Während in urbanen Gegenden jedes Beton-Fitzelchen mit Guerilla Gardening begrünt werden will, sieht es in anderen Regionen ganz anders aus. Plastikfarne zwischen Steinhaufen. Thujen im Geröllhügel. Vorgärten, die barocke Muster nachzeichnen – aber nicht etwa mit ausgeklügelten Formgehölzen, sondern aus Schotter. Dieses Gartengestaltungsphänomen wird seit einigen Jahren von Ulf Soltau mit seiner Facebook-Seite "Gärten des Grauens" satirisch begleitet. Dort postet er seit 2017 Fotos von trostlosen Vorgärten und versieht sie mit spitzzüngigen Bildbeschreibungen. Das kann kurz und trocken sein, wie der Text zu einem Haus hinter einem bedrohlich-dunkelgrauen Schotterhang ("Wege aus der Artenvielfalt"), oder gleich eine ganze Geschichte erzählen, wie bei dem Bild eines Plastikbaums im Kiesbeet: "Vom vegetabilen Plastik-Interieur auf dem Cruiser ihrer letzten Kreuzfahrt hoch entzückt, versucht Kerstin D. seither eine ähnlich pflegeleichte Gestaltung auch im heimischen Vorgarten umzusetzen. Zwei knuffige Nippesfiguren mit Schaufel und Gießkanne kümmern sich fürderhin aufopferungsvoll um die neue Polyethylen-Trauerweide, die laut Bedienungsanleitung garantiert nicht schmutzt. Schöne neue Gartenwelt."

Dokumentierte Scheußlichkeit

Seit diesem Frühjahr gibt es bereits das zweite Buch von den "Gärten des Grauens", das sich dem Phänomen Schottergarten widmet. Hinter dem Humor steckt ein ernster ökologischer Hintergrund: "Es gibt eine Studie, laut der sind bereits 50 Prozent aller deutschen Vorgärten geschottert. Die ist allerdings drei bis vier Jahre alt und wenn man weiß, dass die Umsatzsteigerung in der Branche bei 20 Prozent liegt, kann man sich ungefähr ausrechnen, wie viele Tonnen Schotter schon in deutschen Vorgärten liegen. Das ist ein Riesenmarkt! Im Prinzip ist das ein Abfallprodukt der Bergbauindustrie, das musste früher teuer deponiert werden. Und jetzt wird das als ,mediterraner Garten‘ um ein Heidengeld verkauft. Eigentlich ein Geniestreich von diesen Bergbaufirmen. Den Ramsch verkaufen ja bundesweit dieselben Anbieter, dieselben Baumärkte, das ist Konfektionsware, und so sehen die Gärten irgendwann alle gleich aus."

Einfallslosigkeit kann man freilich Schottergartengestaltern auch nicht immer ankreiden. "Viele versuchen sich ja schon kreativ damit auseinanderzusetzen, indem sie Schottermosaike legen oder irgendwelche Sachen reinstellen." Genau, Schwäne, die sie aus alten Autoreifen basteln zum Beispiel. Auch gern gesehen: der Fake-Bach aus blauem Kunststoff-Granulat – ganz Passionierte bauen da noch eine Brücke drüber.

Handelt es sich denn um ein rein deutsches Phänomen? "Nein, ich bekomme auch viele Foto-Einsendungen aus der Schweiz und aus Österreich. In Deutschland interessanterweise mehr aus dem Westen." In Städten sind die Geröllgärten wenig verbreitet, in den Speckgürteln schon mehr, erzählt Soltau: ",Und richtig schlimm wird’s auf dem Land, das kann einen schon wundern, da ziehen die Leute ins Grüne und machen das Grün weg."

Während Krombacher-Trinker Werner B. an seinem zweiten Hektar Regenwald arbeitet, ersäuft sich seine Gattin Gertrude geduldig einen entzückenden Glasbruch-Garten aus türkisblauen Bombay-Sapphire-London-Dry-Gin-Flaschen. - © Tobias Gronemann
Während Krombacher-Trinker Werner B. an seinem zweiten Hektar Regenwald arbeitet, ersäuft sich seine Gattin Gertrude geduldig einen entzückenden Glasbruch-Garten aus türkisblauen Bombay-Sapphire-London-Dry-Gin-Flaschen. - © Tobias Gronemann

Denn frisches Grün stört das satte Grau der Steine nur. Gut, manche Vegetation darf sich doch auf die Geröllhalde verirren. Neben dem Kunststofffarn darf es auch einmal eine verdorrte Yuccapalme sein oder, sehr beliebt, das von Soltau liebevoll "Pömpelthuje" getaufte Gehölz im Design eines Klobesens. "Der Witz ist ja: Die Leute glauben, das ist pflegeleicht, das ist es ja gar nicht, die Dinger müssen ja auch geschnitten werden, dann liegt das Schnittgut zwischen dem Schotter, das muss man dann wieder raussaugen. Nicht lachen! Da hab ich wirklich ein Foto gekriegt von einer Frau mit Staubsauger im Schottergarten!"

Das Gfrett mit dem Unkraut

Das Grün, das aber auf gar keinen Fall im Schottergarten zu finden sein darf, ist Unkraut. Um zu verhindern, dass ein Grashälmchen oder, Gott bewahre, eine ausgewachsene Mohnblume zwischen den Steinen hervorlugt, wird unter dem Schotter eine Folie ausgelegt. "Deshalb nenne ich diese Gärten auch gern generationsübergreifend asozial: Das muss ja auch irgendwann rückgebaut werden, spätestens wenn man das Haus verkauft oder vererbt und die Kinder wollen einen richtigen Garten. Da muss der Nachfolger dann erstmal richtig Geld in die Hand nehmen. Der Schotter, die Folie, die anhaftende Erde, das muss alles raus, das trennt keine Firma, das recycelt niemand. Das gilt als Baumischabfall und kostet pro Tonne 300 Euro Entsorgungskosten. Und eine Tonne ist nix! Man hinterlässt seinen Kindern wirklich nur ein Schlachtfeld seines Kampfes gegen die Natur."

