Das findet man hier auch nicht – nicht mehr. In den ersten Jahren nach seiner Gründung 1901 kickte der 1. Simmeringer Sportclub noch auf einem kahlen, abschüssigen Fleckchen die Fetzenlaberln umher, doch schon 1920 wurde die zweite Simmeringer "Had" fertiggestellt; übrigens nicht orts-, sondern nur namensverwandt mit eben jener Simmeringer "Had", auf der es einst den unglücklichen Schneidergesellen "verwaht" haben soll. Die zweite "Had" auf der "Wanko-Gstettn" neben dem St. Marxer Friedhof konnte an die 50.000 Fans fassen und war damit kurzzeitig tatsächlich das größte Stadion im ganzen Land.

Berühmt-berüchtigt

Damit waren die Zwanzigerjahre auch für den 1. SSC golden; bis heute zählen sie als seine erfolgreichste Ära. Der Vorstadtverein spielte ganz vorne mit, trug sogar Länderspiele aus, und holte sich etwa 1926 den dritten Tabellenplatz. Vergleichbares konnte man erst wieder Anfang der 50er Jahre erzielen, als man sich erneut in die höchste Liga aufschwang und dort auch stolze 13 Jahre lang nicht wieder wegzukriegen war. Obwohl sich das manche Gegner wahrscheinlich gewünscht hätten. Die Simmeringer Spieler galten gemeinhin als besonders harte Bande, ihre Fans als gefährliche Partie. "Beim Platz gab es einen schmalen Ausgang. Die Journalisten haben sich gefürchtet, wenn sie da durchgehen mussten", erzählt Matthias Marschik, Autor der Simmeringer Klubchronik, in einem "Die Presse"-Artikel. "Von der Kabine gaben sie ihren Matchbericht durch, bei negativen Sachen standen dort gleich die Anhänger und fragten: ,Wos host du erzählt über Simmering?‘" Das berühmte Qualtinger-Zitat aus dem Sketch "Travnicek im Urlaub" kommt auch nicht von ungefähr: "Simmering gegen Kapfenberg, das nenn‘ ich Brutalität." Tatsächlich bezog er sich damit auf ein Match zwischen dem 1. SSC und dem SV Kapfenberg im Oktober 1956. Schon das ganze Spiel über soll mit besonders brachialen Bandagen gekämpft worden sein. Kurz vor Abpfiff stieß dann auch noch ein Kapfenberger Spieler mit dem Simmeringer Tormann zusammen und erlitt einen offenen Beinbruch, ein Mannschaftskollege fiel bei dem Anblick in Ohnmacht.

Obwohl dieses Spiel dank Qualtingers Sager besonders prominent in die Annalen einging, schrieb der Verein auch ohne klaffende Wunden immer wieder Geschichte – Simmering nahm 1960 sogar am Mitropacup teil – und in der Liste ehemaliger Spieler tauchen quer durch die Dekaden zahlreiche bekannte Namen auf wie etwa die Swatosch-Brüder, Gustl Starek, Rudi Flögel oder Toni Polster. Doch Reformen und finanzielle Miseren zwangen den Verein immer wieder in die Knie, man stieg auf und ab. Aber anders als viele andere sogenannte "Paternoster-Vereine" und der Paternoster selbst blieb man erhalten, auch wenn die rot-schwarzen Dressen längst über einen anderen Rasen rauschen. Die dritte "Had" schmiegt sich unauffällig an die Rückseite großer Wohnhauskomplexe an der Simmeringer Hauptstraße. Von außen nur dann zu erkennen, wenn bei Matches ein inbrünstiges "Siii-Siii-Simmering" von der Böschung des Platzes fast bis zur U3-Endstation hinübergellt. Zwar pilgern die Fans heute nicht mehr zu Tausenden hierher, sondern sind bei den meisten Spielen eher an ein paar Händen abzählbar, der Kampfgeist ist allerdings besonders beim harten Kern ungebrochen.

