Wir leben ja im Zeitalter der "Zurück zur Natur"-Bewegung, des Plastiksackerlverbots und der Jute-Hanf-Textilien, des Bio-Gemüses, der Fair-Trade-Schokolade, des Elektroautos, der Vor-Ort-Fischzucht und des human geschlachteten Strohschweins.

Aber die Realität ist eine andere, auch das wissen mündige Konsumenten: Dass nämlich gut 90 Prozent der Schuhe, die in den Schuhgeschäften verkauft werden, rundum aus Vollplastik bestehen und in China hergestellt werden. Dass Autoverkäufer heute damit werben, für das Interieur ihrer Autos würden keine Tiere mehr sterben und dass daher die als "Ledersitzbezüge" und "Lederlenkräder" bezeichneten Teile mit billigem Alcantara-Kunststoff, einem täuschend echten Lederimitat, überzogen sind, das aus Polyester und Polyurethan besteht. Dass überhaupt mehr als 20 Prozent des Autos aus Kunststoff bestehen, vom Scheinwerfer"glas" bis zum Sitzüberzug und der Schaumpolsterung. Dass die Möbel in den extragroßen Möbelhäusern, bei denen als Überzugsmaterial "Webstoff" angegeben ist, allesamt zu 100 Prozent in Polyester eingewickelt sind – ein absolut widerstandsfähiges Material, halt nur leider Vollplastik.

Dass auch die Bekleidung bei den billigen (und auch teuren) Modeketten fast nur mehr aus eben diesem Material besteht, all die gefütterten Wintermäntelchen für unsere Kleinsten, allesamt aus Polyester. Es hält warm, aber bei offenem Feuer sollte man sich lieber nicht aufhalten. Kunststoff, das ist in der Bekleidungsindustrie inzwischen der weltweit am meisten verarbeitete Stoff, darauf ist man sogar stolz: Auf der billigen, aber chicen C&A-Jacke baumelt ein Etikett, das verkündet: "Ich war einmal eine PET-Flasche". Eine Abkehr vom Kunststoff, sie sieht wahrlich anders aus.

Wunderwuzzi Silikon

Kunststoffe sind überall und aus dem Alltag trotz der Beteuerungen von Politik und Industrie nicht wegzudenken. Und es gibt auch solche, die sich offenbar bewährt haben. Aber stimmt das wirklich?

Silikon ist ein solches Material. Es gibt kaum einen anderen Kunststoff, der so vielseitig ist, das behaupten zumindest die Wissenschafter und Wikipedia. Und: Anders als das gemeinhin als "Plastik" bezeichnete Zeugs, das unsere Meere überflutet, ist Silikon angeblich viel freundlicher zur Umwelt und zum Menschen. Wobei die Wissenschaft einräumt: Noch sind nicht alle Auswirkungen ausreichend untersucht, aber das gilt ja für viele Forschungsgegenstände.

Kurzum: Silikon ist ein vielseitiges Material, das es in der Natur nicht gibt, daher bezeichnet man es als synthetisch hergestellten Kunststoff. Silikone bezeichnen eine Gruppe synthetischer Polymere, bei denen Siliciumatome über Sauerstoffatome verknüpft sind. So formuliert das die Wissenschaft. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es diese Bezeichnung, sie stammt vom britischen Chemiker Frederic Stanley Kipping.

Ein Zufallsprodukt

Dieser experimentierte Anfang des 20. Jahrhunderts mit Silicium und seinen Verbindungen. Er stellte zunächst eine große Anzahl an Silicium-Kohlenstoffverbindungen her und entdeckte dabei harzartige Produkte. Der US-amerikanische Chemiker Eugene G. Rochow und der deutsche Chemiker Richard Müller machten dann 1940 beinahe gleichzeitig die Erfindung zur Massenherstellung von Chlor-methylsilanen, die wiederum ein Vorprodukt zu den Silikonen sind. Das Verfahren heißt heute Müller-Rochow-Synthese. Müller erzählte damals: "Meine Entdeckung war eher ein Zufallsprodukt. Ich hatte im Jahr 1932 die Idee, einen künstlichen Nebel zu erfinden, um ganze Städte damit einzuhüllen, falls es jemals wieder einen Krieg geben würde. Damals gab es ja noch kein Radar. Doch heraus kam immer nur ein schneeweißes Gas. Nach jahrelangen Versuchen – inzwischen schrieben wir das Jahr 1941 – führte ich die Untersuchungen in eine andere Richtung fort. Da entdeckte ich schließlich eine zähe weiße Masse – das Silikon."

Und seither verbreiten sich die Anwendungsmöglichkeiten dieses Kunststoffs rasant. Im Einsatz sind vor allem Silikonelastomere, aber auch Silikonflüssigkeiten und -fette sowie Silikonharze. Doch genug des Fachchinesisch: Wofür werden diese Stoffe denn eigentlich verwendet?

