Auf Regen folgt Sonnenschein – und vor beidem schützt ein Schirm. Nur dass es im Fall des Schirms ursprünglich andersherum war: Auf Sonnen- folgte erst Jahrhunderte später Regenschirm. Zuerst ging es bereits im Altertum, etwa in Ägypten, Persien, China, Indien, bei den alten Griechen und Römern, erst einmal darum, die Sonnenstrahlen fern- und den Status hochzuhalten. Das blieb auch so, als der Sonnenschirm vermutlich ab dem 17. Jahrhundert allmählich seinen Weg nach Frankreich und über die Köpfe der Damen der feinen Gesellschaft fand.

Aus dem Parasol wurde bald der Parapluie, um die edlen Häupter nicht nur vor angesengter Haut, sondern auch vor begossenen Pudelfrisuren zu schützen. So weit, so nachvollziehbar. Doch als der Regenschirm schließlich um 1750 mit dem Londoner Geschäftsmann Jonas Hanway nach England übersetzt, hagelt es zunächst überwiegend Spott und Hohn – ausgerechnet im verregneten England. Ja, sogar Kutscheraufstände soll es gegeben haben, weil die Pferdekutschenchauffeure ihre Monopolstellung für das trockene Navigieren der feinen Gesellschaft durch den Londoner Regen davon bedroht sahen. Dabei soll schon mal Müll in Hanways Richtung geflogen sein – da hat sich der Schirm wohl abermals rentiert.

Tobias Ott kann mit der Schirmmacher-Maschine so ziemlich alles von bohren bis fräsen. - © Christoph Liebentritt
Tobias Ott kann mit der Schirmmacher-Maschine so ziemlich alles von bohren bis fräsen. - © Christoph Liebentritt

Heute lacht niemand mehr über Regenschirme, man ärgert sich höchstens über sie, wenn man sie wieder einmal im Bus liegen gelassen hat, und auch die Fiaker haben wohl längst andere Sorgen. Der Schirm ist vom aufwendigen Statussymbol zum profanen Gebrauchsgegenstand deszendiert. "98 Prozent aller Schirme kommen heute aus China", sagt Tobias Ott. Ein Kreis, der sich geschlossen hat? Zu den übrigen zwei Prozent trägt unter anderem Ott selbst bei. Er ist Schirmmacher, und damit einer der letzten seiner Zunft.

Vier Stockwerke über dem dazugehörigen Geschäft in der Salzburger Getreidegasse, in einem ehemaligen Wehrturm, fertigt er seit gut acht Jahren die weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Kirchtag-Schirme an, die es wiederum bereits seit fast 120 Jahren gibt. Hier oben scheint die Zeit ein wenig still zu stehen oder zumindest keine große Rolle zu spielen.

Lässt man bei Kirchtag einen Schirm anfertigen, kann man aus etwa 30 verschiedenen Holzarten wählen. - © Christoph Liebentritt
Lässt man bei Kirchtag einen Schirm anfertigen, kann man aus etwa 30 verschiedenen Holzarten wählen. - © Christoph Liebentritt

Aus einem Regal in Otts Werkstatt lugen unzählige runde Schirmgriffe hervor. An die 30 verschiedene Holzarten hat man zur Auswahl. Bevor die Stöcke hier weiterverarbeitet werden, biegt sie ein Zulieferer erst einmal in Form. Dabei ist es wichtig, dass das Holz bei der Rundung nicht außen gestreckt, sondern innen gestaucht wird, sonst würde es reißen. "Das ist wie beim Zwiebelturm", sagt Ott. "Für die Außenrundung muss man die Holzschindeln vorher auch kochen und biegen."

Ursprünglich ist er nämlich gelernter Holzkaufmann und Dachdecker, mit Holzschindeln als Spezialgebiet. Zu den Schirmen brachte ihn die Suche nach einer Arbeit mit geringerem Unfallrisiko und ein bisschen Zufall. Sein künftiger Lehrherr Alois Kirchtag – der dritte in der Genealogie von schirmmachenden Aloisen – war ein entfernter Bekannter. "Vorher warst du Dachdecker, jetzt bist du Dachmacher", habe er zu ihm gesagt und damit Otts Wechsel unters Werkstattdach besiegelt. Tatsächlich sind die Berufe artverwandt; bricht man es aufs Wesentliche herunter, sind Schirme letztlich auch nichts anderes als kleine, tragbare Dächer.

Gerade hat Ott einen bestimmten Schirmstock aus dem Regal gezogen. Eine Auftragsarbeit, die in ein paar Tagen fertig sein muss. Stöcke wie dieser werden, wenn sie in der Werkstatt eintrudeln, erst einmal mit Leinöl eingelassen, am Stirnholz, also am Ende des geraden Stockteils, gewachst – das macht Senior-Chef Alois Kirchtag III. übrigens, indem er einen Pott mit Wachs auf den Herd stellt und das Stirnholz eintunkt – und anschließend für mindestens ein Jahr gelagert.

