Von den mächtigen Felsen und Mauern, die Mutriku (span. Motrico) vor den Fluten des Atlantiks schützen, ist das Gejauchze von Lachmöwen zu hören. Es scheint mit dem Gewirr an fröhlichen, aufgeräumt klingenden Stimmen, das von den Cafés und Pintxo-Bars an den Felsen der Steilküste widerhallt, zu konkurrieren. Treffen sich im Baskenland ein paar Vögel oder Menschen, herrscht offenbar Partystimmung.
Im Hafen wird ein riesiger Fisch ausgenommen, Blut, das mit Wasser weggeschwemmt wird, strömt noch aus seinem Körper. Hier werden Boote mit Pinselstrichen oder Sprays frisch lackiert, dort wird gebadet und im Sand gespielt. Das ist die Atmosphäre eines Sommernachmittages in Mutriku, einem am Abhang des Berges Arno (628 Meter) gelegenen Fischerdorf, das sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Fremdenverkehrsort entwickelt hat.

Auf sie ist Verlass

Josune, eine erfolgreiche Computeringenieurin, weilt, wie meist am Wochenende, an der baskischen Küste. Diesmal sei sie nach Mutriku gekommen, erzählt sie stolz, um Cosme Damián Churruca y Elorza (1761–1805), ihren Vorfahren mütterlicherseits, zu besuchen. Besser gesagt dessen mächtige Statue, die vor dem Rathaus steht. Der bedeutende Wissenschafter, Entdecker und Seefahrer, der an der Erforschung der Magellan-Straße teilnahm, musste als Admiral der spanischen Flotte, die auf der Seite des napoleonischen Frankreichs gegen England kämpfte, bei der verloren gegangenen Seeschlacht vor Kap Trafalgar bei Cádiz am 21. Oktober 1805 auf heroische Art sein Leben lassen.
Josune lebt heute in Pamplona (bask. Iruña), der Hauptstadt Navarras, vorher habe sie sieben Jahre ihres Lebens in Madrid, für sie die "aufregendste Stadt Europas", verbracht. "Auf die von den Arabern abstammenden Madrilenen kann man sich aber nicht verlassen. Wenn man sich hingegen mit einem Basken in der Früh etwas ausmacht, dann gilt dies am Abend auch noch", findet sie lobende Worte für ihr Volk. Den separatistischen Ansatz der stets um ihre Souveränität ringenden Basken verfolge sie jedoch nicht. "Man kann sowohl baskisch als auch spanisch in einem sein!", erklärt sie bestimmt.

La Concha: Badespaß am muschelförmigen Strand von San Sebastián. - © Georg C. Heilingsetzer
La Concha: Badespaß am muschelförmigen Strand von San Sebastián. - © Georg C. Heilingsetzer

Das Baskenland ist eine an der Südspitze der Biskaya gelegene Region am Atlantik. Drei Provinzen bilden die "Autonome Gemeinschaft Baskenland" in Spanien. Auch die südwestlich angrenzende Region Navarra ist historisch eng mit dem Baskenland verbunden, das sich auch auf knapp 3.000 Quadratkilometer über drei historische französische Provinzen, heute zum Department Pyrénées-Atlantiques gehörig, erstreckt.
Über die mysteriöse Herkunft ihres Volkes rätselt Josune wie die Wissenschaft. "Ich glaube, wir kommen vom Balkan. Als ich in Kroatien war, spürte ich, dass wir verwandt sind." Als sie in Japan war, habe sie aber Ähnlichkeiten zwischen der japanischen und der baskischen Sprache erkannt. "Mein Name klingt doch auch japanisch", fügt sie schmunzelnd hinzu.

Und immer wieder ein Regenguss

Das Baskenland hat auch landschaftlich viele überraschende Momente zu bieten: Pferde, Kühe, Schafe und Ziegen weiden an den grünen Steilhängen bis zum wilden Meer hinunter, im Hinterland gelangt man durch waldreiche Gebiete oder Almlandschaften, in denen nur wenige Menschen in Steinhäusern, die wie Trutzburgen Wind und Wetter widerstehen, leben. Es wundert jedoch kaum, dass es hier so grün ist, muss man doch nahezu täglich mit einem kurzen oder ausgiebigeren Regenguss rechnen. Aber wenn sich die Wolken lichten, schillert die eben noch düstere Küste wieder in allen Farben des Regenbogens.

