Zuerst ist Tutar eine kleine, staubige 15-Jährige, die in einem Käfig in Kasachstan lebt, doch dann wird aus ihr: Eine Heldin Amerikas, so wie die von ihr verehrte Zeichentrickfigur "Prinzessin Melania", die alles hat und ihr Dasein in einem goldenen Käfig führen darf, mit Brüsten, so groß, wie der weltbekannte Gemahl es sich vorgestellt hat. Tutar hofft also auf die lebensverändernde Brust-OP, die allerdings mit hohen Kosten verbunden ist. Mehr als 20.000 Dollar soll sie dafür hinblättern.

Tutar ist eine Filmfigur, gespielt von der 24-jährigen bulgarischen Schauspielerin Maria Bakalova. Sie ist die Filmtochter des Chaos-Kasachen Borat, der zur Zeit auf Amazon Prime Video mit dem Sequel zu seinem ersten Filmabenteuer von 2006 reüssiert: Nach Amazons Meldungen haben am Startwochenende bereits "mehrere zehn Millionen Menschen" "Borat Subsequent Moviefilm" gestreamt, auch und vor allem, weil es darin um nichts anderes geht, als sich eine Gaudi zu machen über die Amerikaner und ihre alten, weißen Männer.

Aus deren Fantasie entspringt letztlich die Gier nach großen Brüsten. Eine von den USA ausgehende Pornoindustrie hat diese seit den 1960er Jahren nicht nur geweckt, sondern überhaupt erst erfunden. Das liegt vermutlich auch an der natürlichen Üppigkeit der von viel Fast Food und Softdrinks durchsetzten, nordamerikanischen Frauen und Männer. Das große Brustwachstum muss man in anderen Gegenden der Erde eher suchen, wo zierlicherer Körperbau vorherrscht, der nie allein mit Genetik, sondern immer auch mit der Ernährung Hand in Hand geht. Nicht umsonst sind allein in der EU die Unterschiede gewaltig, und Kleidergrößen werden im gleichen Kleidungsstück ganz unterschiedlich angegeben: Was für italienische Oberkörper ein "Large", ist für Deutsche bloß ein "Medium" oder "Small".

Der amerikanische Lebensstil hat sich auch dank des Kulturimperialismus, den diese Nation seit Ende des Zweiten Weltkriegs propagiert, fast überall in den westlichen Nationen durchgesetzt. Und mit McDonald’s, den Kaugummis und Coca Cola schwappte eben auch ein Schuss Erotik über den Teich: Der "Playboy", gegründet von Hugh Hefner, ist vielleicht das beste Sinnbild für die amerikanische Erotik und wie sie die Welt eroberte. Die Bildsprache des "Playboy" ist von Anbeginn angesiedelt zwischen verruchter Verlockung mit dünner Wespentaille und üppigem Dekolletee für den liebkosenden Mann, der sich darin ob seiner Fülle regelrecht verlieren konnte.

Fragwürdiges Schönheitsideal

So ein Schönheitsideal ist nicht gesund, weder für die Models, die zwischen Hunger und dem Drang, oben üppiger auszusehen, zerbrachen, noch für die konsumierenden Herren, die dadurch auch verlernten, wie normale Frauen aussehen und welche ungleich stärkere Erotik von ihnen ausgehen kann, anstatt von den gepimpten Pin-up-Girls in den Spinden.

Bald war klar, es musste eine medizinische Lösung her: Das Brustwachstum ist kaum vorhersehbar, wobei stets die Vererbung eine Rolle spielt. Zwar ist die Veranlagung tatsächlich im Erbgut festgeschrieben, aber die muss nicht zwangsläufig von der Mutter stammen. Alle anderen weiblichen Familienmitglieder kommen hierfür genauso infrage.

Die Lösung: Die plastische Chirurgie war geboren, und mit ihr die erste medizinische Disziplin, bei der es nicht um Krankheitsbilder ging, sondern die aus rein ästhetischen Gründen existierte. Ganz abgesehen vom Wiederaufbau der Brust etwa nach Krebsoperationen stand die Schönheitschirurgie zumeist im Zeichen (neu-)reicher Patientinnen, die sich davon mehr körperliche Attraktivität versprachen. Was nicht selten auch daneben gegangen ist und geht: Nicht umsonst sind Brustimplantate in Europa als Medizinprodukte der Klasse III eingestuft, liegen also in der höchsten Risikoklasse. Und mit Preisen zwischen 4.000 und 8.000 Euro (für beide Brüste) sind sie auch relativ teuer. Östlich der österreichischen Grenzen locken Dumping-Kliniken allerdings seit geraumer Zeit mit Busen-Schnäppchen für rund 2000 Euro.

Frühe Anfänge

Der Wiederaufbau der weiblichen Brust reicht schon in die 90er Jahre des 19. Jahrhunderts zurück. 1895 versuchte der deutsche Chirurg Vincenz Czerny einer an Brustkrebs erkrankten Frau ein Fettgeschwulst an die Stelle der zuvor amputierten Brust einzusetzen, jedoch gab es Probleme mit der Durchblutung. Später fanden allerlei "Materialien" Eingang in den Busen – von Rinderknorpeln über Elfenbein bis hin zu Wolle und Glaskugeln reichte die Palette, in den 1950er Jahren waren auch Paraffininjektionen und Bienenwachs probiert worden, aber die Ergebnisse waren kaum zufriedenstellend. Manchmal kam es durch die zugeführten Substanzen zu regelrecht verheerenden Fremdkörperreaktionen bei den Patientinnen.