Ott spannt den Schirm- in einen Schraubstock ein und schleift ihn mit der Hand ab, bevor er ihn mit einem Orangen-Hartöl einlässt und später poliert. Dass Griff und gerader Stock, oder wie der Schirmmacher sagt, Schuss, aus einem durchgehenden Holzstück bestehen, ist eine Besonderheit der Kirchtag-Schirme, macht die Arbeit aber auch nicht unbedingt einfacher. Keine Schleifmaschine wäre klein genug, um Otts Hände zu ersetzen. Und das ist wahrscheinlich auch besser so. "Man muss genau hinschauen. Und hinhören!", erklärt Ott, während er den Holzgriff mit dem Schleifpapier umschmirgelt. "In der Schirmmacherei müssen wir besonders auf die Klänge achten."

Risse könne man hören, genauso wie man hören kann, ob man aus Versehen falsch gekörntes Schleifpapier verwendet.

 

Passende Ersatzteile und Werkzeuge sind rar, da muss man mitunter kreativ werden. - © Christoph Liebentritt
Passende Ersatzteile und Werkzeuge sind rar, da muss man mitunter kreativ werden. - © Christoph Liebentritt

Jetzt kommt die Schirmmachermaschine zum Einsatz, eine Art Eier legende Wollmilchsau der Holzarbeit. Früher wurde sie wie eine Nähmaschine mit einem Pedal betrieben, heute geht das elektronisch. Damit kann Ott etwa Schlitze in den Stock fräsen, die später Platz machen für die Federn des Schirms, er kann schneiden, polieren, bohren und mit einer Zapfenfräse die Spitze des Stocks millimetergenau in Form bringen, um ihr am Schluss die passgenaue Zwinge überzustülpen. Sitzt diese zu locker, kann man auch das wieder hören. "Schirm mit eingebauter Klingel", nennt das der Schirmmacher.

Als Ott gerade die Federschlitze fräst, hält er plötzlich inne. "Da habe ich jetzt etwas gehört", sagt er besorgt. Er nimmt den Stock in die Hand und dreht ihn kurz. Das Holz ist an einer Stelle gesprungen, der Stock damit leider unbrauchbar geworden. "Das ist der Albtraum eines jeden Schirm- und Stockmachers, dass ältere Menschen sich auf einen defekten Stock stützen und stürzen."

Schirmmacher sind meistens auch Stockmacher, auch bei Kirchtag.
Tobias Ott ist nebenbei noch Musiker. Er hat 13 Jahre lang klassisch-nordindische Musik studiert und macht neben indischer auch elektronische Musik. Wer sich wundert, was das mit dem Schirmmachen zu tun hat, hat nicht aufmerksam zugehört. Doch hier spielt nicht nur der Klang selbst eine überraschend große Rolle, die Schirme haben tatsächlich etwas von Instrumenten. Wortwörtlich. Die Federn, die den Schieber des Schirmgestells oben und unten fixieren, sind nämlich ursprünglich Klaviersaiten.

Ott nimmt eine Saite und biegt sie mit einer Zange und freier Hand zurecht. In einem Klavier würde man sie irgendwo im mittleren Register finden, in einem anderen Leben wäre sie vielleicht ein eingestrichenes C geworden. Und auch als Schirmfeder muss sie klingen, wenn man sie zupft. Tut sie das nicht, bedeutet das, dass sie am Holz anliegt, und das würde ihre Lebensdauer verringern. Tobias Ott macht also bei jedem Schirm die Hörprobe.
Bevor er die Federn einsetzen kann, muss er die dafür vorgesehenen, bereits gefrästen Schlitze aber noch ausstechen. Sonst würde das um sie herum zusammengestanzte Holz wieder aufquellen, wenn es feucht wird. Und Feuchtwerdenkönnen ist immerhin die Kernkompetenz eines jeden Regenschirms.

In der Näherei werden die Schirme mit Mailänder Stoff bezogen.   - © Christoph Liebentritt
In der Näherei werden die Schirme mit Mailänder Stoff bezogen.   - © Christoph Liebentritt

Das Werkzeug dafür hat Ott selbst gebastelt, wie so manches andere auch – Schirmmacher-Werkzeuge sucht man in den Baumärkten vergeblich. Wäre der Stock nicht defekt, würde er jetzt mit dem Schirmgestell eingekleidet werden, weiterwandern in die Näherei im nächsten Raum und dort mit einem der vielen hochwertigen Stoffe aus Mailand bezogen. Dabei gewährleistet die doppelte Kappnaht, dass die Stoffe dichthalten. Weil man dafür aber spezielle Nähfüße braucht, die auf modernen Nähmaschinen nicht mehr passen, greift man auch hier bewusst auf ältere Geräte zurück. Ist der Schirm bezogen, kehrt er wieder in die Gestell-Werkstatt zurück für die letzten Handgriffe.

