Einem kleinen Jungen das Whiskeybrennen beizubringen? Heutzutage käme sicher niemand mehr auf die Idee. Jasper "Jack" Daniel aber war nicht einmal zehn Jahre alt, als er neugierig wurde und begann, sich für die Herstellung der Spirituose zu interessieren. Damals, in den 1850ern, erledigte er eigentlich Gelegenheitsjobs für den Priester Dan Call, der einen Lebensmittelladen betrieb und eben auch Whiskey brannte. "Die Arbeit an der Brennblase erledigte allerdings ein Mann namens Nathan Green. Er war Calls Sklave und ein talentierter Whiskeymacher, der Jack das Handwerk in frühen Lebensjahren beibrachte", erzählt der Guide Ben Spears auf einer Tour durch die Jack Daniel’s Destillery, die Daniel damals in Lynchburg im Bundesstaat Tennessee gründete. Selbst bei regnerischem Wetter sieht man dort bei einem Destillerie-Besuch und einem Abstecher zum Ortszentrum mit dem urigen General-Store die ländlich idyllischen Bilder des berühmten Werbespots vor dem inneren Auge ablaufen. Und wenn man sich zwischen den hoch aufgestapelten Fässern im "Barrel House" durch einige der Whiskeys probiert, liegt tatsächlich ein Hauch von Vanille in der Luft.

"Trockenes County"

Nach wie vor wird auch jede Flasche im beschaulichen Lynchburg produziert – ironischerweise einem "trockenen County", in dem es mit Ausnahme der Destillerie selbst bis heute illegal ist, den Whiskey zu verkaufen. Anders als viele andere Destillerien, die durch die Prohibition in den 1920ern verschwanden, überlebte "Jack Daniel’s" die Durststrecke dieser Verbotsjahre. Über die Jahrzehnte etablierte er sich sogar als eine der weltweit bekannten Bourbon-Marken – nicht zuletzt durch die werbeträchtige Hilfe Frank Sinatras, zu dessen Lieblingsgetränken dieser Whiskey zählte. Bis heute wird er nach einem speziellen Verfahren gefiltert, das ihn nach den offiziellen Regularien erst zu einem echten Tennessee-Whiskey macht: Beim sogenannten "Charcoal Mellowing" läuft Tropfen für Tropfen durch eigens hergestellte Holzkohle und macht das Feuerwasser dabei noch runder und sanfter im Geschmack.

Große Bandbreite

"Jack Daniel’s" ist einer der Stopps auf einer Tour über den "Whiskey-Trail" im Bundesstaat im Süden der USA. Rund 30 Destillerien liegen auf der Route, auf der man längst nicht nur auf die vanilligen Bourbon-Whiskeys stößt. Die Brennereien bieten auch darüber hinaus eine ganze Bandbreite an feinen Spirituosen. Gemeinsam haben die Destillerien lediglich, dass sie alle sehr unterschiedlich sind: mit eigener Atmosphäre und eigenem Charakter. Als Kontrast zum millionenschweren Global-Player "Jack Daniel’s", der zu den meistverkauften Spirituosen der Welt zählt, kann man dabei auch neue Mikro-Craft-Destillerien entdecken.

Heute wird der Whiskey in Chattanooge längste legal gebrannt und genießt Weltruf. - © Rettig
Heute wird der Whiskey in Chattanooge längste legal gebrannt und genießt Weltruf. - © Rettig

Bei der kleinen, bereits vielfach ausgezeichneten "Chattanooga Whiskey Experimental Distillery" in der gleichnamigen Stadt ist der Name Programm: Dort arbeitet Chef-Destiller Grant McCracken regelmäßig an neuen, teils abenteuerlichen Ideen. Meist brennt er sogenannte Tennessee-High-Malts, die auf sehr unterschiedliche Weise gelagert werden – etwa in ehemaligen Bierfässern. Fast im Monatstakt wird eine neue Kreation herausgebracht von der Brennerei, die in einem alten Backsteinbau in einem trendigen Viertel der neuerfunden wiederbelebten Industriestadt liegt: zwischen Craft-Brauereien, individuellen Shops, Cafés und Restaurants gleich gegenüber der historische Bahnhofsstation, die durch den Song "Chattanooga Choo Choo" weltweit bekannt wurde.

Chattanooga zeigt eine Facette Tennessees und doch kann man bei einer hochprozentigen Tour über den Whiskey-Trail ganz nebenbei die anderen Gesichter des Bundesstaates kennenlernen: von den Städten mit viel Live-Musik und mitunter alternativem Flair über das gemütliche Landleben bis hin zur Natur der Smoky Mountains.
Die Berge dort waren lange so abgelegen, dass sie ideale Bedingungen für die Schwarzbrennerei boten. Über viele, viele Jahre wurde wie verrückt, klammheimlich und ganz im Verborgenen Schnaps hergestellt. Dabei half der Nebel, der dem Nationalpark den Namen gab. Wie Watte legt er sich auch heute auf das Bergpanorama und sorgt für eine mystische Atmosphäre. Früher aber war er außerdem eine ideale Tarnung: für den Rauch, der aus den Brennblasen der Schwarzbrenner zog, wenn sie den illegalen Moonshine-Schnaps herstellten.

