Wo einst Torf abgebaut wurde, hat sich ein Teich breit gemacht – Teile des ehemaligen Torfabbaugebietes haben wieder den Charakter typischer Moorgebiete angenommen. - © Stefan Spath
Wo einst Torf abgebaut wurde, hat sich ein Teich breit gemacht – Teile des ehemaligen Torfabbaugebietes haben wieder den Charakter typischer Moorgebiete angenommen. - © Stefan Spath

Eine Kreuzotter in XXL-Format hat auf der Glasfassade Platz genommen. Gesellschaft leisten ihr eine Zauneidechse und zwei Teichfrösche. Schon von weitem signalisieren die Siebdruck-Abbildungen auf der Außenhaut des Naturparkzentrums Hochmoor Schrems: Hier führt Mutter Natur Regie. Ein Eindruck, der akustisch gleich untermauert wird. Vom Teich nebenan stimmen Frösche ihr Gequake an, dann fallen Teichrohrsänger in das Konzert ein.

Öde, still, etwas unheimlich und zu nichts zu gebrauchen: Mooren eilt seit alters her ein eher zwiespältiger Ruf voraus. Vorurteile, mit denen im Unterwasserreich – das zugleich als Besucherzentrum des Naturparks Hochmoor Schrems dient – auf unterhaltsamste Art und Weise aufgeräumt wird. Alles, was in Torfmoosen kreucht und fleucht, in Tümpeln schwimmt und paddelt und über Heidekrautgewächsen und Riedgräsern schwebt und schwirrt, bekommt in Niederösterreichs größtem Moor eine große Bühne geboten. Der Erlebniswert ist hoch, auch weil das Moor vor der Haustür im Doppelpack mit einem weiteren typischen Naturraum der Region präsentiert wird: den Waldviertler Teichen, die vor tierischem Leben nur so strotzen.

Trickser und Täuscher

Als begehbares Naturlabor gestaltet ist der Wassergarten, der mit seinen Terrassen die Uferbereiche und Verlandungszonen eines Teiches bis zur Entstehung eines Niedermoores veranschaulicht. Fallensteller und Wegelagerer sind in den Mini-Biotopen unterwegs. Barbara Dolak lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Rundblättrigen Sonnentau, der aus dem Torfmoos lugt. Die gelbgrünen Blätter sind bestückt mit roten Tentakeln. Die glänzenden Tropfen an ihrem Ende machen Insekten schöne Augen und locken sie in eine tödliche Klebefalle. So holt sich die fleischfressende Pflanze Phosphor und Stickstoff, Bausteine des Lebens, die den sauren Hochmoorböden fehlen. "Der Sonnentau ist ein Trickser", erklärt die Geschäftsführerin und zoologische Leiterin des Naturparks.

Perfekte Anpassung im Übergangsbereich von Land und Wasser kennzeichnet auch den Teichrohrsänger, der einige Meter weiter im Röhrichtgürtel brütet. Er fixiert seine Nester lose an den Schilfhalmen. Bei Überschwemmungen wandert die Behausung automatisch nach oben – und der Nachwuchs bleibt trocken. Über der Schwimmblattzone patrouillieren grazile Azurjungfern. Egal ob als Wasserbewohner in ihrem frühen Leben oder später als Herren der Lüfte – die Libellen sind hocheffiziente Jäger. "Im Larvenstadium sind sie wie kleine Haie und können Hunderte Kaulquappen erlegen", so die Moorexpertin.

Fischotter Gottfried als Publikumsmagnet

Mächtigen Appetit hat auch Fischotter Gottfried, der in einem artgerecht gestalteten Gehege des Unterwasserreichs eine Heimat gefunden hat. Wenn er sich bei der Schaufütterung genüsslich über einen Fischkopf hermacht oder geschmeidig sein kleines Teich-Reich durchtaucht, fliegen ihm die Herzen vor allem der jungen Besucher zu. Als verwaistes Jungtier, der das Otter-Sein von Menschen erlernte, genießt er Extra-Sympathiepunkte. Doch seine freilebenden Genossen sind bei den Teichbesitzern im Waldviertel wegen ihrer manchmal überschießenden Raubzüge auf Zuchtkarpfen und Co. extrem schlecht angeschrieben.

