Vakuumverpackte Schweinefilets oder die Leberkäsesemmel zwischendurch sind für uns alltäglich, aber über das Essen von Hunden in asiatischen Ländern schreit man in unseren Breiten schnell auf. Denn bestimmte Tiere wie Hund, Katze, Meerschweinchen und Co. können uns gar nicht nah genug sein, andere landen jedoch tagtäglich auf unserem Teller. Doch was unterscheidet die Tiere voneinander? Warum ist es für uns unmoralisch, Hunde zu essen, Tiere wie Rinder oder Hühner aber nicht?

Nutz- und Haustiere

Dafür ist vor allem unsere Unterscheidung in Nutztiere und Haustiere verantwortlich, welche von klein auf erlernt wird. Dabei werden Nutztiere als Tiere bezeichnet, die dem Menschen entweder durch ihre eigene Arbeitsleistung dienen oder jene, die einzig zum Zweck gehalten werden, um Bestandteile des Körpers für Ernährungs- oder Bekleidungszwecke zu verwerten. Als Haustiere bezeichnet man hingegen jene Tiere, die aus "Liebhaberei" domestiziert wurden. "Viele davon stehen zwar in einem Nutzungsverhältnis zum Menschen, tun dies aber als Sozialpartner, Statussymbol oder ästhetisches Objekt", sagt Birte Wrage vom Messerli Forschungsinstitut, Abteilung "Ethik der Mensch-Tier-Beziehung", an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, im Gespräch mit dem "Wiener Journal".

Haustiere werden meist als Familienmitglied angesehen, sie bekommen Namen, werden in den Alltag der Besitzer integriert und innig geschmust. Dadurch baut sich ein enges Näheverhältnis zu den Tieren auf und sie werden gar personifiziert. Erwin Lengauer, Universitätsprofessor und Tierethiker der Universität Wien, meint im Dialog mit dem "Wiener Journal", dass "gerade die Namensgebung ein entscheidender Prozess ist, der Haustiere ganz maßgeblich von Nutztieren unterscheidet, denn kaum ein Schwein, das einen Namen bekommen hat, endet tatsächlich auf dem Teller. So würden selbst Bauern sich von ihren Nutztieren abgrenzen. Der Hof- und Wachhund hat einen Namen, die Schweine aber nicht."

Dass diese Unterscheidung zwar Praxis ist, ist nicht zu verleugnen, aber aus tierethischer Sicht wird das durchaus kritisch betrachtet. "Ich halte den Begriff ‚Nutztier‘ für grundsätzlich problematisch, weil er ein menschengemachtes Verhältnis sozusagen zur Eigenschaft des Tieres macht und das Tier darauf reduziert. Daher wäre es wünschenswert, dass Tiere nicht primär oder ausschließlich nach menschlichem Interesse unterschiedlich behandelt werden", meint Wrage zu der starken Unterscheidung von Nutz- und Haustier.
Emotionale Abgrenzung

Im Leben der meisten Menschen treten Schlachttiere meist gar nicht lebend in Erscheinung. Sie sind anonymisiert und werden uns meist nur in Stücken als Endprodukt Wurst, Schnitzel oder Kotelett präsentiert. Viele ekeln sich vor der Vorstellung, Innereien zu essen oder abgehackte Füße und Köpfe von Tieren zu sehen. Auch das hängt damit zusammen, dass wir das Stück Fleisch nicht mehr mit dem ursprünglichen Tier assoziieren. So erinnert bei den beliebtesten Stücken wenig an das Schlachttier, viele Erzeugnisse kennen wir gar nur in verarbeiteter Form, zum Beispiel Chicken Nuggets, Hot-Dogs, Leberkäse und vieles mehr. Tötungsakt und Verarbeitungsprozess verschwinden dabei einfach aus dem Blickfeld.

Dieses emotionale Abgrenzen entstehe aber nicht zufällig, meint die US-Psychologin Melanie Joy. Vielmehr sei es ein Verleugnungsprozess, der schon früh erlernt wird. Große psychische Anstrengungen seien nötig, um Unbehagen von uns fernzuhalten und uns emotional von den Tieren abzugrenzen. Dabei wird oftmals auf das "essbar"- und "nicht essbar"-Schema zurückgegriffen – bestimmte Tiere zu essen sei einfach "normal", andere wiederum nicht. Diese normativen Kategorien werden von unserer Umwelt vorgelebt, wir fühlen uns in unserem Handeln bestätigt.

