Der Bürgermeister höchstpersönlich, so wird überliefert, soll das Wort "Spielerei" verwendet haben. 1881 hatte nämlich das Ingenieursbüro Siemens & Halske den Plan für eine "electrische Sekundärbahn" vorgelegt, der allerdings auf Betreiben von Bürgermeister Karl Lueger abgelehnt wurde. Für die aufstrebenden Jungunternehmer war diese Ablehnung vielleicht sogar ein Glück.

Sie legten ihre Pläne später in London vor, wo seit 1863 die erste Untergrundbahn in Betrieb war. In England hatte man traditionell ein Faible für technische Innovationen, die beiden erhielten den Auftrag und wurden für den Bau der "City&South London Railway" engagiert, der ersten elektrifizierten U-Bahn der Welt, die 1890 ihren Betrieb aufnahm. (Bis dahin war man nämlich in London noch mit Dampf unter der Erde gefahren.)

Der lange Traum von der Bahn unter der Erde

Siemens & Halske waren nicht die ersten, die in Wien gescheitert waren. Von einer Bahn unter der Erde, die den Verkehr an der Oberfläche nicht behindern würde, wurde schon seit Längerem geträumt. Der älteste Plan stammt aus dem Jahr 1844 und war von dem Eisenbahnpionier Heinrich von Sichrowsky (1794-1866) entwickelt worden. Sichrowsky, der schon an der Errichtung der Nordbahn beteiligt gewesen war, hatte die Idee, eine "atmosphärische Eisenbahn" zu errichten, die mit einem Tunnel unter dem Glacis vom Lobkowitzplatz bis nach Hütteldorf führen sollte. Aber obwohl der Plan lange vor dem Börsenkrach von 1873 vorgelegt wurde, scheiterte auch dieses Projekt am Desinteresse finanzkräftiger Investoren.

U1 Stationseröffnung mit Bürgermeister Gratz, Anton Benja und Stadtrat Nekula im November 1978. - © Wiener Linien / Helmer
U1 Stationseröffnung mit Bürgermeister Gratz, Anton Benja und Stadtrat Nekula im November 1978. - © Wiener Linien / Helmer

Alles in allem wurden bis zur Jahrhundertwende gut dreißig Projekte einge-reicht, darunter auch von so prominenten Technikern wie Carl Ritter von Gegha, dem Planer der Semmeringbahn. Das letzte große U-Bahn-Projekt jener Zeit stammte von den englischen Ingenieuren Bunton und Fogerty und sah eine gemischte Streckenführung vor, sowohl als Hochbahn als auch in Tunnels. Aber 1886 war auch der Plan der Engländer endgültig gescheitert, und zwar aus denselben Gründen wie andere Pläne davor: Geldmangel. Niemand wollte in so ein verwegenes Projekt investieren.

Im Jahr 1890 wurden die Pläne für eine U-Bahn aufgegeben. Die Gemeinde Wien übernahm die Initiative für den Bau der Stadtbahn, die sich ganz solide auf der Erdoberfläche bewegen sollte. Das unterirdische Treiben blieb anderen überlassen, den Engländern, die in London ihre U-Bahn feierten, oder den Ungarn, die 1896 in Budapest eine von Siemens & Halske konzipierte elektrische U-Bahn als europäisches Vorzeigeprojekt in Betrieb nahmen.

Zirkus Karlsplatz

Damit war in Wien die Diskussion für gut ein halbes Jahrhundert und zwei Weltkriege zu den Akten gelegt. Erst im Jahr 1954 flammte die Diskussion, die gut hundert Jahre davor begonnen hatte, wieder auf. Damals drängte die ÖVP im Gemeinderatswahlkampf auf die Planung einer U-Bahn, um Wien zur Weltstadt zu machen, wie es hieß. Die SPÖ hingegen, die mit fast 53 Prozent der Stimmen siegte, lehnte solche Ideen mit dem einleuchtenden Argument ab, dass angesichts des Nachkriegselends der Wohnungsbau den Vorrang haben müsse. So vergingen noch einmal zehn Jahre, bis man sich in Wien wieder den Gefilden unter der Erde zuwandte.

In jenen Jahren ging es allerdings auf der städtischen Erdoberfläche immer turbulenter zu, weil der Autoverkehr ein Ausmaß erreichte, wie man es sich bis dahin nicht hatte vorstellen können. So kam es am 26. Jänner des Jahres 1968 zu dem entscheidenden Gemeinderatsbeschluss, ein Grundnetz der Wiener U-Bahn zu errichten. Die Planung umfasste die Linien U1, U2 und U4 und bezog womöglich bestehende Trassen von Stadtbahn, Schnellbahn und der teilweise unterirdischen Straßenbahnlinien, der "U-Strab" ein.

Probefahrt mit der noch nicht eröffneten Linie U1 vom Stephansplatz zum Keplerplatz mit Bürgermeister Gratz und Stadtrat Fritz Hofmann - © WStLA/Landesbildstelle Wien-Burgenland/Sterrer
Probefahrt mit der noch nicht eröffneten Linie U1 vom Stephansplatz zum Keplerplatz mit Bürgermeister Gratz und Stadtrat Fritz Hofmann - © WStLA/Landesbildstelle Wien-Burgenland/Sterrer

Doch so einfach ist es nicht, unter die Erde vorzustoßen. Vor allem die riesige Baustelle am Karlsplatz, damals angeblich die größte Baustelle Europas, erregte das Missfallen der Wienerinnen und Wiener, und Heinz Conrads, Schauspieler, Kabarettist und einer der populärsten Promis der Stadt, brachte des Volkes Stimme in dem boshaften Schlager "Zirkus Karlsplatz" zum Ausdruck. Mehr als zehn Jahre sollte das Lied aktuell bleiben, denn erst im Jahr 1978 konnte der Tunnel zwischen Karlsplatz und Reumannplatz mit großen Feierlichkeiten eröffnet werden.

