Das Bürschchen ist etwa 16 Jahre alt, Jeans, Jeansjacke, Sportschuhe, beide Hände in den Hosentaschen, Haltung lässig sein wollend. Auf der Lände schlurft er daher und kickt einen Kiesel, der in seinem Weg liegt, in den Donaukanal.
Guter Schuss.
Aber den Kerl möchte man packen und ihm ins Gesicht sagen (und zwar mit erhobener Stimme): Mehr Ehrfurcht vor den Steinen, junger Freund.
Oha, jetzt ist er übergeschnappt. Nicht der junge Freund, der den Stein so unsanft behandelte, sondern der Autor dieser steinerweichenden Zeilen.
Ehrfurcht vor den Steinen? Geht’s noch?
Nun gut, also dann: Lobt die Steine. Ohne sie weder Welt noch Menschheit.
Denn der Mensch west auf einer steinernen Kugel, die er Erde nennt. Aber nicht allein das: Er wohnt in steinernen Behausungen und stellt steinerne Stelen an seine Gräber.
Der Stein ist überall. Er ist der älteste Werkstoff, älter wahrscheinlich als das Holz, denn zu dessen Bearbeitung bedurfte es steinerner Faustkeile.
Was im Überfluss vorhanden ist, ehrt man am wenigsten.
Das ist das Schicksal der Steine.

Grau, unbelebt, unansehnlich, alltäglich – das ist der Ruf, der den Steinen vorauseilt. Aber aus ihnen sind die Pyramiden gebaut, der Parthenon, der Stephansdom, die meisten Häuser, in denen wir wohnen. Stein ist der Träger der Zeichnungen in den Höhlen von Altamira, Stein ist der Werkstoff, aus dem Michelangelo seinen David schuf und seine Pietà. Wenn die Anekdote stimmt, dann war es der Stein selbst, der dem Künstler die Gestalt vorgab – er musste sie nur freilegen, indem er alles überflüssige Material wegklopfte.
Dennoch: Der Ruf der Steine ist ungünstig. Sie werden in den Weg gelegt, ein Herz kann so hart sein wie sie. Sind sie unliebsam heiß, kann ein günstiger Tropfen sie kühlen. Und wenn der stetig fällt, kann er die Steine höhlen. Ein erster soll sie nicht werfen, damit ihm nicht andere folgen und am Ende kein Stein auf dem anderen bleibt. Und wer im Glashaus sitzt, möge sich ebenfalls zurückhalten mit den Steinen. Als ob der Wurf mit einer Gießkanne ein günstigeres Ergebnis brächte.
Immerhin: Steinreich kann einer sein. Das wiegt schon einiges auf. Solange keiner einen Stein ins Rollen bringt, und am Ende der Steinlawine die Unrechtmäßigkeit des Reichtums steht. Soll ja schon vorgekommen sein…

Steine als Basis unserer Welt... - © Patrick Robinson
Steine als Basis unserer Welt... - © Patrick Robinson

Aber wieso eigentlich steinreich? Ist einer vermögend, wenn er viele Steine besitzt? Da könnte man ja glatt am Donauufer seinen Besitz mehren.
Ganz so einfach ist es nicht. Der Ausdruck hat mittelalterliche Verhältnisse als Grundlage. Stein war ein teures Baumaterial: Er musste im Steinbruch geschlagen und von Steinmetzen behauen werden, ehe man daraus ein Haus bauen konnte. Ärmere Menschen lebten in Häusern aus Holzgerüsten, die mit Lehm aufgefüllt wurden. Nur reiche Personen konnten sich Häuser leisten, die ganz und gar aus Stein gebaut waren. Sie waren reich genug für Steine, also steinreich.
Darf’s ein bisschen Wissenschaft sein? Wird ohnedies kurz, versprochen.

