Wir sitzen in einem gemieteten Dacia Duster und sind auf der Ringstraße von Selfoss, im Süden der Vulkaninsel, unterwegs. Es nieselt leicht, die Temperatur liegt knapp über Null Grad, es bläst ein kräftiger Wind. Jedes Mal, wenn ein Reisebus vorbeisaust, saugt uns der Sog in Richtung Straßenmitte. Meine Freundin geht vom Gas und wird leicht unruhig, besteht aber darauf, selbst weiter zu fahren. Später erfahren wir, dass an dem Tag dort in der Gegend Windgeschwindigkeiten bis 180 km/h herrschten.

Auf dem Weg nach Vik machen wir Station beim interaktiven Lava-Museum in Hvolsvöllur, das über die Aktivitäten der mächtigen, aktiven Berge informiert. Da rumpelt der Boden, Rauch und Asche-Wolken ziehen auf einer riesigen Vidiwall vorbei. Ein Display zeigt, wo in Island sich vor kurzem Erdbeben ereignet haben. Diese eindrucksvolle Sammlung macht einem schnell klar, wie klein und hilflos wir Menschen sind, wenn wieder einer ausbricht. So wie im Jahr 2010, als der berüchtigte Eyjafjallajökull seine Aschewolken nach Europa schickte und den Flugverkehr zum Erliegen brachte. Ich wollte damals von Brüssel nach Wien fliegen. Daraus wurde nichts, stattdessen erlebte ich eine Zugfahrt mit drei Mal umsteigen …

Wenig später fahren wir an den Ausläufern des nach Ätna, Vesuv und Stromboli berühmtesten europäischen Vulkans vorbei. Abgesehen von dem Flug-Desaster hatte der wochenlange Ausbruch durchaus eine positive Auswirkung, wie mir ein Experte von Katla-Travel erzählte. Island stand plötzlich im öffentlichen Fokus. 2010 besuchten 500.000 Ausländer die Insel. Das steigerte sich schlagartig. Mittlerweile sind es mehr als 2,4 Millionen, die dem mythischen Land der Wikinger, Elfen und Trolle einen Besuch abstatten. Nur 360.000 Menschen, also etwas weniger als in Vorarlberg, leben im teuersten Land Europas, das im Vergleich zu Österreich um mehr als zwanzig Prozent größer ist.

Ein großer Wasserfall, dessen Wasser sich ein großes natürliches Becken ergießt. Menschen sind ganz klein zu sehen. Durch den Größenvergleich wird klar, wie imposant der Wasserfall ist. - © Karl Kaltenegger
Beeindruckend – der Seljandsfoss-Wasserfall. - © Karl Kaltenegger

Woran liegt es, dass die Insel so viele neugierige Besucher anlockt? Es ist in erster Linie die wilde, spektakuläre und saubere Natur. Beeindruckendes Beispiel: der Seljandsfoss-Wasserfall. Auf einem Pfad kann man hinter dem stürzenden Wasser vorbeiwandern.

Nächster Stopp der Wasserfall-Sammlung ist beim mächtigen Skogafoss. Wir steigen beide Male nur kurz aus, um Fotos zu machen, was dem heftigen Wind und der Kälte geschuldet ist. Das kann in der Nebensaison von September bis Mai schon passieren. Allerdings hat man den Vorteil, dass sich wesentlich weniger Touristen für ihre Selfies in den Vordergrund drängen. Irgendwann erreichen wir Vik, den südlichsten Ort Islands. Wir könnten auch nicht weiterfahren, da die Straße in Richtung Höfn wegen des Sturms gesperrt ist.

Der schwarze Strand von Reynisfjara

Am nächsten Tag verflüchtigt sich der Sturm und die Sonne blitzt durch. Uns zieht es zum schwarzen Sandstrand von Reynisfjara. So etwas kannte ich vorher nur von Santorin. Das blaue Meer wälzt sich donnernd auf den tiefschwarzen Strand zu. Am Berg, der den Strand begrenzt, präsentieren sich die Felsformationen wie von Steinmetzen gemeißelt. Schwarze Basalt-Klötze, die verwegen nebeneinander angeordnet sind. Später lese ich, dass die Lagune zu den zehn schönsten Stränden gekürt wurde. Dreharbeiten für "Game Of Thrones" oder "Star Trek" haben ebenfalls zur Bekanntheit beigetragen.

