Avignon, die Stadt der Päpste, ging immer schon eigene Wege. Umgeben vom Rund der mächtigen Stadtmauern, die Papst Innozenz VI. Mitte des 14. Jahrhunderts erbauen ließ, lebten die Bewohner von der großen Welt abgeschlossen. Man errichtete prachtvolle Residenzen und egal, ob Papst oder Handwerker – man genoss das Leben in vollen Zügen.
Die Päpste leben schon lange nicht mehr in dem Riesenpalast. In seinem Inneren herrschen beeindruckende Leere und eine Form von Lebensabwehr, Kälte. Man bekommt eine Ahnung von dem Größenwahn der Päpste, die hier residierten. Die hohen Steinmauern ragen in den Himmel, grau, teilweise roh und unbehauen. Alles ist Macht, Größe. Die Häuser, Paläste und Kirchen rundum passten sich dem päpstlich-strengen Stil an. Zwischen all den aufeinandergeschichteten Steinen wirkt der Mensch klein.

Abgeschirmt

Umgeben von einer Wehrmauer bildet die Altstadt eine eigene Welt, die die Avignonnais gegen die Außenwelt abschirmt. Manche verlassen über Wochen nicht diesen Hort der Geborgenheit. Es tritt eine Art "Venedigeffekt" ein, dem auch der Besucher bald unterliegt. Er verliert sich gern in den gewundenen Gassen und findet sich zum Beispiel auf der "Place du Cloître Saint Pierre" wieder, die (im Französischen ist es eben die Platz und nicht der Platz) zu den schönsten der Stadt zählt. Abends sind die leeren Fensternischen, die zugemauerten Torbögen und die Mauer, die unmotiviert im Nichts endet, diskret beleuchtet. Sie lassen etwas von der wilden, ungezähmten Architektur ahnen, die unvollendet umso stärker wirkt. Die trockenen Blätter der Platanen rauschen im Wind, der die Regenwolken vertreibt. In dem Bistro mit dem passenden Namen "Le Coin Caché" (Die verborgene Ecke) sitzt man lange bei einem Glas Wein. Ruhig ist es in Avignons Altstadt, weil Corona die vielen Theater, Tanz- und Kinosäle geschlossen hat. Wo sonst Kulturtrubel und Jubel herrschen, ist eine gewisse Nachdenklichkeit, Langsamkeit eingezogen.

Verspielt

Aber die Avignonnais haben ein spezielles Talent entwickelt. Auch ohne Festival spielen sie ihre eigenen Spiele. In den Gassen, auf den kleinen, mit Platanen beschatteten Plätzen führen sie eine Art Straßentheater en miniature auf. Gut zu beobachten ist das in der Rue des Teinturiers (Färbergasse).

Die Färbergasse, Rue des Teinturiers. - © 7horses / StockAdobe
Die Färbergasse, Rue des Teinturiers. - © 7horses / StockAdobe

Im Spätmittelalter siedelten sich hier die Färber an, weil das Flüsschen Sorgue das nötige Wasser lieferte. Der alte Glockenturm der Seildreher, die Steinbrücken über die Sorgue und die alten Mauern des Klosters der "Penitents Gris" (graue Büßer) geben der Gasse einen ländlichen Anstrich. Als wäre sie direkt aus einem mittelalterlichen Bild heraus in die heutige Zeit gebeamt worden. Wer hier wohnt, weiß, wie er sich zu kleiden hat und welche Rolle er auf der Gasse spielt. Die meisten tendieren zur Verkörperung skurriler Künstlertypen. Der Mann mit den langen, weißen Haaren und dem Togagewand gehört zum Spielinventar. Er verteilt Schnittlauchtöpfchen. Ebenso auf dem täglichen Spielplan erscheint die Schneiderin. Ihr Outfit ist an diesem Tag militant: Rock im Tarnlook, Radfahrkette um den Hals und die Taille. Zum Standartrepertoire gehören die weiße Schäferhündin "Joy", die alle Menschen liebt und Motorräder fürchtet, und die schüchterne Hündin Lilly, die, versteckt unter dem Sessel, fasziniert das Straßengeschehen verfolgt.

Handwerk - traditionell und modern

Weil in dieser Gasse das unverstellte Leben der Avignonnais abläuft, hat die Künstlerin Veronique Dominici hier ihren Laden "Atelier des curiositées" eröffnet. Wer darin stöbert, vergisst die Zeit. Das überbordende Sammelsurium an Skulpturen, Bildern und alten Büchern verwirrt. Immer wieder kreiert sie Köpfe von Frauen, die sie faszinieren, wie zum Beispiel Edith Piaf. Über ihrem Gesicht liegt der Todeshauch, die Traurigkeit, die diese Sängerin in ihren Liedern ausstrahlt. Ihren eigenen Kopf dekoriert sie mit riesigen Augengläsern und roten Haaren. Zu ihren Lieblingstierskulpturen zählen die Hasenzwillinge, ein Symbol für die Doppelpersönlichkeit des Menschen. Jedem Werk wohnt eine verborgene Nachricht über das Leben mit all seinen traurigen und komischen Momenten inne.

