Bevor Martina Hladik beginnt, Ideen für die Gestaltung eines Raumes zu entwickeln, schaut sie sich den Boden an. Die Innenarchitektin und Farbberaterin hat die Erfahrung gemacht, dass viele ihrer Kunden mit einem reinen Weiß an den Wänden eigentlich unglücklich sind: "Die meisten streichen ihre Wände weiß, weil sie einen neutralen Hintergrund möchten. Was dann passiert, ist in der Regel das Gegenteil. Der Raum wird unruhig, weil meistens der Kontrast zwischen Boden und Wand zu groß ist."

Es sind die Zwischentöne, die aus Sicht von Martina Hladik so etwas wie Raumgestaltung erst möglich machen. Was aber macht die Zwischentöne aus? Was entgeht einem, wenn man in der Inneneinrichtung auf den Kontrast von Schwarz und Weiß verzichtet?

Schwarz und Weiß sind keine Farben im eigentlichen Sinne. Weiß wirkt weiß, weil es das gesamte Spektrum des Lichts reflektiert; Schwarz erscheint uns schwarz, weil es keinerlei Licht reflektiert, sondern das gesamte Spektrum des Lichts absorbiert. "Sich ganz in Schwarz und Weiß einzurichten, ist daher ein Statement", sagt die Innenausstatterin Nina Niessner von "Die Auffrischerei" in Wien. "Es gibt nur wenige, die sich das trauen."

Ein Wasserhahn in einer Küche mit schwarzer Arbeitsplatte und einer weißen Wand mit einem Graffito von Ananas. - © Nina Niessner
Eine Küche mit starkem Kontrast von Schwarz und Weiß. Die Armaturen und Zeichnungen sind die visuelle Brücke. - © Nina Niessner

Das "Weiß", das viele Menschen meinen, wenn sie von Weiß als Wandfarbe sprechen, hat seit 1927 eine Nummer: 9010. RAL 9010 ist "Reinweiß" nach der Definition des "Reichs-Ausschuss für Lieferbedingungen", der seit Mitte der zwanziger Jahre – bis heute – die verbindliche Kennzeichnung für Farben verwaltet. Es ist dieser gemeinnützigen GmbH zu verdanken, dass man heute über Farbtöne sprechen kann, und es zumindest eine verbindliche Definition davon gibt, was etwa "Cremeweiß" ist (RAL 9001) oder auch "Reinraumweiß" (RAL 9012). Letzteres kam erst 2020 dazu und wirkt – zumindest am Bildschirm – noch weißer als das Reinweiß. Die RAL-Farben kennen auch ein Reinschwarz, hier "Tiefschwarz" genannt: RAL 9005. Nach dieser Definition würden RAL 9010 und RAL 9005 den stärksten Kontrast bilden. Doch so einfach ist es nicht.

Off-White oder Off-Black kann vieles sein

"Keine Farbe existiert für sich", sagt Martina Hladik. "Das Gesicht einer Farbe sehen Sie erst, wenn Sie sie im Zusammenhang mit anderen Farben sehen." Ein graues Weiß wirkt in einem Raum mit dunklen Tönen und kräftigen Farben weiß, aber im Kontrast zu sehr hellen Weißtönen dunkler. "Aus diesem Grund verträgt ein Raum mit einem dunklen Boden auch dunklere Wände."
Hladik ist die Gründerin von "Room Service" und vertritt den englischen Farbenhersteller "Farrow & Ball" in Österreich.

Eine Küchenzeile rechts im Bild, ein großer Tisch mit einer großen gestreiften Pozellanvase und weißen Blumen, ein dunkler Holzboden, eine geöffnete Tür im Hintergrund, seitlich eine Treppe, geradeaus die Haustür, im Zentrum ein großes Bild, ein Druck in leuchtend Hellblau mit gelbem oberen Rand mit der Aufschrift Hacienda. Grüne Fliesen an der rechten Wand, messingfarbene Armaturen. - © Farrow and Ball / James Merrell
Durch das Grau der Fußleiste wird eine Verbindung zwischen dem dunklen Boden und der weißen Wand geschaffen. - © Farrow and Ball / James Merrell

Farrow & Ball ist für seine matten und reich pigmentierten Farben bekannt, die eine hohe Leuchtkraft besitzen und dennoch zurückhaltend sind. Farrow & Ball hat vierzehn Farben in der Farbpalette, die alle "White" im Namen tragen, aber von Weiß über Grau und Gelb bis Braun ein ganzes Spektrum von Farben abdecken.