Für die Aufzählung sollte man sich erst einmal setzen: In flüssiger Form dient Silikon etwa als Hydraulikflüssigkeit, als Formtrennmittel oder als Inhaltsstoff für spezielle Druckfarben. Außerdem und vor allem macht es sehr viele Stoffe, Teile oder Gegenstände wasserabweisend, zum Beispiel Glas, Keramik, Textilien oder Leder. Es ist Schmiermittel bei Kunststoffgetrieben ebenso wie Poliermittelzusatz für Autolacke. Es wird außerdem verwendet als elektrischer Isolierstoff, aber auch in Kosmetika, Hautcremes, Gleitmitteln und Kondomen. Silikonpasten dichten Metall- und Apparateteile ab, Silikonfette sind ideal für stark schwankende Temperaturen.

Backformen aus Silikon haben den Vorteil von Flexibilität, was ein leichtes Herauslösen der Backwaren ermöglicht. - © oksix / stock.adobe.com
Backformen aus Silikon haben den Vorteil von Flexibilität, was ein leichtes Herauslösen der Backwaren ermöglicht. - © oksix / stock.adobe.com

Das ist aber nur der eine Teil der Anwendungsmöglichkeiten. Jetzt wird es elastisch: Silikon kann nämlich als Kautschuk-Variante und Elastomer wahre Wunder vollbringen. Man findet das Material etwa in hitzebeständigen Silikonbackformen (für Muffins oder Kuchen), als Beschichtung, um Nylonjacken wasserundurchlässig zu machen, oder als dauerelastische Dichtungen und Dämpfungen. Auch die Mundstücke von Babyschnullern bestehen häufig aus Silikon. In der Zahnmedizin spielt es eine wichtige Rolle bei der Herstellung von Präzisionsmodellen. Auch bei den Baustoffen findet das elastische Material Anwendung, vor allem bei Dicht- und Klebemitteln, vom Sanitärsilikon zur Abdichtung von Fugen bis zum Auffüllen von Unebenheiten und Löchern. Die Baumärkte sind voll davon.

Harmlos oder doch nicht?

Doch damit nicht genug: Denn die Silikonharze, die es auch noch gibt, tun ihren Dienst bei der Abdichtung gegen Feuchtigkeit in Baustoffen wie Ziegeln oder Beton, sie dienen als Stoff bei der Ausstattung der Beschichtung von Küchengeräten und stecken in praktisch jedem Laminatfußboden. Aber auch das in der Kurve "mitlenkende" Licht eines Autos nutzt das elastische Silikon, um die Scheinwerfer zu "schwenken".

Wie giftig ist dieser Wunderstoff? Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen: Das Material ist in der Natur nur sehr schwer abbaubar, soll aber ungiftig sein. Verbrennt es, zerfällt es – anders als Plastik – in seine ursprünglichen Bestandteile, es soll außerdem freundlicher zu den Ozeanen dieser Welt sein als Plastik.

Aber es gibt natürlich Schattenseiten: Abgesehen von dem Umstand, dass Silikon in tausenden Produkten enthalten ist, wird vor allem der Einsatz in Kosmetikprodukten kontrovers diskutiert. Beim Einsatz als Haar-Spülung legt es sich um jedes einzelne Haar, um ihm mehr Glanz zu verleihen. 90 Prozent aller Spülungen nutzen Silikon. Früher blieben Reste im Haar zurück, das Haar wurde zunehmend schwerer. Heute verwendet die Industrie hingegen meist wasserlösliche Formeln. Auf der Haut soll Silikon ebenfalls vor Wasserverlust schützen und wie eine Versiegelung wirken. Salben gegen Wunden oder Sprühpflaster setzen es ein. Die Chemie ist also selbst auf unseren Wunden – immerhin gibt es bislang keinerlei Anzeichen, dass man gegen Silikon allergisch sein kann.

Hautschmeichler?

Silikon in Körperölen fühlt sich nicht fettig an, und man kann sich daher unmittelbar nach dem Auftragen anziehen. Auch die Mittelchen und Cremes, die Falten sofort sichtbar mildern sollen, sind voller Silikon. Der Film legt sich auf die Haut und polstert Falten auf. Langfristig kann diese Versiegelung allerdings zu Schwitzen unter dieser Schicht und Austrocknung führen. Weshalb man den Wunderfaltencremes immer auch Zusatzstoffe beimengt, die das abfedern sollen. Ärzte raten inzwischen davon ab, Silikon als Faltenauffüller zu spritzen, da der Stoff vom Körper (wie auch von der Natur) nicht abgebaut werden kann.

Auch im kussechten Lippenstift oder im Lidschatten steckt Silikon. Es sorgt dafür, dass sich die Produkte federleicht auftragen lassen und stundenlang dort bleiben, wo sie bleiben sollen.

Dass dieser Wunderstoff viele Schattenseiten hat, wird jedem klar, der eine Kläranlage besucht. Dort kommen die Tonnen an Kosmetika, die wir täglich von unseren Körpern waschen, zusammen. Ein großer Teil davon kann herausgefiltert werden, viel bleibt allerdings im Klärschlamm zurück. Die Hälfte davon wird verbrannt, die andere Hälfte landet jedoch als Dünger auf dem Feld. Kein Wunder eigentlich, dass die Kunststoffe inzwischen überall zu finden sind. Vielleicht auch im Bio-Gemüse, der Vor-Ort-Fischzucht und dem human geschlachteten Strohschwein.