"Wieder fahr I mit der U-Bahn"

Damals fuhren die ersten U-Bahn-Linien im Testbetrieb bereits seit zwei Jahren. Im Jahr 1976 hatte man zwischen den Stationen Heiligenstadt und Friedensbrücke eine alte Strecke der Stadtbahn, die bereits seit dem Jahr 1901 in Betrieb war, für die neue U-Bahn adaptiert. Mit der Eröffnung am Karlsplatz sollte jedoch das U-Bahn-Zeitalter so richtig beginnen.

Am Samstag, den 25. Februar, waren sie alle mit Unterstützung von Blaskapellen gekommen, alle vom Bundespräsidenten bis zum Bürgermeister, und die U-Bahn-Züge, die den Beginn eines neuen Zeitalters markieren sollten, nannte man fortan "Silberpfeile" und widmete ihnen sogar eine eigene Briefmarke.

Ab diesem Zeitpunkt ist das offizielle Wien sehr stolz auf die U-Bahn. Oder besser auf das "Projekt U-Bahn", das bisher in vier Stufen gegliedert wird: Die Jahre von 1969 bis 1982, in denen die Linien U1, U2 und U4 ihren Betrieb aufnahmen und das Netz bis über die Donau nach Kaisermühlen reichte. Dann die Jahre von 1982 bis 2000, in denen die U4 verlängert und die Linien U3 sowie U6 eingerichtet wurde. Schließlich die Jahre bis 2010 mit weiteren Verlängerungen von U1 und U4. Und viertens die aktuelle Periode bis ins Jahr 2023, zu der neben weiteren Verlängerungen auch die Einrichtung der Linie U5 gehört.

Hartnäckige Skepsis der Wiener

Bau der Linie U1 Praterstern und Lassallestraße, März 1978. - © Wiener Linien
Bau der Linie U1 Praterstern und Lassallestraße, März 1978. - © Wiener Linien

Eine fünfte Ausbaustufe, die noch nicht endgültig ausgehandelt ist, soll eine Verlängerung der U2 vom Matzleinsdorfer Platz bis auf den Wienerberg bringen. Außerdem eine Verlängerung der sagenhaften U5 bis zum AKH in Michelbeuern und zum Elterleinplatz. Dort sollen auch dann die X-Wagen verkehren, vollautomatische U-Bahn-Garnituren, in denen Menschen nur noch als Fahrgäste vorkommen.

Nach der aktuellsten amtlichen Statistik beförderten in Wien im Jahr 2018 fünf Linien auf 83 Streckenkilometern und mit 109 Haltestellen 463 Millionen Passagiere im Jahr. Die Spielerei unter der Erde hat sich also gelohnt. Trotzdem scheint die Skepsis der Wiener gegenüber dem Geschehen im Untergrund hartnäckig zu sein.

In Paris ein zauberhafter Ort

Die Métro von Paris, die im Jahr 1900 eröffnet worden war, wird beispielsweise in Chansons als zauberhafter Ort beschrieben, an dem mit wunderbaren Begebenheiten zu rechnen ist. Edith Piaf besingt in dem Lied "Le Métro de Paris" enthusiastisch das "fantastische Labyrinth" unter der Erde, das rasende "Flanieren unter Paris", die Bahn, die "dahingleitet" und schließlich bis in die "äußersten Ecken der Stadt fliegt".

Und sogar der Avantgardist Raymond Queneau huldigt der Untergrundbahn in seinem berühmtesten Roman "Zazie in der Métro", dessen Heldin, ein Mädchen aus der Provinz, sich nichts sehnlicher wünscht, als einmal mit der berühmten Métro zu fahren. Es braucht fast den ganzen Roman, bis dieser Wunsch endlich in Erfüllung geht. Dann aber wird es feierlich: "Zazie ging ein paar Stufen abwärts und blieb mitten auf der Treppe stehen, ganz ergriffen, dass sie nun diesen heiligen Weg beschritt." Von Stufe zu Stufe steigert sich die Begeisterung der Kleinen. "Jede Stufe kommt ihr vor wie eine Vermählung, sie ist verzückt."

"Draußen regnt's und innen stinkt's"

In Wien klingt das alles ein bisschen anders. Wolfgang Ambros zum Beispiel, der in jenen Jahren von Heinz Conrad die Aufgabe übernommen hatte, die Wiener Volkseele zu verkörpern, hat das Lied "Zwickt‘s mi" verfasst, das sich in Wien zu jener Zeit großer Beliebtheit erfreute. Darin heißt es: "Und wieder fahr I mit der U-Bahn von der Arbeit z’Haus/ Draußen regnet’s, innen stinkt’s und I halt’s fast net aus/ Die Leit, ob’s sitzen oder stehen, alle schaun so traurig drein/I glaub des kommt vom U-Bahn fahr’n/ Des kann doch gar nix anders sein".

Aber letztlich kommt es gar nicht so sehr darauf an, in welchem Gemütszustand man sich unter die Erde begibt. Ob man raunzt wie Wolfgang Ambros oder ob man feierlich die Treppen hinuntersteigt wie die kleine Zazie: Hauptsache, die U-Bahn fährt und lässt das städtische Leben pulsieren.