Die Coronakrise bringt auch einige positive Veränderungen. "Ante Coronam" waren Kunsthandwerksprodukte eine vom Massentourismus wenig beachtete Ware. Zu teuer, man kaufte schnell im Vorbeigehen um wenige Euro in einem Souvenirladen billige, chinesische, wertlose Ware. Post Coronam ändert sich das Kauf- und Reiseverhalten so mancher Touristen. Man darf hoffen, dass in Zukunft bewusster gereist und selektiver gekauft wird. Mit mehr Bewusstsein für den Wert des handgefertigten Gegenstandes und einem geübten Blick der Differenzierung zwischen Wert und Ramsch.
In Avignon musste nicht erst Corona den Massentourismus, den es nicht wirklich gab, und den Konsum von Billigsouvenirs, der auch kaum produziert wurde, lahmlegen. Schon seit vielen Jahren fördert die Stadt jegliche Art von Kunsthandwerk. Als gemeinsame Plattform für die zahlreichen Kunsthandwerker wurde die "Réunion des fabricateurs" (Vereinigung der Handwerker im weitesten Sinn) gegründet. Überall in der Stadt hängen Straßenpläne, wo die nächstgelegenen Geschäfte zu finden sind. Dazu gehören Galerien, Läden mit lokaler Mode, Möbelgeschäfte, aber auch Bistros mit regionalen Menüs, also Kunst-Handwerk im engsten und weitesten Sinn.

Die Schokoladenlady

In der ganzen Stadt bekannt ist Aline Géhants Schokoladengeschäft "Chocolatier". Als sie die Liebe zur Schokolade und der Patisserie entdeckte, gab sie ihr Jusstudium auf und eröffnete nach der Lehrzeit in Nîmes und Paris sofort ihren kleinen Laden in Avignon. Sie liebt die Stadt und die Avignonnais lieben ihre Schokolade. "Die Schokolade ist ein kapriziöses Material, man muss sie zähmen und ihr immer misstrauen!" Der Schokolademasse fügt sie je nach Jahreszeit Lavendel, Thymian, Minze, Wildblumen, Anis, Honig und verschiedene frische Früchte hinzu. Da ihre Produkte keine Butter enthalten, bleibt der Geschmack viel länger im Mund erhalten, meint Aline Géhant. Vielleicht ist das auch das Geheimnis, warum Aline so schlank geblieben ist, obwohl sie schon zum Frühstück die ersten Pralinen genießt. Am Ende des Tages kommt sie auf ungefähr 15 bis 20 Stück, gesteht sie. Man glaubt ihr, wenn sie sagt: "Schokolade macht mich glücklich, Tag für Tag."

Der Mann des Wohlklangs

Auch Loic Muller behauptet, ein glückliches Leben zu führen. Weil er das macht, was er sich seit seiner Jugend wünschte: seine eigene Gitarre zu bauen. Nach einer zweijährigen Tischlerlehre wagte er sich zu dem berühmten Geigenbauer Jean Jacques Pagés, wo er aber nur Geigen baute. Erst viel später entschloss er sich, ohne Lehrer Gitarren zu bauen. Inzwischen hat er sich zum Fachmann entwickelt, weiß, welches Holz wie klingt. Er verwendet gut abgelegene Fichte für den Oberbau und Palisander oder Nuss für den Körper. "Eine handgemachte Gitarre hat natürlich ihren Preis, dafür aber hält sie ein Leben lang", sagt Luc mit stolzer Bescheidenheit.

Zerbrechlich

Ganz in der Nähe des Papstpalastes, in einem versteckten Durchgang, arbeitet Stéphanie Lebreton. Sie führt den Titel "maître de verrier" – Glasmeisterin. In ihren Glasarbeiten (Spiegel, Vasen, Trennwände und mehr) merkt man ihre Liebe zum Stoffdesign. "Ich transkribiere das von mir entworfene Stoffdesign auf das Glas, wodurch jedes Werkstück eine sehr feminine Note bekommt." Ihr Repertoire umfasst kleine Arbeiten, wie Tischglocken, Vasen oder Spiegel bis hin zu großen Wandverglasungen für Hotels. Eine ihrer letzten Arbeiten war der Kopf Julius Cäsars für das Museum in Arles. "Ich versuche das Material wie einen Stoff oder eine Leinwand zu bearbeiten und arbeite gerne Gedichte, Blätter oder auch blinde Flecken ein. So wird aus dem an sich toten Material ein lebendiges Bild."