"Wo viel Licht ist, ist starker Schatten." Das wusste ausgerechnet Goethes Götz von Berlichingen, der dem Hauptmann später ausrichten ließ, ihn an seiner wohl schattigsten Körperstelle zu lecken. Wo die Sonne niemals scheint, ist aber nicht nur im Sinne des Götz-Zitats ein wenig gastlicher Ort. Die schattige Unterwelt ist schon in der griechischen Mythologie das Gegenbild zur Welt der Lebenden, die Dialektik zwischen Licht und Dunkel längst ein ausgereiztes Motiv. Auch der Wiener Untergrund bietet so ein Gegenbild zum Treiben der Großstadt. Während oben die Zukunft zur Gegenwart wird, verfällt unter unseren Füßen die Vergangenheit.

Lukas Arnold läuft durch den dunklen Gang und strahlt mit seinem Handscheinwerfer die feuchten Wände an. Dann heißt es: "Licht aus!" Wir schalten unsere Taschenlampen ab. Entlang der Wände um uns zieht sich ein breiter, grün glühender Streifen. "75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs leuchtet das immer noch nach", sagt Arnold. "Damals wäre es hier jetzt taghell gewesen." Die phosphoreszierende Farbe sollte im Falle eines Stromausfalls vorübergebend Licht spenden.

Impressionen aus der Unterwelt. - © Christoph Liebentritt
Impressionen aus der Unterwelt. - © Christoph Liebentritt

Wir befinden uns in einem Wiener Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Wo heute auf dem Spielplatz über uns Kinder spielen, befindet sich nur einige Meter darunter ein verfallener Betonkomplex, der vornehmlich Müttern und Kindern bei Bombenangriffen Zuflucht bieten sollte. Im Zuge des sogenannten "Führer-Sofortprogramms" wurden ab 1940 in strategisch wichtigen Städten des NS-Regimes einheitliche Luftschutzbunker errichtet.

In den Bunkern

In Wien gab es angeblich etwa 30 solcher Anlagen, die meisten sind mittlerweile verschüttet oder verfallen. Jene, in der wir stehen, ist eine der wenigen, die heute noch erhalten sind. Damals war der Bunker für die Öffentlichkeit bestimmt, heute weiß kaum jemand mehr um seine Existenz. Frei zugänglich ist er auch nicht. Nur für einige wenige, die sich der Erforschung und Dokumentation des Wiener Untergrunds widmen, wie Marcello La Speranza und Lukas Arnold, die seit etwa drei Jahren zusammen das Forscherteam Wiener Unterwelten ergeben. Arnold ist 22, arbeitet tagsüber im Handel und betreibt das Fotografieren und Forschen hobbymäßig.

Diesen Bunker kennen die beiden gut, La Speranza war in den 90er Jahren das erste Mal hier unten. Er ist Archäologe und Historiker, kuratiert etwa im Haus des Meeres die Ausstellung "Erinnern im Innern", die sich der Luftschutzgeschichte des Flakturms widmet, und erforscht bereits seit gut 30 Jahren untertage die jüngere Zeitgeschichte, die in seinen Augen von der Archäologie noch zu stark vernachlässigt wird.

Vergessen ist Nährboden für gefährliche Mythenbildung

"Natürlich ist die Epoche des Zweiten Weltkriegs eine äußerst negative, aber sie ist auch Teil der Geschichte", sagt er. Würde man sie vergessen oder absichtlich aus der Erinnerung verdrängen, wäre das erst der Nährboden für gefährliche Mythenbildung. Bei der Erforschung der Wiener Unterwelten geht es also nicht zuletzt um einen Beitrag zur Erinnerungskultur der Stadt.
- © Christoph Liebentritt
© Christoph Liebentritt

"Das ist die Archäologie der Zukunft. Wir forschen hier in situ – an Ort und Stelle", sagt er, während er uns durch die beiden symmetrisch angelegten Trakte führt. In einem der beiden verrosteten Maschinenräume zeigt er uns etwa eine Handkurbel, mit der man, falls der Strom ausfiel, händisch Frischluft durch die Rohre in die einzelnen Luftschutzkammern pumpen musste. Die meisten Schutzräume selbst sind leer.

Einrichtungsgegenstände hätten zu viel Platz verbraucht. Konzipiert wurde der Bunker für 300 Menschen, meistens war er überbelegt. "Die Menschen standen hier für etwa drei bis vier Stunden dicht gedrängt. Manche hatten vielleicht kleine Stockerln zum Draufsetzen", sagt La Speranza.

