Umberto ist manchmal Bergmann und meistens Lehrer oder auch umgekehrt. Tunca yatuncani, 19 Jahre alt ist er. Er spricht Spanisch mit mir und anderen Gringos, aber Aymara mit seinen indianischen Freunden im Bus zu den Minen, einen der vielen indigenen Dialekte der Anden.

Die frühere spanische Kolonie ist seit 1825 unabhängig, seit 1967 Republik und immer noch einer der ärmsten Staaten der Welt. Drei Viertel der Bevölkerung gelten als indianisch-stämmige Indigenas – Kindersterblichkeit acht Prozent, Analphabetenrate 15 Prozent, und außer Kokaanbau fehlen wirkliche Perspektiven.

Vor 150 Jahren war das anders, als die Weltmarktpreise noch stimmten und Bergbauzentren wie Potosi, auf 4.070 Metern die höchstgelegene Stadt der Welt, Lateinamerikas reichste Metropole war. Hunderttausende arbeiteten in den Silberminen des Cerro Rico, trugen den Bergriesen hunderte Höhenmeter ab und machten ihn äußerlich zu einer Megavariante des steirischen Erzbergs.

 

Viele Fassaden in Potosi spiegeln den ehemaligen Reichtum der Stadt wider. - © Günter Spreitzhofer
Viele Fassaden in Potosi spiegeln den ehemaligen Reichtum der Stadt wider. - © Günter Spreitzhofer

Die fein ziselierten Erker und Balkone der Bürgerhäuser erzählen die Geschichte einer großen Vergangenheit – das Casa Moneda, die königliche Münzerei, ist wohl immer noch Boliviens bestes Museum.

Umberto und hunderte andere schürfen weiter nach Zinn und Silber, oft nur wenig anders als vor hundert Jahren, und längst oft auf eigene Rechnung. Die Semana Santa, die Karwoche mit ihren bunten Umzügen und Fiestas am Osterwochenende, ist in der Unterwelt des Berges weit weg.

Auch Gringos können dabei sein, wenn sie ein paar Bolivianos, die heimische Währung, in eine Stange Dynamit und ein Säckchen Koka-Blätter als Geschenk für die Kumpel investieren: "Ohne Koka ist es da unten nicht durchzuhalten", sagt Umberto und kriecht munter in die bröselnde Dunkelheit am Fuß des Silberberges. Wir hinterher, solange die Taschenlampe noch Licht gibt. Es ist Palmsamstag und keine Spur von arbeitsfrei.

Bei 45 Grad Stollentemperatur hocken staubige Gesellen im trüben Schein von Karbidlampen und hämmern sich in den Bauch des Berges – das Jahr über, ein kurzes Leben lang, den 96prozentigen "Alcohol Potable" immer neben sich. Das ist der Alkohol, der gerade noch trinkbar ist.

El Tio, der lebensgroße Grubenpatron aus Stein und Lehm, sitzt in seiner Nische und ist heute ziemlich gnädig gestimmt, da ihm die Kumpel Geld scheine zugesteckt haben. Die Mutter Gottes daneben hat Plastikblumen bekommen. 90 Prozent der Elf-Millionen-Bevölkerung sind zwar katholisch, doch die indigenen Riten gehören immer dazu, sicher ist sicher.

Der Kokaexport sichert einem der ärmsten Länder der Welt längst das wirtschaftliche Überleben, seit die mineralischen Rohstoffpreise im Keller sind. Jeder Dritte lebt angeblich von dem grünen Kraut, das eine jährliche Wertschöpfung von über 800 Millionen Euro erbringen soll – offizielle Agrarstatistiken führen nur Quinoa, das neue alte Wunderkorn der Inkas, womit Bolivien den Weltmarkt beherrscht.

Gondeln durch La Paz

Sucre ist friedlicher und niedlicher als das raue Potosi, und eigentlich die Hauptstadt Boliviens. Doch nirgends fliegen die politischen Emotionen höher als in La Paz, wo gerade wieder einmal atemberaubende Ruhe herrscht, ganz im Sinne des spanischen Namens. Die Luft bleibt trotzdem weg, denn die 800.000 Einwohner der Stadt leben in einem Talkessel zwischen 3.600 und 4.000 Metern, überragt von den Vulkangletschern des Illimani, der sich bis auf fast 7.000 Meter aufbäumt.

Reges Treiben in La Paz  – die indigene Bevölkerung fällt besonders durch ihre bunte Kleidung und den charakteristischen schwarzen Hut auf. - © Günter Spreitzhofer
Reges Treiben in La Paz  – die indigene Bevölkerung fällt besonders durch ihre bunte Kleidung und den charakteristischen schwarzen Hut auf. - © Günter Spreitzhofer

Ein rotes Dächermeer zieht sich vom Flughafen El Alto viele hundert Höhenmeter hinunter in das koloniale Herz rund um den Plaza San Francisco und den Mercado de Hechiceria, den Hexenmarkt, wo Hühnerkrallen und Llama-Föten gegen allerlei böse Geister helfen sollen. Schaden kann das nicht, auch wenn die Osterprozessionen einen großen Bogen um das merkwürdige Sammelsurium machen.

