Julia ist 14 und hat für sich beschlossen: Tiere will sie in Zukunft nicht mehr essen. Denn Julia hat vom Tierleid erfahren, das es in der Massentierhaltung gibt, und dabei ist ihr der Appetit vergangen. Also hat sie sich kurzerhand entschieden, nur mehr vegetarisch zu essen.

Ihre Familie respektiert ihren Wunsch, und so gibt es eben immer verschiedene Gerichte – einmal für die Karnivoren, einmal für die Vegetarierin. Beim Sonntagsschnitzel landen auf Julias Teller zwei schnitzelähnliche, panierte Laberl aus Sojaproteinen, manchmal auch auf Erbsenbasis. Julia sagt, es schmeckt. Gibt es Spaghetti Bolognese, dann wird für Julia in einem eigenen kleinen Schmortopf, in dem sich statt Faschiertem ein in Suppe getränktes und ausgewundenes Soja-Granulat befindet, das vom Biss her dem Fleisch am nächsten kommt, ein veganes Sugo zubereitet.

Julia kennt bereits die unterschiedlichen Fabrikate in den Reformhäusern und Bio-Läden und weiß, welches am besten schmeckt. Und auch, wenn ihre kleine Schwester Hannah beim Mittagessen auf kleine Bratwürstel besteht, gibt es für Julia Ersatz: Die Würstel aus Kräuterseitlingen sind vom Geschmack ganz ähnlich jenen, die bei Hannah auf dem Teller landen. Julia liebt sie. Auch beim Frühstück will Julia nicht gänzlich auf das Gefühl verzichten, Fleisch zu essen. Die Extrawurst ohne Fleisch gibt es inzwischen in jedem Supermarkt, auch in der Version "Pikantwurst".

Überhaupt: Vegane Fleischersatzprodukte boomen – Jahr für Jahr kommen mehr davon auf den Markt. Früher nur in spezialisierten Geschäften erhältlich, haben Soja-Fleisch und Schwammerl-Würstl inzwischen auch die Diskonter Lidl, Hofer & Co. erreicht. Dort werden die Regalplätze für solche Nahrung immer breiter.

Der Trend mag ehrbar sein, denn der Fleischkonsum ist in der EU seit Jahrzehnten zu hoch. Die Folgen sind Krankheiten, vom Bluthochdruck bis zur Fettleibigkeit, das maßlose Konsumieren von Fleisch bildet sich in den Krankenakten der Nationen ab. Zugleich steigt das Bewusstsein für entweder: teureres Fleisch, das dafür seltener und in geringeren Mengen konsumiert wird, oder: fleischlose Ernährung, bei der die Beliebtheit daran abzulesen ist, wieviele vegetarische und vegane Kochbücher es inzwischen im Buchhandel gibt.

Ganz verzichten auf das Gefühl, Fleisch zu essen, wollen viele Menschen aber nicht, und greifen, genau wie Julia, eben zu Fleischersatzprodukten. Das Problem bei dieser Lebensmittelgattung: Es handelt sich dabei um die am stärksten verarbeiteten Lebensmittel auf dem Markt. Wer glaubt, eine Tiefkühlpizza enthalte jede Menge Ungesundes an Zusatzstoffen, der sollte einmal die Zutatenliste der Veggie-Produkte studieren.

Wer so ein Veggie-Schnitzel oder vegane Nuggets kauft, der kauft auch jede Menge Zusatzstoffe dazu. Zunächst kommt zum Beispiel bei Sojamehl, aber auch bei Erbsenproteinen, der Prozess der Extrusion zum Einsatz. Dabei treibt man den Rohstoff durch zwei gegenläufige Schnecken, um mit Druck, Wärme und Wasser eine Teigmasse herzustellen, die am Ende die Konsistenz von Fleisch hat. Das Bissgefühl ist jenes, das Julia vermissen würde, hätte sie die veganen Schnitzel nicht.