Lost Places

Ein Raum ist mit bunter Tapete ausgekleidet, in einem anderen lagert eine ramponierte Clownsfigur. Neben manchen Türen hängen papierne Schilder mit Namen und kryptischen Stichworten wie "Klavier". La Speranza nimmt an, dass der Bunker in der Nachkriegszeit als Lagerraum genutzt wurde. Manche habe man auch als Wohnraum vermietet oder obdachlosen Menschen zur Verfügung gestellt.

In einem weiteren Raum hängt ein alter Aushang, der darauf hindeutet, dass er wohl als Proberaum genutzt wurde. Das erinnert an die zahlreichen "Musikbunker" in Hamburg, die allerdings als Hochbunker andere Voraussetzungen mit sich bringen. "Diese Konzepte haben sich hier wahrscheinlich wegen der behördlichen Auflagen nicht durchgesetzt", sagt La Speranza. Das verwundert kaum, die Räume sind feucht und stickig, die Aborte schon längst nicht mehr benutzbar. Es bräuchte schier immensen Aufwand, um den Bunker heute noch für andere Zwecke nutzbar zu machen.

Erkundungstouren in der Unterwelt

Was auch immer das Forscherteam bei seinen Erkundungstouren findet, wird nicht verändert, man greift nicht ein in den stetigen Verfall. Die beiden dokumentieren es, stellen es auf ihre Website und La Speranza schreibt wissenschaftliche Abhandlungen und Bücher darüber. "Uns ist der historische Kontext wichtig, der Bezug zur Vergangenheit. Es gibt einige, die sich auch mit der Wiener Unterwelt beschäftigen. Aber uns geht es um das Historische", sagt er.

Ein ähnliches Projekt ist etwa Jeremy Plaidls Vergessenes Wien, das – und das ist beiden Seiten wichtig – in keinem Zusammenhang steht mit dem Forscherteam Wiener Unterwelten. Urban Exploring, bei dem es unter anderem um die Erkundung sogenannter Lost Places geht, ist ein hart umkämpftes Pflaster. Die genauen Koordinaten der oft mühsam recherchierten verlassenen Orte hält man innerhalb der Szene bewusst tunlichst unter Verschluss.

Deshalb halten auch wir hier die beschriebenen Schauplätze vage. Zu oft haben im Zuge des Hypes der vergangenen Jahre schwarze Schafe den Kodex der Szene missachtet: "Take nothing but pictures, leave nothing but footprints." Die Integrität der verlassenen Orte soll nicht gestört werden. Es geht rein um ihre Entdeckung, und natürlich auch um das Prestige, sie womöglich als Erster, zumindest aber auf eigene Faust erobert zu haben.

Natürlich gibt es aber inzwischen Lost Places in Österreich, die längst enttarnt sind. Bestes Beispiel ist hier etwa ein Sanatorium im Wienerwald, das als Paradepferd der österreichischen Urb-Ex-Szene viel von seinem Mythos eingebüßt hat. Dass das Urban Exploring einer Ruine mitten im Wald streng genommen wenig mit urbanem Raum zu tun hat, ist wohl Definitionssache.

Leerstand steht in Wien nicht lange leer

La Speranza und Arnold erkunden neben dem Untergrund auch andere Lost Places, von den meisten klassischen Urban Explorern unterscheidet sie aber der klar geschichtswissenschaftliche Anspruch. Jeremy Plaidl kommt aus der Urban-Exploring-Szene, geht aber mit Vergessenes Wien mittlerweile auch in eine etwas andere Richtung. Vor etwa acht Jahren fing er an, verfallene Gebäude in ganz Österreich, später auch in Italien und Belgien oder die Ruinen des Kernkraftwerks Tschernobyl zu erkunden, bevor er sich vor etwa zwei Jahren auf Bunker-, Keller- und Stollensysteme in Wien spezialisierte.

Leerstand steht in einer Großstadt wie Wien nicht lange leer, zu wertvoll ist der ohnehin rare urbane Raum. Wirklich verschollene Lost Places findet man also vor allem unterhalb der Oberfläche. Aber wie findet man sie eigentlich überhaupt? "Urban Exploring bedeutet auch hundselendig lange Recherche", weiß Plaidl. Bei jenen Orten an der Oberfläche ist es mal ein Foto, das man nach Hinweisen und Orientierungspunkten absucht, mal durchforstet man Google Street View nach besonders verfallenen Orten, ein bisschen wie eine morbide Schatzsuche.