Dass alle diese Off-Whites unter bestimmten Bedingungen hell wirken – den Effekt, den sich viele von Weiß wünschen –, hat mit den Pigmenten zu tun. Je mehr Pigmente einer sehr guten Qualität enthalten sind, desto mehr Reflektion und wahrgenommene Tiefe hat eine Wandfarbe. Hochwertige Farben, die es nicht nur von Farrow & Ball gibt, sondern auch von Anbietern wie "Cooper Colors" aus Brunn am Gebirge, von "Schöner Wohnen" oder "Little Green", haben einen wesentlich höheren Pigmentanteil als herkömmliche Farben.

Je hochwertiger die Pigmente sind, desto reicher ist auch das Farbenspiel durch die Resonanz der Farbe auf das Licht: "So kann es sein, dass ein dunkler Korridor ohne natürliches Licht, der in einem ganz normalen Weiß gestrichen ist, weniger hell wirkt, als wenn derselbe Raum mit einem abgetönten Weiß in einer guten Qualität gestrichen wurde. Ich kann mit einem dunkleren Ton in einer besseren Farbqualität einen helleren Raum erzeugen", sagt Martina Hladik.

Der Mut zur dunklen Farbe sei in den letzten Jahren gewachsen, meint die Farbberaterin. "Ein Trend ist zum Beispiel ein Schlafzimmer in einem dunklen Blau." Oder eben in einem Off-Black: Sobald das Schwarz etwas "off" ist, bekommt es – reiche Pigmentierung vorausgesetzt – Tiefe und Volumen.
Die Pigmentierung trägt auch dazu bei, subtile Nuancen der Einrichtung zur Geltung zu bringen. "Wenn Sie einen grauweißen Marmor mit einem Weißton kombinieren, der auch in den Graubereich geht, wird der Marmor lebendig, weil alle kleinen Adern sichtbar werden. Man kann aus den Materialien so viel mehr herausholen, wenn man einen guten Farbton für die Wand findet", erklärt Martina Hladik.

Dunkle Farben in kleinen Räumen

Nina Niessner liebt den Kontrast und Kontraste kommen besonders gut in kleinen Räumen zur Geltung, ohne das Auge anzustrengen, ist die Wienerin überzeugt. "Je kleiner der Raum, desto wilder und intensiver die Farbe", sagt sie. "Eine Toilette ganz in Schwarz kann fantastisch aussehen." Starke Muster in deutlichem Kontrast von Schwarz und Weiß machten gerade sehr kleine Räume interessant und behaglich. Je größer ein Raum, desto ruhiger sollte umgekehrt die dominierende Farbe sein. "Bei einer großen offenen Küche würde ich keine schwarze Wand empfehlen, sondern die Kontraste eher spielerisch hereinholen: durch eine schwarze Küchenzeile oder schwarze Armaturen."

Farbkonzepte seien grundsätzlich nicht von der Größe oder dem Baujahr der Räume abhängig. "Der Jugendstil hat den Gegensatz von Schwarz und Weiß sehr gemocht", erinnert Niessner. "Zugleich sieht die typische Jugendstil-Kombination von Schwarz, Weiß und Gold auch sehr gut in einem Neubau mit weniger hohen Decken aus."

Starke Kontraste – alles, was genau nicht "off" ist – sind in der Inneneinrichtung nicht ganz einfach, aber effektvoll. "Starke Kontraste wie Schwarz und Weiß brauchen starke Farbpartner", meint Niessner. "Ein Lime Green, ein grelles Pink." Hat man sich für den starken Kontrast von Schwarz und Weiß entschieden, so empfiehlt sie, das Farbschema auch durchzuziehen: "Sobald ein Off-White auf einer großen Fläche dazukommt, sind die Klarheit und die Eleganz des Kontrasts weg und der Raum verfällt regelrecht, weil das Off-White dann plötzlich gelblich aussieht."

