Einmal ist die 89-jährige Evelyn Gundlach einbrechen gegangen und prompt der Polizei in die Arme gelaufen. Ein anderes Mal hat sie einen ganzen Bus gelenkt oder das Auto eines kleinen, italienischen Installateurs in die Pampa gesteuert. Nein, Gundlach ist weder Hobby-Ganovin noch Rennfahrerin, oder zumindest nur virtuell. Sie ist Teil des Projekts "Senioren Zocken". Auf Youtube kann man den Gamern jenseits der 70 dabei zusehen, wie sie die unterschiedlichsten Computerspiele testen. Gefilmt werden sie dabei von den Initiatoren des Projekts, Joschka und Sebastjan. Das Format ist bekannt, allerdings eher von Profi-Zockern, die ihre Spielzüge kommentieren, mit anderen um die Wette klicken und sich damit schon mal eine goldene Nase verdienen. Doch um all das geht es bei den zockenden Senioren nicht. "Wir möchten mit unserem Kanal Jung und Alt zusammenbringen, die Kommunikation zwischen den Generationen fördern. Das funktioniert mit Computerspielen wunderbar", sagt Joschka, der sein Leben lang Gamer und hauptberuflich in der Medienbranche tätig ist. Und dieses Projekt ist nicht das einzige, das online eine Brücke zwischen den Generationen schlagen will.

 

Eine Million Follower

"Gramps" nennt Jannik Diefenbach seinen 74-jährigen Großvater Alojz Abram auf seinem Instagram-Account @jaadiee. Auf den meisten Bildern sieht man Gramps in hippen, farbenfrohen Outfits, mal mit Flatcap, mal mit Hoodie, oft milde lächelnd, immer lässig posierend. "On fleek", würde die Generation Smartphone sagen; "mutig" wahrscheinlich die Generation Faxgerät. Alles begann damit, dass Jannik seinen Großvater vor drei Jahren dazu ermutigte, doch mal seine Klamotten anzuprobieren, und ein Foto von ihm postete. Mittlerweile haben die beiden fast eine Million Follower – und aus Gramps wurde ein waschechter Instagramps. Den beiden geht es aber nicht, wie beim klassischen Influencen so oft, um bemüht unbemüht inszenierte Produktplatzierung. "Wir wollen zeigen, wie schön das Altsein sein kann, dass man auch im Alter noch Neues ausprobieren kann und Lebensfreude versprühen." Alojz Abram hat definitiv Spaß daran, auch an dem Trubel um seine Person, den der Insta-Ruhm mit sich bringt. Zuerst war er ja erst mal in den USA und Asien bekannt, erzählt er. Aber mittlerweile erkenne man ihn auch in Deutschland immer öfter auf der Straße.

Auch Evelyn Gundlach wird um Selfies gebeten und gibt Autogramme, wenn sie unterwegs ist. Sie freut sich über die Anerkennung. Dass es aber mal so weit kommt, und dann noch mit so etwas wie Computerspielen, hätte sie sich nie gedacht. "Wenn mir das jemand vor 20 Jahren gesagt hätte, hätte ich gesagt: Du hast wohl ne Meise!", lacht sie in breitem Berlinerisch. Seit fünf Jahren ist sie nun zockende Seniorin, also von Anfang an. Der Youtube-Kanal hat mittlerweile fast 700.000 Abonnenten, wurde 2018 mit dem Youtube Goldene Kamera Digital Award ausgezeichnet und im vergangenen Jahr für den deutschen Publikumspreis "Goldene Henne" nominiert. Der Online- folgte die Offline-Aufmerksamkeit. Und das ist wahrscheinlich etwas, womit die Protagonisten der Videos deutlich mehr anfangen können als mit Likes, Views und Shares. Besonders, wenn sie selbst privat nicht in den sozialen Medien aktiv sind.