Kleine Überbleibsel zeugen von Versuchen, den Luftschutzbunker in den Nachkriegsjahren auch für andere Belange zu nutzen. - © Christoph Liebentritt
Kleine Überbleibsel zeugen von Versuchen, den Luftschutzbunker in den Nachkriegsjahren auch für andere Belange zu nutzen. - © Christoph Liebentritt

Da kann einem schon mal ein Irrtum unterlaufen. "Früher hatten wir einmal den Fall, dass wir von einem verlassenen Wohnhaus ausgegangen sind und vom Nachbargebäude aus einstiegen. Plötzlich fanden wir uns doch in einem bewohnten Haus wieder und sind schnell wieder verschwunden", erzählt Plaidl. Oft handelt es sich bei solchen Orten in Österreich um Gebäude, deren Besitzer verstorben sind, die Nachkommen sich aber nicht um ihr Erbe kümmern.

Ein Hauch des Illegalen erhöht den Reiz

Dennoch begeht man mit dem unbefugten Einsteigen aber rechtlich betrachtet Hausfriedensbruch. Dass dem Urban Exploring oft auch ein Hauch des Illegalen anhaftet, erhöht sicherlich den Reiz.

Davon distanziert sich das Forscherteam Wiener Unterwelten klar. Bevor sie die unterirdischen Lost Places betreten, fragen La Speranza und Arnold bei Hausbesitzern oder Behörden um Erlaubnis. Alles andere wäre wissenschaftlich nicht vertretbar. Und auch Jeremy Plaidl geht mit Vergessenes Wien lieber den legalen Weg. Ihm geht es ebenfalls nicht mehr nur ums Erobern solcher Orte um ihrer Eroberung willen, sondern um die historische Kontextualisierung, darum, die Aufmerksamkeit auf längst Vergessenes oder Verdrängtes zu richten und es zumindest in Momentaufnahmen zu konservieren.

Im Unterschied zu La Speranza verfasst er allerdings keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern teilt seine Fotos und Texte neben seiner Website vornehmlich über die sozialen Medien. "Dadurch kann ich eine ganz andere Zielgruppe ansprechen", sagt er. Von Beruf ist der 25-Jährige Lokführer, sein geschichtliches Wissen hat er sich selbst zusammengetragen. Und die Geschichte des Wiener Untergrunds ist eine lange und bewegte.

Türkenbelagerung

Vor allem die Keller unter der Innenstadt gehen teilweise aufs Mittelalter zurück. Während der Türkenbelagerungen 1529 und 1683 dienten sie etwa als Lager- und Schutzräume. Im Zweiten Weltkrieg wurden sie zum sogenannten "Luftschutzraumnetz Innere Stadt" mit Verbindungsgängen verknüpft und für den Luftschutz adaptiert. Davon existieren zwar Aufzeichnungen, die wohl Anhaltspunkte bieten, aber oft nicht der Realität entsprechen.

In Absprache mit den Hausbesitzern geht Marcello La Speranza daher bereits seit Jahrzehnten Keller für Keller im 1. Bezirk ab. Was man findet? Oft Unrat wie weggeworfene Matratzen oder ausgediente Kühlschränke, manchmal "Hieroglyphen", wie er die Beschriftungen wie LSK für Luftschutzkeller oder NA für Notausstieg nennt, die man, wenn man genauer hinsieht, auch in manchen Gebäuden der äußeren Bezirke findet. Selten, aber doch, stößt man tatsächlich noch auf physische Relikte aus der Kriegszeit.

La Speranza und Lukas Arnold führen uns durch einen Innenhof im 1. Bezirk, öffnen eine unscheinbare Holztür und nur wenige Stufen später stehen wir in einem dieser Keller. Wir tappen dunkle, feuchte Gänge entlang, vorbei an mehreren Bauepochen, klettern auf einen Ziegelhaufen und durchkrabbeln eine aufgebrochene Mauerstelle. Über dem Abgang ins dritte Kellergeschoss lesen wir eine Inschrift mit einer Jahreszahl: 1672.

An der Wand links darunter klebt ein Zettel: "Sitzplatz nur für Hausparteien." Auf der letzten Stiege liegt ein vergilbter Zeitungsausschnitt: die Todesanzeige eines Feldwebels. Zwischen den dunklen Mauergängen vermischen sich die Epochen. Wieder leuchtet Lukas Arnold die Wand an, wieder drehen wir die Taschenlampen ab – wieder glühen grüne Streifen an den Wänden. Auch wo kein Licht ist, ist Schatten. Der Scheinwerfer macht sie erst sichtbar.