Fast geschafft

Daran konnte auch die Pandemie nichts ändern. Als im März 2020 der erste Lockdown kam, lag Simmering klar in Führung und stand somit kurz vorm Aufstieg in die Wiener Stadtliga. Doch die Meisterschaft wurde abgebrochen, der Aufstieg blieb aus. Der Verein leitete juristische Schritte ein, die allerdings nicht zugunsten Simmerings ausgingen. "Wir haben alles versucht, aber wir wollen auch keinen sinnlosen Kampf führen", sagt Obmann Mirko Sraihans. "Vielleicht haben wir diesmal Glück, wenn eventuell eine zweite Mannschaft in die Wiener Stadtliga aufsteigen kann." Diesmal, damit ist die Herbstsaison 2021 gemeint, die nach der Corona-Pause mit vier Spielen im diesem Sommer fertig gespielt wird und bei der der SSC, so wie es aussieht, noch den zweiten Platz holen könnte. Außerdem stehen die Chancen gut, dass das Frauenteam den Meistertitel der 1. Klasse holt und in die Wiener Landesliga aufsteigen kann.

Vor rund zwei Jahren wurde das Frauenteam des 1. SSC gegründet. - © Christoph Liebentritt
Vor rund zwei Jahren wurde das Frauenteam des 1. SSC gegründet. - © Christoph Liebentritt

Bei allem Kampfgeist muss man sich die Kräfte eben einteilen. Beim 1. SSC konzentriert man diese seit Jahren besonders stark auf den Nachwuchs. Neben der Kampfmannschaft der Männer und dem Frauenteam, das vor zwei Jahren gegründet wurde, trainieren hinter den Wohnblocks etwa 250 Kinder und Jugendliche vom Kindergartenalter bis zur U18. "Uns war immer bewusst, dass bei einem Fußballverein viele Kinder aus vielen Herkunftsländern mit verschiedenen Muttersprachen und unterschiedlichen Schicksalen zusammenkommen", sagt Sraihans. "Da geht es auch um Integrationsarbeit." Gerade Fußball wäre dafür ein geeignetes Feld. Das findet auch Vorstandsmitglied Robert Steiner, den vor allem die Werte, die der Verein vertritt, auf die Had holten: "Gerade in einem Mannschaftssport wie dem Fußball ist egal, wo du herkommst. Du musst zusammenarbeiten, um gemeinsam etwas zu erreichen."

Stark gegen rechts

Dabei geht gerade im Fußball die Tendenz unter den Fans oft in eine andere Richtung. Immer wieder schallen diskriminierende Parolen von den Tribünen, Rassismus und andere Formen der Diskriminierung machen Schlagzeilen. Der politische Rechtsruck, der seit Jahren zu beobachten ist, spiegelt sich offenbar auf den Zuschauerrängen wider. "Im Fußball hast du einen kompletten Querschnitt durch die Gesellschaft", sagt Steiner dazu. "Und man kriegt im Fan-Dasein eine Bestätigung, die man sonst vielleicht nicht bekommt. Da schließt man sich wahrscheinlich schneller an die falschen Leute an." Die starke Identifikation mit einem Verein, das Wir-gegen-die-anderen-Gefühl lassen sich schnell politisch aufladen. Dass das allerdings nicht immer nach rechts ausschlagen muss, beweisen Vereine wie St. Pauli in Hamburg oder der Wiener Sportclub in Hernals – sie sind längst zu Symbolen für ein diskriminierungsfreies, faires und offenes Miteinander geworden, besonders innerhalb der linken Szene und weit über den Fußball hinaus. Trägt man ein St.-Pauli-Shirt, transportiert man damit eine bestimmte Message, auch wenn man mit dem Runden und dem Eckigen selbst vielleicht gar nicht so viel am Hut hat.
Eindeutig in einem politischen Lager will man sich beim 1. Simmeringer SC bewusst nicht verorten. "Mein Credo ist: Politik hat am Platz nichts verloren. Was andere Personen wählen, muss mir nicht zu Gesicht stehen, aber wenn sie sich am Fußballplatz korrekt verhalten, werde ich nichts gegen sie haben", sagt Steiner.