Seit Gondellinien des Vorarlberger Seilbahnproduzenten Doppelmayr die Stadt durchziehen, ist das Weiterkommen jedenfalls leichter geworden. Das ursprünglich aus drei Linien, elf Stationen und einer Gesamtlänge von etwa 10,4 Kilometern bestehende Seilbahnnetz zwischen La Paz und El Alto war zum Jahresende 2014 fertiggestellt worden. Nur wenige Monate später - im Frühjahr 2015 - wurden die nächsten Vereinbarungen zum Ausbau des Seilbahnnetzes unterzeichnet, das im 1,8-Millionen-Einwohner-Ballungsraum von La Paz und El Alto-Viacha zur Verkehrsentlastung beiträgt. Anfang 2019 wurde das Netz auf zehn Seilbahnen beziehungsweise 33 Kilometer erweitert und täglich von 250.000 Passagieren genützt. Umberto würde wohl wieder einmal die Luft wegbleiben, bei so viel Ausblick von oben.

Bolivien ist so groß wie Spanien und Frankreich zusammen und keineswegs nur vulkanisches Bergland. Mehr als die Hälfte des einzigen Binnenstaates Südamerikas liegt östlich der Anden, unten im Amazonastiefland, wo so manche Zufahrtsstraße zu den Wildreservaten von Noel Kempff Mercado im Schlamm zu ersticken droht.

Eine Erosionsform des Altiplano. - © Günter Spreitzhofer
Eine Erosionsform des Altiplano. - © Günter Spreitzhofer

Oben im Altiplano, dem gewaltigen Hochplateau auf Höhe des Großglockners, spielen die Farben verrückt – von Graubraun ist alles möglich, je nach Jahreszeit und Windstärke. Von Wasser kann man meist nur träumen, das kommt bloß im Winter – und unwirklich blau taucht dann der Lago Titicaca auf, unweit von La Paz, einer der weltweit höchstgelegenen schiffbaren Seen von der Größe der Steiermark. Er bildet die Grenze zum nördlichen Nachbarn Peru. Auf der Isla del Sol, der Sonneninsel mitten im See, findet sich der legendäre Pumafelsen, dem der erste Inka-König entstiegen sein soll, doch mehr als mottenzerfressene Pumafelle in den Souvenirbuden des Dörfchens Copacapana am Südufer des Sees wird man kaum zu Gesicht bekommen.

Der Altiplano liebt’s deftig

Dafür gibt es Puras, straußenartige Laufvögel, die richtig große Ostereier geben würden, wenn man ihre Nester finden könnte. Von den Nestern der Kondore dagegen hält sich lieber fern, wer die nächsten Ostern noch erleben will. Lamas und Alpacas sind überall - bisweilen auch Vicunas, die gazellenartigen Verwandten der andinen Haustiere, die bunte Maschen am Schopf haben und manchmal auch kleine Klingeln.

Lama-Burger und Alpaca-Braten stehen am bolivianischen Speiseplan wie Cuy (Meerschweinchen) und Salchi Papas (geschnetzelte Wurst mit Pommes): "Fabuloso", wie Herr Alejandro bei einem großen Schluck Chicha (Maisbier) wohlwollend befindet, der gerade das lokale Tischfußballturnier von Copacabana gewonnen hat, das am Marktplatz ausgetragen wurde, Open Air natürlich. Kein Osterwunder, denn der Mann trägt das Trikot von Lionel Messi und sieht auch fast so aus, vom Bauchansatz abgesehen. Es muss ja nicht überall Osterschinken sein, der dazu verzehrt wird - ein deftiges Pollo con arroz (Hühnerkeule mit Reis) kann nicht schaden, und mit der Fleischweihe nehmen es nicht alle sehr genau. Mit dem Feiern schon.

 

Charakteristisches Knuddelgesicht mit feuchter Aussprache – Lamas sind in Bolivien keine Seltenheit. - © Ralf Hettler / Getty
Charakteristisches Knuddelgesicht mit feuchter Aussprache – Lamas sind in Bolivien keine Seltenheit. - © Ralf Hettler / Getty

Uyuni, im Dreiländereck zu Chile und Argentinien, ist noch trockener, mit blauem Himmel über die ganzen Sommermonate. Das Städtchen liegt im Nirgendwo des Altiplano, und jeder zweite kennt einen dritten, der zufällig morgen durch die Salzwüsten nach Chile fahren will und noch ein paar Plätze frei hat. Ohne Allrad geht hier ohnedies nichts mehr und zu Fuß schon gar nicht: Kolonnen staubgelber Dampfloks verwittern auf dem Cementerio de Trenes, dem nationalen Eisenbahnfriedhof am Rande der Stadt, wo die Wüstenwinde die schwarzen Ungetüme seit Jahrzehnten versanden lassen.

Auf den Salzsteppen rundum gleißen Salzkrusten, tausendjährige Riesenkakteen stehen auf der Isla de Pescadores inmitten der Salares, unendlichen weißen Weiten, wo findige Indigenas ein Salzblockhotel mit Salzwasserpool errichtet haben, was sonst.

Rote Flamingos tummeln sich an der Laguna Colorada, dahinter verbergen sich vergessene Inkagräber im Korallenfels. Dazu brodeln Schlammlöcher in den ersten Sonnenstrahlen am Geysirfeld des Sol de Manana, wo die Schöpfung nie vergangen scheint. Es ist kühl im Altiplano, und auch die Flamingos staksen morgens auf einer dünnen Eisschicht. Es ist Ostermontag und immer noch kein Hase in Sicht. Zumindest ein Becher dampfender Mate de Coca (Kokablatttee) muss erlaubt sein. Feliz Pascuas, frohe Ostern.