Unweit davon führt eine Schotterstraße zum Kap Dyrhólaey hinauf. Oben thront der 1927 erbaute Leuchtturm. Von dort hat man einen fantastischen Blick auf den Strand, ein Felsentor und Felsnadeln, die in Richtung Vik im Meer stehen. Im Norden sieht man eine Bergkette, Vulkan-Spitzen blitzen durch. Während der Brutzeit der Papageientaucher, die in der Lagune nisten, gehört das Gebiet ganz den Vögeln, und die Straßen werden gesperrt.
Rückblende.

 

Eine ungewöhnliche Kirche, die aussieht wie ein gigantischer Spitzhut oder ein Horn aus grauem Stein. - © Karl Kaltenegger
Die Hallgrímskirkja in Reykjavik. - © Karl Kaltenegger

Die erste Nacht in Island verbringen wir in einem gemütlichen Hotel in Reykjavik. Wahrzeichen ist die imposante Hallgrímskirkja, ein monumentaler Betonbau auf einem Hügel mitten in der Stadt, der schon von weitem zu sehen ist. Am 75 Meter hohen neogotischen Turm sind Basaltsäulen nachgebildet. Wegen Geldmangels dauerte die Bauzeit 41 Jahre. Im Inneren der Kirche herrscht eine wunderbare Schlichtheit. Wer mag, lässt sich mit dem Aufzug zur Aussichtsebene bringen, von wo man einen wunderbaren Rundblick über die Stadt hat. Am Platz davor steht die Statue von Leifur Eiriksson, des wahren Entdeckers von Amerika, 500 Jahre vor Christoph Kolumbus.

Über den Skólavördustigur spazieren wir in Richtung City, vorbei an vielen kleinen, bunten Häusern, in denen sich Cafés, Restaurants und Läden eingemie haben. Die nördlichste Hauptstadt Europas wurde 874 nach Christus gegründet und hat heute 129.000 Einwohner, also in etwa so viele wie Innsbruck. Früher wurde mit Holz gebaut, später mit Wellblech, weil das viel wetterbeständiger ist. Quirliges Leben herrscht in den Straßen, sogar an diesem regnerischen Tag. Um dem Overtourism Herr zu werden, werden markante neue Gebäude und Hotels auf alle Stadtviertel verteilt. Erfrischend wirkt die Architektur von Harpa, der neuen Konzert- und Kongress-Halle im Hafengebiet. Während der Finanzkrise gab es einen kompletten Bau-Stillstand. Mittlerweile ist Harpa mit den charakteristischen Glas-Waben für ihre lichtdurchflutete Architektur berühmt. Islands Oper und das Symphonie-Orchester haben sich angesiedelt. Die Akustik ist hervorragend.

Ferienhaus-Idylle am Land

Anschließend verbringen wir ein paar Tage in einem feinen Ferienhaus, 50 Kilometer östlich der Hauptstadt im Gebiet Grímsnes in Sudurland. Das Wetter trübt sich ein, also relaxen wir. Ich lese einen Krimi von Arnaldur Indridason, einstmals Platz eins der isländischen Bestsellerliste. "Duell" spielt 1972 vor dem Hintergrund der Schach-WM, Boris Spasski gegen Bobby Fischer, in Reykjavik. Die Musik kommt von der isländischen Post-Rock-Band Sigur Rós sowie von der exzentrischen Björk Guðmundsdóttir. Dazu gibt es Stockfisch, Hering und Flatkaka: dünnes, rundes Roggen-Flachbrot. Den Riesling haben wir von Peter Uhler vom Wiener Reisenberg mitgenommen, denn Alkohol ist in Island ziemlich teuer und nur in den lizenzierten Läden von Vinbudin zu erhalten. In unserer Nachbarschaft liegt der 6.500 Jahre alte Kerid-Krater. Vom Straßenniveau wandern wir über den in roten und rostbraunen Farben schimmernden Abhang zum tiefblauen Vulkankrater-See hinunter. Ein tolles Naturfoto-Motiv!

