Und das will etwas heißen. Windstille Tage sind selten und irgendein Islandtief ist nie gar so weit weg. Mehr oder weniger steife Brisen gehören hier dazu, und ein Urlaub am Meer kann ohne dicken Pullover recht betrüblich enden, wenn der gebuchte Strandkorb in Windrichtung bereits mit Sand gefüllt ist. Und falls der Blanke Hans – so heißen hier die Nordseestürme – anklopft, werden die Schoten der geduckten Backsteinhöfe auf Spiekeroog dicht gemacht, Grog und Friesentee werden gebraut, und schaurige Geschichten machen die Runde. Verstehen müsste man sie halt. Plattdüütsch, wie man hier sagt, lässt auch den kräftigsten Bayern sprachlos zurück. Und die Dwarslooper ("Querläufer"), die riesigen Krabben, sind dann schneller in ihren Löchern als man nachdenken kann.

Wenn der Klabautermann draußen an den Schornsteinen rüttelt, schmeckt der Sanddornkuchen gleich doppelt so gut. Dazu gibt’s Tote Tante, das ist Rum mit Kakao oder umgekehrt. Am besten in "Dat olle Huus" oder viele Jahre gleich im "Klabautermann", der allerdings mittlerweile geschlossen hat, warum wohl. Dort ließ man vorher prima Matjes, roh vergorenen Hering, einfach die Kehle runtergleiten, wenn es schnell gehen sollte. Früher gingen die Strandjer ("Plünderer") danach an den Strand und sammelten die Überreste geborstener Schiffe ein. Das Wrack der "Verona" kann man immer noch ausmachen, die "Johanna" ist schon verschwunden. Doch das ist angeblich lange vorbei. Genauso wie die Zeiten, als man mit Friesenmützen fischen gehen konnte, weil gar so viele Fische da waren.

Ruhe vor dem Sturm

Zeitungen kommen seit geraumer Zeit per Fähre und werden nicht mehr von Flugzeugen abgeworfen, der garstige Lärm, Sie erinnern sich. Zwischen 12 und 15 Uhr und von 22 bis 9 Uhr früh muss noch eine Spur mehr Ruhe herrschen, kontrolliert vom Inselpolizisten, der sich vor allem um den Kot der vierbeinigen Gäste mit Beißkorb kümmern soll, die nicht sonderlich willkommen sind, genauso wenig wie Surfboards und Fahrräder. Die furchtbarste Umweltbelastung heute sei der Vogelschiss, sagt er. Diskoschlägereien muss er jedenfalls nicht schlichten. Denn Disko gibt es keine – das Jugendprogramm endet mit dem kommunalen Kinderspielhaus, das an feuchtkühlen Tagen wertvolle Dienste leistet, wenn langes Sandburgenbauen nicht ratsam ist, des Schnupfens wegen.

Die Kark to Spiekeroog, die älteste Inselkirche aus dem Jahr 1696, hat wohl schon Ärgeres erlebt: Damals gab es gerade 19 Häuser, viele davon aus Muschelkalk errichtet, und 100 Bewohner, die meisten davon hauptberufliche Seefahrer und Walfänger. Ab 1820 kamen die ersten Feriengäste, um 1850 gab es in 30 Häusern 79 Zimmer für Touristen. Damals war die Selbstbewirtschaftung unter Mitnutzung der Küche der Wirtsleute verbreitet. 1846 wurde die Insel offiziell Seebad: Sittenwächter verteilten die ersten 162 Gäste züchtig auf Damenbad und Herrenbad an der Westseite der Insel, wo man mit ein paar ausgemusterten Badekarren aus Norderney in den kühlen Atlantik gerollt und eingetaucht wurde, was meist richtig frisch gewesen sein muss, Kreischgarantie wohl inklusive. Mehr als 18 Grad sind nicht oft drin hier, zumindest nachdem Hans ein wenig umgewühlt hat. Diese ersten Touristen waren vom Festland aus über zwei Tage unterwegs und angeblich hellauf begeistert.

Heute geht es schneller. Die meisten nehmen die Fähre ab Neuharlingersiel, einem beschaulichen Fischerörtchen am niedersächsischen Festland, gerade sechs Kilometer entfernt: Über 230.000 Passagiere im Jahr, viele auf Tagesauflug, die den Lebensunterhalt von 800 Menschen hier sicherstellen. Wann genau sie kommen, hängt vom Wasserstand ab, der sich täglich ändert, genauso wie der Fahrplan – für viele der Fähren zählt jeder Zentimeter, um in den Fahrrinnen ausreichend Tiefgang haben zu können. Drüben warten jedenfalls schon Wüpen, zweirädrige Karren, für den Gepäckstransport. Noblere Hoteliers schicken Elektrokarren, schick und leise, um Gast und Koffer abzutransportieren.

Denn die letzte Pferdeeisenbahn auf Spiekeroog fährt nur mehr dreimal täglich den Kilometer über die Salzwiesen hinüber nach Westend: Das dauert 15 Minuten und kostet drei Euro, im Original-Waggon von 1886 mit seinen 16 Sitzplätzen, der aussieht wie ein Planwagen, wie allseits beteuert wird. Doch wenn Fanny nicht will, nützt auch ein voller Waggon gar nichts. Fanny ist übrigens einer der beiden Haflinger des Museumsbetriebes, dessen Endstation bei der Kneipe Old Laramie liegt. Früher gab es dort auch Steaks, heute vor allem Matjes. Und Surfboards zum Leihen, wenn Herr Laramie nicht gerade schläft oder kitesurft oder Sand schaufelt, den ihm der Wind vor das Fenster gehäuft hat.

Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer: "Big Five" zwischen Marschland und Sand

An Sand mangelt es nicht unbedingt. An Wasser auch nicht, bei Hochwasser zumindest, wie die Flut hier in Ostfriesland heißt. Im Gegensatz zu den Nordfriesischen Inseln handelt es sich nicht um Reste einer von Sturmfluten abgetragenen Küstenlandschaft: Die Ostfriesischen Inseln entstanden vor etwa 5.000 Jahren aus vom Wind angewehten Sandbänken und wandern – aufgrund der Gezeitenströmungen sowie der starken vorherrschenden Westwinde – permanent von Nordwest nach Südost. Dies führte dazu, dass praktisch alle Inseldörfer, einstmals in der Inselmitte angelegt, heute jeweils am Westrand der Inseln zu finden sind. Erst durch die gezielten Befestigungen der Inselküsten (Küstenschutz) Anfang des 20. Jahrhunderts wurde diese Wanderung eingedämmt, Strandhafer sei Dank. Vor etwa 300 Jahren war die Insel Spiekeroog jedenfalls noch deutlich kleiner: Erst durch die Verschmelzung mit den Inseln Lütjeoog und Oldeoog sowie das Eindeichen und Trockenlegen der Harlebucht erhielt sie die heutige Größe und Form.

Der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer umfasst 2780 Quadratkilometer und zählt zu den außergewöhnlichsten Ökosystemen Europas: Bei Ebbe lassen sich die sieben ostfriesischen Inseln – Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog, Spiekeroog und Wangerooge – sogar zu Fuß erreichen, wenn man sich ortskundigen Wattführern anschließt: Je nach Gezeitenstand sind es oft nicht mehr als sechs Kilometer Luftlinie bis zum Festland. Das dauert dennoch Stunden, geht es doch etliche Kilometer hinaus in die Nordsee, die dann zu einem matschigen Gemisch aus Prielen (kleinen Wasserläufen), dunklem Schlammschlick und Sandbänken wird, auf denen immer Vögel sitzen und nicht selten auch ein paar Seehunde liegen.
Die Artenvielfalt ist gewaltig; 1.500 Pflanzenarten und 8.000 Tierarten bewohnen die Dünen, Salzmarsch- und Moorlandschaften – viele davon als Krebse, Schnecken, Muscheln und Gewürm draußen im und auf dem grauen Schlick des Meeresbodens, der bei Sonnenlicht magische Lichtspiele bis zum Horizont wirft. Die Big Five hier, wie sie die Nationalpark-Ranger analog zu den wilden Tieren Ostafrikas nennen, sind selten größer als ein paar Zentimeter.

Strandidylle für Wind- und Kälteresistente... - © Günter Spreitzhofer
Strandidylle für Wind- und Kälteresistente... - © Günter Spreitzhofer

Urlaub in Ostfriesland: Zwischen Bollerwagen und Strandkorb

Norderney und Borkum sind mondäner, zweifellos. Spiekeroog, ein Unesco-Weltnaturerbe, ist das egal. Flanieren ist überall angesagt, und tief Luft holen – ein Paradies nicht nur für Pollenallergiker und Vogelfreunde. Man geht zu Fuß, die Kinder hocken im Bollerwagen (kleine Handwägelchen für Kind und Kegel), und alle ziehen sie sommers in einem endlosen Strom über die Holzplankenwege zu den weißen Stränden hinter den Dünen, wenn sich endlich wieder einmal die Sonne blicken lässt. Die Strandkörbe dort sind vielfach bereits online zu buchen und oft über Wochen ausgebucht, trotz Tagespreisen von über acht Euro das Stück – obwohl es allein in Ostfriesland geschätzte 22.000 gibt, die man sich für den Vorgarten daheim auch maßanfertigen und schicken lassen kann. Mit einiger Wahrscheinlichkeit geht dort übrigens weniger Wind.

Wem die Nordsee zu kalt ist, kann seit Herbst 2013 auf das Inselbad Schwimmdock ausweichen – gleiches Wasser, aber auf 30 Grad erwärmt. Dass FKK hier unbekannt ist, scheint nicht weiter erstaunlich. Und so heißt es buddeln, um eine behagliche Grube auszuheben, wem die bunten Strandkörbe zu unbequem sind. Wenn es dennoch dröge ("fad") werden sollte, kann man ins Muschelmuseum gehen. Oder reiten und angeln. Oder eine literarische Vollmondwanderung machen. Und eine historische Ortsführung, mit oder ohne Vogelkunde und Kirchenkonzert. Und aus. Aber das reicht.

1860 war die Insel sechs Kilometer lang, heute angeblich zehn, der Großteil eine Mischung aus Sand und Salzwiesen, die mal unter Wasser stehen oder auch nicht. Statistisch gesehen ist die Insel rund 18 Quadratkilometer groß. Im Wittdün-Bereich, westlich des Strandpads, wie der Inselwanderweg heißt, ragen Dünen über 24 Meter auf. Mal mehr, mal weniger, dafür ist der Blanke Hans zuständig, der die Insel bisweilen ziemlich unter Wasser setzt, wie zuletzt im Jänner 2019. Dort oben öffnet sich ein prächtiges Panorama auf die sandige, stille Inselwelt in der Nordsee, die im Zentrum niedlich grün bewachsen ist, was auch so bleiben soll. Pünktlich um 15 Uhr, wenn Fanny noch Siesta macht, starten die ersten Rasenmäher oft so unverhofft, dass auch manche tote Tanten wieder zum Leben erweckt würden. Moin, moin. Alles Gute.