Normalerweise brummt der Verkehr auf mehreren Spuren über den Hauptboulevard Stefan el Mare si Sfat (Stefan der Große und Heilige). An diesem Wochenende ist die breite Straße im Herzen von Moldaus Hauptstadt Chisinau auf ein paar hundert Metern für Kraftfahrzeuge gesperrt.

Da, wo sich am Boulevard die orthodoxe Kathedrale und das Regierungsgebäude gegenüberstehen, wurden 67 Stände diverser Weingüter aneinandergereiht, auf den Fahrbahnen Holzpaletten zu Sitzgelegenheiten gestapelt. Das Land, in dem Rumänisch gesprochen wird, feiert sein nationales Weinfest.

Vielleicht nicht gerade jetzt, in Corona-Zeiten, aber sonst hat es schon Tradition. Wein ist eines der Haupterzeugnisse im agrarisch geprägten Moldau. Wer weiß schon, dass das kleine Land mehr Weinanbaufläche hat als Deutschland?

Reges Treiben am Weinfest – als es noch stattfand. - © Stefan May
Reges Treiben am Weinfest – als es noch stattfand. - © Stefan May

Hinter den Ständen der Weinerzeuger ziehen Rauchschwaden in die Höhe. Dort, im Park vor der Kathedrale, sind Grillbuden aufgestellt. Die Menschen sitzen an Holztischen und verzehren zum Wein salzige und süße Strudel, Placinte genannt. Auf Spießen drehen sich Koteletts, Hühner und Wachteln. Das Fest macht Hunger, auch darauf, mehr über den Wein zu erfahren.
Einer der größten Stände des Fests ist mit "Cricova" überschrieben. Zu diesem wenige Kilometer außerhalb von Chisinau gelegenen Weingut, dem wohl bekanntesten in Moldau, werden sogar organisierte Touren angeboten.

Wer aber das Land authentisch und nicht durch die getönten Scheiben eines klimatisierten Kleinbusses erleben möchte, der nimmt den klapprigen Linienbus, der über die Schnellstraße, altersschwach röchelnd, die Anhöhen vor der Stadt erklimmt. Am Ziel angelangt beweist sich, dass Erfolg hochmütig machen kann: "Cricova gibt keine Interviews", sagt die Dame an der Kasse des moldauischen Touristenziels Nummer eins kühl. Man könne im eleganten Kellerrestaurant daneben bis zur nächsten Führung warten. Dann werde gezeigt, wo hier die Weinvorräte von Hermann Göring oder Angela Merkel aufbewahrt werden.

Da die Freundlichkeit des Personals limitiert erscheint und der Preis für eine Kellerführung fast das 50fache eines Busfahrscheins ausmacht, empfiehlt es sich, den nächsten scheppernden Bus der Linie 2 zurück nach Chisinau zu nehmen.

Doch auch mit einem zweiten Weingut, dem angeblich sehenswertesten in Moldau, hat es einen Haken: Jenes von Milesti Mici, ebenfalls nicht weit von der Hauptstadt entfernt, hat es mit seinen 50 Kilometern an unterirdischen Weinkellern zwar ins Buch der Rekorde gebracht, allerdings werden dort Führungen nur im Pkw-Konvoi angeboten, weshalb man lediglich im Taxi, im eigenen Auto oder im Mietwagen teilnehmen kann.

Viele der Linienbusse in die Umgebung haben als Start und Ziel den riesigen Markt von Chisinau. Er verbirgt sich mit seinen Lebensmittel-Hallen und unzähligen Verkaufsständen unter Flugdächern im Inneren eines weiten Häuserblocks. Wohl nichts, was sich hier nicht finden lässt: Berge von Paradeisern, Ingwerknollen und Erdäpfeln stapeln sich in den Kisten der Gemüsebauern.