Doch vom Mundgefühl alleine entsteht noch kein Geschmack: Der muss erst künstlich hinzugefügt werden, mit allerlei Aromastoffen natürlichen und künstlichen Ursprungs, mit künstlichen Farbstoffen und Geschmacksverstärkern. Mit Fleisch lässt sich dieses Kunstprodukt nicht vergleichen, auch wenn die Würzung stimmt: So viel Einsatz von Chemie und so viele Behandlungsschritte gibt es nämlich nicht einmal bei der kommerziellsten und konventionellsten Massentierhaltung. Die Faustregel: Je höher der Verarbeitungsgrad eines Lebensmittels ist, desto mehr Zutaten und Zusatzstoffe kommen zum Einsatz.

Vegetarisch und vegan zu essen, das ist aber nicht ungesund, sofern pflanzliche Nahrungsmittel konsumiert werden, die ohne viele Zusatzstoffe auskommen; worum es geht, und das bestätigt auch die Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE): "Wenn sich jemand vegan ernährt und ersetzt das Fleisch durch hoch verarbeitete Fleischersatzprodukte, landet er damit nicht unbedingt bei einer ausgewogenen, vollwertigen veganen Ernährung." Es komme darauf an, wie oft man solche Produkte konsumiere, so die DGE. Wer ganz auf Fleisch verzichte, der verzichte zwar auf Cholesterin (und Tierleid), aber eben auch auf das wichtige Vitamin B12. Überzeugte Veganer kämen daher um eine gezielte Nahrungsergänzung in Form von Nährstoffpräparaten kaum herum.

Die Industrie hat jedenfalls den Braten gerochen und produziert munter drauf los. Neben veganen Fischstäbchen, die Julia übrigens gar nicht schmecken, sind derzeit etwa Veggie-Putenschnitzel der Renner. Sie bestehen vor allem aus Soja, Pflanzenstärke und Zucker. Auch im Trend: Veggie-Hühnerschenkel oder Hühnerbrust, bereits gewürzt und zum Braten geeignet. Klar, dass es inzwischen auch tierlose Scampi oder vegetarischen Kaviar gibt. Und auch Käse mit Null Prozent Milch, dafür mit pflanzlichen Ölen und Fetten, Kartoffelstärke, Reismehl und jeder Menge von Zusatzstoffen. Auch ein Fleischsalat aus Tofu und vegetarische Schinken-Röllchen sind der Hit.

Julia isst angesichts dieser Vielfalt aber auch ganz gerne einfach mal ein Käsebrot. Mit echtem Käse und echtem Brot. Zumal ihr bei der Durchsicht der Zusatzstoffe schnell der Appetit vergeht: Oftmals kommen Stoffe wie beispielsweise Xanthan zum Einsatz, hergestellt aus den Ausscheidungen von Bakterien. Es ist dafür da, als Stabilisator viele Veggie-Lebensmittel zusammenzuhalten. Carrageen, das in den veganen Würsteln steckt, steht im Verdacht, Darm- und Zuckerkrankheiten zu fördern. Phosphate, bekannt aus der Tierindustrie, stecken auch in Veggie-Speisen, etwa in Sojamilch, veganen Schnitzeln und Nuggets. Langzeiteffekte vieler verschiedener Zusatzstoffe sind noch nicht gut genug erforscht, aber der Verdacht besteht, dass Sojaprodukte und Fleischersatz unter anderem Demenz, Alzheimer und Brustkrebs fördern könnten.

Heute ist Sonntag. Julias Papa hat gerade einen Schweinsschopf mit Knoblauch eingerieben, rundum angebraten und ihn in den Ofen geschoben. In zwei Stunden wird er als Schweinsbraten duftend auf dem Teller landen. Julia sagt: "Es riecht so gut." Sie denkt sich den Braten zu ihren Gummiknödeln und dem Sauerkraut einfach dazu. Geht auch.