 

Ein Fluss mit einem Wasserfall schlängelt sich durch eine karge braune flache Landschaft. - © Karl Kaltenegger
Der "Goldene Wasserfall" Gullfoss. - © Karl Kaltenegger

Gulfoss – Der goldene Wasserfall

Wir sind im Bereich des Goldenen Kreises. So heißt eine 300 Kilometer umfassende Rundtour, die von Reykjavik bis zum Gullfoss führt. "Er ist eine der meistbesuchten Attraktionen Islands. In der Abendsonne ist über den Wassern oft ein goldenes Leuchten zu erkennen. Jetzt untertags sind es Regenbögen, die sich in der Gischt über den tosenden Wasser-Kaskaden zeigen", erzählt Sigurdur, unser Führer. Der weiße Gletscherfluss wird vom Langen Gletscher gespeist und donnert über zwei Stufen 32 Meter in die Tiefe des zerklüfteten Canyons. Sigurdur holt aus: "Einer einfachen Bauerntochter ist es zu verdanken, dass das hier nicht zerstört wurde. Sigríður Tómasdóttir vom Brattholt-Hof stemmte sich Anfang des 20. Jahrhunderts gegen ein Kraftwerksprojekt. Lange dauerte das Hin und her mit den englischen Investoren, die einen Staudamm bauen wollten. Erst als die junge Frau drohte, sich in die Fluten zu werfen, hatte sie Erfolg, und der isländische Staat übernahm das Gelände in seine Verantwortung. Für Islands erste Umweltschützerin wurde hier ein Denkmal errichtet. Der Gullfoss, also der Goldene, gehört übrigens zu den zehn spektakulärsten Wasserfällen der Erde."

Faszinierend, so ein Geysir

"Der Große Geysir des Haukadalur sprüht schon ewig keine Wasser-Fontänen mehr, allerdings stammt der Name dafür von hier. Auf Isländisch bedeutet geysa herausspritzen", erklärt Sigurdur. Aktiv hingegen ist Strokkur, gleich daneben, und das alle vier bis zehn Minuten. Rundherum hat sich eine große Menschenmenge versammelt. Alle wollen den richtigen Moment einfangen.

Es brodelt, dann dringt ein kleiner, runder Wasserschwall an die Oberfläche. Bald kehrt wieder erwartungsvolle, leise blubbernde Ruhe ein. Plötzlich schießt eine Fontäne von über zwanzig Metern in die Luft. Verflixt noch mal, ich habe den richtigen Moment für das perfekte Foto verpasst. Also heißt es wieder warten. Gleich neben dem Strokkur sind kleine braunrote und graue Schlammlöcher, die brodeln. Ein Bächlein mit von Bakterien erzeugten gelblichen Ablagerungen fließt träge talwärts. Und Action! Schließlich bin auch ich zufrieden über meine Momentaufnahme der breiten, hohen Wassersäule.

Zwei rotbraune Ponies grasen auf einer felsigen steppigen Landschaft. Das Pferd im Vordergrund hat eine weiße Blesse auf der Stirn. - © Karl Kaltenegger
Islandpferde. - © Karl Kaltenegger

Vorbei an grasenden Islandpferden geht es weiter. Auch die sind einen Stopp wert. Ich denke an die Zeit, als meine Tochter Marie noch kleiner war. Da fuhren wir häufig zu einem Isländer-Reiterhof nahe Klosterneuburg. Isis sind eher kleiner gewachsen, ziemlich gutmütig und verfügen über einen eigenen Gang, den Tölt. Das weiß ich noch von damals.

Schlusspunkt unserer Reise ist im Unesco-Welterbe-Nationalpark Thingvellir. Dieser liegt genau im Bruch zwischen eurasischer und amerikanischer Platte, was sich in vielen Gräben und Spalten zeigt. 930 nach Christus entstand dort mit dem Althing das erste Freiluft-Parlament weltweit, 1944 wurde die Republik ausgerufen. Nebst vielem anderen ist der Thingvallavatn, der größte See des an Naturwundern so reichen Landes zu bewundern.

Die Reise wurde durch Katla Travel, www.katla-travel.is, sowie Viator Ferienhäuser, www.viator.is/de, ermöglicht.