interpretiert wurden. Möglicherweise gab es auch mündlich überlieferte Geschichten, in denen Tiere eine Rolle spielten und ihnen bereits bestimmte (menschliche) Charaktereigenschaften zugewiesen worden waren, auf die die Fabeldichter und im europäischen Fall Äsop, zugriffen. Man weiß aber, warum die Gleichnisse mit ihrer eindeutigen Moral, ihrem deutlichen Lehrsatz, Tiere in der Hauptrolle hatten: Der Autor entging damit der Zensur. Nicht selten bezogen sich Fabeln nämlich auf gesellschaftliche Missstände und deren Verursacher. Hätte der Autor Personen beim Namen genannt, hätte ihm vermutlich die Todesstrafe gedroht. Mit dem "Trick" des Anthropomorphismus, also der Personifikation von Tieren und damit der Übertragung menschlicher Eigenschaften auf Tiere oder Dinge, entging der Verfasser diesem Schicksal. Selbst wenn in einem bestimmten Tier zweifelsfrei eine spezifische Person zu erkennen war…
Äsops Fabeln sind perfekte kleine Geschichten in Prosa oder Reimform und so eindeutig, dass auch wenig Gebildete die Lehre darin verstehen konnten. Und sie sind bis heute aktuell.

Die literarische Gattung der Fabel geriet nach Äsop einige Jahrhunderte ins Hintertreffen, lediglich der deutsche Fabeldichter "Der Stricker" und Ulrich Boner lieferten im 14. Jahrhundert bedeutende Beispiele. Erst im 17. und 18. Jahrhundert erlebte die Fabel einen echten Aufschwung. Die bekanntesten Vertreter sind Jean de la Fontaine und Gotthold Ephraim Lessing. Letzterer zeichnete die Fabel durch eine Besonderheit aus: Üblicherweise ist in der Fabel der Lehrsatz am Ende zu finden, er ist ihr nachgestellt – ein Epimythion. Lessing dagegen stellte den Lehrsatz an den Anfang – ein Ana- oder Promythion. Im 19. Jahrhundert finden sich im Gesamtwerk des Schweizer Dichters Wilhelm August Corrodi Fabeln, doch die Bedeutung, die sie unter Äsop, Fontaine oder Lessing hatten, erreichten sie bis heute nicht mehr. Nichtsdestotrotz wurden die Tiere die ihnen verpassten menschlichen Eigenschaften nie wieder los – welch eine Ungerechtigkeit…

Alle nur erfunden?

Nicht viel besser in Sachen negative Eigenschaften ergeht es vielen Fabelwesen aus Mythen, Sagen und Märchen. Ihre Existenz und ihre – zumeist wenig attraktive – äußere Erscheinung verdanken sie der Fantasie der Menschen, die ungewöhnliche Tiere oder Mischwesen, sogenannte Chimären, in großer Zahl produzierte. Und so bevölkerten in ihrer Vorstellung Sphingen, Greife, Kentauren, Basilisken, vielköpfige Schlangen und Hunde, Satyrn, Drachen, Einhörner, Hippokampe, Harpyien, Meerjungfrauen, Selkies, Werwölfe, der Phönix, Strigae, Regenbogenschlangen, Mantikore, der Jasconius, das Hippalektryon, die Habergeiß, der Minotaurus und viele andere seltsame Kreaturen über Jahrhunderte die Erde und brachten meist Unheil und nur selten Glück über die Menschen.

Viele dieser Wesen sind aber keine reine Erfindung oder aus Alpträumen stammende Wesen, manche haben ihren Ursprung in der realen Welt: So wird vermutet, dass früher Seeleute aus Seekühen Meerjungfrauen machten oder große Echsen zu Drachen wurden. Und gelegentlich erweist sich ein regionales Fabeltier sogar als tatsächlich existierendes Tier wie das Okapi, die Waldgiraffe aus Zentralafrika, oder das Saola, das Vietnamesische Waldrind.