Die Zeichen, die man setzt, sprechen für sich. Auf den Dressen prangt etwa das Logo des Integrationshauses, für das der Verein regelmäßig Spenden sammelt. Und neben dem Rasen hängt ein Banner des Flüchtlingsprojekts Ute Bock. Dass man sich hier bewusst für eine respektvolle Atmosphäre für alle einsetzt, war aber nicht immer so. "Wir hatten immer wieder einmal ein Problem mit der rechten Szene", sagt Sraihans. Manche konnte man zum Umdenken bewegen, andere blieben fern und einige kamen dazu, die besonders die neue Linie anzog. Fällt auf dem Platz oder abseits doch mal ein diskriminierendes Wort, machen die Fans untereinander darauf aufmerksam, dass derartiges Verhalten hier kein Leiberl hat. Das geht natürlich bei einem überschaubaren Amateurverein, bei dem man sich untereinander kennt, um einiges direkter als im rappelvollen Stadion. Gleichzeitig setzt man aber auch dabei auf die nächsten Generationen: "Wenn wir den Kindern immer wieder das Richtige vorleben und vermitteln, tragen sie es weiter in die Familien", sagt Sraihans. "Als Amateurverein haben wir Verantwortung für unsere Kids und die Eltern und gerade jetzt während einer Pandemie auch für alle anderen, die auf den Fußballplatz kommen."

Und kommen dürfen sie seit 19. Mai wieder. In den ersten Tagen nach der Gastro-Öffnung ist die Kantine noch ungewohnt leer, während draußen das Frauenteam trainiert. Einzelne Vereinsmitglieder gehen ein und aus, setzen sich kurz an einen der Tische, man begrüßt sich mit Faust auf Faust. Ein paar Eltern warten draußen auf ihre Kinder – beim Training direkt am Platz zuschauen dürfen sie im Moment nicht. Das ist eine der Corona-Maßnahmen, an die man sich hier generell strikt hält. Sobald man die Kantine betritt, wird erst einmal die 3-G-Regel kontrolliert, man trägt sich in ein Tabellenblatt ein und behält die Maske so lange auf, bis man an einem Tisch sitzt. In der Kantine gelten die Gastro-Regeln. Alles kein Problem, findet Sraihans. Nur mit der Maskenpflicht im Freien, die bei Matches zum Zeitpunkt unseres Gesprächs noch galt, konnte man sich nicht recht anfreunden. "Im Wirtshaus sitzen sich die Leute ohne Maske gegenüber, im Freien sitzen sie hier mit Abstand nebeneinander und müssen die Maske tragen. Das ist ziemlich undurchdacht", sagt er. Mittlerweile steht fest, was man hier gehofft hat: Die Maskenpflicht im Freien fiel mit 10. Juni.

Ein Hoch auf die Gemütlichkeit

Normalerweise treffen sich auf der Had nicht nur Spieler, Trainer, Eltern und eingefleischte Fans, sondern auch Sympathisanten, die weniger wegen des Fußballs und mehr wegen der Gemütlichkeit hier einkehren. Das macht das Vereinsleben letztlich auch aus, egal ob Fußball oder Kleingarten. Man kennt sich, gehört dazu oder ist zumindest mit von der Partie, trinkt gemeinsam das eine oder andere Feierabendbier und lässt sich von der geschäftigen Stimmung bei den Spielen anstecken, während draußen auf der Simmeringer Hauptstraße der Alltag vorbeizieht. Dass man zurzeit noch nicht in gewohnter Manier zusammen feiern kann, wiegt besonders dieses Jahr schwer. Denn heuer feiert der Verein sein 120-jähriges Jubiläum. Damit ist er nach First Vienna FC und SK Rapid der drittälteste noch bestehende Fußballverein Wiens. Geplant waren ursprünglich Events über das ganze Jahr hinweg: Festakte, Bühnenshows, sogar die Kapfenberger Mannschaft wollte man einladen. Stattdessen hat man sich einstweilen darauf verlegt, Videobotschaften von Gratulanten aus Politik, Sport und Kultur auf der Vereinswebsite auszustrahlen. Sobald es wieder in vollem Umfang möglich ist, wird die Feier aber nachgereicht. "Es wird ein großes Fest geben", daran lässt Sraihans keinen Zweifel. Was sind schon ein paar Monate auf oder ab bei 120 Jahren Vereinsgeschichte?