"Wann hat Mr. Messner gelebt?", fragt George Norman. Der Postmeister aus New Jersey kramt vor dem Burgtor des Messner Mountain Museum Firmian (MMM) auf Sigmundskron einen Prospekt aus seiner Tasche. "Who is Mr. Messner?" Im Prospekt ist nur die Rede vom "größten Bergmuseum der Welt".

Hoch über Bozen, auf Südtirols mächtigster Burganlage, hat Reinhold Messner 2006 mit seinem Projekt Firmian dem Mensch-Berg-Alpinismus – und sich selbst – ein Denkmal errichtet. Was ihm teuer zu stehen kam. Subventionen für die Sanierung des verlotterten Herrschaftssitzes gab es nämlich nicht, dafür einen Pachtvertrag über 30 Jahre. Schwarze Zahlen schreibe das MMM erst nach 15 Jahren, ist der Hausherr überzeugt. Messners viertes von sechs Berg-Museen ist das Herzstück der über ganz Südtirol verteilten Kunststationen. Jedes Projekt widmet sich der Bergwelt aus einer anderen Perspektive, steht für atemberaubende Versuche, aber auch für das Scheitern am Berg und noch zu verwirklichende Visionen.
"Der verzauberte Berg" heißt das Leitmotiv des weitläufigen Museums, zu dessen Füßen sich das Etschtal ausstreckt und die Autobahn durch den "verwundeten" Berg weiter nach Süden führt. Hinter dem Etschtal zeigen sich die Ötztaler Alpen, vis à vis reckt sich der majestätische Schlern in den Himmel.

Innere Einkehr

Die Museumsanlage ist aber weder Aussichtsterrasse für Sommerfrischler noch ein Naturkundehaus über die Südtiroler Berge. Auch kein Bergsteigermuseum. Als einen Ort der inneren Einkehr will sie der Hausherr aus dem Villnößtal verstanden wissen. Der Schlossbau zu Bozen erzählt Geschichten von der Kraft und Spiritualität der Natur, weckt Emotionen und berichtet darüber, was der Berg mit dem Menschen macht – und der Mensch den Bergen antut. Jeder Besuch ist eine Gebirgstour. "Seinen 15. Achttausender" nennt der Grenzgänger, der Berg- und Wüstenbezwinger, das MMM.

Inzwischen hat Postmeister George natürlich längst erfahren, dass Mr. Messner fit wie ein Bergstiefel ist, dass der "Hero" dann und wann in seinen Museen nach dem Rechten sieht, häufig auf dem jährlichen "Speckfest" in Bozen anzutreffen ist und stets weiß, wo es langgeht: meistens Richtung Himmel, oder geradeaus. Nur auf Sigmundskron nicht. Dort geht man immer rechts herum. Das Schloss ist ein autoritäres Museum, es schreibt den Weg vor. "Den Museumsrundgang bitte im Uhrzeigersinn um den ‚heiligen‘ Burgfelsen mit der zerfallenen Kapelle herum absolvieren. Please", hatte die Dame an der Kasse gesagt. Nur so erschließe sich dem Kulturwanderer die museale Choreografie.

Zwei Stunden wandert George, der Sohn Südtiroler Einwanderer, auf dem 1.100 Quadratmeter großen Ausstellungsparcours in der Tiefe des Gebirgssteins. Treppauf, treppab durch die mit Stahlträgern und Glaselementen geliftete Schlossruine. Oft auf schmalen Laufwegen, unter tiefen, gespenstisch anmutenden Gemäuern hindurch und über eiserne Stiegen, die Reinhold Messner mit dem Architekten Werner Tscholl kreiert hat. Besser wären allerdings vier Stunden Zeit. Oder ein halber Tag. Um zu schauen, um nachzudenken. Über den Menschen, über die religiöse Bedeutung der Gipfel als Brücke zum Himmel und zum Jenseits, über die Natur, und über sich selbst. Will man Grenzen verschieben, bedarf es eines ruhigen Fußes. Wer in Eile Stufen überspringe, werde früher oder später stolpern, ist Messner überzeugt.