"Schießen ist kein Spiel"

Für Social Media selbst interessiert sich auch Gramps herzlich wenig, obwohl er sich inzwischen gut damit auskennt, dafür umso mehr für die Outfits, die er nicht nur vor der Kamera, sondern auch im Alltag trägt. Dass er gut gekleidet ist, war dem ehemaligen Glasmacher auch schon in seiner Jugend sehr wichtig, wobei damals die Auswahl deutlich geringer war als heutzutage. Durch seinen Enkel habe er entdeckt, was er alles tragen kann. "Aber nur schöne und gute Sachen", betont er. Und bequem müssen sie sein, das auch. Seine Sneakers sind ihm tausendmal lieber als Lederschuhe. Die trägt Jannik dafür ganz gerne – in der Mode kehrt schließlich alles irgendwann mal zurück. Vintage, sagt man. "Das ziehe ich nicht an", sagt Alojz.

Den Akteuren der beiden unterschiedlichen Projekte geht es vor allem um das Gezeigte selbst, den Jungen hinter den Kameras ums Zeigen. Während Joschka und Sebastjan also die Videos von den sechs bis zehn zockenden Senioren, die in unregelmäßigen Abständen zu ihnen kommen, so zusammenschneiden, dass sie Sinn ergeben und unterhalten, hat Evelyn Gundlach einfach großen Spaß am Zocken. Dass ihr dabei später mehrere hunderttausend Menschen zusehen werden, daran denkt sie in dem Moment gar nicht. Besonders gut gefällt ihr das kultige Autorennspiel Mario Kart. Was ihr hingegen absolut gegen den Strich geht, sind Kriegsspiele, die lehnt sie kategorisch ab. "Ich habe den Krieg miterlebt. Schießen ist kein Spiel", sagt sie. "Ich bin sogar so radikal und sage: Kriegsspiele müssten verboten werden." Ob sie denn eigentlich schon mal mit ihren Enkeln zusammen gezockt hat? "Die haben sowas gar nicht", sagt sie. Aber sie sind begeistert davon, dass sie es tut. Zu Hause hat sie allerdings keine eigene Konsole, da spielt sie hauptsächlich Kartenspiele wie Solitär oder Freecell auf ihrem Tablet. Richtig gezockt wird nur beim Dreh.

Jedenfalls hält es jung, sich mit den Trends der Jugend auseinanderzusetzen, das sehen Gundlach und Abram ähnlich. Gleichzeitig ist gerade beim Spielen die Herausforderung groß, allein schon sprachlich: "Vieles ist auf Englisch. Ich bin Jahrgang 31, da gab’s kein Englisch in der Schule", sagt Gundlach. "Aber wenn man mir die Begriffe erklärt, dann behalte ich das auch." Dazu kommen auch noch Feinmotorik und Hand-Augen-Koordination, die man braucht, um die Konsolen zu bedienen, und die dadurch zugleich geschult werden. "Man sollte solche Spiele auch in Altenheimen einführen", findet Gundlach. Tatsächlich werden inzwischen in einigen Pflegeheimen in Deutschland therapeutische Videospiele zum Fithalten eingesetzt.

Der Einstieg in die virtuelle Welt ist für die Großelterngeneration, die lange vor der digitalen Revolution aufwuchs, generell oft schwierig; der Grat ist schmal zwischen Vermittlung und Verhöhnung. Ihrer Verantwortung sind sich jene hinter der Kamera durchaus bewusst. "Uns ist wichtig, dass wir die Senioren niemals vorführen, sondern sie zeigen, wie sie sind", sagt Joschka. Wenn eine Szene die Spielenden in irgendeiner Weise bloßstellen würde, wird sie herausgeschnitten. Gerade die sozialen Netzwerke können in Sachen Hohn gnadenlos sein. Danach sucht man aber in den Kommentaren sowohl unter den Beiträgen der zockenden Senioren als auch unter den Fashion-Fotos von Gramps vergebens. Einige ungute Trolle dümpeln natürlich immer in den Untiefen des Netzes umher, aber in der Regel ist die Resonanz der jungen User überwiegend positiv und bestärkend, was aber wahrscheinlich nicht nur am berühmten Respekt vor den Älteren liegt, sondern auch an den humorigen, unverfänglichen Inhalten, die sie transportieren.

