"Bonjour et bienvenue", sagt Francois und öffnet den Kofferraum seines nagelneuen Taxis. Englisch? Nein, das spreche er nicht. Wir sind schließlich in Mauritius, und das war immerhin für mehr als ein Jahrhundert Teil Frankreichs.

Île Bourbon hieß das Eiland im Indischen Ozean damals, bis es die Engländer 1810 Napoleon entrissen und in eine einzige Zuckerrohrplantage verwandelten. Der Boden wurde von Arbeitsmigranten aus Afrika, Indien und China bestellt, auch die Familie von Francois kam einst übers Meer hierher. Eine indigene Bevölkerung gibt es nicht – wie der Garten Eden lag das Land da, als es portugiesische Seefahrer vor 500 Jahren das erste Mal betraten. Und ein Garten ist es bis heute.

"Canne à sucre", sagt Francois und zeigt auf die grünen Zuckerrohrfelder, die sich von der Küste bis zum Fuß der Berge im Inselinnern ziehen. Wenn er nicht gerade auf dem Handy tippt oder die Lichthupe (anstelle der Bremsen) quält, spricht der Taxler mit lauter Stimme, um die des Moderators im Autoradio, der am laufenden Band nur Anrufe entgegenzunehmen scheint, zu übertönen. Verträumte Gitarrenklänge oder kreolische Lieder gehören offensichtlich nicht zum Repertoire des Senders, über was sich die Hörer so lang unterhalten, lässt sich trotz vorhandener Französischkenntnisse nicht ausmachen. Aber vielleicht quatschen sie ja auch in Morisyen, der lokalen Kreolsprache?

Man merkt bald: Mauritius, das ist Diversität pur, ein multikulturelles Laboratorium bestehend aus Hindus, Christen, Muslimen, Buddhisten und Bahai, wobei erstere Gruppe mit 48 Prozent die Mehrheit stellt. Juden gibt es kaum, an sie erinnert lediglich ein kleiner Friedhof bei Beau Bassin, wo 124 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich, die von den Engländern zwischen 1940 und 1945 auf die Insel deportiert wurden, begraben liegen. Seit 2014 existiert ein Informationszentrum, das über das Schicksal dieser Vergessenen berichtet. Nur, sehr viele scheinen sich nicht dorthin zu verirren.

Eine Frau in mintfarbenem T-Shirt berührt eine blaue Statue einer auf einem Sockel sitzenden Göttin deren Kopf und Hals von einer Kobra umschlungen sind und die die Beine im halben Lotus hält. Um die Frau herum stehen Kinder: zwei kleine Kinder, ein Junge in blauem T-Shirt und ein Mädchen in einem roten Kleid und ein jugendlicher Junge in Jeans und grauem T-Shirt. Die Statue steht an einem Wasser, im Hintergrund ist ein Tempel zu sehen. Die Frau, die die Statue berührt blickt auf das Wasser. - © Christoph Rella
Die Gottheit Shiva ("Glücksverheißende") zählt zu den wichtigsten Göttern im Hinduismus, dementsprechend wird ihr von den Gläubigen gehuldigt. - © Christoph Rella

Dafür ist der hinduistische Wallfahrtsort Grand Bassin in den Bergen des Südwestens nicht selten überlaufen. Um die Tausenden Pilger und Besucher aufnehmen zu können, wurde sogar eine Autobahn durch den Urwald gebaut.

Das Zentrum liegt am Ufer eines idyllisch gelegenen Sees, die Luft schmeckt nach Blumen und Rauch. Ein Tempel reiht sich hier an den nächsten, schmucklose Zweckbauten aus Glas, die mit den bunten und figurenreichen Vorbildern am indischen Subkontinent kaum etwas gemein haben. An den Eingängen sitzen bärtige Männer, die sich allzu leicht bekleideten Besuchern in den Weg stellen.

Devoter geht es am Seeufer zu, Familien bringen auf Altären Opfergaben dar. Jede Gottheit hat ihr Plätzchen, hoher Beliebtheit erfreut sich Lakshmi, die Göttin des Glücks und des Wohlstands. Wer ihr huldigt, darf mit einem Geldsegen rechnen – heißt es. Was nun aber nicht bedeutet, dass die Mauritianer in Armut lebten, immerhin gilt die Republik mit einem BIP von knapp 12.000 Dollar pro Kopf als reichstes Land Afrikas.