"Great", bemerkt George treffend in der Art-Gallery. Romantische Ansichten mit dramatischen Bergpanoramen leuchten von den Wänden. Die Landschaftshuldigungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert von Carl Morgenstern, Friedrich Preller oder Ludwig Gebhardt sind das stimmungsvolle Entrée in das Abenteuerland und zur Philosophie Messners: "Mein Unterwegssein spiegelt die Zerrissenheit des romantischen Menschen, der von der Sehnsucht nach draußen lebt, wenn er daheim ist, und sich nach daheim verzehrt, wenn er draußen ist", steht auf einer Tafel geschrieben.

Im "Weißen Turm" erzählt eine Dauerausstellung die Geschichte von Sigmundskron, das Sigmund der Münzreiche 1473 zu einer Festung ausbaute. Als der Landesfürst jedoch pleite war, setzte er sich über den Brenner ab und die Burg verfiel. Fast 483 Jahre später klagten hier 30.000 Südtiroler ihre Autonomie ein und protestierten gegen die Nichteinhaltung der Pariser Verträge. Mit weltweitem Echo. Die Mehrzahl der Schlossgäste schert sich allerdings kaum um das politische Gezänk von gestern, sondern genießt aus Fenstern die 360-Grad-Aussicht auf die prachtvolle Bergwelt.

Vorbei am Felsentheater

Die am häufigsten gestellte Frage im benachbarten Nord-
rondell lautet, ob Mr. Messner Christ oder Hindu sei? "Im Prinzip Christ", gibt das Burgpersonal Auskunft. Manchmal wirft der Rundgang mehr Fragen auf, als beantwortet werden. Welcher Sinngehalt zum Beispiel auf Thankas (Rollbilder für Meditationen) abgebildete lamaistische Gurus der Begegnung Mensch-Berg zuzuordnen ist, erfährt George an diesem Tag jedenfalls nicht. Und auch in Fensternischen hockende Buddhas erfüllen ihren Auftrag im Museumskonzept allenfalls als visuell abtastbare Elemente. Hübsch anzusehen sind sie allemal.

Vorbei am Felsentheater und der von Messner geschaffenen "Inuksuk"-Skulptur (Inuit-Sprache: Steinmännchen) führt ein Stollen mitten hinein in Laurins Reich. Eine spirituelle Aura schwebt um das rötliche Mauerwerk des Bergtunnels, in dem jener besiegte Zwergenkönig aus der alpenländischen Sagenwelt sein museales Zuhause hat. Reale Geschichte erzählt Reinhold Messner im benachbarten Eckturm, dem Ost-Palais. Geschichten vom Bergsteigen und von Bergsteigern wie De Saussure oder E.G. Lammer. "Reliquien" wie das Sturzseil von L. Terray sind emotionale Wegweiser zum Verständnis der Berge und ihrer Herausforderer. Draußen vor der Tür, auf der hohen Mauer zum Westturm, betritt der Besucher eine Straße des Tanzes und ist auf einmal mitten drin in einem Reigen bronzener Götter und Geister aus dem Himalaja.

"Ich wollte einmal hoch hinauf steigen, um tief in mich hinab zu sehen", hat der 76-jährige Abenteurer und Extremkletterer seine Motivation für ein Leben immer hart am Abgrund in einen Satz gemeißelt. Im Café im Schatten der Burg liest George im Ausstellungskatalog das nach, was er in zwei Stunden Museums-Walk übersehen hat. Nach einem Papierkorb für die Verpackung und den Krimskrams in seinem Rucksack sucht er freilich vergeblich. Gibt es nicht, klärt ihn ein Tischnachbar auf. Alte Bergsteigerregel: Man nimmt seinen Müll wieder mit!