Soltau verleiht auch den "Terror Gardening Award" an Gemeinden, aus denen er besonders viele Gärten des Grauens zugesendet bekommt. Mit diesem Schmähpreis hat er nun schon öfters erreicht, dass solche Kommunen ein Verbot von Schottergärten dezidiert in den Bauordnungen erwähnen. Nötig wäre das tatsächlich gar nicht, da solche Gärten eigentlich ohnehin verboten sind: "Ich bin einmal alle Landesbauordnungen durchgegangen. In allen steht, die Außenfläche ist zu begrünen oder zu bepflanzen."

Dazu kommt, dass im Sinne des Schotter-Ordnungswahns auch zu chemischen Hilfen gegriffen wird: "Es ist ja Geschmackssache, ob jemand seinen Garten unkrautfrei haben will. Aber dass Privatleute Pflanzenschutzmittel – das ist ja auch so ein Euphemismus, die sollten Pflanzenvernichtungsmittel heißen – kaufen können, da bin ich strikt dagegen. Das sollte untersagt werden. 150 Tonnen Glyphosat werden in deutschen Privatgärten verbraucht. Das muss nicht sein, wir haben ohnehin schon ein extremes Insektensterben. Die Zahlen sind apokalyptisch. Das machen sich die Leute immer nicht so bewusst. Wir haben in den letzten 30 Jahren 80 Prozent der Insekten verloren. Das bedeutet in Folge: Die Vögel bleiben aus, der Frühling wird still, der Igel stirbt aus."

Steinerne Nachteile

Geschmackssache mag auch sein, dass einem Steinhaufen besser gefallen als Blumenwiesen. Aber Schottergärten haben noch mehr Nachteile als ihre Optik. Nicht nur liegt die luftreinigende Kapazität von Kiesel weit unter der von Pflanzen. Mit der steigenden Klimaerwärmung sind solche Steinwüsten "total kontraproduktiv. Wir brauchen im Gegenteil grüne Inseln, die Transpirationskühle erzeugen. Wenn auf eine Schotterfläche den ganzen Tag die Sonne draufscheint, kann sich das auf 60 bis 70 Grad aufheizen. Und die Steine speichern die Wärme, die geben die auch in der Nacht ab, selbst dann kommt es also zu keiner Abkühlung."

Das Argument, dass Schottergärten wenig bis kein Wasser verbrauchen, lässt Soltau nicht gelten: "Ich hab selber einen Kleingarten in Berlin, ich gieße prinzipiell nie, und die letzten zwei Jahre war ja wirklich Dürre – das hat alles wunderbar überlebt. Wenn man die Pflanzen nicht so verhätschelt, dann bilden die auch Wurzeln, die tief genug sind, dass die auch Trockenphasen überstehen. Das Sortiment an Präriepflanzen, Steppenpflanzen wird immer breiter, mediterrane Kräuter gehen gut, Sedum-Arten. Wir brauchen mehr Grünflächen, die nicht gegossen werden müssen. Auch Grünflächen haben das Recht, mal braun zu werden."

Auch die Psyche spürt die Folgen der Versteinerung: "Es gibt Studien, dass der Mangel an Grün in der Kindheit im Erwachsenenalter zu psychologischen Auffälligkeiten führt. Die Kinder verlieren den Bezug zur Natur und wer die Natur nicht kennt, weiß später nicht, was schützenswert ist. Das ist ein übler Teufelskreis: Gerade was Artensterben und Klimawandel angeht, brauchen wir eine ganz andere Entwicklung, ein Zurück zur Natur."

Hinten wui, vorne pfui

Die Entfremdung von der Natur hat bei den Schottergärtnern sichtlich schon stattgefunden. Aber auch mit ihren Mitmenschen scheinen sie nicht allzu viel zu tun haben zu wollen: "Oft heißt es ja: Hinterm Haus haben wir‘s aber schön grün! Warum nicht vorm Haus auch? Das ist ein Affront gegen die Gesellschaft, sowas Unwirtliches vors Haus zu setzen, dass man sich ja nicht hinsetzen will. Obwohl dann auch gerne noch eine Bank dazu drapiert wird, die allerdings unbenutzbar ist, so als Dekoelement."

Oft kommen dann auch noch wenig einladende Steine im Gittergefängnis dazu, im Fachjargon Gabionen genannt. "Das kommt eigentlich aus dem Militärischen. Die wurden benutzt, um Hügel zu befestigen", erklärt Soltau. "Als ich so etwas zum ersten Mal in einem Privatgarten gesehen habe, dachte ich, da wird sicher noch Erde reingeschmiert und Sukkulenten reingepflanzt. Aber nein. Da war ich wirklich baff, als das populär wurde, dass man sich so etwas Hässliches in den Garten setzt.

Und was für Steine sind es denn nun eigentlich, die da in den Vorgärten liegen? "Granit, Schiefer, Grauwacken, Sandstein nicht so oft, Quarz habe ich auch schon gesehen", zählt Soltau auf. "Man kann sich seinen Garten aber auch mit weißem Marmor aus Carrara schottern. Bekloppter geht’s nicht. Und dann liest man in den Gartenforen: ,Mein Gott, da sind ja lauter Algen drauf, alles ist grün, was mach ich nur?‘, und einer antwortet: ,Nehmen Sie doch Wasserstoffperoxyd!‘ Gut, jetzt wird der Garten blondiert!"