Traumhafte Strände in privater Hand

Ein sichtbares Symbol für die Vielfalt dieser Inselgesellschaft ist auch die bunte Nationalfahne, deren vier waagrechte Streifen (in den Farben Rot, Blau, Gelb, Grün) das Blut im Kampf um die Unabhängigkeit, den Indischen Ozean, die Sonne und die Vegetation darstellen sollen.

Es sind dies Farben und Bilder, die auch die meisten Touristen – vor der Pandemie waren es pro Jahr 1,4 Millionen – mit Mauritius assoziieren; vom Unabhängigkeitskampf vielleicht abgesehen, der übrigens so nie stattgefunden hat. Die Freiheit wurde 1968 aus London "geliefert", nachdem sich die bis heute nach ethnischen und religiösen Grundsätzen ausgerichteten Parteien auf einen Modus Vivendi für Parlamentarismus und Regierung geeinigt hatten.

Seit diesen Tagen hat sich in Mauritius vieles zum Besseren verändert – allerdings war und ist der soziale Aufstieg vieler Mauritianer weniger dem Ideenreichtum der handelnden politischen Eliten als der marktwirtschaftlichen Öffnung des Landes, weg von der Zuckerrohrindustrie hin zur Dienstleistungsgesellschaft, geschuldet. So sind etwa das Bankwesen, der Straßenbau und natürlich auch der Tourismussektor fest in privater Hand. Die feinkörnigen Strände sind längst Teil internationaler Hotelketten, die dem Sonnenhungrigen alles bieten, was das Herz begehrt.

Die Sonne verschwindet am Horizont und der Himmel ist pastellrosa. Im Vordergrund steht eine Palme, Boote liegen auf dem ruhigen Meer. - © Christoph Rella
Der Sonnenuntergang auf Mauritius. - © Christoph Rella

Spuren von der jüngsten Havarie eines Öltankers, mit der Mauritius zuletzt in die Schlagzeilen geraten ist, sind hier übrigens keine mehr zu sehen, lediglich die Feinreinigung der Küstenlinie durch spezialisierte Umweltfirmen ist noch im Gang. Verseucht hat das Öl nur einen kleinen Bereich, rund 96 Prozent der Küste blieben vom Ölaustritt unberührt.

Neben dem Badetourismus steht vor allem der Abenteuerurlaub ganz oben auf der Agenda: Ob Schwimmen mit Schildkröten, Drahtseil-Gleiten übers Dschungeldach, Quad-Fahren durch die Dünen oder einfach nur Mountainbiking und Trekking – alles ist möglich. Ian Dindoyal findet den Wandel gut. "Mein Vater konnte nicht in die Schule gehen", erzählt der Mauritianer aus Bel Ombre, einem Ferienort im äußersten Süden der Insel. "Binnen einer Generation hat es hier eine wirklich sehr große Veränderung gegeben." Ian muss es wissen. Aktuell arbeitet er für die internationale Hotelkette "Roger Heritage Resorts", die sich auf einen stark wachsenden Sektor, den Golftourismus, spezialisiert hat. Zu kaum einer anderen Jahreszeit wird der Boom spürbarer als Anfang Dezember, wenn mit Beginn der Hauptsaison die Profi-Golfer aus Europa, Asien und Amerika – und all jene, die es sich leisten können – zum Putten an den Indischen Ozean kommen.

Nachhaltig Golfen mit Blick aufs Meer

Den Höhepunkt bilden seit 2015 die jährlichen Mauritius Open, ein Spektakel, das auch schon österreichische Pros wie Bernd Wiesberger oder Markus Schwab angezogen hat. Um allerdings einen Tiger Woods auf die Insel zu locken, müsste das Preisgeld, das derzeit mit einer Million Euro (insgesamt) dotiert ist, etwas höher sein, erklärt Ian. Geht es nach den Organisatoren, soll sich das bald ändern.

Der sportlichen Maxime "Schneller, höher, stärker" folgend wird derzeit ein Berghang nördlich von Bel Ombre auf einer Länge von mehreren Kilometern umgegraben und bis 2021 in einen 18-Loch-Kurs verwandelt. Der Entwurf für das 17 Millionen Euro teure Green samt Klubhaus stammt vom international gefragten Star-Architekten Peter Matkovich.

