Ein junger Mann, mitten im Leben stehend und eigentlich unerschrocken: Im Coronajahr war die Gewissheit, dass das Leben ganz grundsätzlich in Ordnung ist, für Max auf einmal verschwunden. "Ich kannte das bis dahin nicht. Ich habe irgendwann einfach gar nicht mehr schlafen können", sagt er. Die kontinuierliche Schlaflosigkeit schubste ihn schließlich in eine ausgewachsene Depression mit Angstzuständen und völliger Sinnkrise.

Max‘ erste Rettung aus dem unerträglichen Zustand: Eine Gewichtsdecke, deren neun Kilo ihn sanft beschwerten und nach Wochen erstmals wieder durchschlafen ließen. "Ich war am Anfang mehr als skeptisch, ob das überhaupt funktioniert, aber ich habe dann wirklich tief und fest geschlafen. Man fühlt sich geborgen und beschützt. Ich war völlig überrascht."

Für Martin Grunwald ist wohl weder das eine noch das andere besonders überraschend: Der experimentelle Psychologe ist einer der Pioniere der Haptikforschung im deutschsprachigen Raum. Wenige haben sich wissenschaftlich so intensiv damit beschäftigt, was wir auf welche Weise fühlen und warum das wichtig ist.

- © Kate Stone Matheson
© Kate Stone Matheson

Unser Tastsinn, sagt er, ist für uns so selbstverständlich, dass es der am meisten unterschätzte all unserer Sinne ist. Wir fühlen mit dem ganzen Körper und zu fühlen ist für unser Überleben wichtiger als zu sehen oder zu hören, so seine These. Der Tastsinn ist vor allem der einzige Sinn, der uns glaubhaft vermitteln kann, dass alles in Ordnung ist.

Die schwere Bettdecke, die Max den Schlaf zurückgeben konnte, ist für Grunwald eine typische Begrenzungserfahrung: "Das Begrenzungserleben ist eine lebensgeschichtlich sehr alte Empfindung: Unsere erste Begrenzung erleben wir im Mutterbauch, später erfahren wir Begrenzungen, wenn wir durch die Eltern gehalten und gepflegt werden. Einen nicht zu starken Begrenzungskontakt verwerten wir positiv, wir entspannen. Die biologischen Muster dahinter entstehen vor der Geburt, diese Muster sind allen Säugetieren gemein: Ob Mensch, Hund oder Katze, es ist immer dasselbe Prinzip."

Berühren ist beruhigen

Die biologischen Prozesse dieses Prinzips, das wir mit allen Säugetieren gemeinsam haben, werden seit vielen Jahren erforscht und sind immer noch erst zu einem Teil bekannt. So kann man die Wirkung von Berührung noch im innersten Inneren unseres Körpers nachweisen, indem man zum Beispiel Blutproben nimmt, Gehirnströme misst, Bilder des Gehirns mit sogenannter funktionaler Magnetresonanztomographie (fMRT) anfertigt und den Pulsschlag zählt. Die Signale des Kontakts werden über den Neurotransmitter Serotonin bis in den hintersten Körperwinkel geschleust. Man weiß, dass daraufhin die Muskulatur in den Wänden der Blutgefäße lockerlässt und der Blutdruck sinkt.

Die Hirnaktivität nimmt ab, wir können Gedanken loslassen, die Stresshormone Adrenalin und vor allem Cortisol werden abgebaut. Damit verschwinden auch Angstgefühle, Anspannung und Nervosität und die steigenden Pegel des "Bindungshormons" Oxytocin lassen wohlige Gefühle an ihre Stelle treten.

Wir fühlen uns geborgen oder zumindest wohl. Forschungen in diesem Bereich haben gezeigt, dass schon leichtes Handauflegen, etwa auf der Schulter, ganz unmittelbar Wohlbefinden auslöst, das auch noch längere Zeit nach der Berührung anhalten kann.

Berührungen im Alltag sind wichtig für zahllose Aspekte: Wer beim Lernen eine wohlwollende Hand auf der Schulter spürt, kann sich Neues besser merken; Kellner im Restaurant, die ihren Gästen kurz die Hand auf den Arm oder die Schulte legen, erhalten mehr Trinkgeld; überhaupt beurteilen wir soziale Situationen entsprechend dessen, was wir fühlen: Eine warme Tasse Tee in den Händen erwärmt uns auch für andere Personen, die wir wiederum weniger sympathisch finden, wenn wir beim ersten Kennenlernen ein Glas kaltes Wasser in Händen halten.

Wir berühren uns selbst viele hunderte Male am Tag, vor allem im Gesicht: So stellen wir messbar unser seelisches und geistiges Gleichgewicht wieder her, das offenbar ebenso viele hunderte Male am Tag aus der Balance gerät; Kinder und Erwachsene werden schneller gesund, wenn sie berührt werden, und Bettdecken können uns trösten. Aber warum sind uns diese Mechanismen überhaupt möglich? Wie entsteht unser Sensorium für Schutz und Geborgenheit?

"Wir denken uns nicht, wir fühlen uns."