Zu beiden Seiten langer Gänge werden Suppenpulver, Zahnbürsten Reisekoffer, Schneidbretter und Reisigbesen angeboten.
In den Fleisch- und Fischhallen darf man nicht zimperlich sein. Bottiche und Aquarien sind mit Aalen und Karpfen vollgestopft, die dort verzweifelt Körper an Körper die letzten Schnapper ihres Lebens tun. Tierhälften hängen von Fleischerhaken, Hühnerleiber recken wie bei Wilhelm Busch ihre Beine himmelwärts. Nackte Hasen, denen an den Läufen das Fell nicht abgezogen wurde, wirken, als hätten sie Pelzstiefel an.

Vor dem Markt steht ein weißer Kleinbus neben dem anderen, es handelt sich um den zentralen Busbahnhof von Chisinau. Ein Überbleibsel aus früheren Zeiten in nahezu allen ehemaligen Sowjetstaaten: die Institution der Marschrutkas, Sammeltaxis, die losfahren, wenn sie voll sind. Hinter der Frontscheibe eines von ihnen wird "Orheiul Vechi" als Ziel angezeigt, eine der bedeutenden Fremdenverkehrsattraktionen des Landes. Auf die Frage nach einer Karte des Ortes entfaltet die Dame in Chisinaus Tourismusbüro einen Prospekt und bittet, den Plan mit dem Handy zu fotografieren. Der Fremdenverkehr in Moldau steckt noch in den Kinderschuhen.

Die Republik Moldau, einst Bessarabien und später sozialistische Sowjetrepublik Moldawien, ist eines der kaum bekannten Länder in Europa. Das mag jenen reizvoll erscheinen, die den Hot-Spots des Fremdenverkehrs ausweichen und die Ursprünglichkeit unbeachteter Regionen auf eigene Faust erforschen wollen. Nicht einmal zwei Flugstunden von Wien entfernt, ist es ein sicheres Land, fremd und doch vertraut, das landschaftliche und kulturelle Schätze bietet, die noch kein Touristen-Hype eingeholt hat.

Nach einer Stunde Fahrt von Chisinau im Kleinbus ist jene landschaftliche und kulturhistorische Besonderheit von Moldau erreicht, die sogar für das Unesco-Weltkulturerbe nominiert ist. Im Museum von Orheiul Vechi zählt die Führerin Nelly all die Sehenswürdigkeiten auf: "Wir haben ein Fundament der Zitadelle aus dem 15. Jahrhundert und drei öffentliche Bäder, die im 14. Jahrhundert von Tataren aus der Mongolei gebaut wurden. Sie haben eine Stadt errichtet, die sie Shehr al-Jahid genannt haben, in der Tradition einer Neustadt. Aus dem 14. Jahrhundert haben wir zwei Karawansereien und das Fundament einer Kirche und einer Moschee, die sich im Zentrum des Gebiets, im Vorgebirge von Orheiul Vechi, befinden."

Das alles ist unterschiedlich leicht zu finden, denn die Karawanserei und die archäologisch interessanten Fundamente befinden sich irgendwo in den Feldern von Bauern. Die bizarre Landschaftsform hat schon früh Menschen angelockt. Der Fluss Raut hat hier eine Doppelschlinge in Form eines Fragezeichens in die Landschaft gegraben, die nun so aussieht, als hätten sich zwei Landzungen von entgegengesetzten Seiten dem geraden Lauf des Wassers in den Weg geschoben. Die äußeren Ufer der Flussbiegungen sind steil abfallende Felsen, die der Landschaft etwas von einem natürlichen Amphitheater geben.

Das Innere der kleinen Felsenkapelle in Orheiul Vechi. - © Stefan May
Das Innere der kleinen Felsenkapelle in Orheiul Vechi. - © Stefan May

Das Felsenkloster befindet sich auf, oder besser in einer der beiden Landzungen. Wenige Meter unter einem Kirchlein auf dem Kamm führt ein kurzer Tunnel zu den Mönchszellen, die so niedrig sind, dass deren Bewohner sich stets in gebückter Gebetshaltung bewegen mussten. In einer kleinen, in den Fels gehauenen orthodoxen Kapelle riecht es nach Weihrauch, Ikonen hängen an den Wänden aus Stein, bleistiftdünne Kerzen stecken in mehreren Ständern. An der linken Seite führt eine Tür auf eine Steinterrasse, die senkrecht nach unten ins Flusstal abfällt.

