Anhand der Fotos des originalen Bernsteinzimmers aus dem Jahr 1931 wurde die Rekonstruktion gemacht. - © University of California, Santa Cruz. McHenry Library, Special Collections.
Anhand der Fotos des originalen Bernsteinzimmers aus dem Jahr 1931 wurde die Rekonstruktion gemacht. - © University of California, Santa Cruz. McHenry Library, Special Collections.

Da stehen sie, die beiden Vitrinen, mit den unscheinbaren Nummern XII und XIII, dazu gedacht, die Kronjuwelen der Habsburger Kaiser und Kaiserinnen sicher zu verwahren und gleichzeitig stilvoll zu präsentieren. Doch diese, nämlich die berühmten Schmuckstücke, sucht der erwartungsvolle Besucher in der weltlichen Abteilung der Schatzkammer in der Wiener Hofburg schon seit Jahrzehnten vergeblich.

Nicht dass es nicht trotzdem genug Glanz und Glorie zu bestaunen gäbe, etwa die Krone Kaiser Rudolfs II., später Krone des Kaisertums Österreichs, ein Meisterwerk der Goldschmiedekunst, angefertigt 1602 in Prag vom Goldschmied Jan Vermeyen aus Antwerpen, das Szepter, dessen Griff aus dem Horn eines Einhorns gemacht worden sein soll (es ist der Stoßzahn eines Narwals) und das den Herrschaftsanspruch von Rudolfs Nachfolger, Kaiser Matthias, untermauern sollte.

Geschaffen hat es 1615 der Goldschmied Andreas Osenbruck, dem auch der zum Szepter passende Reichsapfel zugeschrieben wird. Gold, Perlen und Edelsteine glänzen da um die Wette, alle Stücke von kulturhistorisch unschätzbarem Wert.Doch die Kronjuwelen spielten in einer ganz anderen Liga. Es handelte sich um Diademe, Colliers, Armbänder, Broschen, Ohrringe und andere Pretiosen, die vorwiegend die Kaiserin und ihre Töchter bei offiziellen Anlässen wie Staatsbanketten oder Bällen schmückten. Manche dieser Schmuckstücke stammten noch von Maria Theresia, etwa der berühmte Smaragdschmuck, den der Maler Georg Raab samt Kaiserin Elisabeth auf einem Gemälde aus dem Jahr 1874 verewigt hat.

Das gesamte Set umfasste ein Diadem, eine Corsage (eine zweiteilige Brosche), ein Collier, zwei Armbänder, zwei Schleifen und eine Uhr. Kaiserin Elisabeth trägt auf dem Bild jedoch nicht alle Teile. Sämtliche Stücke waren Umarbeitungen des originalen Schmuckes.Auch die Rubingarnitur hatte einst einer berühmten Herrscherin gehört, nämlich der französischen Königin Marie Antoinette, der Tochter von Maria Theresia.

Das Rosencollier samt passenden Ohrgehängen, bestehend aus Brillanten, die Diamantkrone von Kaiserin Elisabeth oder die beiden berühmten Solitäre "Frankfurter" und "Florentiner" waren weitere Glanzlichter der umfassenden Sammlung an Kronjuwelen. Über ihren Verbleib wurde lange gerätselt, die Kunsthistorikerin und Historikerin Katrin Unterreiner hat das Rätsel gelöst. In ihrem Buch "Habsburgs verschollene Schätze" zeichnet sie den Weg der Kronjuwelen nach – und es liest sich wie ein Krimi.

Von Wien in die Schweiz

Bereits zwei Wochen vor dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie beauftragte der letzte Kaiser Österreichs, Karl I., seinen Oberstkämmerer Leopold Graf Berchtold, sämtliche Schmuckstücke aus der Vitrine XIII und einige ausgesuchte Stücke aus Vitrine XII zu nehmen, in Koffer zu packen und abzutransportieren. Das war am 1. November 1918. Am 5. November desselben Jahres stieg Berchtold in den Nachtzug nach Zürich – mit den Koffern samt Kronjuwelen, Wertpapieren und einer weiteren Kostbarkeit aus der Schatzkammer, der Borso-Bibel.