Ein Kamin mit dunkler Wand in modernem Design. Vor dem Kamin ein Stuhl und ein niedriger Couchtisch mit einem aufgeschlagenen Bildband. - © Farrow and Ball / James Merrell
Eine schwarze Wand mit weißer Decke: Der Kontrast ist subtiler, weil abgetönte Farben eingesetzt wurden. - © Farrow and Ball / James Merrell

Off-Whites und Off-Blacks, letztere für Niessner "Varianten von Grau", machen einen Raum grundsätzlich sanft. "Je mehr ein Weiß in Richtung Gelb oder Braun tendiert, desto softer und wärmer ist es. Je mehr ein Weiß oder auch ein Schwarz Richtung Blau tendiert, desto kühler wirkt es."

Sehr große Räume, die vielleicht mehr optische Wärme brauchen, sind allerdings kein Ausschließungsgrund für kühle Farben und starke Kontraste: "Die Gemütlichkeit oder Wärme muss nicht allein von der Wandfarbe kommen", sagt Niessner. "Ein hochfloriger weißer Teppich kann ein schwarzes Ledersofa wunderbar ergänzen, ohne dass der Kontrast kalt wirkt. Ein Couchtisch aus schwarz-weißem Marmor schafft zusätzlich eine Verbindung und damit Harmonie."

Kontraste eignen sich auch gut, um bestimmte architektonische Eigenheiten hervorzuheben, und das geht auch mit stärker kontrastierenden Off-Tönen: "Wenn ich etwas betonen, eine Zonierung oder eine visuelle Barriere schaffen will, erziele ich mit einem dunklen Boden und einer hellen Wand tolle Effekte", sagt Hladik.

Rauminhalte zur Geltung bringen

Hladik und Niessner plädieren dafür, Kontraste eher abzumildern oder, besser gesagt, Brücken zwischen den Farben zu schaffen, um harmonische Räume zu erzeugen, die das, was im Raum ist, zur Geltung bringen – egal, ob abgetönte Farben eingesetzt werden oder nicht: "Je weniger Kontraste ich zwischen Band, Wand und Decke habe, desto mehr bleibt das Raumvolumen erhalten und umso mehr wird das, was im Raum ist, wirken", erklärt Hladik. Dies muss nicht bedeuten, dass nun Boden, Wand und Decke weiß sein müssen – der berühmte "White Cube", wie ihn Galerien oft bevorzugen. "Weiß reflektiert sehr stark. Das kann anstrengend sein und grell wirken", sagt Hladik. "Viele der Kunden, die mit mir arbeiten, sind deshalb von den reinweißen Wänden abgekommen, denn es tut dem Raum eigentlich nie etwas Gutes. Die meisten Menschen fühlen sich in einem Raum mit einem gleichmäßigen und weniger kontrastreichen Hintergrund wohler."

Eine Küche mit zwei großen Fenstern zur Linken und einem Tisch in der Mitte. - © Farrow and Ball / James Merrell
Schwarz in romantischem Kontast zu einem Rosa. - © Farrow and Ball / James Merrell

Damit Rauminhalte oder einzelne Elemente wie Kissen wirken können, empfiehlt Niessner, visuelle Brücken zu schaffen. Die Kombination von Vollfarben, die vielleicht auf den ersten Blick "zueinander passen", ist dabei nicht der Weg zum harmonischen Raumgefühl: "Ein weißes Sofa mit gelben Kissen zu kombinieren, ist keine gute Idee", wie sie meint. "Sie sehen dann zwei gelbe Batzen." Der Spiegelei-Effekt verschwindet allerdings, sobald das Weiß des Sofas auch im Kissen vorkommt, in einem floralen oder geometrischen Muster etwa. "Scharfe Kontraste sind gut, funktionieren aber eigentlich nur mit Schwarz und Weiß. Sobald eine dritte Farbe hinzukommt oder mehrere starke Farben eingesetzt werden, muss man Übergänge schaffen, damit das Ganze noch harmonisch wirkt."

Mit RAL 9010 holen sich viele Menschen auf der Suche nach Neutralität somit unwillentlich eine starke Farbe in ihr Zuhause, gegenüber der die meisten anderen Farben nur verlieren können, weil dieses Weiß ein starkes Gegenüber verlangt. Hladik: "Ein abgetöntes Weiß, das der Farbe des Bodens etwas entgegenkommt, in einer guten Qualität, ist die halbe Miete für einen gelungenen Raum."