Hat man das Kloster und die benachbarte Kirche hinter sich gelassen, hat man auch die paar Touristen hinter sich gelassen, die sich mit dem Aufstieg zum Kloster und dem Ausblick begnügen. Der Tag ist schön, ungestört kann man, auf dem Kamm der Landzunge die Abbruchkante entlang spazierend, eintauchen in ein Naturparadies. Nussbäume, Hagebuttensträucher, Maisfelder, Weingärten und Steinkruzifixe säumen den Weg. Falter flattern, ein Bauer überholt eilig mit seinem Pferdefuhrwerk. Und wer Glück hat, begegnet seltenen Vögeln.

Unten am Fluss Raut ragen die Grundmauern des Tatarenbades aus dem Gras, Reste der Zitadelle stehen ein Stück weiter beidseits der Straße. In den beiden Dörfern am Fluss lassen lediglich Hühner und Hunde von sich hören, ab und zu auch Gänse oder Enten, die ohne Eile zwischen den grün und blau gestrichenen Metalltoren der Bauernhöfe und bunten Brunnenhäuschen die unbefestigten Dorfstraßen entlang watscheln. Eine uns nicht mehr vertraute Ruhe liegt über Orheiul Vechi, das ein Bild vermittelt, wie es nicht viel anders bei uns auf dem Land vor vielen Jahrzehnten war.

Und da ist auch noch das Russisch sprechende Transnistrien, jener abtrünnige Teil Moldaus, der sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert als eigener Staat betrachtet. Es handelt sich um einen schmalen Streifen jenseits des Flusses Dnjestr, etwa so groß wie das Burgenland, aber mit fast doppelt so vielen Einwohnern. Hier ist die Schwerindustrie zuhause, hier arbeiteten zu Sowjetzeiten viele russische Techniker. Und schon vorher gehörte das Gebiet länger zu Russland als zu Moldau.

Die Kathedrale von Chisinau. - © Stefan May
Die Kathedrale von Chisinau. - © Stefan May

Eine verzwickte Situation, ein eingefrorener Konflikt, aber nicht vergleichbar etwa mit der Ostukraine. Denn so wie von den meisten Ländern dieser Welt wird Transnistrien auch von Russland nicht als eigenständiger Staat anerkannt. Was aber Russland nicht hindert, seit der blutigen Separation des Landstrichs 1992 dort "Friedenstruppen" stationiert zu halten.

An der breiten Hauptstraße der "Hauptstadt" Tiraspol wehen die Fahnen der nicht anerkannten Staaten, mit denen die Region sich verbündet hat, Berg Karabach etwa. Blumenkästen zieren die Gehsteige, alles wirkt sauberer, ordentlicher als in Chisinau. Dass man immer wieder überlebensgroßen Leninstatuen begegnet, ist eher als Folklore zu deuten. Denn nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben sich die Manager der Kombinate zu Politikern gewandelt und regieren das Ländchen seither als Oligarchen mit eiserner Hand. An seiner "Grenze" werden mit großem Ernst Pässe kontrolliert, in einer schlecht getarnten Mulde im Feld neben der Straße versteckt sich ein Panzer.

Da Moldau Transnistrien als Teil seines Staats versteht, gibt es keine Kontrollen auf dessen Seite. An diesem Ort, mitten im Irgendwo, ist eine der vielen Absonderlichkeiten dieser multikulturellen Region mit Händen zu greifen. Denn Transnistrier und Moldauer pflegen durchaus Kontakt, und der Transnistrien-Führer einer Reisegruppe stellt die Frage nach seiner Identität, wenn er sagt, er gehöre zur bulgarischen Minderheit im Rumänisch sprechenden Moldau – mit Russisch als Muttersprache.