Kinder hinterfragen diese Unterscheidung

Doch vor allem Kindern fällt diese Unterscheidung schwer. Sie fragen oft nach, woher Fleisch denn eigentlich kommt und sind meist schockiert und entsetzt, wenn sie erfahren, dass es sich dabei um tote Tiere handelt. Eltern stehen dann vor der Frage, was als Nächstes zu tun ist und wie sie mit dem Thema am besten umgehen sollten.
Birte Wrage spricht bei diesem Dilemma von kognitiver Dissonanz – einem für uns unangenehm empfundenen Gefühlszustand, bei dem wir unsere Wahrnehmungen verleugnen, ignorieren oder schönreden, um uns besser zu fühlen. Wrage meint dazu: "Wenn wir uns einen besseren Umgang mit Tieren wünschen, dann muss man schon bei den Kindern anfangen, aber Kinder sollten nicht die Bürde unserer kognitiven Dissonanz tragen. Ich halte es für ungerecht Kindern gegenüber, ihnen Kinderbücher zu zeigen, die sehr schockierend über Schlachthäuser berichten, weil es doch die Verantwortung von uns Erwachsenen ist, diese Zustände gegebenenfalls zu ändern, statt Kinder mit Horrorgeschichten auf Veganismus einzustimmen. Kindermedien könnten aber ihren Beitrag leisten, indem sie auf tierliche Interessen sensibilisieren."

Kulturelle Unterschiede

Zu beachten ist, dass diese Unterscheidung gesellschaftlich erlernt ist, kulturell verschieden ist und sich im Laufe der Zeit immer wieder wandeln kann. Während wir Kühe und Schweine liebend gerne essen, ist das für Muslime und Hindus ein Tabu oder gar verboten. Die Begründung liegt im Islam in der Unreinheit des Schweines, im Hinduismus in der Unantastbarkeit der Kuh. So sollte es uns nicht überraschen, dass Tiere, die in unseren Breiten als Haustiere angesehen werden, in anderen Ländern verspeist werden.

Aber auch das ändert sich mit zunehmender Globalisierung und im Rahmen der weltweiten Corona-Pandemie. So veröffentlichte das chinesische Landwirtschaftsministerium Ende Mai ein neues "Nationales Verzeichnis tiergenetischer Ressourcen", welche für die Lebensmittelbeschaffung verwendet werden dürfen. Hunde fanden sich zum ersten Mal nicht mehr auf der Liste, sie wurden als "Begleittiere" bezeichnet, Katzen waren nie auf der Liste. Das bedeutet, dass lebende Hunde und ihr Fleisch nicht als Lebensmittel verkauft werden dürfen. Gemäß dem chinesischen Tierhaltungsgesetz dürfen nämlich nur Tiere, welche sich auf dieser Liste befinden, für Lebensmittel gezüchtet, aufgezogen und gehandelt werden. Es ist jedoch zu beachten, dass dies noch kein gesetzliches Verbot der Konsumation des Tierfleisches ist. Es ist abzuwarten, ob China dieses Verbot tatsächlich durchsetzt.

Auch in Europa wurden (und werden) Hunde gegessen

Dabei gilt es, nicht immer mit dem Finger auf die anderen zu zeigen, denn selbst in Österreich und Deutschland wurden Hunde vor allem in Krisenzeiten gegessen. Erst im Jahr 1986 wurde das in Deutschland gesetzlich verboten, in Österreich wurde das Verbot im Tierschutzgesetz von 2004 verankert. In der Schweiz ist der Konsum von Hundefleisch nur für den kommerziellen Verbrauch und Verkauf verboten, bis heute wird Hundefleisch von einigen Bauern noch produziert und gegessen. Selbst in Ländern wie Australien und Neuseeland ist das Essen von Katzen- und Hundefleisch nicht verboten. Im Alltag werden Hunde und Katzen in all diesen Ländern zwar kaum gegessen, da es kulturell verpönt ist und es Tierschutzgesetze gibt, die das qualvolle Töten unter Strafe stellen, aber verboten ist es auch in vielen "westlichen" Ländern nicht.