Bis 1961 erstmals das Wundermittel Silikon benutzt wurde. Zwei Ärzte in Houston, Texas, entwickelten das erste feste Implantat auf Silikonbasis, 1962 wurde es erstmals operiert, 1963 kam das Silikonpolster auf den Markt, vorangetrieben von der Dow Corning Company, die sich 20 Jahre später mit tausenden Klagen von geschädigten Frauen konfrontiert sah, weil die Implantate als Grund für viele Autoimmunerkrankungen und andere Gesundheitsbeeinträchtigungen ausgemacht worden waren. Die unzähligen Gerichtsklagen und Schadensersatzforderungen im Zusammenhang mit Brustimplantaten führten 1995 schließlich zur Insolvenz der Firma – und zu ihrer Neugründung unter anderem Namen und mit anderen Gesellschaftern.

Ungebremster OP-Boom

Das war also nicht das Ende des Brustimplantats, im Gegenteil. Seit den 1990er Jahren verzeichnen Schönheitschirurgen weltweit einen stark wachsenden Trend bei Brustvergrößerungen, obwohl der Einsatz von Silikonfüllungen in den USA ab 1992 wegen gesundheitlicher Risiken verboten wurde. Erst nach der Weiterentwicklung der Implantate in Hinblick auf ihre Dichtheit und Langlebigkeit, die seit 2001 mittels Gütesiegel ausgewiesen werden, erfolgte 2006 die erneute Zulassung solcher Operationen – und sie sorgten auch in den USA für einen OP-Boom. Mehr als 400.000 Frauen legen sich dort jedes Jahr unters Messer, berichtet etwa die "Washington Post".
Aber nicht nur Frauen, die eine Brust-OP als optische Aufwertung verstehen, sind treue Kundinnen der immer zahlreicher werdenden Schönheitskliniken. Auch die Verbrecherwelt hat Brust-implantate für ihre Zwecke entdeckt: Immer wieder werden Frauen vor allem aus südamerikanischen Ländern mit Implantaten auf die Reise geschickt, in denen Drogen versteckt sind. Ein besonders krasser Fall ereignete sich 2016 am Flughafen in Frankfurt: Dort zog die Polizei eine junge Kolumbianerin aus dem Verkehr, der man eilig zwei Mal 500 Gramm Kokain in Plastiksäckchen in die wunde Brust eingesetzt hatte.

Die meisten schwören auf Silikon aber immer noch aus Schönheitsgründen. Heute werden allein beim Nachbarn Deutschland rund 45.000 Brustimplantate pro Jahr verkauft, das Alter der Patientinnen wird dabei stetig jünger: 2005 war die Hälfte aller Frauen jünger als 25 Jahre, 2010 schon 68 Prozent, davon neun Prozent sogar unter 18 Jahre. Und das, obwohl längst feststeht, dass das Wachstum und die Veränderungen an der weiblichen Brust keineswegs bis zum 17. Lebensjahr abgeschlossen sind. Manchen Menschen kann es eben nicht schnell genug gehen – und auch nicht groß genug.

Dabei haben Lifestyle-Zeitschriften längst erkannt: Männer stehen angeblich gar nicht auf große Brüste, "nicht einmal Dieter Bohlen" (Copyright "Fit for Fun") stünde "dauerhaft" auf Silikoneinlagen, so die Reporter. Doch die Wirkung, die zum Beispiel die Pornoindustrie auf das Körperempfinden gerade junger Menschen hat, darf nicht unterschätzt werden. Nicht umsonst lauten die meisten Fragen, die beim Dr.-Sommer-Team der Jugendzeitschrift "Bravo" eingehen: "Wie wachsen meine Brüste schneller?" Die Antwort des Teams ist immer die gleiche: "Auf die Entwicklung der Brüste hat man keinen Einfluss!"

Die Veränderung von Schönheitsidealen und ästhetischen Denkmustern ist eine langwierige Angelegenheit und geschieht über Generationen hinweg – es gibt beispielsweise seit dem Aufkommen der 68er-Bewegung, von Bikini, Push-up und Co, dahingehend kein Einbremsen in Ästhetikfragen, im Gegenteil: Die Schönheitsindustrie befeuert auf Basis der sexuellen Freizügigkeit in westlichen Gesellschaften weiterhin ungebremst den Trend zur Optimierung des eigenen Körpers. Es ist ein Milliardengeschäft.

Immerhin: Die 15-jährige Tutar aus dem "Borat"-Sequel emanzipiert sich vom Schönheitsdruck und verzichtet letztlich auf die geplanten Brust-Implantate in Doppel-D. Stattdessen geht sie zu ihrem Termin mit Rudy Giuliani, dem Ex-Bürgermeister von New York, in einem Outfit, in dem noch zwei Luftballons unter der Bluse Platz finden. Dass eine dieser beiden "Brüste" bei einer Umarmung platzt, ist ein Gag, über den alle herzlich lachen können. Sofern sich die dazu nötigen Gesichtspartien trotz Botox-Einsatz noch bewegen lassen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.