Als die österreichische Regierung das Fehlen der Schmuckstücke bemerkte, sperrte sie die Privatkonten Karls. Damit wollte man ihn dazu bringen, die Kronjuwelen zurückzugeben, denn schließlich waren sie Staatsvermögen, das er unrechtmäßig an sich gebracht hatte. Karl und seine Frau Zita kamen der Aufforderung jedoch nicht nach, und als sich herausstellte, dass der aufwendige Lebensstil der ehemaligen Kaiserfamilie sowie der geplante Putsch, um die ungarische Krone wiederzuerlangen, mehr Mittel erforderten, als Karl zur Verfügung standen, entschloss er sich, die Kronjuwelen zu verkaufen. Allerdings nicht als komplette Schmuckstücke, sondern nur die Steine…

Beim Herausbrechen stellte sich jedoch heraus, dass die Edelsteine von höchst unterschiedlicher Qualität waren beziehungsweise sogar gar nicht "echt": So fanden sich etwa im Rubinschmuck Turmaline statt der wertvollen Edelsteine, einige rosa Brillanten waren eingefärbt und erwiesen sich als unedle Steine mit geringem Wert. Dennoch ließ der Ex-Kaiser ein Stück nach dem anderen zerstören.

Als trauriger Höhepunkt erwies sich dabei das Ende des Florentiners: Der walnussgroße gelbe Diamant mit 137 Karat galt als viertgrößterDiamant der Welt und zierte einst die Kaiserkrone der Habsburger. Kaiser Franz Joseph ließ ihn in ein Diadem für seine Sisi einarbeiten und nach ihrem Tod in eine Brosche. Doch ihn ereilte dasselbe Schicksal wie die anderen Edelsteine der Kronjuwelen. Der Schweizer Juwelier Alphonse de Sondheimer, der mit dem Ausbrechen und Verkauf der Steine beauftragt worden war, erzählt in seinen 1966 erschienenen Memoiren, dass der Florentiner in drei Teile zerschnitten worden sei, um ihn unkenntlich zu machen und so den Verkauf zu ermöglichen. Wo diese drei Teile heute sind?

Dieses Rätsel wartet noch auf seine Auflösung…Als Karl 1922 in seinem Exil auf Madeira starb, war von den Kronjuwelen der Habsburger nichts mehr übrig. Und auch wenn ir tatsächlicher materieller Wert vielleicht nicht so hoch war, wie man annehmen wollte, der kulturhistorische Wert ist unschätzbar und unwiederbringlich verloren.Dieses Schicksal blieb den schwedischen Kronjuwelen erspart: Die Krone und der Reichsapfel des 1611 verstorbenen Königs Karl IX. von Schweden sowie die Krone seiner 1625 verstorbenen Frau, Königin Christine von Holstein-Gottorf, die Ende Juli 2018 aus dem Dom zu Strängnäs westlich von Stockholm gestohlen worden waren, wurden einige Monate später in einer Mülltonne gefunden – unversehrt.

Das verschwundene Zimmer

Als der russische Zar Peter der Große 1716 den preußischen König Friedrich Wilhelm I. in seiner Residenz besuchte, begeisterte er sich sofort für einen ganz besonderen Raum: das Bernsteinzimmer. Friedrich I. hatte die Wandverkleidungen und Möbel aus Bernsteinelementen 1701 beim Bildhauer und Architekten Andreas Schlüter in Auftrag gegeben und im Berliner Stadtschloss einbauen lassen.

Doch Friedrich Wilhelm I. hatte wenig über für Kunst, seine Leidenschaft war die Armee. Und für die suchte er große Männer, sogenannte "Lange Kerls", denn die konnten schneller und besser die damals üblichen Vorderlader nachladen. Die beiden Herrscher wurden rasch einig – der Preußenkönig erhielt große Soldaten aus Russland für seinen Krieg gegen Schweden, der Zar das Bernsteinzimmer.

Doch es wurde erst 1743 in Sankt Petersburg im Winterpalast von Zarin Elisabeth aufgebaut und 1755 in den Katharinenpalast in Zarskoje Selo überstellt. Als die deutsche Wehrmacht die Stadt 1941 eroberte, erklärte sie die Wandverkleidungen und Möbel zur Kriegsbeute unda transportierte sie ins Königsberger Schloss, wo sie ab 1943 ausgestellt wurden. Doch seit der Evakuierung des Schlosses im Jahr 1945 ist das berühmte Zimmer verschollen. Im Katharinenpalast befindet sich seit 2003 zwar eine originalgetreue Nachbildung des Bernsteinzimmers, doch es ist ähnlich wie mit dem Florentiner, von dem eine Nachbildung aus Glas in der Schatzkammer liegt: Es ist nur ein Abbild ohne den kulturhistorischen Wert, ein schwacher "Abglanz" des Originals, aber vermutlich besser, als gar kein Zeugnis jener längst vergangenen Zeiten zu haben.