Fischotter Gottfried ist ein Publikumsliebling in Schrems. - © Stefan Spath
Fischotter Gottfried ist ein Publikumsliebling in Schrems. - © Stefan Spath

Trockenlegen, um Weideflächen, Wiesen, Äcker oder Nutzwälder zu gewinnen – dieser Imperativ bestimmte von Vorarlberg bis ins Burgenland Jahrhunderte lang den Umgang mit Moorlandschaften. Vor den Toren der Kleinstadt Schrems war es der Torfabbau, der tiefe Narben in die Landschaft schlug. Torf, zu Ziegeln ausgestochen und getrocknet, diente als Heizmaterial. Später wühlten sich Bagger durch die bis zu fünf Meter dicken Torfschichten, um Material für Streugut zu gewinnen. Seit dem Jahr 2000 ist das Hochmoor Schrems auf einer Fläche von 119 Hektar als Naturpark ausgewiesen – und wie nicht wenige Moore Schauplatz von Bemühungen, die Sünden der Vergangenheit zu korrigieren.
Gar nicht so einfach, denn auch für die Renaturierung gilt "gut Ding braucht Weile". Etwa einen Millimeter legt die Torfschicht im Jahr zu. Ein Hochmoor wieder in den "Urzustand" zurückzuversetzen, dauert dementsprechend hunderte, wenn nicht tausende Jahre. Indem man aber die alten Wasserkreisläufe wieder in Schwung versetzt und moortypischen Pflanzenbewuchs fördert, lässt sich zumindest der weitere Niedergang aufhalten.

Back-up für das Weltklima

Warum das so wichtig ist, beleuchtet heuer und 2021 die Sonderausstellung "Moor – Vom Gatsch zum Klima". Besonders die mit mächtigen Torfkörpern ausgestatteten Hochmoore wirken wie ein Schwamm für schädliche Klimagase. Das Sediment aus unvollständig zersetzten Moosen und Gräsern speichert das Kohlendioxid (CO2), das die Pflanzen einst aus der Luft aufgenommen haben. Eine Leistung, die sich von enormer Bedeutung für das Weltklima entpuppt. Obwohl Moore nur drei Prozent der Erdoberfläche bedecken, bunkern sie mehr Kohlenstoff als alle Wälder der Welt zusammen. "Jedes Mal, wenn ein Moor abgebaut oder entwässert wird, gelangen enorme Mengen an Kohlendioxid in die Luft", erklärt Barbara Dolak. Moore einfach Moore sein zu lassen, stellt also eine ebenso effiziente wie günstige Klimaschutzstrategie dar. Und, auch das wird vermittelt: Wer beim Gärtnern ganz auf Torf verzichtet, tut der Umwelt etwas Gutes im kleinen Maßstab.

Moor-Dynamik kommt wieder in Gang

Hinaus ins Gelände. Von Aussichtsplattformen wie der spektakulären "Himmelsleiter" lässt sich erkennen, wie das Terrain wieder mehr Moor-Charakter gewinnt. Die ehemaligen Torf-Stichwannen haben sich mit Wasser gefüllt. Hier breitet sich ein Teppich von Teichrosen über einen Tümpel, dort leuchten Sumpfschwertlilien in sattem Gelb. Ein Stück weiter eine offene Moorfläche – hier ist die Regeneration schon in der nächsten Stufe. Wassergefüllte Schlenken und erhöhte Bulten mit struppigen Sauergräsern und Heidekrautgewächsen sorgen für ein unruhiges Relief. Wo der feste Boden in trügerischen Morast übergeht, ist kaum auszumachen. Die zerzausten Rotföhren und mickrigen Moor-Birken ringsum künden von einem Dasein auf Sparflamme.

Kilometerweit ziehen sich Rundwege durch die stille, in sich ruhende Landschaft. Die Langsamkeit, die dem Moor innewohnt, scheint sich auf viele Besucher zu übertragen. Doch Obacht: Auch die Stimmungen färben ab. Während das Sonnenlicht die Torfmoose an schönen Tagen von innen heraus zum Leuchten zu bringt und die Natur auch im eher kargen Moor ihr Füllhorn auszuschütten scheint, stellen ein paar dunkle Wolken und ein kalter Waldviertler Wind die Verhältnisse völlig auf den Kopf. Dann verschmelzen Bäume mit Totholz und Moospolster mit Tümpeln zu einem Panoramabild in Sepia-Tönen – und es kann auch eine Spur unheimlich werden.