Definitionsmäßig sieht es so aus, dass ein Stein dann einer ist, ein Stein nämlich, wenn er seiner ursprünglichen Gesteinseinheit nicht mehr unmittelbar angehört. Der Ötscher ist kein Stein. Wenn aber ein Bergsteiger ein Stück Ötscher zur Erinnerung an die Bergtour mitnimmt, dann ist das ein Stein, und zwar, wenn er ihn auf den Kaminsims legt neben den Stein vom Schneeberg und dem vom Großglockner, ein dislozierter. Aber nur, sofern er größer ist als 63 Millimeter, etwa ein durchschnittliches Hühnerei. Misst er nur 62,7 Millimeter, ist er Grobkies. Sagt die DIN. Ist er hingegen größer als 20 Zentimeter, ist er ein Block. Auch das sagt die DIN.
Womit es dank des Deutschen Instituts für Normung e. V. eine wunderbare Verwirrung der Begriffe gibt.
Woraus sind die Pyramiden? Aus Stein? – Nein. Aus Block. Die Pflastersteine sind, genau genommen, Pflasterblöcke. Und woraus bestehen die Blöcke der Pyramiden, die Pflasterblöcke und, nebenbei bemerkt, die Lithosphäre der Erde, also der obere Erdmantel? Kleiner Hinweis: "Lithos" ist "Stein" auf Griechisch.
Und es bleibt nicht beim obersten Erdmantel. Ob fest oder aus Hitzegründen flüssig, ändert im Prinzip gar nichts. Stein bleibt Stein. Das steht felsenfest.
Sind die Steine schon spannender geworden?

Also gut, Spannungssteigerung durch Kostspieligkeit – aber, bitte, das ist jetzt ungeeignet für fachmännische Spitzfindigkeiten. Ein Kristall ist, mineralogisch gesprochen, genau genommen kein Stein, sondern eben ein Kristall.

Andererseits: Wenn eine Schmelze langsam unter den Schmelzpunkt sinkt, tanzen ihre Atome entlang der Kristallgitter, der Stein wirft sich dabei sozusagen in edle Schale. Er wird ein Kristall.
Wie schön ist dann sogar simpler Gips! Und erst Diamant! Ist eine Vereinfachung erlaubt? – Diamanten heißen nicht rein zufällig in der Umgangssprache Steine. Zurecht, es sind ja auch edle Steine, nämlich Edelsteine.
Wobei, ganz im Ernst: Übertrifft ein Turmalin nicht den wunderbarsten Diamanten? Schon klar: Geschmackssache. Im alten China beispielsweise stand Jade hoch im Kurs, speziell die durchscheinende smaragdgrüne Varietät. Für Jade von höchster Qualität wurden Vermögen bezahlt. Der Jadekaiser Yu Di ist eine mächtige Gottheit. Die Hippies der 1960er und 1970er Jahre erklärten die Jade dann, auch die weniger qualitätvolle, gar zum "Stein der Weisen".
Um gleich bei der Esoterik zu bleiben, wenn man schon hier gelandet ist: Dem Bergkristall sprechen Esoteriker eine reinigende Wirkung zu. Die wahren Glaskugeln der Hellseher waren und sind Bergkristallkugeln, in den Schlieren des Minerals kann man Formen und Gestalten erkennen, aus denen man in der Meditation Erkenntnisse über Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und das eigene Ich gewinnen kann.