Die Backakademie

Die Zielgruppe ist online allein schon aufgrund der demographischen Verteilung der Nutzer sozialer Medien deutlich jünger als die Darsteller selbst. Aber was sagen Altersgenossen denn zu Alojz Abrams Outfits oder Evelyn Gundlachs Zockerkarriere? "Viele wollen es sogar nachmachen und kleiden sich jetzt auch so wie ich", sagt Abram. "Oder versuchen es zumindest." Original bleibt eben original. Und auch Gundlach hat ihre Freundinnen mittlerweile angesteckt und ihnen etwa gezeigt, wie sie über Whatsapp Bilder verschicken können. Man könnte sagen, diese Influencer schaffen es also sogar, analog zu influencen. Oder man sagt einfach: Sie beeinflussen ihr Umfeld. "Man muss offen bleiben und sollte früh damit anfangen, sonst hinkt man hinterher", sagt Gundlach. Der technologische Fortschritt hat sie schon immer fasziniert. Weil sie sich von Anfang an damit beschäftigt hat, fällt es ihr nicht schwer, am Ball zu bleiben. Mit ihrem Smartphone bewegt sie sich längst selbstbewusst im Netz.

Das ist besonders während der Corona-Krise ein Vorteil. Sogar Unternehmen weichen wenn möglich vermehrt ins Internet aus, um sich abzusichern, wie die Vollpension in Wien, die in ihrem Generationencafé in der Schleifmühlgasse die Altersgruppen bisher überwiegend analog zusammenbrachte, indem Senioren die Kundschaft mit Selbstgebackenem versorgen. Den zweiten Standort im Ersten hat man nach dem Lockdown nicht wieder geöffnet, und auch im Vierten hat sich die Gästezahl während der Krise mehr als halbiert. Deshalb ging am 1. Oktober die Backademie online. Über die Website der Vollpension kann man Backkurse buchen und sich von den sympathischen Senioren übers Internet coachen lassen.

Bisher ist die Online-Präsenz des Cafés eher parallel mitgelaufen, jetzt soll sie essenzielles Standbein werden. Die Vollpension ist etwa seit Kurzem Teil der Google-Zukunftswerkstatt, die österreichische KMU beratend durch die Krise begleiten soll. Im Frühjahr gründete das Vollpension-Team das Oma-Innovation Lab, bei dem via Video-Call neben einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne auch die Idee zur Backademie entstand. Gewissermaßen als Vorbereitung darauf produzierten die Senioren Videos in ihren eigenen Küchen, die in den sozialen Netzwerken gepostet wurden. Die Gerätschaften dafür wurden ihnen in Sackerln vor die Tür gestellt, eingeschult wurden sie übers Telefon. "Das ist natürlich nicht jedermanns Sache, aber die Bereitschaft mitzumachen war von Anfang an sehr groß und viele sind dadurch auch auf den Geschmack gekommen", sagt Vollpension-Mitgründer Moriz Piffl-Percevic.

Die 69-jährige Anna Hofer musste nicht erst auf den Geschmack kommen, sie war davor schon auf Instagram und Facebook aktiv, besonders in Back-Gruppen, und ist begeistert, wie viele junge Leute sich fürs Backen interessieren. In einem der Videos zeigt sie
in Kooperation mit Penny Markt zum Beispiel, wie man einen Kärntner Reindling macht. "Ich hatte 97.000 Aufrufe. Viele haben das nachgebacken und Fotos hochgeladen", erzählt sie begeistert. Ihre Spezialität ist der Germteig, zugleich ist er aber auch der Grund, warum sie im Probelauf der ersten Online-Backklassen noch nicht auftritt. Zu lange würde der Hefeschützling während eines Live-Coachings brauchen, um zu gehen. Aber auch dafür gibt es bereits einige Lösungsansätze. Die Möglichkeiten sind jedenfalls vielfältig, das zeichnet die digitalen Kanäle ja auch aus. Und nicht nur das: Die sozialen Medien scheinen die Generationen auf den ersten Blick vielleicht zu trennen, sieht man aber etwas genauer hin, schaffen sie es in manchen Fällen doch, zwischen ihnen zu vermitteln.