Das Bemerkenswerte an unserem Tastsinnessystem und ein Umstand, der diesen umfänglichen Wahrnehmungs- und eigentlich auch Kommunikationsapparat von allen anderen Sinnen unterscheidet, ist: Wenn wir Begrenzungen, Berührungen erleben, beginnen wir erst, wir selbst zu werden. Unser Selbst ist aus dieser Perspektive das, was wir fühlen: "Wir denken uns ja nicht, wir fühlen uns", sagt Martin Grunwald erklärend.

- © SL
© SL

Schon wenige Wochen nach der Befruchtung der Eizelle existiert eine Körperoberfläche, die Berührungsreize wahrnehmen kann. Dieses Sensorium ist ausschlaggebend für die weitere Entwicklung: Die biochemischen und biomechanischen Interaktionen zwischen den einzelnen Zellen ermöglichen die richtige funktionale und räumliche Anordnung aller entstehenden Zellgruppen – für die einzelnen Organe, die Gliedmaßen, den ganzen Körper.

Der wenige Wochen alte Embryo reagiert bereits auf körperliche Stimulationen, erkennbar etwa an Ausweichbewegungen. Auch wenn zunächst nur die Lippenregion Berührung empfinden kann, so ist dieses taktile Empfinden bereits mit der Motorik verknüpft. Bis zur 14. Schwangerschaftswoche dauert es, dann sind alle Regionen des Körpers empfänglich für Berührungsreize. Ab der 17. Schwangerschaftswoche sorgt die feine Lanugo-Behaarung des Fötus dafür, dass die Bewegungen der Mutter über das Fruchtwasser für ihn spürbar werden. Diese speziellen Tasthärchen verschwinden vor der Geburt wieder.

Mit diesem taktilen Empfindungsvermögen am ganzen Körper ist auch der Grundstock für unser haptisches Sinnesvermögen gelegt: Der wachsende Embryo beginnt, sich selbst zu berühren und vergewissert sich so seiner Körpergrenzen und stimuliert überdies weiteres Zellwachstum.

Martin Grunwald geht davon aus, dass diese Selbstberührungen wie später beim erwachsenen Menschen dem Ausgleich von Stress dienen. Die Informationen, die so gewonnen werden, sind wichtig, um zu wissen, was eigentlich der eigene Körper ist, wo er anfängt und aufhört. So entsteht ein sowohl nach innen als auch nach außen gerichtetes Sensorium, das Tastsinnessystem.

Unsere anderen Sinne – auch unser Hören, Sehen, Riechen, Schmecken – könnten ohne die neuronalen Grundlagen, die das Tastsinnessystem gelegt hat, nicht entstehen. So gesehen ist dieser unser erster Sinn der Grundstein unseres gesamten Körperempfindens. Kinder, die als Säuglinge oder Kleinkinder ohne Berührung leben müssen oder zu wenig berührt und gehalten werden, können schwere neuronale Schädigungen davontragen.

Ein Grundbedürfnis: Nähe fühlen

In unserer vorgeburtlichen Zeit wird auch die Grundlage dafür gelegt, dass wir später die Abgeschlossenheit und Begrenzung einer Bettdecke, die wir uns womöglich um die Füße schlagen, unsere Bekleidung, eine Umarmung, den Druck einer Hand (in der Regel) als schützende und tröstende Nähe erleben.

Eine Voraussetzung dafür ist, dass wir – über unser Tastsinnessystem – gelernt haben, uns selbst von unserer Umwelt zu unterscheiden. In der Gebärmutter steht der Fötus nun in ständigem und unmittelbarem Kontakt mit seiner Umgebung. Der Uterus wirkt beständig physisch auf ihn ein, was, so schreibt Martin Grunwald in "Homo hapticus", eine "sehr ursprüngliche sensorische Erfahrung" hinterlässt. Es ist, so Grunwald, "das erste interne Konzept von Nähe".

Anders formuliert: Es ist dies die ursprüngliche und wahrscheinlich durch nichts zu übertreffende Erfahrung von Geborgenheit. Wesentlich bei dieser Erfahrung ist die Umschlossenheit des gesamten Körpers. Die Botschaft, die dieses Erleben speziell in den letzten Schwangerschaftsmonaten vermittelt, ist laut Grunwald: "Du bist nicht allein auf dieser Welt."

Die Erfahrung mit zu früh geborenen Kindern kann einen weiteren Hinweis geben, warum speziell das Gehaltenwerden und Umschlossensein tröstend sind: Frühchen empfinden ein sanftes Streicheln nicht als angenehm. Sie beruhigen sich, wenn sie gehalten werden oder auf nackter Haut liegen.

Für Max war die Gewichtsdecke die Rettung: "Ich hatte vorher auch eher gedacht, sowas braucht man nicht. Aber eine solche Decke vermittelt genau das Gefühl, gehalten oder umarmt zu werden. Der Stress verschwindet nicht, aber man wacht erholt auf und kann ihm besser begegnen."

- © Vadim Kaipow
© Vadim Kaipow

Diese Gewissheit, nicht allein zu sein – auch dann nicht, wenn man geboren wird oder aus dem Schlaf erwacht – ist existenziell für den Menschen. Sie ist überlebenswichtig. "Es sind biologische Prozesse, die sich nicht verändern, auch nicht, wenn wir vier Handys zu Hause haben und uns noch eins einnähen lassen. Körperliche Nähe ist ein Grundbedürfnis von frühester Kindheit bis wir sterben", so Grunwald.