Legaler "Moonshine"

Seit ein paar Jahren erst ist die Produktion des berühmten Schnapses nicht mehr verboten. Er darf legal hergestellt und verkauft werden – und entwickelte sich schnell zum trendigen Hochprozentigen. Die "Ole Smoky Moonshine"-Destillerie war die erste offiziell lizensierte Destillerie in Ost-Tennessee und lädt in Tasting-Rooms in Gatlinburg und im benachbarten Pigeon Forge Besucher zum Durchprobieren des Sortiments ein – also jenen beiden Städten, die zwar das Tor zum Nationalpark, aber mit ihrem grellen, günstigen Unterhaltungstourismus für rund zwei Millionen Touristen im Jahr auch einen krassen Kontrast zur Natur der Smokys bilden.

Den Reiz des Verbotenen hat Moonshine natürlich nicht mehr. Die vielen neuen Produzenten spielen aber gerne noch damit und den Assoziationen mit der Historie, als der Moonshine während der Prohibition an Mafia-Größen verkauft und im Schutz der Nacht – daher auch der Name – quer durch die USA bis nach Chicago transportiert wurde.
"Als Bosse des organisierten Verbrechens herausfanden, dass in den Südstaaten Maisschnaps hergestellt wird, schickten sie Trucks runter", erklärt Johnny Baker von "Ole Smoky Moonshine". "Die Schwarzbrenner wussten allerdings nicht, wie groß die Nachfrage sein würde und wie viele Trucks kämen, um Schnaps zu kaufen." Deshalb mussten die Fahrer, die sogenannten Moonshine-Runner, die meist im Schutz der Nacht und in halsbrecherischen Manövern auf den verschlungenen Straßen der Gegend unterwegs waren, schnell sein, um ihre Spirituosen als erste loszuwerden. Die Stock-Car-Rennen der NASCAR sollen im beschleunigten Schnapsschmuggel ihren Ursprung haben.

Auch das Grundstück, auf dem sich jenseits der Smokys und mitten im abgeschieden ländlichen Tennessee die kleine "Short Mountain"-Brennerei von Billy Kaufman und seinen zwei Brüdern befindet, hat eine spannende Moonshiner-Geschichte: Die Farm in Woodbury gehörte vor rund 100 Jahren einem Mann namens Cooper Melton, der wegen einer Liebesaffäre dort auch erschossen worden sein soll. "Außerdem gehörte er zu den Männern, die Al Capone mit Moonshine versorgt haben sollen", sagt Kaufman, der in Woodbury, versteckt im hügeligen Hinterland von Cannon County, seit ein paar Jahren mit zwei Chef-Brennern hochwertige Spirituosen produziert: 30.000 Flaschen pro Jahr, maximal. Die Brennblasen befinden sich in einem holzverkleideten Gebäude gleich hinter der Auffahrt. Auch die Whiskey-Fässer lagern darin. Einen Katzensprung weiter findet man einen Tasting-Room mit Restaurant, wo man sich durch die Produkte probieren kann. Angefangen hat Kaufman mit Moonshine-Schnaps. Mittlerweile sind aber auch die Whiskeys und Bourbons im Sortiment, die erst Jahre in den Fässern reifen mussten. Dazu zählen so eigenwillige Kreationen wie kirschgeräucherter Schokoladen-Roggen-Whiskey, der bislang der einzige Bio-Roggen-Whiskey auf dem US-Markt ist.

Vom Art-Director zum Whiskey-Brenner

Vor rund 17 Jahren kam Kaufman, dessen Urgroßvater einst das "Samsonite"-Koffer-Imperium gründete, hierher. Nachdem er als Art Director in Los Angeles an Filmen und Werbeclips gearbeitet hatte, hatte er genug vom Leben in der Großstadt. Er brauchte mehr Realität, etwas Echtes: "Ich wollte im Wald und in der Natur leben", sagt der muskulöse Endvierziger mit dem markant getrimmten Bart. Den Ort für diese radikale Luftveränderung fand er in dieser Farm in Tennessee. Zunächst betrieb er Landwirtschaft, hielt Kühe und baute Getreide an, nachhaltig und in Bioqualität. Als sich die Gesetzeslage in dem Bundesstaat änderte, begann er außerdem, Hochprozentiges herzustellen, auch ausschließlich mit natürlichen Zutaten.

Billy Kaufman stemmt nicht nur Fässer, sondern auch die Herausforderung, als Schwuler im konservativ-ländlichen Tennessee Moonshine zu produzieren. - © Rettig
Billy Kaufman stemmt nicht nur Fässer, sondern auch die Herausforderung, als Schwuler im konservativ-ländlichen Tennessee Moonshine zu produzieren. - © Rettig

Von der Veranda des Restaurants hat man einen Blick in die Umgebung: auf Wiesen, Hügel, Wälder und die Weite dieser Gegend in der Mitte von Nirgendwo, die eigentlich nicht die offensichtliche Wahl für jemanden wie ihn scheint. "Der Süden hat mir zunächst auch ein bisschen Angst gemacht und war furchteinflößend für einen schwulen Juden wie mich." Doch der Ort hat für die ländlichen Verhältnisse eine recht große LGBT-Community. "Auch Freunde von mir lebten bereits hier – ich wollte ja auch nicht der einzige Schwule im Dorf sein." Angefeindet wurde Kaufman in den Jahren nie. Höchstens einen Witz, eine Anspielung gäbe es manchmal. "Du bist schwul?", heißt es dann etwa. "Ich wusste gar nicht, dass ein Mann, der gay ist, straight Whiskey herstellen kann."