Apropos: Der Stein der Weisen, das Wunderding, das aus wertlosem Metall Gold machen sollte – auch das war in der Vorstellung der Alchemisten ein Stein, wenngleich ein ganz besonderer.
Das freilich liegt lange zurück.
Heutige Esoteriker geben es weniger exklusiv und wesentlich billiger – aber bei den Steinen bleiben sie. Mehr als 400 Edelsteinen sprechen sie Wirkkräfte zu – wobei sie den Begriff "Edelstein" sehr weit fassen.
Und jetzt wird’s ein bisschen heikel. Früher war die Sache relativ klar: Edelsteine waren schmucktaugliche, also schleifbare Steine, die sich durch Schönheit und Seltenheit auszeichneten, im engsten Sinn Smaragd, Saphir, Diamant und Rubin. So haben’s die Griechen der Antike festgesetzt, und das hatte, wie so manch antike Vorstellung, bis knapp an die Gegenwart Gültigkeit.
Waren die Steine zwar schmucktauglich, aber nicht gar so selten, war von Halbedelsteinen die Rede. Achat, Amethyst, Lapislazuli – alles Halbedelsteine nach alter Definition.
Heute hingegen hat die politische Korrektheit auch die Schmucksteine ergriffen. Nur keinen minderen Wert suggerieren! Nicht, dass ein Aquamarin noch wegen Rassismus und Diskriminierung klagt. Also ist nahezu alles, was nicht Kiesel, Granit und Sandstein ist, Edelstein oder Schmuckstein. Und alles hat besondere Eigenschaften, esoterisch gesehen. Bernstein schenkt Lebensfreude, Granat stärkt die Potenz, Hämatit hilft gegen böse Gedanken, Jaspis hilft beim Abnehmen, Karneol verleiht Mut, Smaragd hilft, Schicksalsschläge zu überwinden. Und Obsidian nimmt die Angst – hoffentlich hatte er auch bei den Azteken diese Wirkung, denn sie schnitten ihren Menschenopfern mit Obsidianmessern die Herzen aus dem lebendigen Leib.
Wer aber braucht schon Schmucksteine, wenn er einen bemoosten Stein in einem Bach sehen kann. Einen Stein in einer Blumenwiese. Einen Kiesel in den Topf der Zimmerpflanze legt. So schön ist ein simpler Stein.

Doch Steine erregen Aufmerksamkeit auch auf andere, weit spektakulärere Weise. Da liegt zum Beispiel vor Rügen ein Granittrumm im flachen Wasser, der "Schwanenstein". Die Brandung hat ihn glattgeschliffen. Der Sage zufolge bringen die Schwäne die Babys, die sie aus dem Inneren des Steins holen.
Die Externsteine im Teutoburger Wald sind Sandsteinsäulen von einer seltsamen Schönheit, was dazu führte, dass frühere Zeiten und die Nationalsozialisten sie als Ruinen eines germanischen Heiligtums deuteten. Auch heutige Esoteriker glauben, dort einen Kraftort zu finden.

Manchmal gehen Steine auch auf Wanderung, nämlich die Wandering Rocks im kalifornischen Death-Valley-Nationalpark. Lange Zeit war unklar, was die Steinwanderung verursachte. Unbekannte Erdkräfte, Magnetfelder, Außerirdische und Bakterien wurden vermutet. Jüngste Forschungen haben herausgefunden, dass sich im Winter Eis-Rutschbahnen bilden. Wenn das Eis einen gewissen Schmelzprozess durchläuft, genügen geringste Windstärken, um die Steine auf Wanderung zu schicken.
Aber warum in die Ferne schweifen: Die Blockheide im Waldviertel ist ein besonderer Steingarten. Die Granitblöcke und Wackelsteine sehen aus wie die Installation eines Künstlers mit wild wuchernder Fantasie. Und wie immer, wenn übermenschliche Kreativität sich auszudrücken scheint, hat die Natur selbst das Werk gewirkt.
Und weil das Wunder gar so unerklärlich ist, versuchten es die alten Zeiten mit einer Legende: Nach der Erschaffung der Welt wanderte Gott vom Manhartsberg nach Westen. Dabei sammelte er die umliegenden Steine, die vom Schöpfungswerk übriggeblieben sind, in einem Tuch auf. In der Blockheide allerdings ist dieses Tuch so schwer geworden, dass es riss. Die Steine kullerten durch die Gegend. Sie rollten auseinander und übereinander. Gott war schon etwas müde, die Sonne senkte sich bereits am Abend des sechsten Schöpfungstags – und außerdem gefiel es Gott so gut, was da vor seinen Augen entstanden war, dass er es dabei beließ und nach Hause in den Himmel ging, um sich einen Tag lang auszuruhen.

Da fällt einem Johann Wolfgang von Goethe ein – ja, der hat einen Stein im Brett in der Sache der Steine, denn er trat zu ihrer Ehrenrettung an: "Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen."
Und deshalb soll man sie nicht einfach wegtreten. Ehrt die Steine, denn aus ihnen besteht die Welt.