Jede der drei baskischen Provinzen ist stolz auf ihre eigene Hauptstadt: Weithin bekannt sind das elegante royale Seebad San Sebastián (bask. Donostia) in der Provinz Gipuzkoa (span. Guipúzcoa) und Bilbao (bask. Bilbo), wohl eine der größten touristischen Sensationen Europas in den letzten Jahrzehnten, in der Provinz Bizkaia (span. Vizcaya).

Majestätisch: Riesenspinne "Maman" von Louise Bourgeouis neben dem Guggenheimmuseum in Bilbao. - © Georg C. Heilingsetzer
Majestätisch: Riesenspinne "Maman" von Louise Bourgeouis neben dem Guggenheimmuseum in Bilbao. - © Georg C. Heilingsetzer

Stille, unbekannte Schönheit

Vitoria-Gasteiz, die eher unbekannte und kaum besuchte unter den drei Großstädten, liegt im Herzen des Baskenlandes. Sie ist nicht nur Kapitale der Provinz Araba (span. Álava), sondern Hauptstadt des gesamten spanischen Baskenlandes. Die Stadt arbeitet hart daran, ein kulturelles Profil zu entwickeln, unternimmt Anstrengungen zur Verbesserung des Umweltschutzes und hat Probleme der Zuwanderung gut gelöst. Vitoria-Gasteiz war im Jahr 2012 Umwelthauptstadt Europas (European Green Capital), ein Titel, der an europäische Städte verliehen wird, denen es besonders gut gelungen ist, Umweltschutz und wirtschaftliches Wachstum zu einer hervorragenden Lebensqualität für ihre Einwohner zu verbinden.
In die schöne, von gotischen Bauten wie der Kathedrale Santa Maria geprägte Altstadt auf einer Anhöhe führen Rolltreppen, die es auch älteren Menschen möglich machen, die schönen Plätze und Gässchen, in denen sich Häuser mit hübschen Balkonen und Veranden aneinanderreihen, zu betrachten. Auffallend sind auch Graffitis, die als Kunstwerke unserer Zeit der Stadt, die mit dem "Artium" über ein renommiertes Museum zeitgenössischer Kunst verfügt, ein bunteres Kleid verleihen. Die Altstadt ist frei von Autoverkehr, Fußgänger und Radfahrer genießen in Vitoria-Gasteiz allerhand Privilegien. Die zwei bedeutendsten Plätze liegen eng beieinander: Während es auf der Plaza de España, die der Plaza Mayor von Salamanca nachempfunden ist, ruhig zugeht, ist die zur San-Miguel-Kirche ansteigende Plaza de Virgen Blanca mit der Freiheitsstatue, die an den Sieg der Allianz spanischer, portugiesischer und englischer Truppen gegen das napoleonischen Heer im Jahr 1813 bei Vitoria erinnert, voller Leben.

Vom Soldaten zum Heiligen

Südlich von Vitoria-Gasteiz gelangt man nach Überwindung einer Gebirgskette in die Rioja Alavesa, in der neben Getreide und Mais auch wunderbarer Wein gedeiht. Rund 300 Weingüter mit Bodegas, die mitunter an Kathedralen oder Schlösser erinnern, gibt es in diesem Gebiet. Der vielleicht schönste Ort dieser Landschaft, die am linken Ufer des Ebro, dem Grenzfluss zur benachbarten Region La Rioja, ein fast mediterranes Klima aufweist und im Norden durch die Berge geschützt wird, heißt Laguardia. Wie aus einem Guss ist die von einer Stadtmauer umgebene Altstadt des auf einem Hügel gelegenen Städtchens mit ihren 60 Bodegas, das von Weingärten umgeben ist.