So zeigt sich aber auch, dass ein Verbot allein das Essen von Heimtieren nicht von einem Tag auf den anderen verhindern kann, denn sowohl in Teilen Chinas als auch in Kambodscha, Vietnam, Südkorea und Indonesien ist es kulturell verankert. Ein Verbot bildet zwar einen gesetzlichen Rahmen, es braucht aber vor allem auch ein kulturelles Umdenken. Tierschutzorganisationen weltweit fordern daher Aufklärungskampagnen von Regierungen und strengeres Vorgehen.
Zusätzlich zeigt sich neben den großen kulturellen Unterschieden aber auch ein großer Generationsunterschied: Die meisten jungen Chinesen finden das Essen von Haustieren moralisch verwerflich, andere wiederum verweisen auf den Widerspruch, den Menschen aus der westlichen Hemisphäre in Bezug auf das Essen von Fleisch haben – und sie haben dabei nicht unrecht.

Denn welches Argument erlaubt es uns, sich von Nutztieren derart abzugrenzen und ihre industrielle Schlachtung zu rechtfertigen, während die Tötung von Haustieren moralisch verwerflich ist? Leidensfähig sind beide und zu sagen, dass die getöteten Tiere nicht in einem persönlichen Bezug zu einem selbst stünden, wäre eine egoistische Auffassung, die die eigene Person als Richter von Leben und Tod sieht. Auch die Behauptung, dass Hunde schlauer als Schweine wären, ist vor kurzem in der wissenschaftlichen Zeitung "Animal Cognition" im Rahmen einer Studie falsifiziert worden (dieser Studie zufolge wären Schweine sogar schneller im Lösen von Problemen, hartnäckiger und ausdauernder als Hunde). So ergibt sich ein moralisches Dilemma.

Selektive Liebe

Unsere Tierliebe ist sehr selektiv und gilt nur einigen wenigen ausgewählten Tierarten, von anderen distanzieren wir uns bewusst oder unbewusst. Lengauer weist dabei auf die sogenannte "intellektuelle Schizophrenie" hin: "Menschen sind gigantische Verdrängungsmeister. Die meisten Leute wissen, dass ihre Fleisch-Essgewohnheiten Widersprüche aufweisen und sie eigentlich eh keine Tiere essen sollten, tun es aber trotzdem." Er als Tierethiker halte die Sensibilisierung hinsichtlich dieser Verdrängung für wertvoll, denn sie zeige den Menschen auf, wie stark sich ihr Verhalten von ihren Wertvorstellungen unterscheidet.
Um das eigene Handeln zu rechtfertigen, werden Menschen immer Auswege aus dieser Diskussion finden, doch ist es wichtig, dass wir uns unserer paradoxen Denk- und Verhaltensweisen bewusst sind, bevor wir über andere urteilen.

Was heißt das für die Zukunft?

Egal ob Vegetarier oder Fleischesser, die Entstehung von Schweineschnitzel und Co. sollte in unserer Gesellschaft nicht länger verschwiegen werden. Erst im Frühsommer kam es im Rahmen der Corona-Pandemie zu Aufdeckungen in der Massentierhaltung im deutschsprachigen Raum. Die Missstände der industriellen Massentierhaltung und der Schlachthäuser sollten nicht einfach aus unserem Blickfeld geschoben werden, nur weil es uns unser eigenes Verhalten hinterfragen lässt. Es ist an der Zeit, konventionelle Fleischverarbeitung zu hinterfragen. Denn die Schlachtprozesse funktionieren zwar, aber nur zu Lasten der Tiere und Mitarbeiter.

Zusätzlich warnen Forscher auf der ganzen Welt seit Jahren davor, dass Krankheiten, die ursprünglich bei Tieren vorkommen, in Zukunft öfter auf den Menschen überspringen könnten, wie es mit dem Sars-CoV-2-Virus dieses Jahr passiert ist. "Seit den 1930ern gibt es einen klaren Trend einer steigenden Zahl von menschlichen Krankheiten – und rund 75 Prozent davon stammen von Wildtieren. Oft sind domestizierte Tiere die Vermittler an den Menschen", heißt es dazu von Inger Andersen, der Chefin des UN-Umweltprogramms. Daher ist es höchste Zeit unsere bisherigen Umgangsformen mit Tieren zu überdenken, um sowohl die Tiere als auch uns selbst zu schützen.