Für die dubioseren fantastischen Tierwesen macht sich die Kryptozoologie stark. Die Vertreter dieser als Pseudowissenschaft eingestuften Richtung beschäftigen sich mit Tieren, für deren Existenz es höchstens schwache und/oder zweifelhafte Belege gibt. Sie vermuten als Vorbilder für Tierwesen aus Mythen, Sagen und Folklore bislang unentdeckte Tierarten, die als Kryptid bezeichnet werden. Sie haben jedenfalls noch viel Arbeit vor sich…

Tierische Götter – oder göttliche Tiere?

Schon lange vor ihrer literarischen Manifestation in den Fabeln hatten Tiere einen Platz in der Welt der Götter gefunden. Schon im frühen Ägypten findet sich in vielen Abbildungen ein Falke oder ein Mensch mit Falkenkopf – der Himmelsgott Horus. Er war außerdem Königsgott, ein Welten- oder Lichtgott und Beschützer der Kinder. Anubis dagegen wird vorwiegend als liegender schwarzer Hund, Schakal oder als Mensch mit einem Hunde- oder Schakalkopf dargestellt. Er ist der altägyptische Gott der Totenriten und der Mumifizierung. Der Schakal ist ein Wüstentier und wurde von den Ägyptern vor allem mit der westlichen Wüste in Verbindung gebracht – und der Westen gilt in vielen Mythologien, so auch in der ägyptischen, als Heimat der Toten und der Caniden, die damit als Seelenführer in das Land der Toten angesehen wurden.

Seth wird oft mit einem Eselskopf dargestellt, Bastet mit dem einer Katze. Hathor hat einen Kuhkopf, Ammit taucht meist in Gestalt eines Krokodils auf und Chepre als Skarabäus. Die Liste lässt sich lange fortsetzen und das nicht ohne Grund: Die alten Ägypter hatten eine enge Beziehung zu Tieren, sie beobachteten sie genau und schlossen aus ihrem Verhalten auf ihre mythologischen Aufgaben. Und da die ägyptischen Götter vielfach in Tiergestalt auftauchten, galten viele Tiere als heilig und durften nicht getötet werden.

Einer der Lieblingsgötter im Hinduismus ist der elefantenköpfige Ganesha. - © Tomekbudujedomek / Getty
Einer der Lieblingsgötter im Hinduismus ist der elefantenköpfige Ganesha. - © Tomekbudujedomek / Getty

Im Hinduismus finden wir Ganesha, einen fülligen Gott mit einem Elefantenkopf. Er ist der "Herr der Hindernisse" und Götterbote, doch warum ein Elefantenkopf? Der Elefant gilt als Wächter und Träger des Alls, vielleicht also ein Hinweis auf die Verbindung zwischen Menschen- und Götterwelt?
Auch die Azteken verehrten Götter mit tierischen Merkmalen, der bekannteste ist wohl Quetzalcoatl, der auch bei den Mayas und den Tolteken bekannt war. Der Schöpfergott wird meist als Schlange mit Federn am ganzen Körper dargestellt.

In der nordischen Mythologie treibt ebenfalls eine riesige Schlange ihr Unwesen – die Midgard- oder Weltenschlange. Gemeinsam mit ihrem Bruder, dem Fenriswolf oder Fenrir, wird sie eine wichtige Rolle beim Ragnarök, dem Weltenbrand, spielen. Sie sind beide zwar keine Götter, aber untrennbar mit diesen verbunden – schließlich sind sie beide Lokis Kinder. Den kennen wir alle spätestens seit den Marvel-Verfilmungen als boshaften Bruder von Thor…

Im Katholizismus haben es Tiere dagegen schwer, nur die Taube hat es geschafft: Sie wird gerne mit dem Heiligen Geist gleichgesetzt oder zumindest als Friedensbringerin dargestellt. Aber das ist zumindest eine positive Besetzung…