Der wohl berühmteste Baske ist der Heilige Ignatius von Loyola (1491–1556). Als dreizehntes Kind auf Schloss Loyola bei Azpeitia im damaligen Königreich Navarra in eine baskische Adelsfamilie geboren, gelobte der nach turbulenten Jahren als Soldat geläuterte Kirchenmann mit seinem Freundeskreis im Jahr 1534 in der Kapelle Saint Denis am Montmartre Armut, Keuschheit und die Mission in Palästina, ehe er ein paar Jahre später den als "Gesellschaft Jesu" bezeichneten Jesuitenorden gründete und formte. Heute ist der Wohnturm, in dem der Heilige das Licht der Welt erblickte, im nach ihm benannten Dorf Loiola in grüner, von Bergen geprägter Landschaft in ein unmittelbar am Fluss Urola gelegenes monumentales Jesuitenkolleg mit barocker Kuppelkirche integriert.

Von besonderer historischer Bedeutung ist die Kleinstadt Gernika (bask. offiziell Gernika-Lumo), die heilige Stadt der Basken. Die kastilischen Könige mussten im 14. bis 16. Jahrhundert hierher reisen, um einen Eid auf die Freiheitsrechte der Basken zu leisten. Dies geschah unter einer Eiche, deren Reste heute noch zu sehen sind. Der Baum, dessen Spross anstelle des legendären "Gernikako Arbola" im Hof der "Casa de Juntas" steht, hatte sogar die Luftangriffe, mit denen Nazideutschland General Franco assistierte, um seine Kriegstauglichkeit zu testen, am 26. April 1937 überlebt. Mit den verheerenden Bombardements, denen bis zu 1.600 Zivilisten zum Opfer fielen, sollte der Widerstand der Basken im Spanischen Bürgerkrieg gebrochen werden. Pablo Picasso hat der Katastrophe in seinem berühmten Gemälde "Guernica" als unmittelbare Reaktion auf die Zerstörung Ausdruck verliehen.

Kulisse für "Game of Thrones"

Die Atlantikküste hat neben pittoresken Stränden auch eine Reihe sehenswerter Städtchen und Dörfer zu bieten. Die Straßen schrauben sich immer wieder in lichte Höhen, um dann zum Meer hinunter abzufallen. So etwa in den idyllischen Fischerort Elantxobe. Dort ist der Platz so beschränkt, dass Busse, die das Dorf ansteuern, auf einer Drehscheibe gewendet werden müssen. Ein grandioser Kirchentempel, die spätgotische Basilika de Santa Maria de la Asunción mit ihrem sehenswerten mehrfarbigen, vergoldeten Retabel flämischer Gotik aus dem beginnenden 16. Jahrhundert, dominiert das Ortsbild des nahe gelegenen Fischerstädtchens Lekeitio (span. Lequeitio) an der Mündung des Río Lea. Der beliebte Badeort hat einen hübschen Hafen und wird von den umliegenden Bergen begrenzt, ein Leuchtturm verleiht ihm zusätzlichen Charme. Dem Strand vorgelagert ist die unbewohnte Insel Garraitz, auf die man bei Ebbe spazieren kann.

Nahe der ansehnlichen Stadt Bermeo gelegen, ist es aber ein kleines Eiland mit Kirchlein, genannt San Juan de Gaztelugatxe, das die Menschen anzieht. Die etwa ab dem 10. Jahrhundert nachweisbare Einsiedelei, Johannes dem Täufer geweiht, wird von Pilgerscharen besucht, obwohl der Weg, zunächst hinunter und dann 241 Stufen hinauf zu der Kapelle, sehr schweißtreibend ist. Als Drehort für die Fantasy-Fernseherie "Game of Thrones" bekannt, wird der reale Ort so manchen Besucher enttäuschen: Die imposanten Bauwerke im Film sind nur Computeranimationen, die kleine Kapelle, deren Glocke man drei Mal läuten soll, nimmt sich dagegen bescheiden aus.

Ob diese magische Felseninsel, fantastische Küstenabschnitte mit schönen Stränden, das grüne Hinterland, tolle Städte, in denen sich Alt und Modern die Hände reichen, die von Fischgerichten und Meeresfrüchten geprägte Küche oder die Basken mit ihrer speziellen Geschichte, Sprache und Kultur – es gibt viele Gründe, die für eine Reise in dieses Stück Spanien sprechen. Und Überraschung hält hier auch das Wetter parat: Es kann durchaus ein paar Tage hintereinander trocken bleiben.