Der Südafrikaner steht auf einem Erdhügel und blickt südwärts auf den Indischen Ozean. "Das wird ein tropischer Link-Golfkurs", erklärt er und deutet auf mehrere kreisrunde Flächen, die von Baggern planiert werden. "Der Spieler startet auf 220 Metern Seehöhe und bewegt sich mit dem Ball immer weiter hinunter zur Küste. Und das Beste ist: Er hat beim Spielen immer das Meer im Blick – und bergab geht es auch noch." Matkovich muss trotz der Hitze lächeln, der Schweiß rinnt ihm von der Stirn. Geht es nach ihm und den Bauherren, soll der neue Golfplatz bald zu den 100 besten Greens weltweit zählen. "Das ist ambitioniert, aber nicht unmöglich", so der Architekt.

Ein Mann mit hellem Sonnenhut steht auf einem erdigen Hügel. Er trägt ein blaues Hemd. In der linken Brusttasche klemmen Steift. Er trägt helle Chinos. Er hat dei linke Hand in die Hüfte gestützt udn deutet mit der rechten Hand in einer weiten Armbewgung auf das offene Land und das dahinter liegende Meer. Es ist ein strahlender Sonnentag. - © Christoph Rella
Der Architekt Peter Matkovich auf dem zukünftigen Golfplatz. Im Hntergrund der Indische Ozean. - © Christoph Rella

Ambitioniert sind übrigens auch die gesetzten Umweltmaßnahmen, kann es sich doch in Zeiten wie diesen selbst ein Fünf-Sterne-Resort nicht leisten, nicht nachhaltig zu sein. Wie Matkovich und Co. versichern, kommen beim Bau des Golfkurses keine gefährdeten Pflanzen oder Tiere zu Schaden, darüber hinaus werden die übervollen Reservoirs der Berge für die Bewässerung genutzt. Im Resort wiederum verzichtet man mehr und mehr auf Papier und stellt den Kunden und Gästen sämtliche relevanten Informationen elektronisch, das heißt smartphonegerecht, zur Verfügung. Einzig für die Trinkwasserversorgung im Klubhaus und auf dem Green scheint man noch keine grüne Lösung parat zu haben – diese erfolgt nach wie vor mittels Plastikflaschen.

Von Briefmarken und Pferderennen

Wenn es eine Herausforderung gibt, die Mauritius in Zukunft noch zu bewältigen hat, dann ist dies die der Verkehrswege. Um vom internationalen Flughafen nach Bel Ombre zu gelangen, ist eine einstündige Taxifahrt durch Dörfer und Zuckerrohrfelder nötig, bis in die Hauptstadt St. Louis auf der anderen Seite der Insel benötigt man vom Hotel aus sogar eineinhalb Stunden. Zwar existiert eine Autobahn, aber wer kein Auto besitzt, ist auf Busse angewiesen. Besonders in St. Louis sind Staus an der Tagesordnung, ein Problem, das die Regierung immerhin durch den Ausbau einer Pendlerbahn, die das Zentrum mit den Vororten Beau Bassin und Rosehill verbindet, rasch in den Griff bekommen will.

Wie auch immer, die Reise nach St. Louis zahlt sich in jedem Fall aus, und das nicht nur wegen des "One Penny Museums", in dem die älteste und wertvollste Briefmarke der Welt, die "Blaue Mauritius", ausgestellt ist. Wie oft bekommt man schließlich schon einen originalen Martin-Behaim-Globus von 1492, wie er etwa im angeschlossenen Insel-Museum ausgestellt ist und auf dem Amerika fehlt, zu Gesicht? Und wer weiß schon, dass die Pferderennbahn von St. Louis – nach Ascot in England – die älteste ihrer Art weltweit ist und ebenfalls Besuchern (wie Wettjunkies) nach wie vor offensteht?

Königin Elisabeth II. dürfte dieses Detail bei ihrem ersten und bisher letzten Besuch 1972, als sie mit ihrer Yacht "Britannia" im Hafen von St. Louis ankerte, wohl nicht vorenthalten worden sein. Ihr Empfang auf Mauritius war damals jedenfalls einmalig, und dies, obwohl sie mit der Unabhängigkeit vier Jahre früher als Staatsoberhaupt abgelöst worden war. Sogar Jubelrufe auf Französisch – "Vive la reine!" – sollen gefallen sein. Aber so sind nun einmal die Mauritianer. Auf ihrer Insel ist jeder Gast König.