Ott zeigt uns einen fertigen Schirm und weist uns auf die aufwendigen, kleinteiligen Näharbeiten hin. Sogar der Knopf für das Verschlussband aus Stoff ist handgedrechselt von der letzten Perlmutt-Manufaktur in Österreich.

Fünfeinhalb Stunden braucht es in etwa, um einen neuen Schirm anzufertigen, fünfeinhalb Stunden und ein Jahr, rechnet man die Lagerung der Stöcke mit.
Neben der Produktion hat man sich bei Kirchtag auch der Wiederherstellung verschrieben. "Wir reparieren alle Schirme. Wir haben den hippokratischen Eid geleistet", sagt Ott. Beim Reparieren lerne man mitunter am meisten über eine Materie, die nur mehr in den wissenden Händen einiger weniger liegt. Und was man als Ganzes nicht mehr gebrauchen kann, wandert in Einzelteilen ins Ersatzteillager. Auch da muss man mittlerweile kreativ werden. "Wenn ich irgendwo einen Schirm liegen sehe, nehme ich ihn mit. Wir sind auf die Ersatzteile angewiesen." Ott fragt auch ab und zu in Supermärkten nach verwaisten Schirmen oder übernimmt Bestände von aufgelassenen Schirmwerkstätten.

Tobias Ott zeigt uns einen alten Pilgerschirm.  - © Christoph Liebentritt
Tobias Ott zeigt uns einen alten Pilgerschirm.  - © Christoph Liebentritt

Doch die Corona-Krise hat auch hier ihre Spuren hinterlassen. Der internationale Tourismus, auf den man angewiesen sei, ist eingebrochen, und selbst deutsche und österreichische Touristen bleiben zurzeit aus. Mittlerweile gibt es zwar einen Online-Shop, aber damit kann sich Ott nicht so recht anfreunden. Am liebsten ist es ihm immer noch, wenn Kunden zu ihm in die Werkstatt hinaufkommen und sich die Komponenten ihres Schirms selbst aussuchen. "Bei manchen Schirmen weiß ich ganz genau, dass sie jetzt auf der Lower oder Upper Westside in New York herumlaufen, in Shanghai oder Hongkong." Momentan verirrt sich kaum ein Kunde hinauf in den ehemaligen Wehrturm, und wenn, dann ist das mit Schutzmasken und Abstand wohl auch nicht mit früher vergleichbar.

Nimmt man das Gestell ab, ist dieser historische Pilgerschirm Gehstock und Wassertrichter. - © Christoph Liebentritt
Nimmt man das Gestell ab, ist dieser historische Pilgerschirm Gehstock und Wassertrichter. - © Christoph Liebentritt

Dabei zahlt sich ein Besuch, wenn es wieder möglich ist, nicht nur zum Schirmkaufen aus. Die Manufaktur Kirchtag ist nämlich nebenher auch eine Art Museum. Immer wieder finden Leihgaben oder Spenden alter Schirme ihren Weg in die Getreidegasse, die Tobias Ott gerne herzeigt. Er holt einen schweren, alten Schirm mit verblichenem schwarzen Stoff aus einer weißen Kartonbox. Das Besondere an ihm ist, dass man das gesamte Schirmgestell abnehmen kann und ihn so einerseits als Gehstock, andererseits als Trichter zum Sammeln von Regenwasser verwenden kann – ein sogenannter Pilgerschirm. Wie alt er genau ist und woher er kommt, weiß man nicht.

 

Bei Kirchtag kann man neue Schirme kaufen – und historische bestaunen. - © Christoph Liebentritt
Bei Kirchtag kann man neue Schirme kaufen – und historische bestaunen. - © Christoph Liebentritt

"Es gibt da die Geschichte, dass der Bischof Arno zu Salzburg im Jahr 800 einen Schirm vom wichtigsten Berater von Karl dem Großen geschickt bekommen hat, mit den Worten: ‚Ich sende dir ein Schutzdach, damit es von deinem verehrungswürdigen Haupte den Regen abhalte‘", zwinkert Ott. Dass es sich bei diesem Pilgerschirm um den Schirm von Bischof Arno handelt, ist natürlich allein schon aufgrund der verwendeten Materialien äußerst unwahrscheinlich. Das Schreiben an den Salzburger Bischof gilt aber tatsächlich als erste schriftliche Erwähnung eines Regenschirms in Europa, lange bevor man Jonas Hanway in England für seinen verspottete.